Die Selbstbezüglichkeitsfalle des Achtsamkeits-Trends 
Dienstag, 10. April 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Das Zeit-Magazin nimmt in einem Beitrag den gegenwärtigen Achtsamkeits-Trend aufs Korn. Zwar ist der Artikel in teils sehr zynisch-überheblichem Tonfall verfasst, doch trifft er einen wunden Punkt der scheinbar immer mehr um sich greifenden Neigung zur Selbsterforschung und -verbesserung. Meditations-Lehrer, die im Kontext einer spirituellen Tradition der Weltreligionen Achtsamkeit praktizieren, warnen schon länger davor, dass in einer modernen Kultur des extremen Individualismus Meditation womöglich unter kontraproduktiven Vorzeichen geübt wird. Viele Menschen möchten einfach weniger gestresst sein und sich ein bisschen besser fühlen. Das ist legitim und wünschenswert. Doch wer sich aus diesem Ichbezug heraus versucht, etwas Gutes zu tun, übersieht dabei leicht etwas Wesentliches. In den großen spirituellen Traditionen liegt die Befreiung von den Bedrängnissen des Alltags gerade darin, zunächst einmal dieses Ich durchlässiger werden zu lassen, diesen oft unsere gesamte Wahrnehmung umfassenden Selbstbezug loszulassen. Wer in einem Moment des inneren Aufbrechens diese Grenze des Ichs schon einmal durchbrochen hat, mag ahnen, wie anders unser Dasein in der Welt sein kann verglichen mit unserer ganz alltäglichen Selbstwahrnehmung. Ist uns dieser mögliche Unterschied indes nicht bewusst, kann das Streben nach Achtsamkeit zu einer Manie werden, die uns nur noch stärker um uns selbst kreisen lässt. Wie das aussieht, beschreibt der Zeit-Artikel auf die Spitze getrieben (und in gewisser Weise aus eben dieser Perspektive heraus). Dankenswerterweise endet der Beitrag allerdings mit dem Hinweis auf die mögliche Tiefendimension, zu der wir in unserem Menschsein durch praktizierte Achtsamkeit wieder Zugang erreichen können. In der Metta-Meditation beispielsweise belässt man es nicht dabei, sich selbst innerlich ein gutes Leben zu wünschen. Man dehnt diesen Wunsch im Zuge der Praxis aus auf einem Nahestehende, auf Menschen, die mang nicht mag, bis hin zu allen Lebewesen. "Dass das tatsächlich wirkt, hat eine Langzeitstudie des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften erwiesen: Die Metta-Meditation kann, so die Ergebnisse, die Aktivität von Gehirnregionen verstärken, die mit positiven Emotionen und Zugehörigkeitsgefühlen assoziiert sind. Aber eben nur dann, wenn man die Ebene des Ichs verlässt und sich ins Wir hineinbegibt", so die Schlussfolgerung des Artikels.
Und, wie fühlst du dich dabei? Zeit Magazin 30.3.18

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Wie Technologie uns vom Leben trennt 
Montag, 9. April 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Der tödliche Unfall, der durch ein selbstfahrendes Uber-Fahrzeug verursacht wurde, konfrontiert uns einmal mehr mit der Frage, was im Zusammenspiel von Mensch und Maschine heute möglich ist - und was nicht. Eine zentrale Denkweise bei computergesteuerten Autos ist, dass der Mensch als Beifahrer in Notsituationen unmittelbar eingreifen kann und soll. Eine kluge Idee, die jedoch nicht unbedingt mit dem vereinbar ist, was wir als Menschen sind und wie wir selbst "funktionieren". "Unsere Wahrnehmung und Informationsverarbeitung ändert sich, sobald wir vom aktiv Handelnden – also etwa dem Autofahrer – zum Überwachenden werden. Wenn ich selber fahre, kann ich zum Beispiel viel schneller eine Notbremsung durchführen, als wenn ich nur zugeschaut habe und darauf reagiere, wenn das Auto mich auf ein Problem hinweist. In dem Moment muss kognitiv erst mein Programm für aktives Autofahren wieder aktiviert werden. Das dauert länger als die berühmte Schrecksekunde", erklärt etwa der Psychologe Klaus Bengler in einem Interview mit der Zeit. Bei etwas dabei zu sein, bedeutet eben noch lange nicht, wirklich involviert und mit einer Situation verbunden zu sein. Über diese innere Distanz zum Leben, die nicht nur eine emotionale Reaktion ist, sondern auch von der Funktionsweise des menschlichen Gehirns abhängt, wird noch viel zu wenig nachgedacht. "Es ist ganz normal, dass die Konzentration bei Monotonie nachlässt und das Durchhaltevermögen sinkt, wenn man sich ständig, ohne spürbaren Nutzen, auf die Überwachung konzentrieren soll. Das heißt: Automation macht uns in der Tendenz unaufmerksam", so Bengler. Es scheint in unserer Natur zu liegen, nur dann voll da zu sein, wenn wir mit einer Situation wirklich verbunden sind. Auf einen Computer hat die Monotonie von Überwachungsaufgaben keinen Einfluss, er ist genau für solche "Tätigkeiten" gemacht. Wir Menschen scheinen den Zugang zur viel größeren Breitbandigkeit unserer Fähigkeiten nur dann wirklich zu haben, wenn wir uns in diesen Fähigkeiten auch gefragt fühlen. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Möglichkeiten selbstfahrender Autos. Wir sollten uns im Umgang mit jeglicher Technologie immer wieder fragen, ob sie uns tatsächlich hilft oder nicht vielleicht gar bestimmter Fähigkeiten beraubt. Nur weil soziale Netzwerke, die Nutzung von Systemen zur Hausautomation oder der automatische Bestellbutton von Amazon gewöhnlich keine Fragen auf Leben und Tod mit sich bringen, bedeutet das nicht, dass wir es uns leisten sollten, diese zentrale Frage zu ignorieren.
"Automation macht uns unaufmerksam", zeit.de 24.3.18

