Haben wir uns der Arbeit ausgeliefert? 
Donnerstag, 26. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft, Arbeit
Ein Beitrag meines Lieblingssoziologen Hartmut Rosa in der NZZ hat mich schwer zum Nachdenken gebracht. Rosa beschreibt darin ausführlich, warum die Arbeitswelt heute für die meisten Menschen einer der wichtigsten, wenn nicht gar der wichtigste Resonanzraum ist. "Tatsächlich bildet insbesondere in der modernen Gesellschaft Arbeit nicht nur eine Resonanzachse, sondern sie stellt eine zentrale Resonanzquelle dar, in der sich eine Vielzahl von Resonanzachsen wie in einem Brennglas bündeln. Wir begegnen nämlich nicht nur der stofflich-materiellen, widerständigen Welt, an der wir unsere Selbstwirksamkeit entfalten, sondern immer auch anderen Menschen als Kollegen und/oder als Kunden beziehungsweise Klienten, und die überwältigende Mehrzahl von Arbeitenden entwickelt über die Zeit hinweg deshalb intensive soziale Resonanzbeziehungen am Arbeitsplatz: Die Kollegen sind uns nicht gleichgültig, sie berühren uns in ihrem Handeln und Leiden, und wir erfahren uns als selbstwirksam verbunden, wenn wir feststellen, dass wir auch ihnen etwas bedeuten", so Rosa. Die Bedeutsamkeiten und Beziehungen, die uns hier entgegenkommen, mögen uns im Leben tragen. Aber sie verbinden uns auch mit Systemen, die uns oft alles andere als gut tun. Noch kritischer finde ich aber, dass Arbeit heute auch die Sinndimension immer mehr einzunehmen scheint. "Über ihre Arbeit fühlen sich Menschen auch existenziell oder vertikal mit dem Ganzen der Gesellschaft, der Welt oder des Lebens verbunden. Ich nenne das die vertikale oder existenzielle Resonanzachse: Menschen brauchen und suchen nach einer Bestätigung oder einem Sinn dafür, dass sie mit dem Urgrund der Existenz und zugleich mit der Totalität des Daseins verbunden sind, und zwar so verbunden, dass ihr Dasein und ihr Handeln, ihre Existenz nicht spurlos vorübergeht, nicht wirkungslos und bedeutungslos bleibt. Menschen müssen sich einerseits als wirksam und andererseits als «gemeint», als «adressiert» erfahren können. In der Berufsarbeit können sich Menschen ihres resonanten In-der-Welt-Seins auf unmittelbar leiblich-materielle, auf sinnlich erfahrbare Weise vergewissern: In ihrem Arbeiten wirken sie auf die Welt ein und transformieren sie – und sei es «nur» das Regal im Supermarktlager –, und im Lohn- oder Gehaltszettel erfahren sie die nährende Antwort", so Rosa. Das finde ich eine bedenkliche, ja schmerzhafte Entwicklung. Ich glaube, leider, dass Hartmut Rosa hier ein sehr guter Beobachter der Verhältnisse unserer Zeit ist. Aber ich würde mir wünschen, dass wir wieder andere existenzielle Resonanzräume für uns entdecken und beleben, die nicht schon per se in die Funktionalismen des Leistens eingebunden sind.
In der Arbeit finden wir die Welt, NZZ 16.9.19

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Wie Apps in der Therapie helfen können 
Freitag, 2. August 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Meditations-Apps gibt es bereits wie Sand am Meer, und nicht alle entfalten für die Anwender einen wirklichen Nutzen. Das Experimentieren mit neuen Technologien könnte jedoch mittelfristig im Gesundheitssektor für manchen Durchbruch sorgen. An der Frankfurter Uniklinik etwa werden bei der Behandlung von Patienten mit bipolaren Störungen und Depressionen spezielle Medizin-Apps erprobt, die es den Therapeut*innen erleichtern sollen, Veränderungen im Gesundheitszustand ihrer Patient*innen zu erkennen, selbst wenn sie diesen selbst vielleicht noch gar nicht bewusst sind. Die Apps erstellen Bewegungsprofile der Nutzer und werten ihr Kommunikationsverhalten mit dem Smartphone aus. So lässt sich für die betreuenden Mediziner beispielsweise erkennen, ob jemand gerade dabei ist, über die Maßen aktiv zu werden oder in einen Rückzug verfällt - Indizien dafür, dass Krankheitssymptome sich zuspitzen. Für die Betroffenen kann das sehr hilfreich sein, denn so können die Therapeut*innen intervenieren, bevor die Patient*innen völlig aus der Bahn geworfen werden. Gleichzeitig führen die Apps allerdings auch zu gläsernen Patient*innen, was nicht jedem behagen mag. Ich finde es spannend, wie Psychologen versuchen, die neuen Technologien auf dem Menschen dienliche Weise zu nutzen. Gleichzeitig frage ich mich aber auch, ob hier nicht bereits heute stellenweise direkte menschliche Fürsorge durch Technik ersetzt wird.
Wenn das Handy Depressions-Alarm schlägt, FAZ 25.7.19

