Die Unkontrolliertbarkeit des Lebendigen annehmen 
Dienstag, 15. September 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Mit Corona haben die verschiedensten Bedrohungs- und Angstszenarien in unseren Alltag Einzug gehalten. Dadurch mag das Angstlevel in Teilen der Bevölkerung gewachsen sein. Doch sollten wir auch bedenken, dass die Angst vor dem Kontrollverlust eigentlich zum Wesen unserer modernen Gesellschaften gehört, denn viele unserer heutigen Errungenschaften beruhen gerade darauf, dass wir versuchen, mit ihnen unser Leben zu verbessern und es so zu schützen. "Das Leben ist immer gefährlich. Man kann den Leuten nicht sagen, wenn sie das und das machen, dann kommt alles gut. Wir müssen die Unkontrollierbarkeit des Lebendigen annehmen. Erst wenn wir aufhören, alles kontrollieren und beherrschen zu wollen, sind wir frei", sagt der Neurowissenschaftler Gerald Hüther in einem Interview mit der Berner Zeitung. Ein Schritt auf diesem Weg sind für ihn mehr Bewusstheit und Gemeinsinn: "Es braucht eine emanzipierte, sich selbst bewusste Bevölkerung. Statt der Interessen Einzelner soll das Wohl aller im Vordergrund stehen." Im Ernstfall von etwas Größerem getragen zu sein, kann sicherlich so manchen Ängsten den Nährboden entziehen ...
«Angstmacherei ist eine Unart unserer ganzen Gesellschaft», Berner Zeitung 28.8.20

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Wohlbefinden ist durch Corona für viele kaum beeinträchtigt 
Donnerstag, 3. September 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Wohl jede*r hat inzwischen diese Momente, in denen sich eine gewisse Corona-Müdigkeit einstellt. Seit Monaten mit all den bestehenden Einschränkungen zu leben, ist für viele Menschen eine kleine Katastrophe, für andere vielleicht nur zunehmend nervig. Eine Studie zeigt nun, dass sich bei all den Zumutungen, denen wir ausgesetzt sind, das grundsätzliche Wohlbefinden der Menschen dennoch kaum verschlechtert hat - zumindest bei jenen, die (immer noch) vollzeiterwerbstätig sind, denn diese stellen in besagtem Fall die Probanden dar. Die Möglichkeit, die Zeit vor und während Corona zu vergleichen, ergab sich, da die Studie - mit anderem Schwerpunkt - bereits im Dezember gestartet war. Anfangs war Corona natürlich für viele ein Schlag, doch: Die negative Stimmung hat mit der Zeit abgenommen. Wir haben mit dem Gegenteil gerechnet – dass Menschen zunehmend wütend oder verärgert sind über die Situation. Doch das konnten wir nicht belegen", so der Leipziger Psychologe Hannes Zacher. "Ich denke, dass Menschen in der Corona-Krise seltener diese intensiven negativen Gefühle spürten, sondern eher weniger aktivierte negative Emotionen wie Trauer oder ein Gefühl der Leere, die eher depressiver, apathischer oder emotionsloser Natur sind." Für Zacher stimmt das öffentlich vermittelte Bild zunehmender deutlicher Unzufriedenheit nicht mit den Erkenntnissen seiner Studie überein. Für den Psychologen ist auch augenscheinlich, dass der mit der Krise verbundene Kontrollverlust eine auf Sicherheit bedachte Kultur wie die Deutsche besonders trifft.
»Die negative Stimmung hat mit der Zeit abgenommen«, spektrum.de 21.8.20

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Meditation differenzierter betrachten 
Mittwoch, 2. September 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
In den letzten Jahren war die Meditationsforschung in einem Euphorie-Hoch. Vielleicht ist es so etwas wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, dass Studien über positive Effekte von Achtsamkeit weitere nach sich ziehen, die zu ähnlichen Erkenntnissen kommen. Seit Meditation in der Wissenschaft als Thema salonfähig geworden ist (es gab Zeiten, in der das Thema ein wahrer Karrierekiller war), bemühen sich natürlich insbesondere Wissenschaftler, denen die Methode am Herzen liegt, in entsprechender Forschung. Das hat lange Zeit den Blick dafür verstellt, bei den jeweiligen Forschungssettings genauer hinzuschauen. Wie die taz in einem sehr differenzierten Artikel darlegt, gibt es viele Studien, deren Parameter teils unübersichtlich, teils sogar fragwürdig sind. Auch werfen seit einiger Zeit immer mehr Studien auch kritische Blicke auf die Achtsamkeit. So belegen mehrere Forschungsarbeiten, dass Meditieren auch Nebenwirkungen haben kann - zumindest bei manchen Menschen. Vielleicht erleben wir hier gerade einen Reifungsprozess der Achtsamkeitsforschung, in dem neben dem Für auch das Wider nun stärker in den Blick rückt. Ein weiteres Thema, dass vielleicht auch noch stärker diskutiert und erforscht werden sollte: Vom Grundsatz her war Meditation nie als eine Methode gedacht, besondere Wirkungen bei Menschen hervorzurufen, wie dies nun in therapeutischen Kontexten gewünscht ist. Die Öffnung im Meditieren oder auch das Loslassen des Gewohnten haben in den spirituellen Traditionen einen hohen Stellenwert, allerdings im Sinne einer Hingabe jenseits aller Erwartungen. Erleuchtung kann man nicht machen, sie wird einem vielleicht einmal zuteil. Und es lässt sich nicht messen, wann dies geschehen könnte. Vielleicht ist nun die Zeit, nicht nur genauer hinzuschauen, wenn es um Meditation geht, sondern den Blick auch weiter und unschärfer werden zu lassen, um auch diese Tiefendimension jenseits der reinen Daten und Fakten zu berücksichtigen. Das wäre dann allerdings kein neurologisches Thema, sondern Disziplinen wie die Anthropologie und die Philosophie sind hier gleichermaßen gefragt.
Stellen wir die falschen Fragen?, taz 20.8.20

