Defizit-Perspektive der Ämter hilft Arbeitslosen nicht weiter 
Donnerstag, 6. März 2014 - Arbeit
Wenngleich die Arbeitslosenstatistik gegenwärtig recht gut aussieht, bleibt das Thema Langzeitarbeitslosigkeit nach wie vor virulent. Der Sozialpädagoge Dirk Kratz hat für seine Dissertation Langzeitarbeitslose befragt und erkundet, ob und in welcher Form die zuständigen Ämter sie unterstützen. Seine Einschätzung ist ernüchternd: Er kritisiert, dass Arbeitslose bisweilen wie Kinder behandelt würden, die Behörden eine recht funktionale Perspektive und die Ratsuchenden anwendeten und vielfach gar nicht versucht werde, an die bisherige Erwerbsbiographie der Betroffenen anzuknüpfen. "Das Problem liegt im Konzept, das dahinter steckt – oder, wenn man so will, in der Weltsicht der Ämter und der Arbeitsmarktpolitik. In den Jobcentern und Arbeitsagenturen arbeitet man mit einem ziemlich technischen Modell. Dessen Logik besagt, etwas verkürzt: Wenn jemand keine Arbeit findet, dann liegt das daran, dass ihm bestimmte Fähigkeiten fehlen …", so Kratz. Mit seiner Arbeit sensibilisiert der Pädagoge dafür, dass es nicht reiche, Menschen einfach in Jobs, die gerade verfügbar sind, zu qualifizieren - und beispielsweise durch die vergleichsweise kurze Weiterbildung Sicherheitskräfte heranzuziehen, die dann doch nur wieder prekär beschäftigt sind. Kratz plädiert dafür, in der Arbeitsvermittlung und besonders der Qualifizierung viel stärker an individuelle Biographien anzuknüpfen und die Fähigkeiten, die Arbeitslose mitbringen, stärker zu würdigen und auszubauen.
"Die Jobcenter richten großen Schaden an", Zeit online 24.2.14



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Mut zum Job-Patchwork 
Donnerstag, 20. Februar 2014 - Arbeit
Die Wirtschaftswissenschaftlerin, Kulturmanagerin und Berufsberaterin Beate Westphal ist bekennende Multijobberin. In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung erklärt sie, warum ein Mix aus unterschiedlichen Job für mehr Freude und Entfaltung im Arbeitsleben sorgen könnte. Westphal weist gerne darauf hin, dass die Vorstellung, mit einem einzigen Arbeitsverhältnis sein Leben zu gestalten und sein Auskommen sicherzustellen, historisch erst durch die Industrialisierung und die damit verbundene Spezialisierung entstanden sei - früher habe Leben immer bedeutet, verschiedenen Tätigkeiten nachzugehen. Dem setzt die Beraterin entgegen: "Es ist illusorisch zu glauben, dass wir all unsere Interessen in einem einzigen Job befriedigen können." Ihr Tipp: Die eigenen Interessen und Talente betrachten und sich zu überlegen, welche davon sich auch in eine bezahlte Tätigkeit einbringen lassen. Da unser Sicherheitsdenken und pure Gewohnheit solche Gedankengänge nur allzu leicht verhindern, rät Westphal dazu, beim Sinnieren anzunehmen, man müsste fünf verschiedene Jobs machen - das durchbreche manche Denkblockade. Fragen könnten sein: "Was macht mir in meinem Leben Spaß? Wobei das oft gar nicht so einfach ist: Wir sind heute vernunftgeleitetes Denken gewohnt - über das nachzudenken, was uns Spaß macht, kommt uns fast ungehörig vor. Einfacher ist da für viele schon die Frage nach den eigenen Stärken zu beantworten: Was gelingt mir immer wieder gut? Wenn ich meine Talente und Interessen notiert habe, geht es darum, beides sinnvoll miteinander zu verbinden." Mit diesem Ansatz will die Berufsberaterin vor allem Menschen, die sich in ihrer Tätigkeit unterfordert fühlen, neue Perspektiven vermitteln. Sie denkt dabei an Hochqualifizierte, nicht an Menschen, die fürs nackte Überleben zu Multi-Jobbern werden, die beispielsweise mehrere 400-Euro-Jobs nebeneinander bedienen.
"Mit nur einem Job würde ich unruhig schlafen", SZ 12.2.14


