Entspannt das Grundeinkommen unsere Beziehung zur Arbeit? 
Freitag, 9. August 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Seit die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens sich verbreitet hat, werden immer wieder Diskussionen darüber geführt, ob eine solche Grundsicherung uns alle faul werden lässt oder vielleicht einfach ein Stückchen mehr Freiheit in für immer mehr Menschen doch recht angespannte Versorgungsnotwendigkeiten bringen könnte. "Im Grunde genommen entkrampft das Grundeinkommen unser angespanntes Verhältnis zu Arbeit und Einkommen. Je weniger ich mir um mein eigenes Einkommen Sorgen machen muss, desto besser kann ich aus freien Stücken für andere tätig sein", findet Philip Kovce, der als Philosoph zum Thema forscht. Die Freiheit, von der Kovce spricht, ist herausfordernd, denn wo sie für alle gelten soll, fordert sie auch von jedem in der Gesellschaft den Respekt dieser Freiheit des anderen. Und genau hier scheint es gegenwärtig noch ziemlich zu hapern. In Umfragen sagen immer wieder die meisten Menschen, dass sie selbst mit einer Grundsicherung weiter arbeiten würden. Von ihren Mitmenschen glauben indes viele, dass diese sich dann faul zurücklehnen würden. Gerne wird dann von der Selbstverantwortlichkeit gesprochen und davon, dass eine Fürsorge in Sachen Lebensführung erst dann greifen sollte, wenn Menschen sich nicht mehr selbst helfen können. Diese Argumentation verschleiert jedoch, dass auch die Marktwirtschaft immer schon von Vornherein ein komplexes System wechselseitiger Abhängigkeiten. Und hier liegt der Hase begraben - denn was geschieht, wenn diese Abhängigkeiten durch den Wegfall des Zwangs zum Geldverdienen durchbrochen werden? Über diese unterschwellige Sorge sollten wir vielleicht mehr sprechen.
"Ich bin fleißig, du bist faul", zeit.de 29.7.19

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Meditation im Marketing 
Dienstag, 6. August 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit, Management
Der Meditations-Boom treibt immer bizarrere Blüten. Das Digital-Magazin t3n etwa verrät seinen Leser*innen in einem Ratgeber "7 Prinzipien, die Marketer von der Meditation lernen können". Aufhänger des Artikels ist der Auftritt von Andy Puddcombe, dem Gründer der Meditations-app Headspace, beim Online-Marketing-Rockstars-Festival 2019, bei dem rund 7.000 Teilnehmer mit ihm meditiert haben sollen. Die Tipps des Magazins lesen sich wie Kalendersprüche. Da heißt es dann: "Nimm dir Zeit und Raum zum Ausprobieren, Geh Perspektivenwechsel ein, Bewahre ein Beginner’s Mindset, Hab auch mal einen langen Atem, Fokussiere dich, Höre Gurus an, aber folge ihnen nicht blind oder Finde dein Mantra." Na ja, wer darauf noch nicht selbst gekommen ist, sollte vielleicht vor den ersten Meditationsversuchen noch einen Kurs für gesunden Menschenverstand versuchen. Aber das ist vielleicht zu aufwändig, denn: "Hast du schon einmal meditiert? Falls nicht: Vielleicht hast du ja nach dem Lesen dieses Beitrags Lust, es einmal auszuprobieren. Schon fünf bis zehn Minuten am Tag können reichen."
7 Prinzipien, die Marketer von der Meditation lernen können, t3n 31.7.19

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Es ist nicht allein das Digitale, das krank macht 
Montag, 5. August 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit, Management
Die Zahl psychischer Erkrankungen, zumindest derer, die iim Gesundheitswesen erfasst werden, hat sich in den letzten 20 Jahren laut DAK-Psychoreport verdreifacht. Viele machen dafür nicht zuletzt die immer schneller werdende Taktung in der Arbeitswelt verantwortlich, die durch die Digitalisierung geschürt wird. Doch ist das Digitale nur einer von vielen Brandbeschleunigern, wenn es um Gesundheit in Arbeitskontexten geht. "Digitalisierung führt zu Beschleunigung in allen Arbeitsprozessen, die ebenfalls ein Stressor sein kann. Bis vor zehn Jahren schrieb man einen Brief, und bis die Antwort darauf kam, hatte man Zeit für andere Dinge, es entstanden Pausen in der Kommunikation, die es heute nicht mehr gibt. Gleichzeitig hören wir immer wieder, dass die unternehmensinterne Kommunikation trotz aller technischer Möglichkeiten oft sehr schlecht ist. Das ist extrem belastend. Einen wichtigen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Mitarbeiter hat auch die Art der Führung. Die ist oft wenig empathisch", sagt Sabine Winterstein, Fachreferentin für betriebliches Gesundheitsmanagement bei der DAK, in einem Interview mit dem Manager Magazin. Winterstein weist darauf hin, dass in Unternehmen der wachsende Druck gerne von oben nach unten durchgereicht wird. Führungskräfte sorgen sich dann weniger um das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter als darum, sich erst mal selbst aus der Schusslinie zu bringen - indem sie Aufgaben durchdelegieren, obwohl sie vielleicht wissen, dass dies zu einem Zuviel für die Betroffenen führt. Winterstein deutet in dem Beitrag darauf, was Firmen verändern sollten, damit Mitarbeiter nicht in eine krankmachende Stressspirale geraten. Und doch zeigen ihre Tipps für die, die bereits erkrankt sind, dass letztlich das gesamte Thema dann doch wieder in der individuellen Ecke hängen bleibt, weil die Betroffenen es ja sind, die letztlich zusehen müssen, wie sie sich aus dieser Krise wieder herauslavieren.
"Das Schlimmste, was Sie als Chef tun können, ist Signale zu ignorieren", Manager Magazin 25.7.19


