Warum wir Leistung neu denken sollten 
Donnerstag, 26. April 2018 - Psychologie, Wissenschaft, Arbeit, Management
Der Hyperindividualisierung der modernen Kultur hat längst auch unseren Leistungsbegriff geprägt. Denken wir an Leistung, meinen wir damit meistens: Schau, das hab' ich geschafft! Aber wie realistisch ist die Annahme eigentlich, dass das, was wir als unsere Leistung wahrnehmen - und was im Business als Leistung betrachtet wird -, wirklich allein auf unser Konto geht? "Hinter dem, was als individuelle Leistung gilt, steht ein kollektiver Kraftakt. Alles, was in der Erwerbswelt produziert wird, beruht auf den Anstrengungen von ganz vielen. Ähnliches gilt sogar im Bereich der Bildung, in dem wir ebenfalls von persönlicher Leistung sprechen. Das Können von Schulkindern beruht ja nicht nur auf ihrem eigenen Fleiß und ihrer Begabung, sondern auch auf dem Unterricht der Lehrer und der Unterstützung der Eltern", sagt etwa die Historikerin Nina Verheyen. Sie deutet mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit zur geschichtlichen Entwicklung des Leistungsgedankens darauf, dass es an der Zeit sein könnte, unsere Vorstellungen von Leistung zu revidieren. "Ich plädiere dafür, Leistung als eine genuin soziale Größe zu denken, was Verschiedenes beinhaltet. Erstens arbeiten wir ständig im Team, zweitens sind wir nicht gezwungen, nur Dinge als Leistung gelten zu lassen, die sich vermeintlich quantifizieren lassen. In Theorien sozialer Gerechtigkeit geht es bei einer Leistung im Kern um etwas, das jemand hervorbringt – und das von der Gesellschaft erwünscht ist. Warum ist es nicht auch eine Leistung, ein Glas Wein miteinander zu trinken und zu quatschen? Ich glaube, es fällt uns so schwer, das zu denken, weil wir Leistung fast automatisch mit Anstrengung, Druck, Messbarkeit und auch Ökonomie verbinden – eine Verengung", so Verheyen. Es ist spannend, darüber nachzudenken, wie sich unsere Wertelandschaft verändern würde, wenn wir einerseits Leistung nicht mehr nur als unser ureigenes Ding sehen würden und andererseits nicht nur mit meist wirtschaftsnahen Bereichen überhaupt die Idee von Leistung verbinden.
Wie ungerecht ist das denn? Zeit online 18.4.18

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Meditation ist Hygiene für den Geist 
Dienstag, 17. April 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Der amerikanische Psychologieprofessor Richard Davidson gehört zu den großen Vorreitern des gegenwärtigen Booms in der Meditationsforschung. Inspiriert vom Dalai Lama persönlich erforscht er seit vielen Jahren, wie Meditation dem Menschsein eine tiefere Gründung geben kann. Und auch, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse sich in alltagspraktische Möglichkeiten umsetzen lassen. "Es geht nicht darum, den Kopf zu leeren, wie manchmal geschrieben wird, sondern darum, die Gedanken zur Ruhe zu bringen. In der Meditation fällt alles an seinen Platz zurück, der Geist wird wieder frisch und aufmerksam, das Herz wärmt sich und man verbindet sich mit der Welt, die uns umgibt. Meditation erlaubt empathische Anteilnahme", sagt er in einem Interview mit der Basler Zeitung. Beim World Economic Forum stellte er bereits mehrfach seine Arbeit vor. Doch versucht er vor allem in gezielten Projekten, beispielsweise mit traumatisierten Jugendlichen oder Soldaten, aber auch im Schulsystem, Menschen in die Lage zu versetzen, ihr Leben bewusster zu sehen und zu gestalten. In Mexiko etwa hat er mit 60.000 Lehrern ein großes Projekt ins Leben gerufen, um das Meditieren in die Schulen zu bringen und Kindern in ihrem Reifeprozess neue Möglichkeiten aufzuzeigen. "Wohlbefinden ist kein zufälliger Zustand, sondern eine Fähigkeit, die wir uns aneignen können. Wir können uns also beibringen, glücklich, widerstandsfähig, empathisch und in Balance zu sein", sagt Davidson.
"Meditieren sollte so normal werden wie Zähneputzen", Basler Zeitung 7.4.18

