Schmerzmittel werden zum kulturellen Problem 
Freitag, 10. November 2017 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Als der US-Präsident Donald Trump vor zwei Wochen den nationalen Gesundheitsnotstand ausrief, hat ein Phänomen öffentliche Anerkennung gefunden, das seit vielen Jahren große Teile der amerikanischen Bevölkerung betrifft. Die wachsende Abhängigkeit von starken Schmerzmitteln hat längst Millionen von Menschen in eine Abhängigkeit getrieben, die kulturelle Sprengkraft hat. Im Schnitt sterben täglich 91 Amerikaner an einer Überdosis Opioide. Und es sind nicht nur die typischen Junkies, sondern Menschen aus der Mittelschicht. Der sorglose Umgang mit süchtig machenden Schmerzmitteln hat im Gesundheitswesen seine Spuren hinterlassen. Schmerzpatienten, die als geheilt gelten, finden sich dann in einem Alltag wieder, den sie nur noch bewältigen können, wenn sie weiterhin Schmerzmittel nehmen. Der Deutschlandfunk hat in einem großen Feature Geschichten dieser Menschen gesammelt. Vielen ist ein Leben ohne Medikamente nicht mehr möglich, und wenn sie keine Ärzte finden, die ihnen die benötigten Tabletten verschreiben, rutschen sie bisweilen ab in eine Drogenkarriere. Es ist ein Überlebenskampf, der viel über die westliche Kultur aussagt. Wo das Funktionieren einen hohen Stellenwert hat, muss der Schmerz bekämpft werden, und jedes Mittel scheint dazu recht. Mediziner haben schon lange vor dem sorglosen Umgang mit Opioiden gewarnt. Sie treffen aber auch oft genug auf Menschen, die genau diese wollen, um dem Schmerz zu entfliehen. Etwa seit der Jahrtausendwende sind die Zahlen der Opioid-Toten explodiert. Jährlich sterben 33.000 Amerikaner an einer Überdosis - das entspricht der Zahl derer, die durch Autounfälle oder Waffengewalt ihr Leben verlieren. Die Flucht in Medikamente ist ein Spiegel kultureller Hilflosigkeit. Im Feature erklärt Dave, der seine Abhängigkeit schließlich überwunden hat: "Im Endeffekt weiß ich jetzt, dass die Antwort auf all meine Probleme stets eine chemische Antwort gewesen ist. Eine Pille oder einen Drink, den ich nehmen konnte, um die schlechten Dinge verschwinden zu lassen. Du verscheuchst den Schmerz, verdrängst ihn, so dass du dich besser fühlst. Aber das ist ja überhaupt nicht der Fall. Weißt du, ich habe erst wieder lernen müssen, das Leben so wahrzunehmen, wie es nun einmal ist…, das Leben durch andere Menschen erfahren, in der Gemeinschaft mit anderen." Verdrängung und Isolation sind so typisch für moderne Kulturen, in denen jeder auf sich alleine gestellt ist. In der Entwöhnungstherapie spielt die Gemeinschaft, die viele der Abhängigen zuvor vermisst haben, eine tragende Rolle. Anscheinend brauchen wir tragische Entwicklungen wie diese, um zu erkennen, dass es letztlich eine Kultur der Verbundenheit ist, die wir als wirklichen Lebensraum brauchen.
Die Betäubten Staaten von Amerika, Deutschlandfunk 2.11.17


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Einfach mal durchatmen, hält gesund 
Donnerstag, 26. Oktober 2017 - Lebensart, Wissenschaft
Es muss nicht immer gleich Meditation sein, wenn man Körper und Geist etwas Gutes tun möchte. In der Apothekenumschau rät Matthias Bolz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig dazu, im Alltag immer mal wieder den eigenen Atem wahrzunehmen. Eine besondere Technik sei dazu nicht erforderlich. "Schon das langsame und regelmäßige Ein- und Ausatmen führt zu mehr innerer Ruhe und Entspannung. Der Blutdruck und die Pulsrate sinken. Tauchen Gedanken und Gefühle auf, die die Konzentration stören und den Atemrhythmus verändern, sollte man einfach wieder zum normalen Atmen zurückkehren", so sein Tipp. Einfacher geht es kaum!
Pressemitteilung Apothekenumschau, 10.10.17

