Was bei der Arbeit zählt, sind Beziehungen 
Mittwoch, 30. September 2020 - Lebensart, Psychologie, Arbeit, Management
Frustration oder das Gefangensein in einem Bullshit-Job ist für viele Menschen ein Problem. Andere hingegen werden angespornt davon, ihre Karriere anzutreiben. Für wieder andere ist ihr Job sogar Berufung. Die Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie Amy Wrzesniewski hat in ihren Studien herausgefunden, dass all diese Blickwinkel auf Arbeit in der Bevölkerung in etwa gleich verteilt sind, rund ein Drittel der Arbeitenden fällt in die jeweiligen Gruppen. Interessant ist dabei, dass die Haltung zur Arbeit weniger durch die Tätigkeit selbst bestimmt wird als vielmehr durch die Beziehungen, in denen die Menschen bei der Arbeit stehen. "Die entscheidende Komponente sind die Beziehungen, die Menschen zu ihrer Arbeit aufbauen. Es geht darum, wie sehr sie mit dem eigenen Wertesystem übereinstimmt und ob sie zur eigenen Identität passt. Wichtig sind auch die Beziehungen, die im Arbeitsumfeld entstehen. Kolleginnen und Kollegen, die einem das Gefühl von Gemeinschaft geben, dass man zu einer Gruppe gehört, mit der man sich identifiziert", so Wrzesniewski. Die Wissenschaft geht davon aus, dass etwa 20 Prozent unserer Lebenszufriedenheit von unserer Arbeit abhängen. Wer vor allem auf sein Einkommen fixiert ist, ist dabei deutlich unzufriedener als Menschen, die mit ihrer Arbeit auch andere Werte verbinden. Wrzesniewski sieht es gleichzeitig skeptisch, unbedingt die Arbeit zum zentralen Sinnfaktor im Leben machen zu wollen. "Ich finde es schwierig, wenn man so tut, als müsste jeder Mensch im Job seine Berufung finden. Denn das birgt ein starkes Werturteil. Es ist gar nicht möglich, dass jeder seiner Berufung nachgeht, so wie die Arbeitswelt beschaffen ist. Und selbst wenn: Wer würde sich in der Freizeit noch ehrenamtlich engagieren, wenn alle komplett in der Arbeit aufgehen? Es sind außerdem auch gar nicht alle Menschen darauf aus, ihrem Leben durch Arbeit Sinn zu verleihen. Allerdings sollten sie selbst darüber entscheiden können, ob sie einen sinnstiftenden Job machen wollen oder nicht", sagt sie.
"Arbeitslosigkeit wäre auf Dauer frustrierender als ein sinnloser Job", zeit.de 17.9.20

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Das Unangenehme anerkennen 
Montag, 28. September 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Resilienz ist unter den Vorzeichen der Pandemie zu einem besonderen Thema geworden, denn wir alle erleben seit Monaten, wie unsere gewohnten Lebenswelten einem rapiden Wandel unterworfen sind oder sogar in Teilen zusammenbrechen. Ein so großes und umfassendes Ereignis wie Corona lässt uns dabei leicht vergessen, dass wir eigentlich ständig mit Situationen konfrontiert sind, die uns zutiefst herausfordern oder auch schmerzen - und dass wir die meisten davon in ihren Auswirkungen durchaus über die Zeit in unser Leben integrieren können, ohne dauerhaft daran zu leiden. Der Psychologe Werner Greve hat in einem Buch dokumentiert, wie Menschen mit solchen Wendepunkten im Leben umgehen. Ihm ist dabei aufgefallen, dass wir eine Art innere Elastizität mitzubringen scheinen, die es uns ermöglicht, in unserem Leben eine sinnhafte Kontinuität zu entfalten. "Dass wir es schaffen, das Erlebte nicht vergessen oder verdrängen zu müssen. Und es trotzdem so einordnen, dass das Leben seinen Sinn entweder wiedergewinnt oder gar nicht erst verliert. Ich vergleiche das immer mit einem großen Baugerüst, das uns stützt und das wir umbauen müssen. Im ersten Moment denken wir: Jetzt ist das Leben zu Ende. Und dann müssen wir das Baugerüst Stück für Stück verändern. Wenn wir alle Stangen auf einmal umstecken würden, dann ginge das Gerüst kaputt. Aber wir können hier eine Stange umstecken und dort und nach einer längeren Umbauzeit steht kein Stück mehr da, wo es einmal gestanden hat", so Greve. Damit dies gelingen kann, sei es wichtig, einerseits das Schmerzhafte eines Erlebnisses anzuerkennen, aber auch verschiedene Blickwinkel einzunehmen: "Ich glaube, dass nichts an sich gut oder schlecht ist. Alles hat immer ganz viele Seiten, es hängt sehr von der Perspektive ab, und die Bewertung ist eben elastisch. Je mehr Perspektiven ich finde, desto gerechter werde ich - der Person, dem Ereignis, der Erfahrung, dem, was mir da wiederfahren ist. Und dann ist die Aufgabe natürlich auch, das Unangenehme nicht zu bestreiten." Für mich klingt da eine Unvoreingenommenheit mit, mit dem zu sein, was gerade tatsächlich ist. Und gleichzeitig offen zu bleiben für das, was sich daraus entwickeln kann. Das fällt nicht immer leicht, denn natürlich haben wir immer gewisse Wünsche an das Leben. Doch wenn diese enttäuscht werden, heißt das ja nicht, dass damit schon das letzte Wort gesprochen ist. Aus allem kann sich etwas entwickeln. Und vielleicht braucht es hier auch einfach unsere Neugier, dem Leben ein Stück weit seinen Lauf zu lassen und uns ihm hinzugeben.
„Wieder lachen lernen“, Psychologie heute 9.9.20