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Ist die Management-Ausbildung in einer Sackgasse? 
Mittwoch, 31. Juli 2019 - Wissenschaft, Arbeit, Management
"Die Managementausbildung ist zu engstirnig geworden. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, brauchen wir einen anderen Zugang", sagt Volker Rundshagen, Professor für Management mit Schwerpunkt Tourismusmanagement an der Hochschule Stralsund, in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Spätestens seit der letzten akuten Finanzkrise haben viele Menschen sehr kritisch auf dem Radar, dass das, was Business Schools üblicherweise lehren, sehr vom ökonomischen Paradigma der Gewinnmaximierung geprägt ist. Rundshagen wünscht sich mehr interdisziplinären Weitblick, denn im Lernen von anderen Forschungsbereichen könnten neue Zusammenhänge erkennbar werden und Synergien entstehen. Er führt die Impressionisten als Beispiel für eine Art "visionäre Hingabe" an, derer es auch in der Management-Ausbildung mehr bedürfe. In Kontexten, in denen vor allem auf Akkreditierungen und Rankings fokussiert werde, gehe eine solche Experimentierfreude allerdings verloren. "Die Impressionisten waren von einer visionären Hingabe getrieben. Bei der damals in Paris dominierenden, klassisch orientierten Kunstakademie stießen sie auf Unverständnis mit ihren neuen Ideen. Gegen diese Widerstände haben sie dennoch weitergemacht, haben sich zusammengefunden und einfach eine eigene Ausstellung auf die Beine gestellt", erzählt Rundshagen - und wünscht sich ähnliche Bewegungen auch, wenn es um die Ausbildung von Führungskräften geht. Für ihn sind die Impressionisten auch ein wunderbares Beispiel für eine positiv praktizierte Globalisierung: "Bei den Impressionisten bedeutete Internationalisierung mit verschiedenen Menschen und Kulturen zusammenzukommen. Es wurde nichts kopiert, sondern verschiedene Ansätze aufgegriffen, in die eigenen Ideen eingearbeitet und weiterentwickelt."
„Die Management-Ausbildung ist zu engstirnig“, WiWo 23.7.19

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Die Unkaputtbarkeit der Leistungskultur 
Freitag, 26. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit, Management
Work-Life-Balance wird auch in den Hochleistungskulturen der Arbeitswelt, beispielsweise in der Beraterbranche, immer mehr zum Thema. Selbst Unternehmensberatungen, bei denen ein zeitiger Feierabend fast so angesehen ist wie Blaumachen, bieten ihren Beschäftigten inzwischen flexible Arbeitszeitmodelle an. Genutzt werden sie allerdings selten. Eine Studie, für die 50 Berater*innen befragt wurden, wirft nun Licht auf die Gründe. Für viele High Potentials gleicht es einer Zumutung, in solche Arbeitszeitmodelle gepresst zu werden. Sie wollen lieber autonom entscheiden, wie sie ihre zeitlichen Verfügbarkeiten gestalten. Ein weiterer Punkt: die Angst vor dem "Stigma der Flexibilität". Dahinter verbirgt sich die Sorge, der eigene Wunsch, weniger zu arbeiten, könne als mangelnder Leistungswille interpretiert werden. Die Studie rät Unternehmen dazu, genauer hinzuschauen, wie sie Erfolg und Leistung definieren - und beides nicht allein an der gearbeiteten Zeit festzumachen.
Warum Berater so viel arbeiten, HBM 7/2019

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Nie mehr arbeiten? 
Mittwoch, 17. Juli 2019 - Lebensart, Studien, Arbeit
Wer wünscht es sich nicht - genügend Geld auf dem Konto, um nicht mehr für den Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Für knapp jede*n hundertsten Deutsche*n ist das Realität, so eine Datenanalyse des Statistischen Bundesamts, denn diese Minderheit lebt von Kapitalerträgen oder Einnahmen aus Vermietungen. Zu glauben, dass die Mehrheit aller Deutschen arbeiten muss, um zu leben, läuft allerdings an der Realität vorbei. Den Zahlen zufolge leben nämlich gerade einmal 47 Prozent der Bevölkerung "von ihrer Hände Arbeit", wie man so schön sagt. Der Rest kann noch nicht arbeiten (Kinder) oder hat bereits genug gearbeitet (Rentner*innen). Öffentliche Sozialleistungen ermöglichen es sieben Prozent, über die Runden zu kommen.
Weniger als die Hälfte lebt in erster Linie von eigener Erwerbstätigkeit, FAZ 11.7.19