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Künstliche Intelligenz und Bewusstsein 
Montag, 18. September 2017 - Bewusstsein, Wissenschaft
Die wissenschaftlichen Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz lassen viele Menschen nachdenklich werden. Sind wir als menschliche Wesen vielleicht schon ein Auslaufmodell? Im Kontext der Ars Electronica sprach der Mönch und KI-Experte Zenbo Hidaka darüber, dass die technologischen Vorstöße auch eine Gelegenheit sein könnten, die mystische Dimension des Menschseins wieder stärker in den Blick zu nehmen. "Ich denke, dass es an der Zeit ist, unsere Selbsterkenntnis zu stärken, indem wir transzendentale Existenzen konfrontieren. Die Tatsache, dass KI menschliche Fähigkeiten übersteigt, ist vielleicht in dem Sinn eine Gefahr, dass es unserer Kontrolle entgleitet – aber gleichzeitig könnte es eine Wiederentdeckung der Heiligkeit sein, die einst der Religion vorbehalten war", so Hidaka. Die menschliche Endlichkeit, der zumindest manche KI-Forscher die technikgetriebene Ewigkeit entgegenhalten, bringt eine Wesenhaftigkeit mit sich, die den Kern unserer Existenz auszumachen scheint. "Der Unterschied zwischen einem Menschen und Künstlicher Intelligenz ist, ob sie das Bewusstsein haben, sterbliche Wesen zu sein, oder eben nicht. Ein solches Bewusstsein bringt spirituelle Schmerzen mit sich", sagt Hidaka. Wir ersinnen immer neue Wege, diesem Schmerz zu entkommen - vergessen dabei aber womöglich, dass es auch dieser Schmerz ist, der uns als Menschen immer wieder über uns hinauswachsen lässt.
Künstliche Intelligenz und Spiritualität, Ars Electronica 1.9.17

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Die Vorurteile der künstlichen Intelligenz 
Freitag, 9. Juni 2017 - Lebensart, Wissenschaft, Arbeit
In Bewerbungsprozessen ist es bereits an der Tagesordnung, das die Unterlagen der Bewerber von Computern vor- und aussortiert werden. Viele Prozesse des alltäglichen Lebens werden längst, ohne dass uns dies allzu bewusst ist, von Algorithmen gesteuert. Eine wissenschaftliche Arbeit im Auftrag der Bertelsmann Stiftung legt nun Ansätze vor, die es erleichtern sollen, die Blackbox dieser Algorithmen zu öffnen und ihre Selektionskriterien besser zu überprüfen und zu überwachen. Es geht darum, soziale und politische Interventionsmöglichkeiten zu schaffen, denn die von Menschen programmierte Logik kann ebenso Vorurteile und Diskriminierungen hervorrufen wie das direkte menschliche Handeln. Mit dem Ansatz der Wissenschaftler könnten Algorithmen künftig Risikoprofile erhalten und es sollte möglich werden, die Entscheidungssysteme auch im Hinblick auf kulturelle und gesellschaftliche Wirkungen zu überprüfen.
Gefährliche Algorithmen auf dem Prüfstand, 2.6.17

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Studie zu Sensibilität und Wahrnehmung 
Montag, 29. Mai 2017 - Wissenschaft
Haben manche Menschen eine überdurchschnittlich feine Wahrnehmung? In der Forschung zeigt sich, dass Menschen sich darin unterscheiden, wie viele und wie detailreiche Sinneseindrücke sie aufnehmen und verarbeiten können. Eine Studie des Universitätsklinikums Freiburg versucht nun herauszufinden, welche Zusammenhänge zwischen dieser visuellen Aufmerksamkeit und der Sensibilität bestehen. Die Erhebung gliedert sich in die Beantwortung eines Fragebogens und das Lösen einer Aufmerksamkeitsaufgabe. Unter allen Teilnehmern der Studie werden als Dank für die Mitwirkung mehrere Büchergutscheine verlost. Details zum Aufbau des Forschungsprojekts und wie Sie sich beteiligen können, finden Sie hier:
http://sensibilitaet-studie.simplesite.com