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Gebrauch von Schmerzmitteln besorgniserregend 
Freitag, 23. März 2018 - Lebensart, Wissenschaft
Vor einigen Wochen machten verstärkt Meldungen die Runde, dass in den USA der Missbrauch von Schmerzmitteln beziehungsweise das wenig umsichtige Verschreiben derselben durch Ärzte immer mehr zu einer gesellschaftlichen Bedrohung wird. Nun schlagen auch deutsche Mediziner Alarm. "Der Pro-Kopf-Verbrauch von Opioiden ist in Deutschland bereits erschreckend hoch und unterscheidet sich kaum noch von dem in den USA", zitiert die Welt Christoph Stein, Direktor der Klinik für Anaesthesiologie und operative Intensivmedizin an der Charité Berlin. Stein kritisiert, dass u.a. nach Zahn-OPS von den Ärzten zu viele Opiode verschrieben würden. Die Gefahr dabei: Patienten nehmen sie zu lange ein und könnten unbemerkt süchtig werden. Von 2000 bis 2010 haben sich die hierzulande verschriebenen Tagesdosen mehr als verdoppelt, zwischen 2006 und 2015 wurden um ein Drittel mehr Verordnungen durch Ärzte gemacht. Ein Teil des Anstiegs ist der Tatsache geschuldet, dass in der Palliativmedizin immer mehr Schmerzmittel eingesetzt werden, um Sterbenden das Lebensende erträglicher zu gestalten. Die Verantwortung liegt letztlich nicht nur bei den Ärzten. Viele Menschen mit Schmerzen wollen vor allem, dass diese schnellstmöglich aufhören. Über die Folgen von starken Schmerzmitteln machen sie sich oft nicht so viele Gedanken. Auch die Gründe für den wachsenden "Bedarf" sind bedenkenswert. In einer Kultur, in der man am besten immer reibungslos funktionieren sollte, werden Schmerzmittel zu so etwas wie logisch konsequent eingesetzten Helfern.
„In Deutschland droht eine Opioid-Epidemie wie in den USA“, welt.de 15.3.18

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Nach der Arbeit ... wird weitergearbeitet 
Montag, 19. März 2018 - Lebensart, Studien, Arbeit
Wie sehr die Grenzen zwischen Job und Privatleben am Verschwimmen sind, zeigt eine neue Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Im Schnitt widmen sich die 1.800 Befragten nämlich fünf Stunden pro Woche außerhalb ihrer Arbeitszeit beruflichen Dingen. Knapp 63 Prozent gehen in der Freizeit regelmäßig Jobangelegenheiten nach. Knapp 22 Prozent in einem Umfang von bis zu zwei Stunden, bei knapp 30 Prozent sind es zwischen drei und zehn Stunden. Etwa 13 Prozent sind sogar mehr als zehn Stunden in der Woche nach Feierabend noch mit Beruflichem beschäftigt. Die Studie möchte mit den Ergebnissen dafür sensibilisieren, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer fließender werden - und die bisherigen Definitionen von Arbeitszeit wie auch der Arbeitnehmerschutz in den neuen Grauzonen nicht greifen.
Angestellte opfern fünf Stunden Freizeit für die Arbeit - jede Woche, Spiegel online 5.3.18

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Soziale Ungleichheit hängt an Generationen 
Freitag, 16. März 2018 - Lebensart, Studien, Arbeit
Chancengleichheit ist ein großes Thema. Einerseits suggeriert unser offenes Bildungssystem, dass hierzulande jeder gemäß seinen Fähigkeiten einen guten Platz in der Gesellschaft finden kann. Andererseits sind die Indizien groß, dass das soziale Herkunftssystem nach wie vor einen wesentlichen Anteil daran, ob gesellschaftlicher Aufstieg gelingt und wie weit er möglich ist. Der Arbeitsmarktforscher Sebastian Braun vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel und Jan Stuhler von der Universität Madrid untersuchten die Daten aus vier Generationen im Hinblick auf den sozialen Status von Familien im 20. Jahrhundert. Ihre Analyse macht deutlich: Im Schnitt 60 Prozent der Faktoren, die für den sozialen Status maßgeblich sind, darunter Lebensumstände, Netzwerke und Begabungen, werden von einer Generation auf die nächste vererbt. Das Elternhaus ist also nach wie vor sehr entscheidend.
Sozialer Aufstieg hängt von der Familie ab, Zeit online 5.3.18

