Mentale Gesundheit darf im Job oft kein Thema sein 
Mittwoch, 15. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Eine nicht zu unterschätzende Zahl von Angestellten fühlt sich im Job in ihrer mentalen Gesundheit herausgefordert. Eine Studie des Marktforschungsunternehmens YouGov mit gut 1.000 Befragten im Auftrag des Karrierennetzwerks LinkedIn zeigt: 57 Prozent stehen im Job unter hoher Anspannung, 44 Prozent leiden unter Unruhe und 40 Prozent werden von Schlafstörungen geplagt. Insgesamt sprechen 82 Prozent der Befragten von Stress am Arbeitsplatz. Aber nur 21 Prozent bekommen von ihren Arbeitgebern Angebote zur Stressbewältigung gemacht. 42 Prozent erklären den Mangel entsprechender Vorsorgeprogramme mit Desinteresse auf höchster Ebene in ihren Unternehmen. Erschöpfung und Überarbeitung scheinen immer noch ein Tabuthema zu sein. Nur 34 Prozent können mit ihren Kollegen über ihre mentale Befindlichkeit offen sprechen, mit Vorgesetzten sogar nur 25 Prozent. Viele haben Angst, zu viel Offenheit könnte negative Folgen für sie haben. 17 Prozent haben in ihrem Unternehmen schon mitbekommen, dass Kollegen benachteiligt wurden, weil sie offen über psychische Krankheiten gesprochen hätten.
Arbeit stresst vier von fünf Arbeitnehmern, WiWo 6.5.19

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Sind Sie ein Aspirin-Meditierer? 
Dienstag, 14. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart
Man könnte Andy Puddicombe, Begründer der Meditations-App Headspace, als so etwas wie den Rockstar unter den Meditierern betrachten. Er war einer der ersten, die vor einigen Jahren erkannten, dass Meditation auch auf dem Smartphone funktionieren könnte. Seit einiger Zeit ist Headspace auch auf Deutsch erhältlich und hat hierzulande bereits eine Million User. Insgesamt nutzen mehr als 40 Millionen die App. In einem Interview mit der FAZ erzählt Puddicombe, wie er vor vielen Jahren selbst zum Meditieren kam. Einige traumatische Lebensereignisse waren für ihn der Anlass. Auch in den User-Gruppen von Headspace beobachtet er dieses Phänomen - Menschen haben die App zwar auf dem Handy, nutzen sie aber eigentlich nicht. Und irgendwann kommt dann der Tag, an dem etwas geschieht und sie merken, dass etwas innere Ruhe vielleicht helfen könnte. Puddicombe nennt sie die Lebensereignis-Meditierer. Dann gibt es da noch die Vitamin-User, die tendenziell regelmäßig ihre Übungen machen, damit erst gar kein Stress aufkommt. Und dann wären da noch die Aspirin-User - wenn's im Alltag knirscht, wird einige Male meditiert, doch sobald sich die Lage wieder beruhigt, bleibt das App-Icon nette Dekoration auf dem Display. Puddicombe ist ein Wanderer zwischen den Welten. Als jemand, der viele Jahre sehr intensiv meditiert, ist ihm die Tiefe der Meditation vertraut und auch ihr spiritueller Kontext. Er versucht, diese Ressource für moderne Lebensverhältnisse zu adaptieren. So haben seine Anfänger-Übungen eine Länge von maximal zehn Minuten - denn wenn sie länger dauern, schlafen die User nur ein. Ich bin bei solchen Beispielen immer ein wenig hin- und hergerissen. Ich finde seine Arbeit toll, weil er einen breitentauglichen Zugang zur Meditation entwickelt. Und gleichzeitig tragen Apps mit ihren spielerischen Ansätzen nicht unbedingt dazu bei, dass Menschen sich auf das tiefere Wesen des Meditierens wirklich einlassen. Denn kleine Übungshäppchen fordern uns nur bedingt heraus - und lassen uns so auch nur bedingt lernen. Ist vielleicht wie beim Marathonlaufen. Wenn ich es gewohnt bin, nur ein paar Kilometer zu laufen, wird mich die Langstrecke überfordern. Aber ich kann mich nur an sie heranhangeln, wenn ich die Übungsdosis erhöhe. Beim Meditieren gibt es zwar nie etwas zu erreichen. Ja, nie! Aber intensiveres Meditieren legt viel mehr Schichten unseres Menschseins frei. Und irgendwo da draußen fängt so etwas wie innere Freiheit an.
"Meditation ist nicht Nichtstun", FAZ 4.5.19

