Licht und Schatten des Psychobooms 
Donnerstag, 5. Juli 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Wie sehr die Psychologisierung der letzten 50 Jahre unser Selbstverständnis heute prägt, ist wohl den wenigsten wirklich bewusst. Mal schnell zum Coach gehen, um eigene Schwächen zu analysieren und zu überwinden, oder zum Psychologen, wenn unsere Gemütsstimmung über längere Zeit düster ist, das ist für viele heute ganz alltäglich. Noch ein, zwei Generationen früher wäre das nicht denkbar gewesen. Der Psychoboom der letzten Jahrzehnte hat viel in unserem Menschsein geöffnet. "Verfahren des Psychobooms schließen in ihr Vorgehen Existenz- und Sinnfragen mit ein. Spiritualität ist in den meisten Ansätzen der humanistischen Therapien ein wichtiges Thema. Auch in der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie ist in den letzten Jahren ein 'spiritual turn' zu bemerken", heißt es in einem Dossier der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Doch diese verstärkte Zuwendung zur Tiefendimension unseres Daseins hat auch Kehrseiten: "Der Psychoboom hat durch die Ideologisierung therapeutischer Methoden zu einer teilweise übertriebenen Therapeutisierung des Alltags geführt. Störungen wie Depression, posttraumatische Belastungsstörung, Burn-out oder Narzissmus scheinen sich epidemieartig verbreitet zu haben und werden zum Teil immer noch eilfertig und undifferenziert diagnostiziert." Im Territorium zwischen oft notwendiger Heilung und Heilsversprechen wird der Boden leicht dünn. Ich finde es spannend, sich zu vergegenwärtigen, dass der Siegeszug des Psychischen uns einerseits als Menschen wachsen lässt, aber auch die Gefahr des übertriebenen Selbstbezugs in sich birgt. Und dass die Beziehung zu unserer Innenwelt uns für Größeres wie Spiritualität öffnen kann, uns aber auch anfällig dafür werden lässt, diese Dimension des Unverfügbaren mit unseren ganz persönlichen, kleinen Wünschen zu vermengen.
Dossier Psychoboom

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Die Gefahren unserer technologiegetriebenen Selbstüberschätzung 
Mittwoch, 4. Juli 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
"Wir werden zu Göttern", sagt der Historiker Yoval Harari, aber das ist nicht unbedingt eine gute Nachricht. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk spricht er über die neue Reichweite, die unser menschliches handeln durch Technologie erreicht: "Götter schaffen normalerweise das Leben, so ist es in den ersten Kapiteln der Bibel. Und das haben wir uns jetzt angeeignet. Und im 21. Jahrhundert schaffen wir plötzlich Körper, Gehirne und Seelen. Das heißt, wir stellen menschliche Wesen her, ob das nun Tiere sind, Menschen oder ganz neuartige Wesen, die es bisher auf der Welt noch gar nicht gab." Harari sieht dabei nicht nur die Gefahr, dass wir, was unsere Verantwortungsfähigkeit angeht, dieser neuen Macht vielleicht nicht gerecht werden. Er warnt auch davor, dass wir vielleicht schon kurz vor einem Umkehrpunkt stehen, an dem unsere Schöpfungen beginnen könnten, über uns zu herrschen. "Und wir sind sehr nahe dran, dass uns gewisse Algorithmen besser kennen, als wir Menschen uns selber kennen. Und dann verschiebt sich die Kontrolle des menschlichen Lebens von Menschen auf Algorithmen", sagt er. Das mag wie Science Fiction klingen, doch liegt ein wunder Punkt auch in der Tatsache, dass wir in vielen alltäglichen Lebenshandlungen schon unsere Eigenverantwortung an Technologie delegieren: "Wir Menschen haben ja schon sehr viele Dinge outgesourct sozusagen, übergeben an Algorithmen, sehr viele Fähigkeiten, die wir früher selbst ausgeübt haben. Wenn es beispielsweise darum geht, sich in einer fremden Stadt zurechtzufinden, also was die ganzen Navis angeht. Heute schauen wir auf unser Handy oder auf einen Navi, und nur noch so bewegen wir uns durch die Welt." Dort, wo wir immer weniger aus eigenen Kräften schöpfen, liegt es natürlich im Bereich des Möglichen, dass diese Kräfte irgendwann stärker sind als wir selbst. Ich finde den umgekehrten Blickwinkel spannend - zu erkennen, dass wir unsere menschliche Freiheit allein dadurch wahren können, dass wir in Freiheit handeln.
"Wir werden zu Göttern, aber zu sehr unverantwortlichen", Deutschlandfunk Kultur 27.6.18

