Achtsamkeit als Politikum 
Donnerstag, 13. September 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Success Stories
Großbritannien mag die EU verlassen und einen Rückzieher machen, in anderer Hinsicht gehört das Land indes zu den Vorreitern. Noch keine fünf Jahre ist es her, als der Parlamentsabgeordnete Chris Ruane einen Vorstoß machte, Achtsamkeit in die Politik zu bringen. Seitdem ist viel passiert. 186 Abgeordnete aus dem House of Commons und dem House of Lords haben inzwischen Meditationskurse absolviert. Und auf der Mitarbeiter-Warteliste stehen bereits 100 weitere Personen, die das Meditieren erlernen möchten. Den Brexit scheint die Meditation im politischen Feld nicht verhindern zu können. Doch hat Ruanes Vorstoß längst zu weiteren Initiativen geführt. So gibt es bereits in einigen britischen Gefängnissen Meditationsgruppen. Und an britischen Schulen läuft ein Großversuch, der durch eine Studie der Universität Oxford begleitet wird. 26.000 SchülerInnen lernen Achtsamkeit. Und mit 4.000 jungen Menschen sollen die Langzeitwirkungen erprobt werden - 2.000 werden Meditieren, die andere Hälfte nicht. Die Ergebnisse dieser dreijährigen Erprobung sollen 2021 vorliegen. Ruane erwartet, dass die so gewonnenen Erkenntnisse zu einer Reform des Bildungssystems beitragen werden. "Menschen, die nicht in einem ausgeglichenen Zustand sind, können nicht die besten Entscheidungen treffen. Weder privat noch politisch", sagt Ruane gegenüber der österreichischen Zeitung "Die Presse". Auch in Österreich tut sich, zumindest hinter den Kulissen, bereits etwas in Sachen Meditation. Hier hat Martina Esberger-Chowdhury die „Initiative Achtsames Österreich“ mitgegründet und versucht, Achtsamkeit den Politikern näherzubringen.
Auch das britische Parlament meditiert, Die Presse 1.9.18

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Die Isolation der Unausgeschlafenen 
Donnerstag, 6. September 2018 - Lebensart, Psychologie, Studien
Zu wenig Schlaf macht einsam. Diese Schlussfolgerung legt eine neue Studie der Universität in Berkeley nahe. In einer Teiluntersuchung mit 140 Probanden zeigte sich, dass schon eine Nacht mit deutlichem Schlafdefizit ausreichte, dass die Versuchspersonen das Gefühl hatten, isoliert zu sein und niemanden zum Reden zu haben. In einem weiteren Versuch sollten die Probanden nach einer durchwachten Nacht und nach einer Nacht, in der sie ausreichend geschlafen hatten, angeben, wie nahe ihnen andere Personen kommen dürfen. Die Unausgeschlafenen hielten dabei eine um 15 Prozent größere Distanz aufrecht als die Ausgeschlafenen. Der Schlafmangel scheint zudem eine Art von Ansteckungsgefahr mit sich zu bringen. Menschen, denen Videos von müden Menschen gezeigt worden waren, fühlten sich selbst plötzlich einsamer.
Gestörte Nachtruhe macht einsam, spektrum.de 15.8.18