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Kann der Mensch "gehackt" werden? 
Donnerstag, 1. August 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Dass die Digitalisierung unser Leben heute mehr prägt, als wir gewöhnlich bewusst zur Kenntnis nehmen, dürfte inzwischen offensichtlich sein. Der Bestseller-Autor Yuval Harari geht davon aus, dass es absehbar noch schlimmer kommt. In einem Interview mit der NZZ spricht er darüber, dass es nicht mehr lange dauern dürfte, bis die Algorithmen der Computerkonzerne unser menschliches Innenleben vollends gehackt haben: "Einen Menschen zu hacken, heisst: ihn besser zu verstehen und zu durchschauen, als er selber das vermag. Früher oder später werden verschiedene Instanzen, seien es nun Unternehmen oder Staaten, die Gefühle, Wünsche, Ängste und Gedanken der Menschen mithilfe von Algorithmen ermitteln können. Die Folgen liegen auf der Hand: Wer die inneren Regungen der Menschen kennt, kann ihre Handlungen antizipieren. Und ihre Begehren natürlich auch manipulieren. Letztlich werden diese Instanzen also immer mehr Entscheidungen an unserer Stelle treffen, weil sie unsere inneren Abläufe absolut perfekt erfassen." Was mich an Harari immer ein wenig stört, selbst wenn er auf kluge Weise sehr relevante Themen anspricht, ist, wie sehr er den Menschen unter den Vorzeichen eines materialistischen Funktionalismus betrachtet. Auch im NZZ-Interview spricht er davon, beispielsweise wenn er die Gehirntätigkeit oder das Entstehen von Emotionen mit Algorithmen vergleicht. Andererseits scheint er uns Menschen auch - noch - die Fähigkeit zur Selbstreflektion zugute zu halten, wenngleich sie von uns nicht immer zwingend auch genutzt wird: "Am einfachsten zu manipulieren sind ausgerechnet jene Leute, die alles, was ihnen dauernd durch den Kopf geht, als Ausdruck ihres eigenen Willens oder als Produkt ihres autonomen Geistes sehen. Solche Personen haben keinerlei über sie hinausreichende Neugier. … Dagegen bringt es einen sehr viel weiter, wenn man kritisch danach fragt, wie Vorstellungen, Ideen und Wünsche eigentlich entstehen und geformt werden. Denn erst wenn ich begreife, wie stark mein Denken von allen möglichen biologischen, kulturellen und sozialen Faktoren geprägt wird, kann ich mir so etwas wie Freiheit überhaupt erkämpfen." In seiner Schlussfolgerung kann ich ihm nur zustimmen. In meiner Wahrnehmung ist es jedoch nicht nur die Wachheit gegenüber all diesen äußeren Einflussfaktoren, die uns vor dem Durchgriff der Algorithmen schützen kann. Denn letztlich sind wir als lebendige Wesen immer auch mit einer tieferen, man kann durchaus sagen mystischen Dimension des Lebens verbunden. Über unser eigenes Denken und Fühlen hinaus gibt es da immer etwas, das größer ist als wir selbst (und damit meine ich jetzt nicht die unglaublichen Rechenkapazitäten der Maschinenwelt). Und die Beziehung zu dieser Grenzenlosigkeit bringt eine grundsätzliche Offenheit und Unbestimmtheit in unser Menschsein, die sich von Algorithmen nicht durchdringen lässt. Es geht womöglich gar nicht darum, Angriffe der Algorithmen abzuwehren, sondern uns mehr auf das Wesen unserer Menschlichkeit bewusst auszurichten.
Yuval Noah Harari: «Vor einer vergleichbaren Herausforderung hat die Menschheit noch nie gestanden», NZZ 23.7.19

