TU Kaiserslautern entwickelt neue Stress-App 
Freitag, 9. November 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Meditieren mit Apps scheint immer mehr zum Trend zu werden. Die TU Kaiserslautern ist nun dabei, eine App für besseres Stressmanagement zu entwickeln. "Stress-Mentor" soll Menschen dabei unterstützen, spielerisch Meditation und Bewegung in den Alltag einzubauen. Eine Tagebuch-Funktion soll dabei helfen, Stressoren besser zu erkennen und konstruktiver mit ihnen umzugehen. Um die Motivation während der Übungsphase zu stärken, sind die Übungen der App mit einem Fabelwesen gekoppelt, um das sich die App-Nutzer "kümmern" müssen, indem sie wenigstens eine Übung am Tag absolvieren. Die Entwickler der App betrachten den digitalen Helfer nicht als dauernde Unterstützung. Das Tool soll lediglich dabei helfen, verschiedene Übungen zu erlernen und in den Alltag zu integrieren, so dass man die App schließlich nicht mehr braucht.
Pressemitteilung der TU Kaiserslautern 29.10.18

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Achtsamkeit als Ego-Trend 
Donnerstag, 20. September 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Achtsamkeit ist in vieler Munde. Die damit verbundene Herauslösung der Meditation aus explizit spirituellen Kontexten hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass sich breite Bevölkerungsschichten dem Meditieren zuwenden, und dies oft mit ganz selbstbezogenen Motiven. "Das Überangebot scheint mir die eigentliche, authentische Idee der Achtsamkeit immer mehr zu verdrängen, ja zu pervertieren. Es geht dabei nicht um das eigene Ego, nicht um ständige Beschäftigung mit sich selbst und die Konzentration auf das eigene Denken und Fühlen", kritisiert Thomas Joiner, Professor für Psychologie an der Florida State University in Tallahassee, den Mindfulness-Trend. Er findet: "Vielen Achtsamkeitstrainings fehlt das Moment der Demut. Dem ursprünglichen Geist nach soll uns Achtsamkeit Bescheidenheit und Distanz lehren. Bei dieser Sichtweise ist das Ich vielleicht nicht gerade eine Illusion, aber doch gar nicht so wichtig, es ist ein Staubkorn im Universum. Der gegenwärtige Hype um die Achtsamkeit stellt den Einzelnen und sein Befinden in den Mittelpunkt. Statt auf Demut zielen viele Trainings auf Selbstoptimierung." In seinen Augen deutet das große Interesse an Achtsamkeit auch auf eine Art kulturellen Narzissmus. "In unserer ichbezogenen Gesellschaft hat die Achtsamkeit auf einmal eine ganz neue Funktion bekommen: Sie wird als Mittel zur Potenzialentfaltung und zur ungehemmten Beschäftigung mit dem eigenen Befinden betrachtet. Diese narzisstische Selbstbespiegelung ist ein Symptom unserer Zeit", so Joiner.
Der Hype um die Achtsamkeit, spektrum.de 11.9.18

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Kann Achtsamkeit zur Falle werden? 
Freitag, 13. Juli 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Der Mindfulness-Trend führt immer mehr dazu, dass Meditation und Achtsamkeit auch als Selbstoptimierungs-Techniken angewendet werden. In einem Interview für eine Beilage von evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur zum Kongress Meditation & Wissenschaft 2018 kritisiert der bekannte Fernsehmoderator Gert Scobel die vereinfachenden Betrachtungsweisen im Umgang mit Meditation. "Achtsamkeit alleine macht noch keine guten Menschen. Selbst Erwachen oder Erleuchtung – wie auch immer man es nennen will – als vertiefte Praxis der Meditation macht noch keine guten Menschen", sagt er. Ein wunder Punkt in unserer Wahrnehmung der Möglichkeiten von Meditation: "Wir erkennen die Fiktionalität unserer Erwartungen nicht." Scobel versucht dafür zu sensibilisieren, dass die Wissenschaft im Hinblick darauf, was Achtsamkeit für unser gefühltes Menschsein und unsere Handlungsmöglichkeiten bedeutet, erst ganz am Anfang stehe. "Alle wissenschaftlichen Untersuchungen kommen aus der Dritte-Person-Perspektive: jemand untersucht jemand anderen, der irgendetwas mit seinem Bewusstsein macht. Man kann analysieren, was in dieser Zeit, in der sich das Bewusstsein oder das Verhalten verändert, im Gehirn geschieht. Aber das ist etwas völlig anderes als die Erste-Person-Perspektive: wie fühlt es sich an, wenn ich diesen veränderten Bewusstseinszustand erfahre und beispielsweise dualistische Unterscheidungen fallen lasse und eine Einheit mit der Welt nicht nur denke, sondern erfahre und erlebe. Das sind zwei völlig unterschiedliche Welten", sagt er. Bei Kongress Meditation & Wissenschaft 2018, der am 30. November / 1. Dezember 2018 in Berlin stattfinden wird, hat Scobel vor, dieses Dilemma in seinem Festvortrag zum Thema "Paradoxien der Meditation - Über Weisheit und Wissenschaft, säkulare Ethik und Fiktion" näher zu beleuchten.
Drahtseilakt Selbstoptimierung, Kongress Meditation & Wissenschaft