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Den Autopilot einfach mal stoppen 
Montag, 15. Mai 2017 - Bewusstsein, Wissenschaft, Arbeit
Die Stressspirale am Arbeitsplatz lässt uns leicht besinnungslos werden. Dann taumeln wir von einer Aufgabe zur nächsten, sind völlig im Reaktionsmodus und verlieren darüber das Gespür für uns selbst. In einem Interview mit der Kölnischen Rundschau erklärt der Body-Mind-Mediziner Prof. Dr. Tobias Esch, wie sich durch etwas mehr Bewusstheit die menschliche Selbstheilungskompetenz ins Spiel bringen lässt. "Stress ist eine der größten Herausforderungen der Selbstregulation. Stress ist ein Überlebensmechanismus, die biologische Antwort auf eine potenziell lebensbedrohliche Situation. Dafür werden im Körper Veränderungen begünstigt, die für Kampf und Flucht notwendig sind. Entscheidend ist die Dauer, Dosis und Art des Stresses. Auch vermeintlich positiver Stress ist auf Dauer nicht gut. Körperlicher Stress ist zwar auch nicht gut, aber er hat in der Regel ein natürliches Ende. Mentaler Stress hingegen, der im Kopf entsteht, ist nur schwer zu begrenzen, zumal wir die Fähigkeit haben, mit den Gedanken in die Zukunft und in die Vergangenheit zu gehen. Zudem neigen wir dazu, das Negative stärker zu wahrzunehmen. Dieser gedankliche Stress schafft sich ein Eigenleben. Gefährlich wird es, wenn der Stress chronisch wird. Wer dauerhaft unter Stress steht, sorgt dafür, dass verschiedenste Entzündungsprozesse im Körper begünstigt werden, die bis auf die Zellkernebene nachweisbar sind", so Esch über das Eigenleben von Stress. Wacher und unvoreingenommener mit dem zu sein, was gerade ist, kann hingegen nicht nur die Bewusstheit im Umgang mit Herausforderungen stärken, sondern auch Stresskreisläufe durchbrechen: "Es geht dabei darum, dass man mit der Kraft der Gedanken eine positive Sichtweise auf bestimmte Situationen bekommt und dass zum Beispiel der Stress, den ich empfinde, wenn ich im Stau stehe, eigentlich nur in meinem Kopf entsteht. Es geht nicht darum, eine rosarote Brille aufzusetzen und sich die Welt schönzureden. Vielmehr geht es um Akzeptanz und Gelassenheit, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind."
Dem inneren Arzt vertrauen, Kölnische Rundschau 25.4.17