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Wie Technologie uns vom Leben trennt 
Montag, 9. April 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Der tödliche Unfall, der durch ein selbstfahrendes Uber-Fahrzeug verursacht wurde, konfrontiert uns einmal mehr mit der Frage, was im Zusammenspiel von Mensch und Maschine heute möglich ist - und was nicht. Eine zentrale Denkweise bei computergesteuerten Autos ist, dass der Mensch als Beifahrer in Notsituationen unmittelbar eingreifen kann und soll. Eine kluge Idee, die jedoch nicht unbedingt mit dem vereinbar ist, was wir als Menschen sind und wie wir selbst "funktionieren". "Unsere Wahrnehmung und Informationsverarbeitung ändert sich, sobald wir vom aktiv Handelnden – also etwa dem Autofahrer – zum Überwachenden werden. Wenn ich selber fahre, kann ich zum Beispiel viel schneller eine Notbremsung durchführen, als wenn ich nur zugeschaut habe und darauf reagiere, wenn das Auto mich auf ein Problem hinweist. In dem Moment muss kognitiv erst mein Programm für aktives Autofahren wieder aktiviert werden. Das dauert länger als die berühmte Schrecksekunde", erklärt etwa der Psychologe Klaus Bengler in einem Interview mit der Zeit. Bei etwas dabei zu sein, bedeutet eben noch lange nicht, wirklich involviert und mit einer Situation verbunden zu sein. Über diese innere Distanz zum Leben, die nicht nur eine emotionale Reaktion ist, sondern auch von der Funktionsweise des menschlichen Gehirns abhängt, wird noch viel zu wenig nachgedacht. "Es ist ganz normal, dass die Konzentration bei Monotonie nachlässt und das Durchhaltevermögen sinkt, wenn man sich ständig, ohne spürbaren Nutzen, auf die Überwachung konzentrieren soll. Das heißt: Automation macht uns in der Tendenz unaufmerksam", so Bengler. Es scheint in unserer Natur zu liegen, nur dann voll da zu sein, wenn wir mit einer Situation wirklich verbunden sind. Auf einen Computer hat die Monotonie von Überwachungsaufgaben keinen Einfluss, er ist genau für solche "Tätigkeiten" gemacht. Wir Menschen scheinen den Zugang zur viel größeren Breitbandigkeit unserer Fähigkeiten nur dann wirklich zu haben, wenn wir uns in diesen Fähigkeiten auch gefragt fühlen. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Möglichkeiten selbstfahrender Autos. Wir sollten uns im Umgang mit jeglicher Technologie immer wieder fragen, ob sie uns tatsächlich hilft oder nicht vielleicht gar bestimmter Fähigkeiten beraubt. Nur weil soziale Netzwerke, die Nutzung von Systemen zur Hausautomation oder der automatische Bestellbutton von Amazon gewöhnlich keine Fragen auf Leben und Tod mit sich bringen, bedeutet das nicht, dass wir es uns leisten sollten, diese zentrale Frage zu ignorieren.
"Automation macht uns unaufmerksam", zeit.de 24.3.18

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Auch die Schweiz ist gestresst und meditiert 
Mittwoch, 28. März 2018 - Wissenschaft, Arbeit, Management
Jeder vierte Berufstätige in der Schweiz ist bei der Arbeit häufig oder sogar immer unter Stress. Für viele Schweizer Unternehmen ein Grund, Meditation in das Arbeitsumfeld zu bringen. Beim Stromanbieter Axpo treffen sich die Mitarbeiter jede Woche für eine halbe Stunde zur gemeinsamen Achtsamkeitspraxis. Auch Firmen wie Julius Bär, Swisscom oder Helsana erproben das Meditieren im Büro. Gängige Management-Methoden versuchen, dem wachsenden Druck mit Verhaltenstipps und -änderungen zu begegnen. "Aber das hilft nicht mehr, um den Wahnsinn der heutigen Komplexität zu bewältigen. Es braucht etwas qualitativ Neues", findet Angelika von der Assen, bei der Axpo zuständig für das Leadership Development. Axpo bietet heute den Mitarbeitern, die das möchten, mehrwöchige Kurse an, in denen sie Meditationsübungen erlernen, die arbeitsplatztauglich sind. Während der Kurse üben sie täglich mindestens 15 Minuten. Und später können sie das Gelernte weiter kultivieren und beispielsweise an der wöchentlichen Meditationsrunde in der Firma teilnehmen.
Wenn Manager meditieren: Achtsamkeit erobert die Wirtschaft, SRF 18.3.18