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Kranke Arbeitswelt 
Freitag, 10. Mai 2019 - Lebensart, Psychologie, Studien, Arbeit
Zwang früher vor allem schwere körperliche Arbeit Menschen schon vor Erreichen des Rentenalters in die Knie, sind es heute die psychischen Erkrankungen. Die Versicherung Swiss Life hat anhand ihrer Versichertendaten herausgefunden, dass sich in diesem Feld in den letzten zehn Jahren ein deutlicher Anstieg der Berufsunfähigkeit entwickelt hat. 37 Prozent derer, die ihren Beruf nicht mehr ausüben können, haben heute eine psychische Krankheit wie Burn-out, Depression oder Angststörungen. Vor zehn Jahren waren es noch 26 Prozent, was einem Anstieg um 40 Prozent entspricht. Wissenschaftler führen diese Entwicklung darauf zurück, dass heute mehr Sensibilität gegenüber psychischen Erkrankungen besteht und sie deshalb häufiger diagnostiziert und damit aktenkundig werden. Das mag sein. Aber sollte es uns nicht dazu führen, die Gesetzlichkeiten der Arbeitswelt viel offensiver zu hinterfragen?
Immer mehr Menschen wegen psychischer Erkrankungen arbeitsunfähig, spiegel.de 24.2.19

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Empathischer Egoismus? Wie bitte? 
Donnerstag, 9. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit, Management
Das Optimierungsdenken in der Arbeitswelt treibt immer neue Blüten. In der Wirtschaftswoche etwa proklamiert Björn Waide, CEO von Smartsteuer, einem Unternehmen, dass sich daran versucht, das Steuerwesen zu digitalisieren, "empathischen Egoismus" als Führungsstil der Zukunft. Die Empathie soll dabei die Ellbogen anscheinend etwas zügeln. "Wir brauchen einen gesunden Egoismus, der empathisch für den Egoismus der anderen ist. Dies zu moderieren, ist eine gewaltige Führungsaufgabe. Leadership im digitalen Zeitalter, das bedeutet daher auch, eine heterogene Ansammlung von Ich-AGs zu einer schlagkräftigen Einheit zu formen, Interessen auszugleichen, Konflikte zu moderieren und transparent zu kommunizieren. Wir müssen Räume schaffen, in denen genau diese empathischen Egoisten ihre individuellen Potentiale und Ziele einbringen können", so Waide. Von New-Work-Kuscheln hält er eher wenig. Ihm schwebt anscheinend eher ein Win-Win vor, in dem Egoisten sich nicht gegenseitig boykottieren, sondern gemeinsam ihre Vorteile maximieren. Bei Waide liest sich das dann so: "Es liegt an uns, den gesunden Egoismus durch kluge und empathische Führung im Sinne der Organisation in wertschöpfende Bahnen zu kanalisieren. Genau dies wird die große Herausforderung der Zukunft sein: Unternehmen zu schaffen, die die Interessen von Unternehmen und Mitarbeitern in Einklang bringen, sodass sich die eingebrachten Energien ergänzen und allseitig Nutzen stiften." Mich überkommt bei solch smartem Business-Sprech immer ein Abwehrreflex. Und ich wüsste gerne, was unter Waides "Allseitigkeit" so alles fällt. Ein Blick in den Duden kann da manches erhellen. Der beschreibt Egoismus wie folgt: "Haltung, die gekennzeichnet ist durch das] Streben nach Erlangung von Vorteilen für die eigene Person, nach Erfüllung der die eigene Person betreffenden Wünsche ohne Rücksicht auf die Ansprüche anderer; Selbstsucht, Ichsucht, Eigenliebe." Mal rein logisch gefragt: Kann der Verzicht auf Rücksicht gegenüber den Ansprüchen anderer "allseitigen Nutzen" stiften? Oder begegnet uns hier nur ein neues, perfides Wortspiel? Dann lächeln empathische Egoisten ihre Opfer vielleicht noch an, bevor sie zuschlagen ...
Unternehmen brauchen empathische Egoisten, WiWo 18.4.19