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Starker Ich-Bezug kann Zeichen für Labilität sein 
Dienstag, 3. Juli 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Ein starker Ich-Bezug wird gewöhnlich vor allem mit eher narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen assoziiert. Er kann allerdings auch auf die Labilität eines Menschen hindeuten. Eine amerikanische Studie mit knapp 4.800 Probanden zeigt: Menschen, die in persönlichen Berichten besonders häufig Pronomen der ersten Person benutzen (also ich, mein, mir, mich), sind psychisch labiler und depressiver als jene, die weniger dieser Bezüge knüpfen. Die Probanden hatten in der Untersuchung die Aufgabe, eine sehr emotionale und psychisch herausfordernde Situation in ihrem Leben zu beschreiben. Die Wissenschaftler ziehen aus den Ergebnissen ihrer Studie den Schluss, dass häufiges Ich-Sagen auf eine Neigung zu Ängsten, Unzufriedenheit und Unsicherheit hinweisen könne. Vielleicht ist es aber auch andersherum. Wer in herausfordernden Momenten vor allem das eigene, gebeutelte Ich als zentralen Bezugspunkt sieht, versinkt natürlich sehr leicht in Leid. Und das selbstbezügliche Vokabular verstärkt diesen Teufelskreis. Nur so ein Gedanke ...
Wer häufig "ich" sagt, ist labiler, spektrum.de 20.6.18

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25 Prozent machen einen Unterschied 
Montag, 2. Juli 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Wo liegt die kritische Masse, bei der Minderheitenmeinungen auf einmal damit beginnen, Mehrheiten zu verändern? Eine Frage, die die Wissenschaft seit langem beschäftigt. In verschiedenen Studien hat sich bereits gezeigt, dass der Wert irgendwo zwischen 10 und 40 Prozent liegt - allerdings wurden hier gesellschaftliche Umschwünge immer erst retrospektiv analysiert. Eine amerikanische Studie mit experimentellem Setting, an der 200 Personen beteiligt waren, zeigt nun: Die Mehrheitsmeinung beginnt dann zu wanken, wenn 25 Prozent der Beteiligten eine andere, neue Perspektive vertreten. Das Experiment kann zwar die enorme Komplexität der gesellschaftlichen Realität nicht abbilden, gibt jedoch Hinweise darauf, dass Normen zu bröckeln scheinen, wenn ein Viertel der Menschen einer Gruppe einen Wandel propagiert.
Wann werden Minderheitsmeinungen mächtig? wissenschaft.de 7.6.18

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Wie Zeitdruck uns um den Verstand bringt 
Dienstag, 26. Juni 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Zeitdruck ist wie eine Droge. Er raubt uns im wahrsten Sinne des Wortes den Verstand. Das legt zumindest eine Untersuchung der Business-Professorin Meng Zhu nahe. Sie stellte in verschiedenen Testszenarien fest, dass Probanden, sobald Zeitdruck im Spiel ist, zu irrationalen Verhaltensweisen neigen. Dass etwas dringlich ist oder ein zeitliches Verfallsdatum hat, scheint unser Urteilsvermögen nachhaltig zu untergraben. Im Business kann das dazu führen, dass das wirklich Wichtige aufgrund des vermeintlich Dringlichen aus dem Blick gerät. In Umgebungen, in denen Deadlines zur Tagesordnung gehören, wird das bedenklich, denn wenn alle nur noch ihren Terminen hinterherjagen, bleibt kaum noch jemandem Zeit, mal darüber nachzudenken, ob all das überhaupt noch Sinn macht.
"Dealines halten uns von wichtigeren Aufgaben ab", Zeit.de 13.6.18