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Neuer Höchststand bei psychischen Erkrankungen 
Freitag, 25. September 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Unsere psychische Verfassung, zumindest gesamtgesellschaftlich betrachtet, scheint nur eine Richtung zu kennen - es geht bergab. Und dies nicht, weil Corona uns unter Dauerstress setzt. Die von der DAK ermittelten Krankschreibungen wegen psychischer Probleme haben im letzten Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Gegenüber 2018 erhöhten sich die Fehltage von Arbeitnehmer*innen wegen Depressionen, Angst- oder Belastungsstörungen um 24 auf 260 Tage pro 100 Versicherte. Erstmals hat die DAK diese Krankschreibungen 1997 gesondert gemessen. Seitdem haben sich die Krankschreibungen im Volumen um 239 Prozent erhöht. Einzelne Branchen sind dabei besonders betroffen. So kommt die öffentliche Verwaltung auf 382 Fehltage pro 100 Versicherte, gefolgt vom Gesundheitswesen (338 Tage) und Verkehr, Lagerei und Logistik (249 Tage). Am Widerstandsfähigsten scheinen Menschen zu sein, die in der Baubranche arbeiten (154 Tage) - allerdings dürften diese dann wahrscheinlich eher aufgrund von Muskel- bzw. Skeletterkrankungen bei der Arbeit fehlen. Alles in allem ein ernüchterndes Bild. Die DAK weist denn auch darauf hin, dass wir hier mit einem gesellschaftlichen Problem konfrontiert sind.
Rekord bei Krankschreibungen wegen psychischer Probleme, zeit.de 15.9.20

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Welchen Preis hat unser Lebensstil? 
Mittwoch, 23. September 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Immer wieder schwappt in der politischen Diskussion hoch, dass viele der Preise, die wir für das, was wir zum Leben brauchen, nicht abbilden, welche Kollateralschäden mit diesem Konsum verbunden sind. Der Lebensmittelanbieter Rewe will nun in einer neuen Filiale seiner Tochter Penny die versteckten Kosten, die nicht von den Lebensmittelpreisen beinhaltet sind, transparent machen. In dem neuen Nachhaltigkeitsmarkt soll neben dem gewohnten Ladenpreis für einige Eigenmarken ein weiterer Preis auch die Kosten für entstehende Umweltschäden und ähnliche Folgen der Lebensmittelproduktion sichtbar machen. Und obwohl diese Preisdifferenzen längst nicht alle möglichen Auswirkungen einbeziehen, sind sie bereits sehr beachtlich. 500 Gramm Hackfleisch etwa aus konventioneller Tierhaltung würden statt 2,79 dann 7,62 Euro kosten, was 173 Prozent mehr entspricht. Milch würde sich um 122 Prozent verteuern, Gouda um 88 Prozent. Bei Obst und Gemüse liegen die Aufschläge immer noch bei acht bis 20 Prozent. Und selbst Bio-Lebensmittel sind nicht frei von vernachlässigten "Nebenkosten" - bei ihnen fallen die Aufschläge allerdings etwas niedriger aus. Bio-Fleisch etwa müsste 126 Prozent teurer sein. Rewe erhofft sich von diesem Vorstoß einen pädagogischen Effekt. Wünschenswert wäre natürlich, wenn solche Berechnungen auch in der Gesetzgebung ihren Niederschlag finden und praktisch umgesetzt würden. Denn die Sozialisierung und Unsichtbarmachung all dieser Kosten bzw. realen Schäden lässt uns die Auswirkungen unseres Lebensstils nur schwer wirklich fassen.
Der wahre Preis der Wurst, taz.de 31.8.20

