Kürzer arbeiten bringt oft mehr 
Dienstag, 21. November 2017 - Studien, Arbeit, Management
Während in Deutschland gerade wieder eine Diskussion über eine Lockerung der Arbeitszeiten ihren Lauf nimmt und die Arbeitgeber vor allem darauf spekulieren, ihre Mitarbeiter auch länger als acht Stunden pro Tag arbeiten lassen zu dürfen, zeigen Erkenntnisse aus Schweden mit Arbeitszeitverkürzungen, dass weniger zu arbeiten unter dem Strich eine bessere Gesamtsituation für Mitarbeiter wie auch Unternehmen schaffen kann. Ein Krankenhaus in Göteborg hatte 2014 notgedrungen damit begonnen, mit 6-Stunden-Arbeitstagen zu experimentieren - schlicht weil zahlreiche Vollzeitstellen sich nicht mehr besetzen ließen. In der Orthopädie wurde ein Sechstel mehr Stellen geschaffen, für die sich unter den geänderten Vorzeichen auch Mitarbeiter fanden. Dabei stieg die Zahl der Operationen um ein Fünftel an. Die Wartezeiten für Patienten konnten verkürzt werden und die Wirtschaftlichkeit der Klinik verbesserte sich. In einem Altenpflegeheim in Göteborg sank durch eine vergleichbare Arbeitszeitverkürzung der Krankenstand um ein Fünftel (in ähnlichen Einrichtungen stieg er im Vergleichszeitraum um 10 Prozent). Außerdem fühlten sich die Angestellten zufriedener, ausgeruhter und weniger gestresst. Eine Studie der Universität Stockholm, die die Erfahrungen von 600 Angestellten an 33 Arbeitsplätzen mit Sechs-Stunden Tag bei gleichem Lohn auswertete, kommt zu dem Ergebnis, dass diese Reformen zwar zunächst Kosten verursachen, aber langfristig lohnenswert seien - weil weniger gestresste Mitarbeiter weniger Fehler machen und dadurch weniger Schäden verursachen. Es ist also bedenkenswert, weniger zu arbeiten - weil es oft eben mehr bringt.
Sechs Stunden am Tag sind genug, taz 13.11.17

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Menschliche Dimension wird im Recruiting gerne ausgeblendet 
Montag, 20. November 2017 - Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Man sollte meinen, der Faktor Mensch und die Frage, wie sich neue Mitarbeiter in eine Unternehmenskultur und die ihr zugrunde liegende Wertelandschaft eingliedern, spielen im Recruiting eine zentrale Rolle. In der Theorie mag das so sein. In einer Umfrage des Job-Portals StepStone sagten zumindest 93 Prozent der rund 4.000 befragten Personalentscheider, dass dieser so genannte Cultural Fit wichtig bis sehr wichtig sei. Doch nur 41 Prozent prüfen bei der Besetzung von Stellen auch wirklich, inwiefern der Bewerber zur Arbeitsumgebung passt. Das mag auch daran liegen, dass 40 Prozent der Befragten überhaupt nicht klar ist, für welche Werte ihr Unternehmen steht und was die Unternehmenskultur ausmacht. Die kulturelle Dimension im Bewerbungsprozess einzubeziehen, setzt systematische Verfahren voraus, beispielsweise Persönlichkeitstests oder leitfadengestützte Interviews - die werden aber nur von 15 Prozent der befragten Firmen genutzt. Es mag leichter sein, einfach fachliche Qualifikationen zu überprüfen. Doch damit verzichten Unternehmen auf wesentliche Mehrwerte der kulturellen Passung. 70 Prozent der Firmen, die Tools nutzen, um sich über den Cultural Fit mehr Klarheit zu verschaffen, konnten dadurch die Fluktuation reduzieren. Eine große Mehrheit berichtet auch von einer gesteigerten Zufriedenheit der Mitarbeiter.
Passt menschlich nicht? Na und? WiWo 12.11.17