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Neue Ausgabe von evolve - Soziale Achtsamkeit 
Dienstag, 7. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Medien
Achtsamkeit ist in aller Munde, was an und für sich erst einmal eine gute Sache sein könnte. Denn was sollte falsch daran sein, wenn Menschen sich bewusst entspannen möchten oder etwas dafür tun, um geistig wacher zu sein? Doch in den sehr individualistischen Kulturen westlicher Gesellschaften und insbesondere durch das wachsende Interesse in der Arbeitswelt an Mindfulness, entwickelt Achtsamkeit auch eine Konnotation, die sehr selbstbezogen ist. In vielen säkularen Kursen geht es vor allem darum, wie Achtsamkeit dem eigenen Ich gut tut. Der Blick darüber hinaus ist eher selten. In den spirituellen Traditionen war Achtsamkeit schon immer eine gemeinschaftliche Praxis - eingebettet in spirituelle Bezugssysteme, die Menschen mit etwas verbanden, das über sie hinausweist. In der heutigen Zeit ist die Gefahr nicht zu leugnen, dass Mindfulness ganz leicht schlicht zu einem Ego-Trip wird. Deshalb haben wir uns in der neuen Ausgabe von evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur des Themas "Soziale Achtsamkeit" angenommen, um "Die Kraft des Beziehungsraums" einmal stärker in den Blick zu rücken. Otto Scharmer, der gemeinsam mit der Künstlerin und Ausdruckstänzerin Arawana Hayashi das Social Presencing Theater entwickelt hat, deutet im Interview beispielsweise darauf, dass Presencing immer eine Form kollektiver Wachheit und ein gemeinsames sich in eine unbekannte Zukunft Lehnen bedeutet. Joe Brewer spricht in der neuen Ausgabe über soziale Verbundenheit im Kontext der globalen Krise, in der wir uns befinden. Stefan Krüskemper, ein Künstler, der mit der sozialen Plastik arbeitet, zeigt, wie aus kollektiver Kreativität Freiheit entsteht. Ich habe mich in meinem eigenen Artikel damit beschäftigt, wo Achtsamkeit im Business leicht zu kurz greift und sogar isoliert - und ich habe sehr zuversichtlich stimmende Beispiele gefunden, wie eine dialogisch verstandene Achtsamkeit uns auf neue Weise nicht nur in unserem eigenen Menschsein verankern kann, sondern uns zugleich mit anderen Menschen verbindet. Die neue Ausgabe von evolve ist ein Muss für alle, die sich mit Achtsamkeit beschäftigen. Zum Thema des Magazins gibt es auch eine Sendung von Radio evolve zum kostenlosen Download.