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Ist die Management-Ausbildung in einer Sackgasse? 
Mittwoch, 31. Juli 2019 - Wissenschaft, Arbeit, Management
"Die Managementausbildung ist zu engstirnig geworden. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, brauchen wir einen anderen Zugang", sagt Volker Rundshagen, Professor für Management mit Schwerpunkt Tourismusmanagement an der Hochschule Stralsund, in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Spätestens seit der letzten akuten Finanzkrise haben viele Menschen sehr kritisch auf dem Radar, dass das, was Business Schools üblicherweise lehren, sehr vom ökonomischen Paradigma der Gewinnmaximierung geprägt ist. Rundshagen wünscht sich mehr interdisziplinären Weitblick, denn im Lernen von anderen Forschungsbereichen könnten neue Zusammenhänge erkennbar werden und Synergien entstehen. Er führt die Impressionisten als Beispiel für eine Art "visionäre Hingabe" an, derer es auch in der Management-Ausbildung mehr bedürfe. In Kontexten, in denen vor allem auf Akkreditierungen und Rankings fokussiert werde, gehe eine solche Experimentierfreude allerdings verloren. "Die Impressionisten waren von einer visionären Hingabe getrieben. Bei der damals in Paris dominierenden, klassisch orientierten Kunstakademie stießen sie auf Unverständnis mit ihren neuen Ideen. Gegen diese Widerstände haben sie dennoch weitergemacht, haben sich zusammengefunden und einfach eine eigene Ausstellung auf die Beine gestellt", erzählt Rundshagen - und wünscht sich ähnliche Bewegungen auch, wenn es um die Ausbildung von Führungskräften geht. Für ihn sind die Impressionisten auch ein wunderbares Beispiel für eine positiv praktizierte Globalisierung: "Bei den Impressionisten bedeutete Internationalisierung mit verschiedenen Menschen und Kulturen zusammenzukommen. Es wurde nichts kopiert, sondern verschiedene Ansätze aufgegriffen, in die eigenen Ideen eingearbeitet und weiterentwickelt."
„Die Management-Ausbildung ist zu engstirnig“, WiWo 23.7.19

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Wie spirituell sollte Bildung sein? 
Freitag, 28. Juni 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Der Achtsamkeits-Trend hat Meditation auf breiter Basis von ihren spirituellen Wurzeln entkoppelt. Für viele Menschen, die heute Achtsamkeit praktizieren, um sich zu entspannen und gesünder zu sein, ist Meditieren eine Methode ähnlich wie Sport. Man macht sie, aber denkt nicht weiter darüber nach. Ein Projekt der University of Applied Sciences Frankfurt (UAS) zu "Persönlichkeit – Reflexion – Gesellschaft" sieht das anders. Mit dem Kongress "Meditation und die Zukunft der Bildung", der am 25. Oktober 2019 in der UAS stattfinden wird, möchte die Bildungsinstitution den spirituellen Kontext von Meditation und seine Bedeutung für die menschliche Entwicklung in Bildungskontexten näher betrachten. Der Kongress stellt Fragen wie: Sind Wissenschaft und Spiritualität Gegensätze oder sich ergänzende, komplementäre Erkenntnisweisen? Kann die Perspektive von Meditation und Spiritualität so rational sein wie die von Wissenschaft? Sind Fakten und Werte unterschiedliche Welten? Welches Menschenbild haben wir? Kann sich der Mensch selbst verändern? Brauchen wir für Schule, Studium und Beruf ein neues Persönlichkeitsprofil, um mit den Anforderungen komplexer Systeme besser und gelassener umgehen zu können? Ist die Evolution unseres Bewusstseins denkbar und notwendig für die Gesellschaft der Zukunft? Ich finde es spannend, wie hier existenzielle Perspektiven angedacht werden. Aus der bisherigen Meditationsforschung wissen wir, welche Wirkungen Achtsamkeit auf einer eher funktionalen Ebene hat. Vielleicht ist nun die Zeit reif dafür, tiefer zu gehen und auch zu fragen, wie Meditation unser Menschsein in der Tiefe öffnen und verändern kann.
Kongressankündigung