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Soziale Medien und die Krise des Wir 
Freitag, 17. November 2017 - Bewusstsein, Lebensart
Die Neuerung bei Twitter, künftig statt 140 Zeichen für Posts die doppelte Zeichenzahl zu erlauben, hat den Internet-Pionier Sascha Lobo zu einer Kolumne über die Krise des Wir inspiriert. Lobo beschreibt, wie die sozialen Medien über Jahre zwar im Kleinen immer mehr Beziehungsräume geschaffen haben, darüber aber im Großen die Polarisierungen ebenfalls zugenommen haben. Mit Freunden und Familien virtuell verbunden sein zu können, mag verbinden. Doch Facebook, Twitter und Co. werden immer mehr auch zu Plattformen, auf denen sich Lagerkämpfe entwickeln. "Wenn zwei Gruppen sich lautstark abgrenzen, wird das Verlangen der Umstehenden größer, auch Partei zu ergreifen. Denn soziale Medien sind dazu gemacht, Emotionen zu schüren und Meinungen zu melken", so Lobo. Sein Plädoyer: "Das Internet ist zum Teil der Gesellschaft geworden und umgekehrt. Aber das heißt auch, dass man umso dringender über Wirkung und Verantwortung sozialer Medien forschen, diskutieren und demokratisch mitentscheiden muss. Selbstverständlichkeiten erscheinen vielen Menschen nicht oder nicht mehr selbstverständlich, und inzwischen können sie sich zur gegenseitigen Bestärkung sehr viel leichter vernetzen. Eine destruktive Dynamik des digitalen Dissenses ist entstanden. Deshalb taugt die Zeichenerweiterung von Twitter so hervorragend als Symbol: In Zeiten politischer Beeinflussung via Social Media, von Hyperpolarisierung und Debattendysfunktionalität - zieht sich Twitter zur Lösung der Probleme zurück und kommt wieder mit 280 statt 140 Zeichen. Das ist nicht bloß die falsche Lösung, das ist die falsche Lösung des völlig falschen Problems. Als würde man in einem brennenden Haus den Flur neu streichen. Twitter hat Twitter nicht verstanden. Facebook hat Facebook nicht verstanden. Wir alle haben die gesellschaftliche Wirkweise und Wirkmacht sozialer Medien noch nicht begriffen. Und vor allem wissen wir noch nicht, wie Öffentlichkeit in Zeiten sozialer Medien, in Zeiten der Krise des Wir so funktioniert, dass sie die liberale Demokratie stützt und nicht stürzt."
Die Krise des Wir, Spiegel online 8.11.17

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Die neuen inneren Werte des Erfolgs 
Donnerstag, 16. November 2017 - Lebensart, Studien, Arbeit
Erfolg, damit verbindet man gerne berufliches Ansehen und ein hohes Einkommen. Und über Jahrzehnte waren es genau diese Aspekte, nach denen viele Menschen strebten. Die klassische Karriere eben. Doch seit einiger Zeit scheinen sich die Mind Sets innerhalb der Bevölkerung zu verändern. In einer Umfrage des Karrierenetzwerkes LinkedIn mit gut 2.000 Personen zeigt sich, wie immer mehr Menschen umdeuten, was Erfolg für sie bedeutet. Typische Karrieremerkmale sind dabei auf dem Rückzug. Nur 16 Prozent betrachten eine Gehaltserhöhung als Erfolg, 12 Prozent ein sechsstelliges Gehalt. Jeder Fünfte sagt sogar explizit, dass er die traditionelle Definition von Erfolg für veraltet hält. 72 Prozent dagegen finden, dass zum Erfolg gehöre, glücklich zu sein. 71 Prozent sehen das auch für die Gesundheit. Der Job steht längst nicht mehr so stark im Fokus, denn für 55 Prozent ist es der größte Erfolg in ihrem Leben, gute Freunde zu haben, gefolgt von der Familie (48 Prozent). Auch Zeit für Hobbies oder Reisen ist den Befragten wichtiger als der nächste Schritt auf der Karriereleiter.
Erfolg ungleich Karriere, FAZ.net 8.11.17