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Home Office ist gut fürs Klima 
Dienstag, 1. September 2020 - Lebensart, Studien, Arbeit, Management
Viele Menschen haben die Corona-bedingten Zeiten im Home Office genossen, weil sie ihnen mehr zeitliche Flexibilität gegeben haben. Ein weiterer sehr positiver Nebeneffekt: Durch die gesunkene Pendelei zur Arbeit gingen die Schadstoffemissionen deutlich zurück. Eine Untersuchung von Greenpeace zeigt: Würden 40 Prozent der Arbeitnehmer an zwei Tagen pro Woche zu Hause arbeiten statt ins Büro zu pendeln, ließen sich jedes Jahr fünf Millionen Tonnen CO2 einsparen. Das entspricht 18 Prozent der durch das Pendeln entstehenden Emissionen. Vor der Pandemie arbeiteten etwa 13 Prozent der Beschäftigten im Home Office, im Frühjahr 2020 waren es 25 Prozent, die ausschließlich von zu Hause aus arbeiteten.
Homeoffice kann Millionen Tonnen CO2 einsparen, FAZ 20.8.20

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Erschöpfung kann lange anhalten 
Montag, 31. August 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Seit Burnout ein gesellschaftliches Thema geworden ist, gibt es viele Therapieansätze, die versuchen, Betroffenen zu helfen. Die Wissenschaft zeigt allerdings inzwischen auch, dass die Genesung von solchen tiefgehenden Erschöpfungsphasen im Leben nicht ganz so einfach ist, wie gedacht. Eine schwedische Studie etwa begleitete 217 Menschen, die einer Klinik eine entsprechende Therapie absolviert hatten, über sieben Jahre, um die Entwicklung ihres Gesundheitszustandes zu dokumentieren. Dabei zeigte sich, dass sich nur 16 Prozent der Betroffenen nach diesen sieben Jahren als wirklich genesen betrachteten. 80 Prozent fühlten sich zwar besser als vor der Therapie, litten aber weiterhin unter belastenden Symptomen wie einer geringen Stresstoleranz (73 Prozent), extremer Müdigkeit (46 Prozent) oder Gedächtnisproblemen (43 Prozent). Vier Prozent der Betroffenen meinten sogar, dass es ihnen gleich schlecht oder sogar schlechter wie vor der Therapie ginge. Die Wissenschaftler führen diese ernüchternde Situation darauf zurück, dass Burnout-Symptome einerseits sehr hartnäckig sein könnten und andererseits sich oftmals die belastenden äußeren Umstände im Leben der Menschen nicht veränderten.
Burnout glimmt lange nach, spektrum.de 20.8.20

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Mehrheit kann sich 4-Tage-Woche in der Krise vorstellen 
Freitag, 28. August 2020 - Lebensart, Studien, Arbeit
Die Corona-Krise eröffnet stetig neue Felder für ein Umdenken, wie wir unser Leben und Arbeiten organisieren. Der Vorschlag der IG Metall, in der Krise die Arbeitszeit auf eine 4-Tage-Woche zu verkürzen, um Stellenabbau zu vermeiden, stößt einer repräsentativen Umfrage von YouGov zufolge auf breite Resonanz in der Bevölkerung. 61 Prozent können diesem Gedanken etwas abgewinnen (21 Prozent voll und ganz, 40 Prozent eher). Unter Frauen ist die Zustimmung etwas höher als unter Männern. Politisch findet die Idee die meiste Akzeptanz bei Anhängern der Grünen und der SPD. In den letzten Jahren zeigen Studien immer wieder, dass es eine nennenswerte Zahl von Menschen gibt, die gerne ihre Arbeitszeit verkürzen würden. Viele tun es nicht, weil sie Einbrüche ihrer Karrieren befürchten - und viele andere, weil sie es sich schlicht nicht leisten können, auf einen Teil ihres Einkommens zu verzichten. Wer weiß, wie sich unsere Arbeitswelt und unsere Präferenzen, zwischen mehr Geld oder freier Zeit zu entscheiden, über die Zeit verändern, wenn es immer mehr verschiedene Modelle gibt, die auch den Weg mitten in die Gesellschaft finden? Vorschläge wie die 4-Tage-Woche sind wie ein Anstoß, einfach mutiger zu werden und Neues auszuprobieren.
Mehrheit der Deutschen für Viertagewoche in Corona-Krise, zeit.de 19.8.20

