Die Zukunft der Achtsamkeit als dialogische Erfahrung 
Sonntag, 5. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Der Selbstoptimierungs-Trend, den die Achtsamkeitsbewegung hervorgebracht hat, sitzt mir schon länger quer. Nicht, weil ich etwas dagegen hätte, dass Menschen meditieren, um sich einfach ein bisschen wohler zu fühlen. Eher, weil mich die Sorge beschleicht, dass mit diesem Selbstbezug auch eine gewisse Form der Isolation einhergeht. Denn wenn meine achtsamen Wahrnehmungen nur um mich selbst kreisen, verändert sich nicht automatisch meine Beziehung zu meinen äußeren Lebensumständen - oder gar diese Umstände selbst. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, bei einem großen Achtsamkeitskongress in Bad Kissingen mit 1.200 Teilnehmenden einen Vortrag zu halten zur Zukunft der Achtsamkeit als dialogischer Erfahrung. Dabei habe ich gezeigt, wie Achtsamkeit, wenn man sie als dialogische Haltung kultiviert und mit anderen Menschen in achtsame Dialoge geht, völlig neue Zwischenräume öffnen, die uns miteinander verbinden und unerwartete, tiefgreifende Einsichten zwischen den Beteiligten entstehen lassen. Selbst im Vortrag, der ja erwiesenermaßen kein Dialog ist, war spürbar, dass die Zuhörenden sich hier in etwas Tiefem berührt fühlten. Gemeinsam mit meinen Kolleg*innen vom evolve Magazin konnten wir auch zwei Dialog-Cafés und einen Workshop geben, bei dem die Teilnehmenden die Möglichkeit hatten, dieses Dazwischen und Darüberhinaus tiefer zu erfahren. Ihre Resonanz stimmt mich zuversichtlich. Da war viel von Verbundenheit die Rede, von einer besonderen Beziehungsqualität. Und ist es nicht gerade das, was uns als Menschen ausmacht?
Vortrag "Die Zukunft der Achtsamkeit als dialogische Erfahrung"

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Geh' doch mal an die frische Luft 
Dienstag, 30. April 2019 - Lebensart, Psychologie, Studien
Mütter sagen es zu ihren Kids, wenn sie stundenlang am Computer daddeln, und Ärzte vielleicht bald, anstatt ein Rezept auszustellen: Geh' doch mal an die frische Luft! Wissenschaftliche Studien zeigen, dass schon 20-30 Minuten im Freien, bei entspanntem Gehen oder sogar Sitzen, für Körper und Geist ein wahrer Jungbrunnen sind. Eine Studie belegt: Bereits nach den ersten 20 Minuten sinkt der Cortisolspiegel enorm. Bleibt man länger draußen, gehen die Stressmarker zwar weiter zurück, aber nicht mehr so deutlich. Wenn das mal keine gute Nachricht ist für alle, die nie Zeit haben oder sich nicht allzu gerne bewegen.
Was 20 Minuten im Grünen bewirken, spiegel.de 7.4.19

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Einfach mal durchatmen 
Montag, 29. April 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Der Achtsamkeits-Boom verschafft Entspannungsmethoden Hochkonjunktur. Doch es müssen nicht immer gleich besondere Übungen sein, wenn wir mal runterkommen möchten. Ein Artikel in Gehirn & Geist stellt zum Beispiel verschiedene Studien vor, die zeigen, wie hochwirksam schlichtes, bewusstes Atmen sein kann. Es entspannt Körper und Geist, mildert Stress und kann sogar positiv auf verschiedene psychische Erkrankungen wirken. Besonders hilfreich ist ein Atemtakt, bei dem man vier Sekunden einatmet und sechs Sekunden ausatmet. Schon nach rund elf Minuten beginnt der Organismus sich umzustellen, biologische Regenerationsmechanismen setzen ein, Zellschäden werden behoben der Körper tankt neue Energie. Man könnte sagen, Nichtstun 2.0 mit positiven Nebenwirkungen ... ;-)
Die Entschleunigung des Atems, spektrum.de 5.4.19

