Stress-Test für die menschliche Zivilisation 
Dienstag, 7. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Während wohl die meisten Menschen zur Zeit in Gedanken vor allem damit beschäftigt sind, wie und wann wir die Corona-Krise am besten überwinden, wagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen bereits einen Blick in die Zukunft. "Die Co­ro­na­kri­se wirkt der­art trans­for­ma­tiv, weil sie zu den mensch­li­chen Angs­t­re­fle­xen und Wahr­neh­mungs­mus­tern passt. Sie han­delt ganz di­rekt von der Ge­fahr für das ei­ge­ne Le­ben und das der Nächs­ten, nicht pri­mär vom Über­le­ben der an­de­ren oder der mensch­li­chen Spe­zi­es ins­ge­samt", erklärt er das Phänomen, das gegenwärtig weltweit die Menschen an einem Strang zu ziehen scheinen. Aufgrund der besonderen Betroffenheitskonstellation - wir alle, gleich wer wir sind und wo wir uns aufhalten, können dem Virus nicht entfliehen - sieht er gegenwärtig eine große Wandlungsbereitschaft der globalen Bevölkerung. Und doch ist er skeptisch, daraus weitere positive Zukunftsszenarien abzuleiten. Für ihn sind "ko­gni­tiv we­ni­ger leicht zu ver­ar­bei­ten­de Kri­sen mit noch grö­ße­ren Ri­si­ken wie der men­schen­ge­mach­te Kli­ma­wan­del der ei­gent­li­che Test­fall mo­der­ner Ge­sell­schaf­ten". Er fragt: "Wer­den Men­schen ihr Vor­stel­lungs­ver­mö­gen so ra­di­kal er­wei­tern und ihre pro­gnos­ti­sche und sys­te­mi­sche In­tel­li­genz der­art schu­len, dass sie ir­gend­wann un­ab­hän­gig von der kurz­fris­ti­gen per­sön­li­chen Ge­fähr­dung agie­ren?" Mit Blick auf den Klimawandel ist das die große Frage. Wir mögen Wege finden, die Corona-Pandemie irgendwie in den Griff zu bekommen. Aber tun wir dies in einer Haltung, die nur darauf wartet, sich dann wieder in die von zuvor gewohnte Normalität zurückzulehnen? Oder sind wir bereit, aus den Erfahrungen der Corona-Zeit lernend auch im Hinblick auf all die anderen großen zivilisatorischen Fragen Neuland zu beschreiten?
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen erklärt, warum wir so rasant aus der Krise lernen, 28.3.20

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Einfach mal abschalten? 
Montag, 6. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Es ist schon auffallend - noch nicht einmal drei Wochen ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen, und schon häufen sich in den Medien die Tipps, wie man runterkommen kann bei all dem Corona-Stress. Einfach mal abschalten, ist eine Devise, die in diesen Tagen vielfach ausgegeben wird. Öko-Test beispielsweise hat gerade eine - sehr gute - Übersicht über Meditations-Apps veröffentlicht (eine Empfehlung für alle, die auf der Suche nach solchen Tools sind) und schreibt: "Gerade in Zeiten wie der Corona-Krise, wo Sorgen und Existenzängste ständige Begleiter sind, ist es wichtig, auch mal abzuschalten. Achtsamkeits-Apps versprechen Nutzern mehr Ausgeglichenheit." Ich mag das gar nicht kritisieren. Etwas für die geistige Gesundheit zu tun, sollte so alltäglich sein wie das Zähneputzen. Was mich jedoch zu stören beginnt, ist, dass solche Botschaften, gerade mit Bezug auf Corona, permanent zum inneren Rückzug animieren. Dabei brauchen Krisenzeiten vielleicht vor allem unsere Zuwendung - und zwar nicht nur zu uns selbst, sondern zu dem, was gerade geschieht. Auch darüber kann man meditieren.
Entspannung in Corona-Krise: Mit diesen Apps lernen Sie meditieren, Öko-Test 30.3.20