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Spielerisch die Daumenschrauben anziehen? 
Dienstag, 18. Februar 2014 - Arbeit
Die taz berichtet in einem Beitrag sehr kritisch über den neuen Trend zum Spielen im Business, der unter dem Begriff Gamification immer stärkere Verbreitung findet. Firmen nutzen spielerisch angelegte Software, um ihre Mitarbeiter bei ihrer Arbeit zu motivieren - und meist auch deren Leistung zu messen. Die Programme werden nicht nur dazu genutzt, um Mitarbeiter in neuen Fähigkeiten zu schulen oder ihnen, beispielsweise im Support, Verhaltensänderungen zu vermitteln. Sie lassen es auch leicht zu, Ranglisten zur Leistung der Beteiligten zu erstellen. Was wiederum die Konkurrenz innerhalb von Unternehmen deutlich erhöhen kann. So weist die taz darauf hin, wie dünn die Linie zwischen Motivation und Manipulation ist. Bei Microsoft etwa hatte eine Software die Produktivität und die Arbeitsleistungen der Mitarbeiter bewertet und die Angestellten darauf basierend in die Gruppen "top performer", "average" und "poor" eingeordnet, was innerhalb der Mitarbeiterschaft zu viel Kritik geführt hatte, so dass das Unternehmen nun eine Software einsetzen möchte, die eher die Förderung von Team-Zusammenarbeit in den Mittelpunkt stellt.
Virtuellen Möhren hinterherhecheln, taz 10.2.14


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Wird die Festanstellung zum Auslaufmodell? 
Donnerstag, 13. Februar 2014 - Arbeit
Immer mehr Menschen scheinen jenseits der Festanstellung ihr berufliches Glück zu suchen, so dass die Wirtschaftswoche in einem Artikel bereits die Frage stellt, ob dauerhafte Arbeitsverhältnisse nicht dabei sind, zum Auslaufmodell zu werden. So ist in Deutschland die Zahl der Freiberufler in den letzten zehn Jahren von 783.000 auf 1,23 Millionen angestiegen. Ein Grund dafür: Flexibilität, Selbstverwirklichung und Abwechslung stehen bei den Selbstständigen besonders hoch im Kurs - und diese Rahmenbedingungen scheinen sie in einer Festanstellung immer seltener zu finden. Da Festanstellungen immer unsicherer werden, weil die durchschnittliche Verweildauer an einem Arbeitsplatz sinkt (nicht nur durch die Kündigung seitens des Arbeitnehmers, sondern vor allem auch durch den Abbau von Arbeitsplätzen), wird der Schritt in die Selbstständigkeit von immer mehr Menschen als gar nicht so risikoreich erlebt. Blieben laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in den 1980-er Jahren die unter 30-Jährigen im Schnitt noch 814 Tage bei einem Unternehmen, sind es heute nur noch 536 Tage. Die immer kürzere Beschäftigungsdauer zeigt sich auch in Spitzenpositionen. Blieben die Chefs der größten Konzerne in Deutschland 2011 noch 7,6 Jahre in ihrer Position, waren es 2012 schon nur noch 6,2 Jahre. Insgesamt wechselte 2012 jeder dritte Arbeitnehmer seinen Arbeitgeber. Auf diese Bewegungen in der Arbeitswelt, die nicht zuletzt durch die heranwachsende Gen Y, die tendenziell mehr Freiheiten fordert als ältere Arbeitnehmer, immer stärker zu werden scheinen, versuchen viele Arbeitgeber bereits zu reagieren, indem sie die Rahmenbedingungen ihrer Beschäftigungsverhältnisse attraktiver zu machen versuchen. Was aber, wenn dies gar nicht die eigentliche Lösung ist? Vielleicht sollten wir damit beginnen häufiger zu fragen, wie sich unsere Vorstellungen von der Arbeitswelt insgesamt verändern sollten, damit die Arbeit noch zu uns passt?
Raus aus dem Hamsterkäfig, WiWo 4.2.14