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Langeweile kann eine Kulturtechnik sein 
Dienstag, 10. Juli 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Langeweile hat meist einen schlechten Ruf. In Zeiten des permanenten Beschäftigtseins ist es uns oft unheimlich, wenn einmal nichts zu tun ist. Auch bei monotonen Tätigkeiten sucht etwas in uns gerne nach einer Ausflucht, nach etwas, das unseren Geist mehr fesselt und interessiert. Vielleicht sollten wir die Langeweile aber einfach einmal aushalten, denn, das zeigt ein Artikel in der Wirtschaftswoche, in diesem geistigen Raum des Nicht-gefordert-Seins wird eine Menge möglich. Studien etwa zeigen, dass Menschen, die zuvor eine sehr langweilige Aufgabe ausgeführt haben, anschließend wesentlich kreativer sind. "Man vergeudet Jahre, wenn man nicht in der Lage ist, Stunden zu vergeuden", soll der israelisch-amerikanische Psychologe Amos Tversky gesagt haben. Die temporäre Unterforderung des Geistes scheint ihn in Bestform zu bringen. Langeweile, dieser innere Raum frei von Ablenkungen, öffnet darüber hinaus eine Sphäre der Selbstbegegnung. "Fruchtbar wird die Langeweile, wenn ich, statt zu sagen: Etwas langweilt mich, zu der Erkenntnis vorstoße: Ich langweile mich", erklärt der Autor Norbert Bolz in seinem Buch "Lob der Langeweile". Vielleicht sollten wir uns bewusst viel öfter Zeit nehmen, um uns langweilen zu können ...
Ein Lob der Langeweile, WiWo 10.7.18

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Subjektivität neu entdecken 
Donnerstag, 24. Mai 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
In ihrem neuen Buch "Die Illusion der Gewissheit" wirft die Schriftstellerin Siri Hustvedt einen interessanten Blick auf unser Verständnis des Menschseins. Sie spricht sich nicht nur dafür aus, Menschsein holistischer zu sehen, sie kritisiert auch, dass die westliche Neigung zur Verwissenschaftlichung der Dimension des Subjektiven nicht gerecht wird. "Bei allen objektiven Daten sieht man nicht, was die subjektiven Erfahrungen eines Menschen sind, was es bedeutet, ein Mensch in der Welt zu sein, und dass sich das nicht einfach so quantifizieren lässt wie andere physiologische Veränderungen", so Hustvedt. Vielleicht mit ein Grund, warum Hustvedt besonders kritisch wird, wenn es um künstliche Intelligenz geht. "Es ist klar, dass Künstliche Intelligenz in gewisser Weise auch messbar ist, zum Beispiel können Computer Schach spielen, sie können das besser als Menschen oftmals, aber ich stehe nicht alleine mit der Ansicht: Viele glauben, dass Computer nicht in der Lage sein werden, Emotionen zu entwickeln, denn das Modell gibt das so nicht vor. Wir verstehen auch nicht genau genug, wie diese biologischen Prozesse der Emotionen überhaupt funktionieren", sagt sie. Heute erlebt beispielsweise Meditation einen ungeahnten Boom, weil unzählige wissenschaftliche Studien ihre Wirksamkeit nachweisen. Aber womöglich tun wir viel besser daran, erst einmal damit zu beginnen, unsere eigenen, inneren Erfahrungen systematischer zu betrachten und Schlüsse daraus zu ziehen. Damit meine ich nicht die typische selbstbezogene Nabelschau (die oft alle möglichen oder auch unmöglichen Ideen der Selbstverbesserung im Gepäck hat). Nein, vielleicht geht es heute tatsächlich um die Frage, wer wir unserem tiefsten Wesen nach sind. Es ist eine Frage, die nur wir selbst beantworten können, in einer gemeinsamen Erkundung, die sich nicht nach Objektivitäten streckt, sondern beginnt, die intersubjektiven Muster unseres Menschseins in die Sichtbarkeit zu bringen. Es ist vielleicht so etwas wie eine neue Psychowissenschaft, die statt nach der Gewinnung von Daten, nach der ernsthaften Betrachtung von Erfahrungen strebt.
Plädoyer für ein ganzheitliches Verständnis vom Menschen, Deutschlandfunk Kultur, 17.5.18