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Oft genug wiederholt, klingt Falsches immer wahrer 
Dienstag, 22. September 2020 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Zwischen Fakten und Fake unterscheiden zu können, ist in Zeiten lebensweltlicher Komplexität und aufflammender Verschwörungstheorien eine wesentliche Kulturkompetenz. Eine Studie zeigt jedoch, dass unsere Unterscheidungsfähigkeit zu bröckeln beginnt, wenn wir nur oft genug mit falschen Aussagen konfrontiert werden. Die Wissenschaftler zeigten im Test ihren Versuchspersonen wahre und falsche Aussagen, und dies in zwei Durchgängen. Dabei wurde deutlich: Falsches, das mehrfach gehört wurde, erschien vielen im zweiten Anlauf auf einmal wahr. Die Forscher führen diesen Effekt darauf zurück, dass unser Gehirn Dinge, die ihm schon bekannt sind, leichter verarbeitet. Und diese subtil empfundene Leichtigkeit verleitet uns möglicherweise dazu, einen Wahrheitsgehalt anzunehmen, selbst wenn es ihn nicht gibt. Es ist ein Automatismus, der uns verunsichern sollte. Und einer, der nachvollziehbar macht, warum beispielsweise die plumpen Uminterpretationen des Weltgeschehens durch Menschen wie den amerikanischen Präsidenten, selbst wenn sie bisweilen haarsträubend klingen, anscheinend doch irgendwann zu greifen beginnen. Gegenmittel scheint es hier nur eines zu geben - immer wieder wach sein und das, was uns begegnet, genauer betrachten und reflektieren.
Wissen schützt nicht vor der Wahrheitsillusion, spektrum.de 31.8.20

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Wenn die Digitalisierung erschöpft 
Donnerstag, 17. September 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Das Handwerk hat einen großen Vorteil - am Ende des Tages sieht man nicht nur, was man geleistet hat, man kann es sogar anfassen. Die eigene Leistung wird so ganz manifest in der wirklichen Welt sichtbar. Das Gefühl, das man dabei empfinden kann, nennt der Psychologe Stephan Grünewald "Werkstolz". Und genau dieser drohe, unter den Vorzeichen der wachsenden Digitalisierung mehr und mehr unter die Räder zu kommen. "In der digitalen Welt wird oft an abstrakten Objekten gearbeitet, da stellt sich dieser Stolz nicht so direkt ein. Hier haben wir oft das Gefühl, viel gemacht, aber wenig erreicht, nichts Ganzes entwickelt zu haben. Der Werkstolz wird dann durch einen Erschöpfungsstolz ersetzt. Man ist stolz auf den Grad der Erschöpfung, den man sich am Tag erarbeitet hat. Erschöpfung wird dann zum Gradmesser für die Produktivität", spitzt der Psychologe die Situation zu. Ein weiterer Punkt, der dem Psychologen Sorgen bereitet, ist die zunehmende Fragmentierung des Arbeitens, die zu einer Fluidität führe, die Orientierung raubt und manchem den Boden unter den Füßen wegzieht. "Eine rein digitale Welt wird auf Dauer nicht funktionieren. Beim Arbeiten nimmt nicht nur das Tempo stetig zu, wir sehen auch eine immer weitergehende Segmentierung und Fragmentierung. Übergänge zwischen verschiedenen Gewerken, Qualifikationen und Kompetenzen verflüssigen sich. Der einzelne Mensch muss aufpassen, dass er dabei nicht ertrinkt. Den Unternehmen kommt dann die Aufgabe zu, dass sich ihre Beschäftigten beim Arbeiten wieder ganzheitlich erleben können. Dies gelingt durch ritualisierte Zusammenkünfte auf der Arbeit, etwa durch Projektpräsentationen, aber auch durch gemeinsame Mittagessen", so Grünewald. Ich finde es fraglich, dass sich durch kleine Goodies dieser Güteklasse diese empfundenen Erscheinungen von Auflösung kompensieren lassen. Vielleicht sollten wir mehr darüber nachdenken, wie Arbeit wieder zu einem wirklich ganzheitlichen Erleben führen kann. Das würde natürlich auch bedeuten, Aspekte wie Effizienz und Effektivität nicht mehr allein im Hinblick auf finanzielle Interessen zu betrachten, sondern auch daraufhin, welche Auswirkungen für das Wesen Mensch damit verbunden sind.
"Eine rein digitale Welt wird auf Dauer nicht funktionieren", spiegel.de 4.9.20