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Fehlt Frauen das typische Wadenbeißer-Gen? 
Donnerstag, 23. Januar 2014 - Arbeit
Ein Interview auf Spiegel online mit der Gründerin einer Risikokapitalfirma zeigt einmal mehr, dass selbst viele Frauen Erfolg schlicht über Ego-Qualitäten definieren. Julie Meyer jedenfalls propagiert knallhart typisch männliche Prinzipien, wenn es darum geht, im Job etwas zu erreichen: "Frauen müssen eine gewisse Aggressivität in der Wirtschaft akzeptieren. Manchmal tun auf Konferenzen alle so, als wären sie Schwestern. Aber damit gewinnt man nicht. Die Welt ist nicht fair. Deshalb brauchen Frauen auch bestimmte männliche Qualitäten, etwa Durchsetzungsfähigkeit und Kampfgeist." Und natürlich ein "enormes Ego": "Darum geht es doch: der Welt seinen Stempel aufzudrücken. Heute reden zwar viele junge Leute davon, dass sie etwas bewirken, einen Unterschied machen wollen. Aber letztlich geht es doch nur um das Ego…" Meyer rät Frauen dazu, "Siege für sich zu reklamieren", da es nicht reiche, nur gute Arbeit abzuliefern. Und sie findet, dass solche Siege sich nicht mit einer 40-Stunden-Woche erreichen lassen - 50-60 Stunden oder noch mehr, sie selbst arbeitet wöchentlich 75 Stunden, sei da schon angemessen. Als Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes in der Wirtschaft sind diese Diagnosen - leider - sicherlich richtig. Viel spannender wäre aber doch die Frage, ob wir wirklich in einer Welt leben möchten, in der es nur ums Ego geht ...
"Ich arbeite 75 Stunden die Woche, und ich liebe es", Spiegel online 15.1.14


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Wohlbefinden als Wirtschaftsfaktor 
Mittwoch, 11. Dezember 2013 - Arbeit
In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt richtet die Psychologin Ilona Bürgel den Blick darauf, warum es für Unternehmen hilfreich sein könnte, eine Kultur des Wohlbefindens gezielt zu fördern. "Glückliche Menschen leben länger und gesünder, sind produktiver, verdienen mehr, haben zufriedenere Kunden und Mitarbeiter und können Krisen besser meistern", so ihr Argument. Bürgel plädiert für ein "Recht auf gute Stimmung" im Unternehmen und führt dafür gute Gründe an. Da die Forschung zeige, dass negative Gefühle deutlich stärker wirken als positive, sei ein Verhältnis von 3:1 zugunsten des Positiven notwendig, um Negativspiralen zu vermeiden. Regelmäßige Pausen während des Arbeitstages, ungestörter Urlaub, pünktlicher Feierabend - die Möglichkeiten, die Stimmung in Betrieben zu verbessern, sind eigentlich recht einfach umzusetzen. Auch kleinere Veränderungen in der Arbeitskultur können große Wirkungen zeigen: "Starten Sie Aufwärtsspiralen: Teilen Sie gute Nachrichten mit vielen Menschen, beginnen Sie Teammeetings mit Erfolgsnachrichten, schreiben Sie Nettigkeiten in den Absender Ihrer E-Mails. Gute Gefühle ziehen weitere nach sich und stecken genauso an wie negative."
"Kranke Mitarbeiter stecken mit negativen Gefühlen an", HB 3.12.13