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Unsere Persönlichkeit ist nie fertig 
Mittwoch, 23. Mai 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Die Psychologie ging lange davon, dass unsere Persönlichkeitsentwicklung im jungen Erwachsenenalter um die 30 nahezu abgeschlossen ist. Neuere Untersuchungen zeigen hingegen, dass selbst bis ins hohe Alter noch einschneidende Veränderungen nicht nur möglich sind, sondern auch gar nicht so selten vorkommen. Jule Specht, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin, hat in ihren Studien etwa festgestellt, dass etwa jeder fünfte Mensch um die 60 sich noch einmal gravierend verändert. Bisher waren solche Entwicklungen nicht so augenscheinlich, da Studien zur Persönlichkeit häufig vor allem mit jüngeren Menschen als Probanden durchgeführt werden und es kaum Längsschnittstudien über längere Zeiträume gibt. Da das soziooekonomische Panel inzwischen auch Daten zur Persönlichkeit erhebt, gibt es heute einen neuen Materialfundus. Specht fand zum Beispiel heraus, dass die Elternschaft Menschen weit weniger verändert als beispielsweise der Eintritt in das Berufsleben. Sie erklärt das damit, dass der Job uns mit konkreten sozialen Anforderungen und Erwartungen konfrontiert, an die wir uns anpassen, um erfolgreich zu sein. Eigentlich ist es interessant, sich einmal zu vergegenwärtigen, wie vergleichsweise wenig das Thema Persönlichkeitsentwicklung in unserer Kultur präsent ist. Sicher, in der Schule geht es noch um Entwicklung, aber allzu oft noch vor allem mit Blick darauf, später für den Beruf gerüstet zu sein. Und auch im Job stehen meist Qualifikationen im Fokus, auch wenn man sie heute gerne Soft Skills nennt. Aber sich immer wieder zu fragen, wer ich eigentlich bin, und, noch wichtiger, wer ich denn sein möchte, das hat kulturell kaum einen Stellenwert. Spechts Forschungen zeigen, wie lohnenswert es sein könnte, uns diese Fragen häufiger zu stellen.
"Die Persönlichkeitsentwicklung ist niemals fertig", Zeit.de 12.5.18