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Machen können, was man will 
Montag, 3. September 2018 - Lebensart, Arbeit
Die Süddeutsche Zeitung rückt mit einem interessanten Artikel ein neues Phänomen ins Licht - den Wunsch vieler Berufstätiger, deutlich vor dem üblichen Rentenalter oder dem Alter typischer Frühverrentung Abschied zu nehmen von der Arbeitswelt. Am Beispiel mehrerer solcher 50+-KandidatInnen zeigt der Bericht, dass es den jungen Rentnern meist gar nicht darum geht, überhaupt nicht mehr zu arbeiten und nur noch ihr Privatleben zu pflegen. Für viele steht anscheinend eher im Vordergrund, die Zwänge einer Vollzeitbeschäftigung hinter sich zu lassen, das Rund-um-die-Uhr-Rackern und Immer-verfügbar-sein-Müssen. Einige der vorgestellten Menschen suchen sich nach kurzer Pause wieder eine Teilzeitbeschäftigung (und das nicht nur aus finanziellen Gründen) oder arbeiten ehrenamtlich. Sie wollen etwas und dennoch Zeitsouveränität genießen. Es mag ein Nischenphänomen sein, denn nur wenige können es sich leisten, früh einfach hinzuschmeißen. Aber es wirft ein Licht auf die Vorzeichen unserer heutigen Lebens- und Arbeitswelt. Wo immer mehr Menschen die Norm-Arbeitsverhältnisse als Korsett empfinden und sich verschlissen oder aufgefressen fühlen, stellt sich die Frage nach neuen Lebensformen, die das Menschsein nicht auf den Job reduzieren.
"Mit 50 Jahren höre ich auf", SZ 30.7.18

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Werden wir zur depressiven Gesellschaft? 
Mittwoch, 29. August 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Der Gesundheitsreport 2018 der Techniker Krankenkassen lässt aufmerken. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Verschreibungen von Antidepressiva verdoppelt. Seit 2007 erhöhte sich die Zahl der verschriebenenTagesdosen an Medikamenten gegen Depressionen von 6,8 auf 13,5. Frauen sind dabei deutlich stärker betroffen als Männer. Ihnen wurden 16,9 Tagesdosen verschrieben, Männern lediglich 10,6. Die Fehlzeiten weisen in die gleiche Richtung. Heruntergerechnet auf Durchschnittswerte fehlten Frauen im vergangenen Jahr 3,42 Tage aufgrund psychischer Beschwerden, Männer 2,11 Tage. In der Fachwelt wird viel darüber diskutiert, dass Anstiege wie dieser auch damit zu tun haben, dass heute mehr Menschen aufgrund psychischer Probleme zum Arzt gehen und dann natürlich auch entsprechend behandelt werden. Das wirft vielleicht auch die Frage auf, wie wir kulturell mehr Erfahrungsräume schaffen können, in denen wir konstruktiv mit seelischen Überforderungen umgehen können. Die medizinische Seite des Phänomens jedenfalls deutet darauf, dass sich hier etwas in unserem Menschsein zu verschieben scheint. Sind wir nicht mehr robust genug für die Anforderungen, die wir uns auferlegen? Oder sollten wir einfach mehr darüber nachdenken, wie wir das Leben so gestalten können, dass es unser Menschsein nicht bedrängt sondern fördert? Was sich hier zeigt, ist mehr als ein medizinisches Problem. Es ist eine große gesellschaftliche Frage, die sich hier auftut.
Antidepressiva auf dem Vormarsch, Ärzteblatt 26.7.18