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Glück oder Pech? Alles eine Frage der Haltung ... 
Mittwoch, 16. September 2020 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Wie wir unsere Lebensumstände empfinden, hängt nicht unwesentlich von unserer Haltung zum Leben ab. Eine amerikanische Studie zeigt: Menschen mit hohem Anspruchsdenken fühlen sich leichter ungerecht behandelt und zeigen sogar weniger Mitgefühl als jene, die nicht so viel für sich erwarten. Die Wissenschaftler testeten zunächst mit einem Fragebogen, wie hoch das Anspruchsdenken ihrer Probanden war. Dann sollten sie eine langweilige Tätigkeit ausführen, wobei allen Testteilnehmern gesagt wurde, das Los hätte entschieden und sie wären leider nicht für die angenehmere Tätigkeit ausgewählt worden. Bei der anschließenden Befragung zeigten sich Menschen mit hohem Anspruch deutlich verärgerter als jene, deren Anspruchsdenken nicht so ausgeprägt ist. Gebeten, über Lebensumstände zu erzählen, bei denen sie Pech hatten, zeigte einen ähnlichen Effekt. Jene, die für sich viel vom Leben erwarteten, gaben sich hier betroffener als die, die weniger hohe Erwartungen haben. Gleichzeitig zeigten die sich besonders betroffen Fühlenden in einem weiteren Versuch, bei denen ihnen das Pech anderer vor Augen geführt wurde, weniger Mitgefühl. Offenheit gegenüber den Zumutungen des Lebens und Verständnis für andere scheinen also auch davon abzuhängen, was wir für uns selbst erwarten und mit welcher Vehemenz wir dies tun.
Pech gehabt! spektrum.de 3.9.20

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Die Unkontrolliertbarkeit des Lebendigen annehmen 
Dienstag, 15. September 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Mit Corona haben die verschiedensten Bedrohungs- und Angstszenarien in unseren Alltag Einzug gehalten. Dadurch mag das Angstlevel in Teilen der Bevölkerung gewachsen sein. Doch sollten wir auch bedenken, dass die Angst vor dem Kontrollverlust eigentlich zum Wesen unserer modernen Gesellschaften gehört, denn viele unserer heutigen Errungenschaften beruhen gerade darauf, dass wir versuchen, mit ihnen unser Leben zu verbessern und es so zu schützen. "Das Leben ist immer gefährlich. Man kann den Leuten nicht sagen, wenn sie das und das machen, dann kommt alles gut. Wir müssen die Unkontrollierbarkeit des Lebendigen annehmen. Erst wenn wir aufhören, alles kontrollieren und beherrschen zu wollen, sind wir frei", sagt der Neurowissenschaftler Gerald Hüther in einem Interview mit der Berner Zeitung. Ein Schritt auf diesem Weg sind für ihn mehr Bewusstheit und Gemeinsinn: "Es braucht eine emanzipierte, sich selbst bewusste Bevölkerung. Statt der Interessen Einzelner soll das Wohl aller im Vordergrund stehen." Im Ernstfall von etwas Größerem getragen zu sein, kann sicherlich so manchen Ängsten den Nährboden entziehen ...
«Angstmacherei ist eine Unart unserer ganzen Gesellschaft», Berner Zeitung 28.8.20

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