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Die Sehnsucht nach der Natur flammt wieder auf 
Dienstag, 22. Mai 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
In gewisser Weise ist es bizarr, wie sich die menschliche Sehnsucht nach Natur in Zeiten der immer weiter um sich greifenden Urbanisierung aufbäumt. In einem Artikel greift die Zeit das Thema "Waldbaden" auf. Ja, richtig gelesen. Der "Trend" kommt aus Japan, wo die wissenschaftliche Erforschung der Wirkung des Waldes auf den Menschen bereits eine längere Tradition hat. Viele medizinische Untersuchungen erklären uns heute sehr detailliert, welche Bestandteile der gesunden Waldluft dem Körper gut tun und auch eine wohltuende Wirkung auf Geist und Seele zu haben scheinen. Heute geht man deshalb nicht mehr einfach spazieren, man badet im Wald. Wo unsere Ahnen noch versuchten, der sie beherrschenden Natur zu entrinnen, Städte bauten und, zumindest zwischenzeitlich, diese Durchbrüche menschlicher Schaffenskraft als positive Entwicklung des Menschseins genossen, scheinen wir heute an einer Schwelle zu stehen. Je mehr sich unsere Städte ausweiten, umso mehr geht uns der unmittelbare Kontakt mit dem Natürlichen verloren. Der heute vielfach empfundene Zivilisationsstress liegt vielleicht nicht nur an zu viel Arbeit und den Lasten der Digitalisierung. Womöglich wird uns langsam bewusst, dass Natur für unser Menschsein ebenso essenziell ist wie die kulturelle Pflege des Menschseins. Ich finde den Zeit-Artikel anregend, weil er diese Dimension wieder ins Bewusstsein bringt. Die wissenschaftlichen Erklärungen sind erhellend, doch sollte man nicht den Fehler machen, nun zu versuchen, die Natur zu funktionalisieren. Waldbaden funktioniert vielleicht gerade deshalb, weil es uns wieder mit der Absichtslosigkeit, mit dem schlichten Dasein in Kontakt bringt.
Spring! Zeit Online 8.5.18

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Zerstört das Internet unser Leben? 
Donnerstag, 17. Mai 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Hunderte E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten rauschen jede Woche durch unsere Smartphones. Hier schnell etwas googeln, in der Mediathek die neuesten Nachrichten schauen, regelmäßig checken, was in den sozialen Netzwerken los ist. Wohl jeder hat bisweilen das Gefühl, dass das alles zu viel ist. Uns rauscht der Kopf und es fällt nicht leicht, in dieser Flut der digitalen Bewegung noch den Überblick zu behalten. Der Mediziner und Hirnforscher Manfred Spitzer gehört zu den großen Kritikern dieser Digitalisierungs-Verwerfungen. Mit seinen Büchern über digitale Demenz und Cyberkrankheit erzielt er einen Publikumserfolg nach dem anderen - weil das, was er sagt und schreibt, die Wahrnehmung vieler bestätigt. Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung geht nun sehr kritisch auf Spitzers Arbeiten ein. Der Beitrag zeigt, dass Spitzer wissenschaftliche Erkenntnisse recht freihändig und im eigenen Sinne deutet. Daten, die seine Thesen nicht unterstützen, lässt er anscheinend außen vor. Das Fazit des Beitrages: Anscheinend ist alles gar nicht so schlimm, wie Spitzer behauptet. Womöglich ist Spitzer tatsächlich nicht so wissenschaftlich, wie er sich gibt. Und vor populistischen Zuspitzungen schreckt er ganz sicher nicht zurück. Die Problematik zeigt aber auch: Wissenschaftliche Fakten haben keine Aussagekraft für sich, sie bedürfen eines Kontextes und einer Deutung. Und hier kommen sehr schnell Weltbilder und Absichten ins Spiel. Vielleicht ist die Spitzer-Euphorie auch der Tatsache geschuldet, dass viele Fachpublikationen immer neue Tipps geben, wie wir mit der Digitalisierung unseres Lebens doch noch zu Rande kommen können. Wer versucht, am Ball zu bleiben, merkt dann oft schnell, dass dies ab einem bestimmten Punkt kaum noch möglich ist. Manchmal hilft nur das Abschalten der Geräte, um etwas Ruhe zu finden. Spitzer schreibt auch gegen den Zeitgeist an, das "Immer höher, immer schneller, immer weiter". Viele Menschen spüren, dass der Mensch eine Grenze der Anpassungsfähigkeit zu erreichen scheint - und sie haben einfach keine Lust mehr, sich immer mehr an die Zumutungen der Technik anzupassen. Dieses Phänomen könnte man sicher mit wissenschaftlichen Fakten belegen, wenn jemand mal Studien dazu machen würde. Spitzer dreht den Spieß vielleicht einfach rum - er erkennt das Phänomen und bastelt sich seine Beweise aus der Forschung, die schon gemacht wurde. Das ist vielleicht nicht immer wissenschaftlich redlich. Aber es deutet gleichermaßen auf eine Realität.
Über einen, der aus Ängsten Geld macht, SZ 8.5.18

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