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"Ohne moralischen Fortschritt gibt es keinen echten Fortschritt" 
Freitag, 3. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Für den Philosophen Markus Gabriel wirft die Corona-Krise die Frage auf, ob sie nicht "eine Immunreaktion des Planeten gegen die Hybris des Menschen, der unzählige Lebewesen aus Profitgier zerstört" sein könnte. "Das Corona-Virus offenbart die Systemschwächen der herrschenden Ideologie des 21. Jahrhunderts. Dazu gehört der Irrglaube, dass wir durch naturwissenschaftlich-technologischen Fortschritt alleine schon menschlichen und moralischen Fortschritt vorantreiben können. Dieser Irrglaube verführt uns dazu zu glauben, die naturwissenschaftlichen Experten könnten allgemeine soziale Probleme lösen", kritisiert Gabriel in einem Essay. Und er findet: "Ohne moralischen Fortschritt gibt es keinen echten Fortschritt." Der Philosoph zieht auch den Vergleich zur Klimakrise, die ungleich umfassender sei als das, was uns gerade in Form eines Virus begegnet. Doch die Klimakrise ist eben weniger deutlich sichtbar und vor allem hat sie - noch - deutlich weniger Auswirkungen auf die Wohlstandsregionen der Welt. Gabriel findet: "Wir brauchen eine neue Aufklärung, jeder Mensch muss ethisch ausgebildet werden, damit wir die gigantische Gefahrenlage erkennen, die darin liegt, dass wir blind der Naturwissenschaft und Technik folgen." Sein Blick in die Zukunft und seine Forderung: "Nach der virologischen Pandemie brauchen wir eine metaphysische Pan-Demie, eine Versammlung aller Völker unter dem uns alle umfassenden Dach des Himmels, dem wir niemals entrinnen werden. Wir sind und bleiben auf der Erde, wir sind und bleiben sterblich und fragil. Werden wir also Erdenbürger, Kosmopoliten einer metaphysischen Pandemie. Alles andere wird uns vernichten und kein Virologe wird uns retten."
Wir brauchen eine metaphysische Pandemie“, Universität Bonn 20.3.20

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Von Konsumieren auf Kümmern umschalten 
Montag, 30. März 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Die Corona-Krise zwingt das Leben, wie wir es kennen, in die Knie. Und manche hoffen bereits, dass die neuen Erfahrungsräume, die sich im Angesicht des Unbeherrschbaren auftun, vielleicht auch einen kulturellen Wandel nach sich ziehen. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler etwa richtet den Blick darauf, dass jetzt, wo unsere üblichen Konsumtaktiken um erliegen kommen, vielleicht das Kümmern stärker in den Vordergrund rückt. "Jetzt merken wir, wie wichtig das Kümmern, Sorgen und Verpflegen ist. Und gleichzeitig realisieren wir eben auch, wie sehr unser ganzes System darauf angelegt ist, dass wir konsumieren und produzieren, um diese Endlosschleife am Laufen halten. Jetzt merken wir, wie fragil dieses kapitalistische System ist und dass es möglicherweise nun angezeigt ist, diese Hierarchie ganz neu zu denken", sagt sie in einem Interview mit der Deutschen Welle. Die Philosophin geht nicht so weit, gleich einen großen Umbruch zu denken, sie sieht eher an den Rändern des bestehenden Systems Chancen für Veränderungen: "Diese Krise und dieser Stillstand ist ein Denkraum, der uns geschenkt wird. Ich würde jetzt nicht so weit gehen und sagen: Wir brauchen den antikapitalistischen Kampf und die große Revolution. Aber wir können natürlich einzelne Elemente innerhalb dieses Systems neu denken, die schon seit längerer Zeit in der Diskussion sind. Und da gehören Home Office, größere Flexibilität und Familienvereinbarkeit absolut dazu." Gleichwohl ist für Flaßpöhler, und da bezieht sie sich auf den antiken Glücksbegriff, die gegenwärtige Zeit ein guter Moment, grundsätzlich tiefer zu gehen und zu hinterfragen, denn: "Nur ein moralisches Leben ist auch ein gutes Leben." Fanden zumindest die alten Philosophen.
Philosophin Flaßpöhler: "Der Stillstand schenkt uns einen Denkraum", Deutsche Welle 21.3.20