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Warum Benimm und Anstand kein Auslaufmodell sind 
Mittwoch, 15. November 2017 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Gutes Benehmen, Anstand, Manieren - reflexhaft möchte man denken, das ist völlig old school. Wo Betrügen heute in Unternehmen an der Tagesordnung ist und wir uns im Privaten eher auf Lässigkeit ausrichten, wirkt ein gepflegter Umgang fast schon antiquiert. Einerseits geht es bei guten Manieren "um Geschicklichkeit im Umgang mit anderen Leuten", so der Philosoph Joseph Vogl. Doch gerade hier entsteht auch eine Wechselseitigkeit, die positiv auf uns selbst zurückwirken kann. Vogl verweist darauf, wie wichtig es ist, sich selbst zurückzunehmen": "Dass man sich bemüht, dem Ich eine Form zu geben, die nicht am Individuellen klebt, und bereit ist, einen Raum zu öffnen, in dem sich Gegenseitigkeiten entwickeln können. Man muss sich die Gelegenheit, aber auch die Zeit geben – und auch anderen die Zeit geben –, soziale Spielräume zu testen, Anknüpfungen zu ermöglichen." Gerade in Zeiten, in denen soziale Diversität immer mehr Normen obsolet werden lässt, können Benimm und Anstand neue Räume für ein soziales Miteinander öffnen. "Man hat sozusagen eine unklare soziale Begegnungs- und Berührungsoberfläche, Distanz ist da gewissermaßen eine soziale Vorkehrung. Je stärker ich mich zurücknehme oder moderiere, desto größer ist der Spielraum für kulturelle und soziale Differenzen, die auftauchen können, ohne dass sie sofort zum Konflikt führen", erklärt Vogl. Um ein "wohltemperiertes Sozialniveau" zu ermöglichen, bedürfe es dabei auch der Fähigkeit, die eigenen Affekte im Zaum zu halten: "Ich gehe nicht mit dem größten Schmerz in die Gesellschaft, und wenn ich es tue, versuche ich, ihn in irgendeiner Weise im Zaum zu halten, sonst werde ich sozial ungenießbar. Genauso erwarte ich vom anderen, dass er die größte Wallung oder den größten Schmerz noch beaufsichtigen kann. Nur dadurch wird wechselseitige Einfühlung ermöglicht." Es ist interessant, über diese Tiefenstrukturen unseres Soziallebens nachzudenken - und sich den eigenen Anteil daran bewusst zu machen. Oft sind wir düpiert, wenn andere uns gegenüber ein eher rüdes Benehmen an den Tag legen. Aber wie steht es um unser eigenes Verhalten?
"Sonst ist man plötzlich sozial ungenießbar", Zeit online 8.11.17

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Virtuelle Meditation in 3D 
Dienstag, 14. November 2017 - Bewusstsein, Lebensart
Die Zeiten, in denen Meditieren bedeutet hat, sich einfach mal hinzusetzen und nichts zu tun, scheinen der Vergangenheit anzugehören. Immer mehr technische Tools versprechen, Menschen diese Achtsamkeitserfahrungen zu erleichtern. Der neueste Trend: Meditieren in virtuellen Realitäten. Gerade veröffentlichte das Entwicklerstudio MindVerse Wizards ein kostenloses Meditationsprogramm zur Nutzung mit der 3D-Brille Oculus Rift. Die Software MindVerse bietet eine geführte Meditation, bei deren Entwicklung neurowissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt wurden. Neben Stressreduktion soll das Programm auch dabei helfen, Ängste zu reduzieren und die Kreativität zu fördern. Bei Tests mit 300 Versuchspersonen habe sich gezeigt, dass 80 Prozent dadurch mehr innere Ruhe und Zufriedenheit empfanden. Laut Anbieter sollen bereits bei den ersten fünf bis zehn Übungseinheiten innerhalb eines Monats deutliche Veränderungen spürbar werden. Allerdings erfordere die Nutzung der 3D-Meditation, wie das Erlernen anderer Fähigkeiten auch, auch Aufmerksamkeit. Auf der Reise in die Innenwelt werden die Nutzer durch rhythmische Musik begleitet, die mit Alphawellen in Hypnose versetzen. Bei der Reise durch das eigene Selbst soll eine realistische und entspannende Umgebung dabei unterstützen, tief liegende Ressourcen sowie Glücksgefühle freizusetzen. Ich finde es immer wieder spannend, wie durch solche neuen Ansätze Menschen das Meditieren erleichtert werden soll. Und die Faszination an virtuellen Welten kann hier sicherlich einen Motivationsfaktor darstellen. Das 3D-Abenteuer selbst ist zwar kostenlos, doch das notwendige Zubehör, die 3D-Brille, kostet immerhin rund 450 Euro. Meditation ganz pur mit einfach Hinsetzen und die Augen schließen, ist dagegen nach wie vor kostenlos. ;-)
VR-Meditation: Stressreduktion dank MindVerse für Oculus Rift, VR Nerds 8.11.17