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Globalisierung braucht einen Ausgleich 
Dienstag, 27. März 2018 - Wissenschaft, Arbeit
Die wachsende Ungleichheit wird für immer mehr Ökonomen zum Thema. In einem Interview mit der Zeit beleuchtet der Ökonom Branko Milanović das Paradox, dass der intensiver werdende Welthandel zwar einerseits in den letzten Jahren den Lebensstandard für Millionen von Menschen erheblich verbessert hat, aber andererseits auch bestimmte Bevölkerungsgruppen überproportional von dieser Entwicklung profitieren, während andere zunehmend abgehängt werden. In Ländern, die im Verdrängungswettbewerb um die billigsten Arbeitskräfte gerade erst beginnen, vom Boom zu profitieren, sei die Akzeptanz der Globalisierung entsprechend hoch. In Europa, wo sich unter anderem durch massive Arbeitsplatzverlagerungen immer mehr die Schattenseiten zeigen, sinkt sie hingegen. In Vietnam denken 91 Prozent der Bevölkerung positiv über die Globalisierung, in Frankreich hingegen nur 37 Prozent. Milanović weist darauf hin, dass die sozialen und politischen Dimensionen, die durch das wachsende globale Ungleichgewicht aufgerissen werden, stärkere Beachtung finden sollten und es weltweit neuer Mechanismen des Ausgleichs und der Solidarität bedürfe. "Da die Globalisierung alle beteiligten Länder insgesamt reicher macht, müsste man den Globalisierungsgewinnern in den jeweiligen Ländern einen Teil ihrer Profite nehmen und diese den Globalisierungsverlierern geben", schlägt er vor. Die gegenwärtige Politik geht indes derzeit in vielen Ländern einen anderen Weg.
"Es profitieren längst nicht alle von diesem Boom", Zeit online 19.3.18

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Gebrauch von Schmerzmitteln besorgniserregend 
Freitag, 23. März 2018 - Lebensart, Wissenschaft
Vor einigen Wochen machten verstärkt Meldungen die Runde, dass in den USA der Missbrauch von Schmerzmitteln beziehungsweise das wenig umsichtige Verschreiben derselben durch Ärzte immer mehr zu einer gesellschaftlichen Bedrohung wird. Nun schlagen auch deutsche Mediziner Alarm. "Der Pro-Kopf-Verbrauch von Opioiden ist in Deutschland bereits erschreckend hoch und unterscheidet sich kaum noch von dem in den USA", zitiert die Welt Christoph Stein, Direktor der Klinik für Anaesthesiologie und operative Intensivmedizin an der Charité Berlin. Stein kritisiert, dass u.a. nach Zahn-OPS von den Ärzten zu viele Opiode verschrieben würden. Die Gefahr dabei: Patienten nehmen sie zu lange ein und könnten unbemerkt süchtig werden. Von 2000 bis 2010 haben sich die hierzulande verschriebenen Tagesdosen mehr als verdoppelt, zwischen 2006 und 2015 wurden um ein Drittel mehr Verordnungen durch Ärzte gemacht. Ein Teil des Anstiegs ist der Tatsache geschuldet, dass in der Palliativmedizin immer mehr Schmerzmittel eingesetzt werden, um Sterbenden das Lebensende erträglicher zu gestalten. Die Verantwortung liegt letztlich nicht nur bei den Ärzten. Viele Menschen mit Schmerzen wollen vor allem, dass diese schnellstmöglich aufhören. Über die Folgen von starken Schmerzmitteln machen sie sich oft nicht so viele Gedanken. Auch die Gründe für den wachsenden "Bedarf" sind bedenkenswert. In einer Kultur, in der man am besten immer reibungslos funktionieren sollte, werden Schmerzmittel zu so etwas wie logisch konsequent eingesetzten Helfern.
„In Deutschland droht eine Opioid-Epidemie wie in den USA“, welt.de 15.3.18