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Brauchen wir eine neue Zeit-Kultur? 
Dienstag, 10. Dezember 2013 - Arbeit
Die Zeit geht in einem interessanten Beitrag unserem heutigen Verständnis von Lebenszeit nach und wirft damit die Frage auf, ob wir als Gesellschaft nicht gar eine völlig neue Zeit-Kultur brauchen. Immer mehr Menschen, die es sich finanziell leisten können, reduzieren ihre reguläre Arbeitszeit - und zwar nicht alleine, wenn sie im Zuge der Familiengründung mehr Zeit für den Nachwuchs haben möchten, sondern eben auch, weil sie den Zeitgewinn für sich und ihre persönlichen Interessen als wertvoll und notwendig erachten. In der Arbeitsmarkt- und Familienpolitik findet diese Interessenlage bisher nur wenig Widerhall, da Bezugspunkt der meisten Maßnahmen immer noch eine Vorstellung von Vollerwerbstätigkeit und 40-Stunden-Woche ist. Teilzeit ist zumeist etwas für Frauen, die Kinder haben - oder beinahe schon dekadenter Luxus für diejenigen, die viel verdienen und sich geringere Wochenarbeitszeiten leisten können. Auf die Idee, dass Leben mehr bedeuten könnte als arbeiten zu gehen und Kinder großzuziehen, kommen indes nur wenige - darunter zum Beispiel die Bildungssoziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin Jutta Allmendinger, die vorschlägt: "32 Stunden sind die neue Vollzeit." Statistisch haben wir dieses Ziel schon erreicht, denn in Deutschland liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei 30,11 Stunden - sie verteilt sich allerdings auch auf Vielarbeiter, die bis zu 80 Stunden pro Woche ihrer Arbeit nachgehen, oder auf Menschen in "Zwangs-Teilzeit", die schlicht ihre Stundenzahl nicht aufstocken können. Weniger zu arbeiten, bleibt für viele Menschen vor allem deshalb ein Traum, weil ihre Löhne schlicht zu niedrig sind, um mit weniger Arbeitsstunden überhaupt über die Runden zu kommen. Und dennoch: An einem Punkt sollte man vielleicht einfach einmal beginnen, die Arbeits- und Zeitfrage unter neuen Vorzeichen zu diskutieren. Und nicht für fragen, was einzelne Menschen sich leisten können, sondern auch, was wir als Gesamtgesellschaft uns leisten wollen ...
Mehr muss es nicht sein, Die Zeit 5.12.13


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Meditation im betrieblichen Gesundheitsmanagement 
Donnerstag, 21. November 2013 - Arbeit
Die FAZ zeigt in einem großen Beitrag, warum immer mehr Firmen bewusst in ihr betriebliches Gesundheitsmanagement investieren und hier verstärkt auch auf Meditation setzen. Noch sind es vor allem eher die großen Unternehmen, die sich gesundheitsfördernde Maßnahmen leisten. Ob Fitness, Yoga oder zunehmend auch Formen der Meditation und Achtsamkeit - in Betrieben, die den Gesundheitsstand ihrer Mitarbeiter regelmäßig betrachten, sind die Handlungsnotwendigkeiten meist offensichtlich. Kleinere Firmen, bei denen das Personalwesen meist nicht viel mehr als die Lohnbuchhaltung bedeutet, tun sich hingegen noch eher schwer. Und selbst wenn sie Bedarf erkennen, scheuen sie meist vor konkreten Angeboten zurück, weil sie Arbeitsausfall fürchten oder auch der Nutzen von Gesundheitsförderung sich bisweilen nur schwer direkt nachweisen lässt. Was bedeutet es, wenn Mitarbeiter durch regelmäßiges Meditieren entspannter sind, sich besser konzentrieren können oder auch freundlicher werden im Umgang mit den Kollegen? Solche weichen Wirkungen sind häufig nur schwer messbar, und noch schwerer fällt es, ihren betriebswirtschaftlichen Nutzen klar zu beziffern. Andererseits legen die gängigen Statistiken zum Anstieg von Stresserkrankungen und Burn-outs nahe, dass zumindest rein rechnerisch kaum eine Firma von dem Phänomen nicht betroffen sein dürfte. Und immer mehr wissenschaftliche Studien belegen, dass Achtsamkeitsangebote und gesundheitliche Programme den Krankenstand verringern können und zugleich Mitarbeiter zufriedener werden lassen. Der Beitrag jedenfalls kommt zu dem Schluss, dass Unternehmen es sich, so sie ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht riskieren möchten, eigentlich kaum noch leisten können, nicht durch entsprechende Angebote zu reagieren.
Meditieren mit Kollegen, FAZ 12.11.13


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