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Meditation: Einfach nur wacher oder mehr selbstbezogen? 
Montag, 24. August 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Wir leben in einer Zeit, in der Meditation auch dafür gelobt wird, dem teils krankhaften Individualismus und den damit verbundenen Egomotivationen entgegenzuwirken. Meditation macht wacher, aber nicht zwingend auch für die eigenen Unzulänglichkeiten. Im Gegenteil: Wer sich durch Achtsamkeitsübungen gestärkt fühlt, kann damit auch leicht sein Ego stärken. Die WiWo geht in einem Artikel genau diesem Phänomen nach. Eine niederländische Studie etwa zeigt, dass Achtsamkeit unerwünschterweise auch Selbstüberschätzung fördern kann. Zu ähnlichen Erkenntnissen kommt eine deutsche Yoga-Studie. Auch hier führte die entspannende Wirkung der Übungen nicht zwingend auch zu einer Entspannung des Ego. Es scheint, als würde unser Persönlichkeitssystem alle Erfahrungen, die wir machen, zunächst einmal durch die uns gewohnten Muster interpretieren. In Kulturen mit überstarkem Ich-Gefühl liegt es da nur nahe, dass das Ich, wie es ist, sich alle positiven Erfahrungen einverleibt. Ich finde es spannend, dass in der letzten Zeit immer mehr Studien zu diesen Phänomenen gemacht werden. Ihre Ergebnisse deuten in meiner Wahrnehmung nicht auf eine Schwäche der Meditation selbst, sondern eher auf die Engpässe der Kontexte, in denen hierzulande praktiziert wird. In den klösterlichen Kulturen, aus denen diese Übungen stammen, war die Überwindung des Selbst immer ein zentrales Anliegen. Doch heutzutage wird Achtsamkeit häufig mit Blick auf persönliches Wohlbefinden gelehrt und dies oft in leicht verdaulichen Kursen. Wer schon einmal ein längeres Retreat gemacht und über mehrere Tage jeweils viele Stunden in Stille gesessen hat, ahnt den Unterschied. In solchen Settings geraten die altbewährten dermaßen unter Druck, dass so manches von unserem Selbstbild schlicht nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, man könnte auch sagen, es kollabiert. Für Menschen, die sich ein starkes Ich wünschen, erscheint dies vielleicht zunächst wie ein völlig unerwünschter Effekt. Erfahrungsgemäß ist allerdings das Gegenteil der Fall. Denn gerade die Schwächen, denen man in der Meditation wirklich begegnet, ungeschminkt wahrzunehmen und zu erfahren, dass man irgendwie immer noch "da" ist, kann eine wirkliche Befreiung sein.
Achtsame Egomanen, WiWo 25.7.20

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Die Intensität des Alleinseins 
Donnerstag, 20. August 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Seit Meditation fast schon zu einem Volkssport und coolen Lifestyle geworden ist, schätze ich immer mehr, wenn ich darüber lese, wie Menschen abseits dieses neuen Mainstreams auch Angebote machen, um wirklich in die Tiefe zu gehen. Der Bayrische Rundfunk berichtete kürzlich über die Waldklause von Maria Eck im Chiemgau, eine Einsiedelei, in die man sich für eine Woche zurückziehen kann. "Der Sinn der Einsiedelei besteht darin, dass Menschen den inneren Schalter von 'machen und schaffen' auf 'empfangen und hören' umlegen. Und das ist sehr spannend. Die Einsiedler bekommen anfangs einfache Übungen: Sie sollen hören, riechen, nur da sein. Und möglichst nicht denken, sondern im Wahrnehmen bleiben. Und nach ein paar Tagen spürt man, wie sie immer mehr in die Stille kommen", erklärt Bruder Christian Schmidberger. Der Franziskaner Minorit begleitet die Einsiedler auf Zeit und ein tägliches Gespräch mit ihm ist einer der wenigen "Programmpunkte", die die Tage in Maria Eck haben. Er eröffnet den Menschen einen Weg in die Stille, die die konsumgerechten Versprechen vieler Achtsamkeitsangebote irgendwie in den Schatten stellt. "Es geht nicht darum, an einem Thema zu arbeiten. Sondern die Menschen sollen sich öffnen. Und meine Erfahrung zeigt: Wenn Menschen still werden und sich öffnen, geschieht etwas. Nicht durch nachdenken und analysieren. Sondern weil man offen ist und Gott wirken kann", sagt er.
Einsiedler auf Zeit: Auszeit für die Seele, BR 22.7.20

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