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Wenn das Digitale das Leben übernimmt 
Montag, 27. August 2018 - Bewusstsein, Lebensart
Menschen unter 30 sind im Schnitt täglich vier Stunden online. Man kann sich fast fragen, wie viel Zeit da noch für das "richtige" Leben bleibt. Vielleicht sollten wir uns aber auch öfter fragen, was aus diesem analogen Leben eigentlich wird, wenn wir ihm immer mehr vermittelt durch digitale Tools begegnen. In einem Interview mit der Zeit erklärt der Computerwissenschaftler David Levy, wie selbst im Silicon Valley immer mehr Skeptiker der Tech-Blase das Wort ergreifen und auf die Gefahren des überdigitalisierten Lebens hinweisen. In Zeiten, in denen Apps bewusst so programmiert werden, dass sie möglichst süchtig machen (Unternehmen würden eher sagen, dass sie eine starke Nutzeraffinität erzeugen), geht es aber um mehr als Technologie-Kritik. Niemand zwingt uns, all diese Tools zu nutzen. Und doch leben viele in dem Gefühl, ohne sie nicht zu können. "Wir sollten uns nicht länger nur über die neuesten Features des iPhones begeistern oder darüber, was man alles Tolles mit seinem Telefon anstellen kann. Stattdessen sollten wir uns fragen: Was macht ein erfülltes Leben aus? Technische Geräte können uns in mancher Hinsicht dabei helfen, ein solches zu führen. Sie können uns aber auch daran hindern", sagt Levy. Es braucht allerdings auch eine gewisse Seelenstärke, um das eigene Leben weniger an den digitalen Welten auszurichten, denn diese sind längst wesentlicher Teil des Soziallebens. "Es ist ein häufig übersehener Aspekt, dass der Entschluss, weniger online zu sein, auch soziale Auswirkungen hat. Darüber muss man seine Freunde entweder aufklären, oder es bedarf einer Vereinbarung. Wir treffen Entscheidungen über unser digitales Verhalten nämlich nicht in einem Vakuum, es geht nicht nur um unser persönliches Verhältnis zu unseren Geräten. Veränderungen haben stets auch Auswirkungen auf unser Umfeld", erklärt Levy. Meine Generation hat noch ein Gefühl für die Unterschiede, die die Digitalisierung ins Leben bringt, denn wir kennen noch die Zeit "davor". Wie mag es den so genannten Digital Natives gehen, die mit der Möglichkeit zu permanenter Kommunikation und ständigem Inhaltskonsum aufwachsen? Es ist Zeit für eine größere kulturelle Diskussion ...
"Erstmals geben Tech-Leute zu: Wir haben ein echtes Problem", Zeit.de 17.7.18

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Veggie für alle? 
Mittwoch, 22. August 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Wo die Grünen vor einigen Jahren noch mit einem Sturm kollektiver Entrüstung zu kämpfen hatten, als sie die Einführung eines vegetarischen Tags in Deutschlands Kantinen auf ihre Agenda setzten, zeigt der CoWorking-Space Anbieter WeWork nun, wie das geht. In einer E-Mail verkündete das amerikanische Unternehmen seinen 6.000 Mitarbeitern, dass sie, wenn sie künftig Fleisch essen möchten, dies selbst bezahlen müssten, und es auch bei Firmenveranstaltungen nur noch vegetarisches Essen geben werde. Begründet wird der Schritt auch damit, den CO2-Fußabdruck des Unternehmens reduzieren zu wollen. "Zum Produkt von WeWork gehört ein bestimmter Lebensstil und dazu passt die fleischlose Ernährung, mit der die Umwelt geschützt werden kann, sehr gut", so die Arbeitsoziologin Kendra Briken in einem Interview mit Zeit online. Zwar kritisiert sie den typischen Top-Down-Ansatz, mit dem die Idee durchgesetzt wird, sieht aber auch, dass in kulturellen Umfeldern, die solchen Ideen gegenüber positiv eingestellt sind, ein Vorstoß wie dieser auch in einen fruchtbaren Kontext fällt: "Die Mitarbeiter, wie auch die Kunden, auf die WeWork zielt, sind Teil einer hochqualifizierten, urbanen Elite. Man kann davon ausgehen, dass sie sich sowohl mit der eigenen Ernährung als auch mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen. In diesem Fall kann so eine Top-Down-Entscheidung sich sogar positiv auswirken. Mitarbeiter wie Kunden identifizieren sich mit dem Unternehmen und sagen: Wir arbeiten für eine gute Firma; wir nutzen einen ethisch wertvollen Service. Es motiviert Mitarbeiter, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Unternehmen gute Werte vertritt. Nach außen wirkt diese Entscheidung als Employer Branding: Wer sich jetzt bei WeWork bewirbt, bewirbt sich dort auch, weil er die fleischlose Kantine gut findet." Und doch schwingt in ihrer Einschätzung auch eine darüber hinausgehende Perspektive mit, denn Aktionen wie vegetarische Kantinenverpflegung sind einfach umzusetzen und verlangen Unternehmen vergleichsweise wenig ab. Ein bisschen Populismus mag also durchaus im Spiel sein. Interessant ist aber auch, dass Briken darauf verweist, wie sehr sich die Kultur seit dem gescheiterten Vorstoß der Grünen in den letzten Jahren verändert hat. Heute ist Vegetarismus schon viel salonfähiger. Die Frage der Bevormundung liegt natürlich in der Luft, zumal zwischen Angestellten und ihrem Arbeitgeber ein Abhängigkeitsverhältnis besteht. Ich bin da auch hin- und hergerissen. Fleischkonsum wird immer mehr zu einem eher unverantwortlichen Lebensstil - und doch würde ich mir wünschen, dass Vegetarismus mehr aus der Einsicht heraus um sich greift als von oben verordnet. Und doch trägt die Initiative von WeWork auch dazu bei, das Thema weiter in der breiteren Öffentlichkeit zu etablieren.
Für immer Veggie-Day, Zeit online 19.7.18