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Meditation als Bildungsaufgabe 
Donnerstag, 11. April 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Wo eingeschliffene Lebensweisen immer mehr an Eigendynamik gewinnen und so beginnen, das Menschsein durch gewachsene systemische Logiken zu formen, kommt die Frage auf, wie wir unsere menschliche Autonomie in solchen oft stark unbewussten Prozessen behaupten können. Dabei geht es um mehr als nur die Tatsache, dass die Digitalisierung uns immer mehr mit ihren algorithmischen Prozessen durchdringt. Auch das Bildungssystem folgt längst Optimierungsideen, die den Faktor der menschlichen Entwicklung oft ausblenden oder funktionalisieren. Die Frankfurt University of Applied Science nahm diese Ausgangssituation zum Anlass, im Rahmen des so genannten "Selbstprojekts" ein Studienprogramm zu entwickeln, das die folgenden Ziele beinhaltete: Leidensverminderung, beispielsweise durch die Reduzierung von Stress und körperliche Entspannung, Selbsterkenntnis und eine Stärkung der geistigen Autonomie. Nun haben die Verantwortlichen einen Projektbericht vorgelegt, der zuversichtlich stimmt. Das Projekt scheint unter den Studierenden wieder den Sinn dafür geweckt zu haben, was es bedeuten kann, man selbst zu sein in einer Umgebung, die ihre ganz eigenen Anforderungen stellt. Meditative Praxis wurde in dem Programm nicht als Optimierungsstrategie verstanden, sondern als Weg, bewusster und gestärkter mit komplexen Herausforderungen umgehen zu können - weniger im Sinne eines Funktionierens im Gegebenen, sondern auch im Hinblick darauf, die eigene Persönlichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Vorstöße wie dieser scheinen so dringlich zu sein in einer Zeit, in der das eigentliche Menschsein vor allen äußeren Erwartungen sich immer mehr zu verlieren scheint.
Wie kommt Meditation ins Hier und Jetzt? Das Beispiel Hochschule, literaturkritik.de 1.4.19

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Die verschüttete Sehnsucht nach Stille 
Dienstag, 9. April 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Das Bedürfnis nach Stille scheint eine grundlegende menschliche Sehnsucht zu sein, ja mehr noch, eine Notwendigkeit. Doch in unserer durchgetakteten Zeit verlieren immer mehr Menschen das Gespür dafür, wann es Zeit ist, einmal innezuhalten. Gerade den Kirchen, seit jeher Orte der Stille, scheint in unseren durchmodernisierten Gesellschaften eine neue Rolle zuzukommen, diese Räume des Innehaltens wieder stärker ins kollektive Bewusstsein zu holen. Jesuitenpater Karl Kern beschreibt in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk die Bedeutung solcher Auszeiten als notwendigen Bestandteil des menschlichen Daseins: "Urlaub ist ursprünglich die Erlaubnis, sich von einem Höhergestellten, in dessen Dienst man ist – als Lehnsherr zum Beispiel – zu entfernen. Die Ruhe ist in dem Sinn ein Raum der Freiheit, des Zweckfreien. Und ohne das, könnte man drastisch sagen, geht der Mensch kaputt." Für ihn ist Religion eine tiefere Rückbindung an das, was uns in unserem tiefsten Wesen ausmacht: "Religion lebt davon, dass der Mensch seine tiefsten Sehnsüchte entdeckt. Und im täglichen, üblichen Trubel kann man darüber hinweg leben. Das rächt sich dann – gesundheitlich, psychisch – oft in Katastrophen." Heute, wo immer mehr Menschen sich vor allem über säkulare Lebensbezüge definieren, scheint dieser tiefere Kern unseres Menschseins uns immer weniger zugänglich zu sein. Vielleicht stehen wir gerade an einer Schwelle und sind danach gefragt, neue Kontexte zu finden, in denen wir uns unseres Bedürfnisses nach Stille wieder bewusst werden können - und in denen wir es auch ohne schlechtes Gewissen leben können.
Wie man es schafft, nichts zu tun, Deutschlandfunk 3.4.19

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Atem als wesentlicher Anker im Alltag 
Mittwoch, 3. April 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Das Gute liegt oft so nahe. In einer Zeit, in der Stresserkrankungen immer mehr zum Thema werden und der Langzeitgebrauch von Antidepressiva besorgniserregend hoch ist, scheinen wir jede Hilfe brauchen zu können, um im Alltag Ruhe zu bewahren. Der wunde Punkt: Selbst Menschen, die bereits eine Therapie durchlaufen haben, verlieren zurück im Alltag gerne den Bezug zu all den konstruktiven Entspannungstechniken, die sie gelernt haben, und verfallen wieder in den alten Trott. Der Psychosomatiker Thomas Loew empfiehlt deshalb eine einfache Atemtechnik, die man leicht während des Tages immer wieder einmal machen kann - vier Sekunden einatmen, sieben Sekunden ausatmen und das elf Minuten lang. Entspannung kann so einfach und naheliegend sein!
"So schön alltagstauglich", Psychologie heute 13.3.19