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Psychische Ansteckungsgefahr? 
Dienstag, 20. März 2018 - Psychologie, Wissenschaft
In Psychologie und Hirnforschung mehren sich die Indizien dafür, dass psychische Traumata nicht alleine durch eigenes Erleben hervorgerufen werden, sondern sich auch im Kontakt mit Traumatisierten "vermitteln" könnten. Verschiedene Studien, beispielsweise mit Psychologen, die Traumapatienten behandeln, Helfern von Krisenereignissen oder auch Angehörigen von Traumatisierten zeigen, dass zwischen zehn und 20 Prozent derjenigen, die in Kontakt mit Traumata anderer Menschen kommen, selbst Belastungsstörungen an den Tag zeigen. Die Wissenschaft nennt das "Sekundäre Traumatisierung". Ein Artikel auf Spektrum.de beleuchtet die Details. Mir kommt in diesem Kontext noch eine ganz andere Frage, die sich mehr auf die Verbreitung alltäglicherer psychosozialer Wahrnehmungen richtet. Ich möchte damit keinesfalls den Trauma-Kontext des angesprochenen Fachartikels banalisieren. Ich habe bisweilen den Eindruck, dass auch gefühlte Bedrohungslagen, die sich als gesellschaftliche Phänomene artikulieren und noch nicht einmal sehr breite Teile der Bevölkerung betreffen, auch in Nicht-Betroffenen gewissermaßen "einnisten". Angst vor Arbeitslosigkeit oder Armut, sozialem Abstieg oder ähnliches zum Beispiel. Betrachtet man die Statistiken, sind von solchen Lebenslagen nur überschaubare Bevölkerungsgruppen betroffen. Und doch hat man in sozialen Netzwerken und bisweilen auch den Mainstream-Medien das Gefühl, dass die gefühlte Betroffenheit, damit meine ich nicht nur die Dimension des Mitfühlens, sondern wirklich unterschwelliges, direkteres Betroffensein, deutlich größer ist. Die mediale Allgegenwärtigkeit scheint hier die Grenze zwischen uns und anderen immer durchlässiger werden zu lassen.
Können Traumata ansteckend wirken?, spektrum.de 5.3.18

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Ausgeschlafen arbeitet es sich besser 
Montag, 5. März 2018 - Lebensart, Wissenschaft, Arbeit, Management
Nächtliche Sitzungsmarathons oder die abendliche Vorbereitung von Geschäftsterminen sind für viele Führungskräfte business as usual. Wer wenig schläft und dafür mehr arbeitet, gilt in der heutigen Zeit gerne als besonders leistungsbereit. Dieses Selbstbild der Wenigschläfer hält der Realität jedoch nur wenig stand. Die US-amerikanische Denkfabrik Rand Europe fand in ihrer Studie „Why Sleep Matters – The Economic Costs of Insufficient Sleep“ heraus, dass Schlafmangel in der deutschen Wirtschaft Kosten von bis zu 57 Milliarden Euro jährlich verursacht. Das sind 1,56 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Diese Einbußen entstehen durch die finanziellen Folgen, die aufgrund gesundheitlicher Schäden durch Schlafmangel hervorgerufen werden, wie auch durch die reduzierte Konzentrationsfähigkeit von Arbeitnehmern, die zu wenig schlafen. Wer durchschnittlich weniger als sechs Stunden pro Nacht schläft, hat ein um 13 Prozent höheres Sterblichkeitsrisiko als Menschen, die jede Nacht zwischen sechs und neun Stunden ruhen. "Wer Erholung seiner Karriere zuliebe vernachlässigt, setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Dauerhaft leistungsfähiger wird er so mit Sicherheit nicht. Die leistungsfähigsten Menschen sind die ausgeschlafenen", so Kneginja Richter, Leiterin der Schlafambulanz im Schlafmedizinischen Zentrum des Klinikums Nürnberg und Professorin an der Technischen Hochschule Nürnberg, in der Wirtschaftswoche.
"Die leistungsfähigsten Menschen sind die ausgeschlafenen", WiWo 13.2.18

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