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Mittelschicht wird für Jüngere schwerer erreichbar 
Freitag, 3. Mai 2019 - Lebensart, Studien
Die gefühlte Prekariatsstimmung, die in Deutschland in vielen Bevölkerungsgruppen immer wahrnehmbarer wird, auch wenn viele Fundametaldaten noch dagegenzusprechen zu scheinen, hat nun auch einen wissenschaftlichen Beleg. Eine OECD-Studie zeigt, dass es für die so genannten Millenials, also die zwischen 1983 und 2002 Geborenen, heute schwieriger wird als es für frühere Generationen war, ihren Platz in der Mittelschicht zu finden. Gründe dafür sind, dass heute zum Beispiel eine mittlere Ausbildung nicht mehr reicht, um ein mittleres Einkommen zu erzielen. Wo in der Elterngeneration der heute 40- bis 50-Jährigen häufig noch ein Einkommen ausreichte, um sich in der Mittelschicht einzurichten, ist heute eher das Doppelverdiener-Modell notwendig, ein Umstand, der auch Singles, vor allem in den Großstädten immer mehr zu schaffen macht. Denn, insbesondere in Deutschland, sind die Lebenshaltungskosten deutlich gestiegen. Hierzulande werden rund 35 Prozent des Einkommens fürs Wohnen fällig - im OECD sind es "nur" 32 Prozent, 1995 waren es allerdings noch 25 Prozent. Unter den Babyboomern (geb. 1942-1964) gehörten noch 71 Prozent der Menschen in ihren Zwanzigern der Mittelschicht an, in der Generation X (geb. 1965-1982) waren es auch noch 70 Prozent, bei den Millenials hingegen sind es nur noch 61 Prozent.
Unter 30-Jährigen gelingt immer seltener ein Aufstieg in die Mittelschicht, welt.de 10.4.19

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Sich mit "Musik" für Arbeit oder Entspannung tunen 
Donnerstag, 2. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Ich gebe es ja zu, ich bin ein Fan von Audio-Tracks, die so arrangiert wurden, dass sie beruhigen oder die innere Fokussierung unterstützen. Selbst wenn die wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit solcher Tracks noch dürftig sind - ich habe den Eindruck, diese Musik stimmt mich milder, wenn im Zug im Ruheabteil mal wieder alles um mich herum am Quatschen ist. Die App Endel geht noch einen Schritt weiter - sie webt aus kurzen elektronischen Klangmustern immer wieder neue Kompositionen - je nach Bedarf abstimmt auf Beruhigung oder Einschlafen, Fokussierung und konzentriertes Arbeiten. Wer auf abwechslungsreiche Begleitung am Schreibtisch Wert legt und nicht selbst Playlisten zusammenstellen möchte, könnte hier also finden, was er schon immer gesucht hat. Mich stört an Endel die Tatsache, dass hier die algorithmische Logik zu einer intensiven, ständigen Begleitung wird. Nicht, dass ich etwas gegen digitale Sounds hätte - Jean-Michelle Jarre zum Beispiel ist ein Meister seines Genres. Aber die Vorstellung, dass ich so viel von mir in ständigem Kontakt mit maschinellem Output bringe, widerstrebt mir irgendwie. Denn das prägt ja nicht nur unsere Befindlichkeit, sondern über längere Zeiträume auch unsere Hörgewohnheiten insgesamt.
Wie Automatenmusik bei der Arbeit hilft, WiWo 9.4.19

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Geh' doch mal an die frische Luft 
Dienstag, 30. April 2019 - Lebensart, Psychologie, Studien
Mütter sagen es zu ihren Kids, wenn sie stundenlang am Computer daddeln, und Ärzte vielleicht bald, anstatt ein Rezept auszustellen: Geh' doch mal an die frische Luft! Wissenschaftliche Studien zeigen, dass schon 20-30 Minuten im Freien, bei entspanntem Gehen oder sogar Sitzen, für Körper und Geist ein wahrer Jungbrunnen sind. Eine Studie belegt: Bereits nach den ersten 20 Minuten sinkt der Cortisolspiegel enorm. Bleibt man länger draußen, gehen die Stressmarker zwar weiter zurück, aber nicht mehr so deutlich. Wenn das mal keine gute Nachricht ist für alle, die nie Zeit haben oder sich nicht allzu gerne bewegen.
Was 20 Minuten im Grünen bewirken, spiegel.de 7.4.19

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