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Wenn jeder feiert, wann er will 
Dienstag, 16. Juli 2019 - Lebensart, Arbeit, Management
Die niederländische Mietplattform HousingAnywhere macht einen ungewöhnlichen Vorstoß. Statt an gesetzlichen Feiertagen alle Mitarbeiter nach Hause zu schicken, hat die Firma die Feiertage nach Kalender abgeschafft und jedem Mitarbeiter künftig eine entsprechende Zahl von Urlaubstagen, die nach freier Wahl genommen werden können, gegeben. "Wir haben festgestellt, dass manche Feiertage für unsere Mitarbeiter gar keine Bedeutung haben. Der Pfingstmontag zum Beispiel, kaum einer hat dazu eine emotionale Beziehung. Wir haben 90 Mitarbeiter aus 28 Nationen, im Schnitt 29 Jahre alt. Was die Konfession angeht, haben wir natürlich keine offiziellen Daten. Ich weiß aber, dass es Anhänger mehrerer christlicher Kirchen gibt, einige Mitarbeiter sind Muslime, andere haben einen buddhistischen Hintergrund, wieder andere sind gar nicht religiös. Es ist also ziemlich divers hier", erklärt Geschäftsführer Djordy Seelmann die Hintergründe der Entscheidung, die von den Mitarbeitern einstimmig gefällt wurde. Es hört sich natürlich gut an, so mehr Flexibilität bei der eigenen Lebensgestaltung zu haben. Aber was bedeutet das längerfristig für unsere Kultur und ihren Zusammenhalt? Feiertage schaffen in einer Zeit, in der alle rund um die Uhr beschäftigt und/oder online sind, zumindest ansatzweise Phasen einer quasi-kollektiven Ruhe, manchmal sogar Stille. Man könnte auch sagen: An solchen Tagen atmet nicht nur das Individuum durch, sondern eine Gesellschaft als Ganzes (wenn man mal davon absieht, dass jede Menge Berufsgruppen ohnehin schon von diesen Zyklen entkoppelt sind). Ich frage mich, ob wir alles individualisieren sollten, was sich individualisieren lässt. Denn unterschwellig bringen solche Veränderungen nicht nur ein bisschen mehr persönliche Freiheit, sie nehmen uns auch Zusammenhalt.
Warum eine niederländische Firma die Feiertage abschafft, SZ 4.7.19

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Anstrengung ist nicht alles 
Montag, 15. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit, Management
Der Begriff Burnout hat in den letzten Jahren eine sagenhafte Karriere hingelegt. Und damit in gewisser Weise eine erschreckende Normalität für Erschöpfungszustände geschaffen. Dabei gerät aus dem Blick, dass wir hier längst mitten in einem kulturellen Problem sitzen, das sich nicht einfach individuell wegbehandeln lässt. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche warnt der Psychiater Andreas Wahl-Kordon davor, wie schmal der Grat ist, wenn man versucht, dem Stress etwas entgegenzusetzen. Meditation oder ein besseres Zeitmanagement werden gerne empfohlen, um den äußeren Druck in den Griff zu bekommen. Aber: "Das hat auch immer einen Aspekt von Selbstoptimierung, den ich sehr kritisch sehe. Das Optimieren des eigenen Zeitmanagements wird in seiner Wirksamkeit sehr überschätzt. Es sollte nicht darum gehen, mehr zu leisten oder mehr Druck auszuhalten. Es geht darum, in der Lage zu sein, zu hinterfragen, ob ich mich selbst gerade ausbeute oder in Gefahr bringe. Viele Menschen glauben, sie können alles erreichen, wenn sie sich nur genug anstrengen. Das mündet in einer permanenten Selbstausbeutung. Wer schon überlastet ist, und glaubt, mehr leisten zu können, indem er seinen Tag effizienter einteilt, fährt vor die Wand." Wahl-Kordon spricht das kulturelle und gesellschaftliche Umfeld, das neben den Belastungen bei der Arbeit viele Unsicherheiten erzeugt, sehr deutlich an: "Mehr und mehr Menschen bis weit in die Mittelschicht hinein erleben zunehmende Unsicherheit. Der Druck ist heute weitaus höher als noch vor 30 Jahren. Viele gut ausgebildete Menschen können sich heute noch so sehr anstrengen, sie werden kein Geld für ein Eigenheim haben und leben in der ständigen Angst, ihren Job zu verlieren. Diese Verunsicherung führt zu Dauerstress, der sich physiologisch und psychologisch auswirkt – und auch die Resilienz am Arbeitsplatz unterminiert." Einen Fachbegriff für das individuelle Zusammenklappen unter diesen Vorzeichen zu haben, ist eine Sache. Therapie eine andere. Doch beides sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir die Lebensbedingungen insgesamt, die wir durch unser Verhalten schaffen, stärker hinterfragen sollten.
„Der Druck ist heute viel höher als vor 30 Jahren“, WiWo 2.7.19

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