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Um sich sicher zu fühlen, brauchen manche Millionen 
Dienstag, 2. April 2019 - Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Studien mögen immer wieder suggerieren, dass Geld heute an Bedeutsamkeit für Arbeitnehmer verliert und ihnen andere Werte wie Nachhaltigkeit oder Lebensqualität wichtiger werden. Eine Repräsentativbefragung der Max-Grundig-Klinik hingegen zeigt, wie wichtig gerade bei Führungskräften das Einkommen tatsächlich ist. Die Hälfte der Befragten fühlt sich unterbezahlt, bei den Frauen sogar 66 Prozent. 38 Prozent finden, dass Geld glücklich mache, "geldgetrieben" fühlen sich lediglich 18 Prozent. 46 Prozent haben Sorge, einmal weniger zu verdienen oder ihr Vermögen zu verlieren. Wirklich finanziell unabhängig zu sein, lässt sich klar beziffern - im Schnitt sind es für Führungskräfte sechs Millionen Euro, die es ihnen erlauben würden, sich finanziell frei zu fühlen. Das ist eine interessante Größenordnung und für gewöhnliche Arbeitnehmer jenseits aller Erreichbarkeit. Für mich deutet die Zahl auch darauf hin, wie unsicher die heutigen Lebensumstände empfunden werden - weil man seinen Arbeitsplatz jederzeit verlieren oder krank werden könnte, weil man sich zwar vieles, was das Sicherheitsgefühl stärkt kaufen kann (zum Beispiel ein Haus), aber auch darum weiß, dass man es wieder verlieren könnte, wenn das Geld ausgeht. Und die Erfahrung der letzten Finanzkrise, die eigentlich immer noch eine ist, aber nicht mehr so oft so genannt wird, lässt uns spüren, wie schnell sich Geld in nichts auflösen kann. Eine naheliegende Reaktion mag sein, und das zeigt die Studie, dann eben an mehr Geld zu denken, um sich sicher zu fühlen. Aber die grundlegende Unsicherheit dürfte das kaum auflösen.
Gierig sind vor allem die anderen, Manager Magazin 18.3.19

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Ehrlichkeit verbindet 
Montag, 1. April 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Manchmal fällt es uns schwer, anderen gegenüber Unangenehmes anzusprechen und für viele ist dann ein Ausweichen oder gar die Notlüge ein geschicktes Manöver. Die Wissenschaft zeigt allerdings: Ehrlichkeit kann im Gespräch das Wohlbefinden erhöhen, selbst wenn Kritisches auf den Tisch kommt. In einem Feldexperiment sowie in Gesprächssituationen im Labor baten Wissenschaftler ihre Probanden, sich entweder wie immer zu verhalten, sehr freundlich oder auf jeden Fall ehrlich. Als Ehrlichkeit definierten die Forscher dabei, in Übereinstimmung mit den eigenen Überzeugungen, Gedanken und Gefühlen zu sprechen, wobei es nicht darum ging, ob diese inneren Haltungen richtig oder falsch waren. In den Gesprächen zeigte sich Überraschendes, denn die Beteiligten empfanden die ehrlichen Dialoge als viel angenehmer, als sie erwartet hatten, und reagierten selbst auf Kritik weniger negativ als befürchtet. Im Gegenteil - die ehrlichen Unterhaltungen wurden als sehr sinnvoll empfunden und förderten das Gefühl, mit dem Gegenüber verbunden zu sein. Gerade diese Verbundenheit hat etwas sehr Schlüssiges. Denn wenn wir unangenehmen Dingen ausweichen und sie nicht ansprechen, duckt sich auch in unserer Anwesenheit etwas weg. Wir sind dann gar nicht wirklich da. Und vielleicht ist es uns ja, auch wenn wir das zunächst womöglich nicht glauben, wichtiger, wirklich in einer geteilten Präsenz zu sein, als immer nur Freundlichkeiten zu hören. (Und das ist kein April-Scherz - ganz ehrlich!)
Ganz ehrlich? Psychologie heute 13.2.19

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