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Glück ist auch eine Frage des Handelns 
Montag, 13. November 2017 - Lebensart, Studien
Wir Deutschen sind ein recht glückliches Volk, wenn man dem gerade erschienenen Glücksatlas glaubt. Für die Erhebung im Auftrag der Deutschen Post wurden knapp 5.700 Menschen befragt. Außerdem flossen in die Untersuchung die Erkenntnisse einer Umfrage mit 1.000 Personen zu nachhaltiger Lebensweise ein. Am glücklichsten sind die Menschen in Schleswig-Holstein, wo der Glücksindex (auf einer Skala von 1 bis 10) den stolzen Wert 7,43 erreicht. Weitere Kandidaten der Top 5 sind Hamburg (7,28), Baden (7,28), Hessen (7,27) und Franken (7,26). In Ostdeutschland ist es mit dem Glück nach wie vor schlechter bestellt. Hier steht Thüringen mit einem Wert von 6,97 am besten da, das Schlusslicht bildet Sachsen-Anhalt mit 6,83. Allerdings ist der Glücksabstand zwischen Ost und West im den letzten Jahr ein wenig kleiner geworden, er sank von 0,28 auf 0,22. Wenngleich viele sozioökonomische Gründe die Unterschiede zwischen den Bundesländern und Regionen nachvollziehbar machen, bestimmen diese äußeren Lebensfaktoren jedoch das Glücksgefühl der Bevölkerung nicht vollständig. So zeigt die Studie auch, dass insbesondere die Menschen besonders zufrieden sind, die sich für soziale und ökologische Belange einsetzen. Das Glück liegt also auch in unseren eigenen Händen.
Hier leben die glücklichsten Deutschen, welt.de 7.11.17


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Schmerzmittel werden zum kulturellen Problem 
Freitag, 10. November 2017 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Als der US-Präsident Donald Trump vor zwei Wochen den nationalen Gesundheitsnotstand ausrief, hat ein Phänomen öffentliche Anerkennung gefunden, das seit vielen Jahren große Teile der amerikanischen Bevölkerung betrifft. Die wachsende Abhängigkeit von starken Schmerzmitteln hat längst Millionen von Menschen in eine Abhängigkeit getrieben, die kulturelle Sprengkraft hat. Im Schnitt sterben täglich 91 Amerikaner an einer Überdosis Opioide. Und es sind nicht nur die typischen Junkies, sondern Menschen aus der Mittelschicht. Der sorglose Umgang mit süchtig machenden Schmerzmitteln hat im Gesundheitswesen seine Spuren hinterlassen. Schmerzpatienten, die als geheilt gelten, finden sich dann in einem Alltag wieder, den sie nur noch bewältigen können, wenn sie weiterhin Schmerzmittel nehmen. Der Deutschlandfunk hat in einem großen Feature Geschichten dieser Menschen gesammelt. Vielen ist ein Leben ohne Medikamente nicht mehr möglich, und wenn sie keine Ärzte finden, die ihnen die benötigten Tabletten verschreiben, rutschen sie bisweilen ab in eine Drogenkarriere. Es ist ein Überlebenskampf, der viel über die westliche Kultur aussagt. Wo das Funktionieren einen hohen Stellenwert hat, muss der Schmerz bekämpft werden, und jedes Mittel scheint dazu recht. Mediziner haben schon lange vor dem sorglosen Umgang mit Opioiden gewarnt. Sie treffen aber auch oft genug auf Menschen, die genau diese wollen, um dem Schmerz zu entfliehen. Etwa seit der Jahrtausendwende sind die Zahlen der Opioid-Toten explodiert. Jährlich sterben 33.000 Amerikaner an einer Überdosis - das entspricht der Zahl derer, die durch Autounfälle oder Waffengewalt ihr Leben verlieren. Die Flucht in Medikamente ist ein Spiegel kultureller Hilflosigkeit. Im Feature erklärt Dave, der seine Abhängigkeit schließlich überwunden hat: "Im Endeffekt weiß ich jetzt, dass die Antwort auf all meine Probleme stets eine chemische Antwort gewesen ist. Eine Pille oder einen Drink, den ich nehmen konnte, um die schlechten Dinge verschwinden zu lassen. Du verscheuchst den Schmerz, verdrängst ihn, so dass du dich besser fühlst. Aber das ist ja überhaupt nicht der Fall. Weißt du, ich habe erst wieder lernen müssen, das Leben so wahrzunehmen, wie es nun einmal ist…, das Leben durch andere Menschen erfahren, in der Gemeinschaft mit anderen." Verdrängung und Isolation sind so typisch für moderne Kulturen, in denen jeder auf sich alleine gestellt ist. In der Entwöhnungstherapie spielt die Gemeinschaft, die viele der Abhängigen zuvor vermisst haben, eine tragende Rolle. Anscheinend brauchen wir tragische Entwicklungen wie diese, um zu erkennen, dass es letztlich eine Kultur der Verbundenheit ist, die wir als wirklichen Lebensraum brauchen.
Die Betäubten Staaten von Amerika, Deutschlandfunk 2.11.17


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