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Lässt Achtsamkeit sich vereinnahmen? 
Freitag, 22. Juni 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Kürzlich hatte die Süddeutsche Zeitung über eine Studie berichtet, derzufolge Achtsamkeit in Arbeitskontexten nicht unbedingt geeignet ist, die Motivation von Mitarbeitern zu steigern. Der Gegenwind ließ nicht lange auf sich warten. "Achtsamkeitsmeditation und Leistungsbereitschaft schließen sich nicht gegenseitig aus, auch wenn der Autor dies in seinem Beitrag suggeriert. Im Gegenteil: Wer achtsam mit sich und anderen umgeht und sich seiner Werte und Ziele bewusst ist, wird langfristig erfolgreicher und gegenüber Belastungen resilienter sein, als derjenige, der aus einer inneren Unzufriedenheit heraus kurzfristig Maximalleistungen erbringt und danach ausbrennt", kontert etwa Dr. Igor Tominschek, München Facharzt für Psychotherapeutische Medizin. Michael Seitlinger, Leiter des Forums Achtsamkeit und Stressbewältigung in der Erwachsenenbildung der Erzdiözese München und Freising empfindet die Studienergebnisse sogar als zuversichtlich stimmend. Er sagt: "In der Tat ist es so, dass durch die Achtsamkeitspraxis ein fragwürdiger Ehrgeiz, ein Erfolgsstreben, das keine 'Persönlichkeitsmitte' hat und aus Ermangelung einer solchen gespeist wird, erschüttert werden kann. Insofern wäre eine Korrektur eines solchen Karrierestrebens aus meiner Sicht sogar wünschenswert und heilsam." Vielleicht entwickelt sich hier ja längerfristig ein Diskurs, in dem wir näher betrachten, wie Achtsamkeit und unser Menschsein zusammenspielen - jenseits von Funktionalisierungsversuchen.
Steter Flow statt Karriereturbo, SZ 10.6.18


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Dyaden-Meditation erfreut sich wachsender Beliebtheit 
Mittwoch, 20. Juni 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Die Neurowissenschaftlerin Tania Singer hat mit ihrem ReSource-Projekt erstmals in größerem Umfang untersucht, dass verschiedene Meditationsformen ganz unterschiedliche Wirkungen bei den Praktizierenden zeitigen. Dabei stellte sie fest, dass die Dyaden-Arbeit vor allem die soziale Entwicklung und das zwischenmenschliche Miteinander stärkt. Bei der Dyaden-Meditation erzählt eine Person einer anderen, die einfach achtsam und teilnehmend zuhört, von Dingen, die sie beschäftigen. Ein Ansatz, der bei immer mehr Menschen auf großes Interesse stößt, die sich einen achtsamen Lebensstil wünschen. Vor diesem Hintergrund hat die Kommunikationstrainerin Simone Anliker das „Dyad Inquiry Projekt“ gestartet, bei dem Meditierende sich über das Internet miteinander verbinden. Eine Person stellt sich hier eine Frage, lauscht in die Tiefe und teilt ihre Eindrücke mit einem Gegenüber. „Dyaden schaffen Intimität, Nähe zwischen zwei Menschen, die jenseits der üblichen Konventionen ist. Menschen können sich in ihrer Verletzlichkeit und mit offenen Herzen begegnen“, berichtet ein Teilnehmer. Für Meditierende, die eher mit klassischen Methoden der Stille und des Loslassens praktizieren, wie es in den spirituellen Traditionen üblich ist, mag dieser Ansatz eher wie eine neue Form von Gesprächstherapie wirken. Er scheint allerdings einen Nerv der Zeit zu treffen. Die Teilnahme am „Dyad Inquiry Projekt“ ist kostenlos. Ein eBook führt in die Methode ein.
Dyad Inquiry Projekt

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Die beste Zeit zum Pläne machen 
Montag, 18. Juni 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Wer Pläne macht, ist oft besser gewappnet für so manche Herausforderung des Lebens und Ziele erreicht man meist auch leichter, wenn man vorher überlegt, welches der beste Weg ist. Im Business gehört das Planen ohnehin zum Alltag. Psychologen haben nun herausgefunden, dass nicht jede Zeit die beste ist, um Pläne zu schmieden. In mehreren Labor- und Feldversuchen beobachteten sie, dass Menschen, die sich ausgelaugt und mental erschöpft fühlen (durch Aufgaben, die sie zuvor zu bewältigen hatten), deutlich weniger geneigt sind, in dieser Situation Dinge zu planen als jene, die sich ausgeruht und frisch fühlen. In Arbeitskontexten könnte dies bedeuten, dass es keine gute Idee ist, Mitarbeiter am späten Nachmittag zu Planungsmeetings zusammenzutrommeln. Im Privatleben macht es wohl ebenfalls Sinn, sich bewusst günstige Zeitfenster zu suchen, wenn man etwas planen muss oder möchte.
Entspannt planen, Psychologie heute 7.6.18

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