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Burn-out wird offiziell als Krankheit anerkannt 
Freitag, 7. Juni 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Die Weltgesundheitsorganisation hat angekündigt, dass Burn-out künftig als Krankheit anerkannt werden soll. In der neuen Klassifikationsliste ICD 11, die ab 2022 gelten soll, wird Burn-out dann als Syndrom geführt, das aufgrund von "chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird", auftritt. Allein diese Definition finde ich schon mehr als kritisch, da sie einen bestimmten Zusammenhang setzt, nämlich, dass chronischer Stress auch erfolgreich verarbeitet werden kann. Die WHO selbst weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Definition nur für Arbeitskontexte gelten soll, gibt sich also sehr genau. Aber bei diesem anderen Detail wird einiges übersehen. Ich bin keine Medizinerin, aber in medizinischen Berichten lese ich immer wieder, dass chronischer Stress nur eines ist - nicht lebensdienlich bzw. schädlich. Sicherlich ist die Stressschwelle für jeden Menschen eine andere, aber chronisch bedeutet dauernd, ständig. Verschiedene Studien zeigen, dass beispielsweise Tiere, die Dauerstress ausgesetzt werden, schneller sterben. Es scheint also Grenzen zu geben, oberhalb derer lebendige Organismen, und dazu zählen auch wir Menschen, Stress nicht mehr verarbeiten können. Die WHO-Definition ist gefährlich, denn sie bringt im Kontext von chronischem Stress qua Definition ins Spiel, dass er vielleicht doch individuell verarbeitet werden kann. Betroffene, denen das nicht gelingt, können dann zwar wunderbar als krank klassifiziert werden. Aber diese Klassifikation lässt die äußeren Umstände, die zur Erkrankung führen, völlig außer acht.
Burn-out erstmals als Krankheit anerkannt, zeit.de 28.5.19

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Meditation als Bildungsaufgabe 
Donnerstag, 11. April 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Wo eingeschliffene Lebensweisen immer mehr an Eigendynamik gewinnen und so beginnen, das Menschsein durch gewachsene systemische Logiken zu formen, kommt die Frage auf, wie wir unsere menschliche Autonomie in solchen oft stark unbewussten Prozessen behaupten können. Dabei geht es um mehr als nur die Tatsache, dass die Digitalisierung uns immer mehr mit ihren algorithmischen Prozessen durchdringt. Auch das Bildungssystem folgt längst Optimierungsideen, die den Faktor der menschlichen Entwicklung oft ausblenden oder funktionalisieren. Die Frankfurt University of Applied Science nahm diese Ausgangssituation zum Anlass, im Rahmen des so genannten "Selbstprojekts" ein Studienprogramm zu entwickeln, das die folgenden Ziele beinhaltete: Leidensverminderung, beispielsweise durch die Reduzierung von Stress und körperliche Entspannung, Selbsterkenntnis und eine Stärkung der geistigen Autonomie. Nun haben die Verantwortlichen einen Projektbericht vorgelegt, der zuversichtlich stimmt. Das Projekt scheint unter den Studierenden wieder den Sinn dafür geweckt zu haben, was es bedeuten kann, man selbst zu sein in einer Umgebung, die ihre ganz eigenen Anforderungen stellt. Meditative Praxis wurde in dem Programm nicht als Optimierungsstrategie verstanden, sondern als Weg, bewusster und gestärkter mit komplexen Herausforderungen umgehen zu können - weniger im Sinne eines Funktionierens im Gegebenen, sondern auch im Hinblick darauf, die eigene Persönlichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Vorstöße wie dieser scheinen so dringlich zu sein in einer Zeit, in der das eigentliche Menschsein vor allen äußeren Erwartungen sich immer mehr zu verlieren scheint.
Wie kommt Meditation ins Hier und Jetzt? Das Beispiel Hochschule, literaturkritik.de 1.4.19

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Atem als wesentlicher Anker im Alltag 
Mittwoch, 3. April 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Das Gute liegt oft so nahe. In einer Zeit, in der Stresserkrankungen immer mehr zum Thema werden und der Langzeitgebrauch von Antidepressiva besorgniserregend hoch ist, scheinen wir jede Hilfe brauchen zu können, um im Alltag Ruhe zu bewahren. Der wunde Punkt: Selbst Menschen, die bereits eine Therapie durchlaufen haben, verlieren zurück im Alltag gerne den Bezug zu all den konstruktiven Entspannungstechniken, die sie gelernt haben, und verfallen wieder in den alten Trott. Der Psychosomatiker Thomas Loew empfiehlt deshalb eine einfache Atemtechnik, die man leicht während des Tages immer wieder einmal machen kann - vier Sekunden einatmen, sieben Sekunden ausatmen und das elf Minuten lang. Entspannung kann so einfach und naheliegend sein!
"So schön alltagstauglich", Psychologie heute 13.3.19


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