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Ein bisschen LSD und es läuft im Job? 
Montag, 20. August 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Seit einiger Zeit geistert ein neuer Trend durch Internet und Arbeitswelt - das so genannte Microdosing mit LSD. Arbeitende nutzen Minimal-Dosen der psychogenen Substanz, um im Job wacher, kreativer und kommunikativer zu sein. Die Zeit beispielsweise veröffentlichte kürzlich einen Erfahrungsbericht eines LSD-Users. "Ich kann befreiter denken", sagt er. Und: "Mit Microdosing hörte das Grübeln auf. Man macht einfach mal, ist fokussierter und motivierter." Aber es sind nicht nur diese nutzenorientierten Effekte, die Anwender schätzen. "Ich wurde wacher und glücklicher. Es hat sich belebend angefühlt", heißt es in dem Zeit-Bericht. LSD in Microdosierungen scheint ein Versprechen in sich zu tragen. Anscheinend geht es Usern nicht nur um Selbstoptimierung im Dienste der um sich greifenden Leistungskultur, sondern sie sind auch auf der Suche nach einem Wohlgefühl, zu dem sie auf eher konventionellen Wegen nicht zu finden scheinen. Dahinter scheint eine größere kulturelle Frage zu stehen, nämlich wie wir Zugang zu diesen tieferen Schichten unseres Menschseins bekommen können, von denen etwas in uns anscheinend auch, wenn sie abwesend sind, weiß, dass sie existieren. LSD mag diese Erfahrung auf Knopfdruck zugänglich machen. Womöglich gibt es aber auch andere Wege, die sich auftun, wenn wir die Sehnsucht nach Erfahrungen wie diesen ernst nehmen und mit anderen teilen.
"LSD macht mir den Kopf frei", Zeit online 16.7.18

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Neue Ausgabe von evolve: Welche Lebensräume wollen wir? 
Donnerstag, 26. Juli 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Medien
Die Umgebung, in der wir Leben, prägt, wer wir sind - und umgekehrt ist sie auch ein Resultat dessen, was uns wichtig ist und was wir konkret tun. In der neuen Ausgabe von evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur zum Thema "Stadt & Land" fragen wir, was lebendige Lebensräume ausmacht, wie es um die Beziehung zwischen städtischen und ländlichen Räumen bestellt ist und welche Umgebungen der Entfaltung unseres Menschseins dienlich sind. Stadt, das bedeutet für viele Menschen ein Großraum sozialer Kontakte und vibrierender Kreativität - immer mehr sehen aber auch die Belastungen, die mit durchurbanisierten Lebensformen einhergehen, seien es Lärm und Abgase, zu viel Beton und zu wenig Grün oder schlicht die Tatsache, dass Wohnraum in angesagten Städten heute kaum noch bezahlbar ist. Das Land wiederum wird für mehr und mehr Menschen zum Sehnsuchtsort noch unberührter Idylle. Für die, die dort "festsitzen", ist es bisweilen eher eine Einöde mit einem Mangel an Nahversorgung und miesem Internetzugang. Und doch ist der Raum zwischen beiden Polen genau das, was unser Leben umspannt und ihm ein Heim gibt. evolve fragt danach, wie sich im Dialog zwischen all diesen Blickwinkeln Lebensräume gestalten lassen, die wirklich lebenswert sind.

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