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Die Arbeit geht online 
Freitag, 27. März 2020 - Lebensart, Arbeit
Wohl nie zuvor haben so viele Menschen so spontan ihre Arbeit ins Virtuelle verlagern müssen. Home Office, vor einigen Wochen in vielen Firmen noch ein Thema mit viel Gesprächsbedarf, ist dabei, unter den Vorzeichen von Corona zu einem neuen Standard zu werden. Und man darf gespannt, ob diese Möglichkeitsräume bleiben werden, wenn die Krise wieder abflaut. Für viele Selbstständige werden Angebote via Videokonferenz nun zur Möglichkeit, wenigstens einen Teil ihrer Einnahmeausfälle zu kompensieren - indem sie beispielsweise ihren Musikunterricht oder Yoga-Stunden ins Internet verlagern. Als Freiberuflerin lebe ich seit Jahren sehr virtuell. Für uns im Team des evolve Magazins läuft gegenwärtig beispielsweise die Produktion der aktuellen Ausgabe wie immer, denn als verteiltes Team sind Videokonferenzen schon lange unser primärer Arbeitsmodus. Und wir halten seit Jahren viele Kurse rund um Meditation und Bewusstseinsentwicklung online ab. Dabei machen wir die Erfahrung, dass menschliches Miteinander auch im Angesicht eines Computermonitors eine besondere Tiefe entfalten kann. Vielleicht sind die Herausforderungen dieser Tage ja auch eine Möglichkeit, uns im virtuellen kulturell weiterzuentwickeln?
Selbst Yoga-Unterricht geht aus dem Homeoffice, spiegel.de 18.3.20

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Das Leben völlig neu wahrnehmen 
Dienstag, 24. März 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Viele Menschen machen in diesen Tagen die Erfahrung, dass bei all den schlimmen und herausfordernden Entwicklungen, deren Zeugen wir gerade werden und von denen wir selbst betroffen sind, die Corona-Krise auch etwas zu öffnen scheint. Sie verändert unsere Wahrnehmung des Lebens auf einer tiefgreifenden Ebene. "Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt 'endet', aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren", schreibt etwa der Zukunftsforscher Matthias Horx. In einem Essay lädt er dazu ein, bewusst nach den positiven Möglichkeiten zu suchen, die in den gegenwärtigen Umbrüchen liegen - nicht im Sinne einer naiven Beschönigung, sondern aus der Offenheit, die entsteht, wenn das Gewohnte kollabiert. "Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren", so Horx.
Die Welt nach Corona