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Wie ticken wir Menschen wirklich? 
Mittwoch, 3. Mai 2017 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Die Neurowissenschaften haben in den vergangenen Jahren Details über unser menschliches Dasein zutage gebracht, die unser Selbstverständnis grundlegend verändern können. Der Hirnforscher Wolf Singer beispielsweise ergründete immer wieder in Dialogen mit dem Mönch Mathieu Ricard, wie unsere Selbstwahrnehmung unser Dasein prägt. Gerade haben beide einen neuen Dialogband veröffentlicht, Jenseits des Selbst. "Sowohl der Buddhismus als auch die Neurobiologie gehen davon aus, dass Wahrnehmungen konstruiert sind und die Wirklichkeit anders sein kann, als wir sie wahrnehmen. Die Buddhisten berufen sich dabei auf die nach innen gewandte Erforschung ihrer Wahrnehmungsprozesse. Ricard geht davon aus, dass die Kultivierung inhaltsloser Bewusstseinszustände zu einer objektiveren Wahrnehmung der Realität verhilft. Hier sind wir jedoch unterschiedlicher Ansicht. Für uns ist Bewusstsein immer mit Inhalten verbunden", erzählt Singer in einem Gespräch mit der Frankfurter Neuen Presse. Der Unterschied, den er hier macht, ist spannend. Wer in der Meditation schon einmal Momente der völligen geistigen Leere erfahren hat, und seien sie noch so kurz, entwickelt eine Ahnung, wie es ist, auf die Welt und sich selbst zu blicken, ohne diese Wahrnehmung unmittelbar mit bereits Erlebtem und Gewusstem zu verbinden. Es fällt schwer, sich das vorzustellen, denn in diesen Minimalmomenten löst sich unser Selbst auf - und wir können dem Leben in einer ungeahnten Freiheit begegnen. Die klassische Hirnforschung scheint so weit noch nicht zu gehen. Auch im Hinblick auf Selbstkultivierung setzen Ricard und Singer unterschiedliche Akzente. "Als tibetanischer Buddhist vertritt Mathieu die Ansicht, dass sich bestimmte Verhaltensdispositionen durch Meditation trainieren lassen. Die Grundidee: Ich muss von den vielen emotionalen Reaktionsweisen, die mir zur Verfügung stehen, die negativen wie Neid, Missgunst oder Aggressionen abschwächen und positive Affekte wie Mitgefühl und Nächstenliebe kultivieren. Anders als Mathieu glaube ich aber, dass auch negative Affekte wichtig sind. Man muss manchmal jemanden nicht mögen dürfen!", so Singer. Es mutet fast an, als wolle Singer hier die Inhalte des Bewusstseins nicht ganz loslassen. Was verständlich ist, denn wer bin ich, wenn ich zunächst einmal auf meine Bewertungen verzichte? Ricards Perspektive hat nichts damit zu tun, die eigenen Befindlichkeiten zu verleugnen. Es geht wohl eher darum, sie immer wieder einmal für einen Moment zurückzustellen und wahrzunehmen, was diese Unvoreingenommenheit in einem selbst verändert. Treten Mitgefühl und Nächstenliebe beispielsweise durch Üben immer stärker hervor, verringert sich womöglich auch die innere Neigung, andere nicht mögen zu wollen. Diesen feinen Wendepunkt scheinen die Neurowissenschaften noch aus sicherer Distanz zu umkreisen. Aber vielleicht entwickelt sich die Wissenschaft ja in den nächsten Jahren auch dahin, diese Grenze der Annäherung stärker zu erforschen.
Interview mit Wolf Singer: "Erziehung ist das Wichtigste", FNP 19.4.17

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Der Wald heilt wie von selbst 
Mittwoch, 19. April 2017 - Lebensart, Studien, Wissenschaft
Ausgerechnet auf der Webseite des World Economic Forum habe ich einen wunderbaren wissenschaftlichen Bericht gefunden, der meine liebste Freizeitbeschäftigung adelt. Es geht um das Rumhängen im Wald, ein bisschen schlendern, hier und da sich niederlassen, einfach nichts tun, ganz im Hier und Jetzt. Die Japaner haben für diese Nicht-Beschäftigung den herrlichen Begriff des Waldbadens geprägt. Klingt doch toll! Ich hatte bisher bisweilen ein schlechtes Gewissen, weil ich mich auf meinen Touren im heimischen Grün meist nur wenige Kilometer bewege, und dies auch ganz gemächlich - die schöne Umgebung möchte ja schließlich wirken und genossen werden ... Nun erfahre ich, dass ich damit intuitiv eine Menge "richtig" mache, denn beim Waldbaden geht es vor allem darum, sich einfach einer inspirierenden Umgebung auszusetzen. Das ist schon alles. Studien zeigen, dass schon ein halbstündiger Waldaufenthalt den Kortisolspiegel senkt (der Stresspegel geht runter), dem Blutdruck zugute kommt und den Puls beruhigt. Auch das Gemüt profitiert vom lässigen Waldspaziergang. Gesunde Probanden zeigen eine geringere Depressionsneigung und mehr innere Lebendigkeit. Der Beitrag auf der WEF-Webseite erklärt die wissenschaftlichen Details genauer.
The Japanese practice of 'forest bathing' is scientificially proven to be good for you, WEF 23.3.17

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