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Was wir essen, zeigt, wie wir drauf sind 
Donnerstag, 15. März 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Vegetarier ticken politisch anders als Fleischesser, so das Ergebnis zweier psychologischer Studien der Universität Mainz. Die Wissenschaftler führten zwei Repräsentativerhebungen mit jeweils 5.000 Probanden durch. Einmal stand die rein vegetarische Ernährung im Fokus (drei Prozent der Befragten), das andere Mal wurde diese Definition weiter gefasst und man ordnete auch Menschen zu, die vorwiegend vegetarisch leben und gelegentlich Fleisch essen (sechs Prozent der Befragten). In beiden Erhebungen zeigte sich, dass Menschen, die den Konsum tierischer Produkte ablehnen und sie zumindest nur bewusst oder mäßig verzehren, sich in ihrem Mindset von den Fleischessern unterscheiden. Sie sind offener für neue Erfahrungen, weniger konservativ als der Rest der Bevölkerung und auch politisch interessierter. Diese Haltungen manifestieren sich vor allem in einem bestimmten Kreis der Gesellschaft - bei jüngeren Menschen mit höherem Bildungsabschluss. Frauen sind hier drei Mal so häufig präsent wie Männer.
Vegetarier ticken anders, Psychologie heute 2.3.18

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Lass' mich nicht hängen - die neue Unverbindlichkeit 
Mittwoch, 14. März 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Sich verabreden, obwohl man weiß, dass man das Date später platzen lassen wird? In Zeiten der sozialen Medien fällt es leicht, sich eine Hintertür offenzuhalten. Tun sich kurzfristig bessere Optionen auf oder man hat schlicht keine Lust, reicht eine kurze Whatsapp und man ist aus dem Schneider - und das ganz ohne lästige direkte persönliche Konfrontation. Die zwischenmenschliche Distanz, die Nachrichten über soziale Netzwerke erlauben, erleichtert es, unverbindlich zu sein. Die New York Times sprach im letzten Sommer sogar von einem „Golden Age of Bailing” ("Don't bail on me" lässt sich mit "Lass' mich nicht hängen" übersetzen). Wissenschaftler wundert es kaum, dass dieser Trend sich vor allem in den USA sehr stark zeigt, ist die amerikanische Kultur doch eher eine konfliktscheue. Die neue Bailing-Kultur fördert soziale Unsicherheiten, denn letztlich weiß man kaum noch, ob eine Zusage wirklich zählt. Wer wert auf Verbindlichkeit legt, sagt deshalb inzwischen bei Verabredungen gleich dazu: „Lass' mich nicht hängen!“
„Don’t bail on me“: Die große Angst, sitzengelassen zu werden, Zeit online 2.3.18

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Wie Social Media eine ganze Generation prägt 
Dienstag, 13. März 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Soziale Netzwerke können süchtig machen, das zeigen inzwischen verschiedene Studien. In der jungen Generation braut sich hier etwas zusammen. Eine neue Studie der Krankenkasse DAK und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt, dass heute 2,6 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren von sozialen Medien abhängig sind. Umgerechnet sind das rund 100.000 Jugendliche. Die tägliche Nutzungsdauer liegt in dieser Altersgruppe bei zweieinhalb (Jungen) bis drei (Mädchen) Stunden. Die Wissenschaft zeigt auch: Wer von sozialen Medien abhängig ist, hat ein um 4,6 Prozent höheres Risiko, an Depressionen zu erkranken. Bedenklich stimmt auch, wie sich so stark durch soziale Medien geprägte junge Menschen später entwickeln und was das für sie im Berufsleben bedeutet. Seit Jahren steigt die Zahl psychischer Erkrankungen, unter anderem angetrieben von Stress und Burn-out. Auch für Arbeitnehmer, die die Welt der sozialen Medien und die Allzeit-Verfügbarkeit (und den Anspruch daran), den diese mit sich bringen, erst in reiferem Lebensalter kennengelernt haben, leiden darunter. Welche Probleme können also für die jugendlichen Dauernutzer erwachsen, wenn sie später im Berufsleben Social Media nicht mehr nur zum Vergnügen nutzen, sondern die virtuelle Kommunikation auch als äußere Anforderung erleben? Es dürfte wichtig sein, diese Problematik schon heute stärker ins Visier zu nehmen.
So süchtig machen Whatsapp, Instagram und Co., FAZ 1.3.18

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink

Zurück Weiter