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Kann die Corona-Krise unsere Ego-Kultur überwinden? 
Montag, 23. März 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Wir sind noch ganz am Anfang zu erfassen, was uns hier mit der Corona-Krise entgegen kommt. Und wir erleben sie aufgrund all der äußeren Einschränkungen, die wir gerade erfahren, wahrscheinlich zunächst vor allem als ein äußeres Ereignis. Doch gibt es schon erste Stimmen, die bereit sind, tiefer zu schauen. "Der Virus hält uns einen Spiegel vor. Er zwingt uns dazu, uns unseres eigenen Verhaltens und dessen Einfluss auf die Gemeinschaft bewusst zu werden. Dieser Spiegel lädt uns ein, unseren inneren Ort vom Ego zu einer Eco-Wahrnehmung zu verlagern", schreibt etwa der Transformationsexperte Otto Scharmer in einem Aufsatz zur Corona-Krise. Er beschreibt, dass unser Umgang mit Krisen, die Frage, ob wir erstarren und uns abwenden, oder uns ihr zuwenden, sowohl eine persönliche wie eine kollektive Dimension hat. Die Krise zu leugnen oder, wie in Amerika zu beobachten, egoistische Alleingänge zu propagieren, feuere eine Spirale der Selbstzerstörung an, findet Scharmer. Er stellt die - herausfordernde - Frage: "Was wäre, wenn wir den Umbruch als Chance begreifen, all das loszulassen, was in unserem Leben, unserer Arbeit und unseren institutionellen Routinen nicht notwendig ist?" Es ist spannend, sich auf diese Frage einzulassen. Denn wenn sich der erste Frust darüber, dass unser Leben gerade Kopf steht, legt, und wenn vielleicht sogar einige unserer berechtigten Ängste leiser werden, tut sich etwas auf. Man kommt wieder tiefer in Kontakt mit all dem, was wirklich wesentlich ist - und was in der alltäglichen Betriebsamkeit und der Einbindung in die Systeme as usual leicht aus der Wahrnehmung fällt. Scharmer äußert eine Hoffnung: "Vielleicht sind wir gerade zu einem globalen Moment aufgerufen, in dem alles und jeder für einen Augenblick innehält, für einen Moment der Stille, einen Moment der Verbindung zur Quelle."
Eight Emerging Lessons: From Coronavirus to Climate Action, 16.3.20

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Auf die Bedürfnisse statt aufs Wachstum schauen 
Freitag, 20. März 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Die ungleichen Einkommenschancen von Männern und Frauen am Arbeitsmarkt werden immer wieder zum Thema. Die Soziologin Gabriele Winker findet, dass es nicht ausreicht, nur über die unterschiedlichen Präferenzen der Geschlechter bei der Berufswahl zu diskutieren. Ihrer Erfahrung nach wird noch viel zu wenig betrachtet, dass die so genannte Care Arbeit, das Sorgen für die Familie, Haushalt oder die Betreuung von Verwandten, viel zu wenig als gesamtgesellschaftliches Thema wahrgenommen wird. Wo Care-Arbeit immer noch stärker von Frauen als von Männern wahrgenommen werde, müsse man über grundsätzliche Systemveränderungen nachdenken und vor allem über eine wirklich gemeinschaftliche Solidarität. "Nach wie vor wird die vor allem von Frauen ausgeführte unentlohnte Sorgearbeit in der Familie gesellschaftlich abgewertet und kaum unterstützt. Die Arbeitsteilung geht also mit einer Hierarchie der Geschlechter einher. Wenn wir das durchbrechen wollen, müssen wir die Trennung zwischen entlohnter und unentlohnter Arbeit aufheben. Dafür muss es uns gelingen, die entlohnte Arbeit zurückzudrängen. Zunächst bedarf es einer existenziellen Absicherung aller Menschen, beispielsweise durch das bedingungslose Grundeinkommen. Ferner muss Vollzeiterwerbsarbeit auf maximal 30 Wochenstunden begrenzt werden. Nur so bleibt Zeit für familiäre Sorge und auch Muße. Letztendlich plädiere ich für eine solidarische Gesellschaft: Eine solche Gesellschaft muss das Zusammenleben ausgehend von menschlichen Bedürfnissen gestalten, anstatt sich weiter an Wachstum und Profit auszurichten", sagt Winker in einem Interview in der Zeit. Gedankengänge wie diese sollten viel öfter öffentlich Beachtung finden, zumal die starke Fokussierung auf Erwerbsarbeit - die wachsende Zahl an Stresserkrankungen zeigt dies deutlich - beide Geschlechter immer mehr an die Grenze zur Überforderung bringt.
"Frauen wollen nicht nur Kinder gebären, damit andere sie betreuen", zeit.de 6.3.20

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