Balance individualisiert Meditationen 
Freitag, 20. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart
Und wieder eine neue App für mehr Achtsamkeit - Balance ist ein neues Tool, das den Nutzern Meditationen präsentiert, die an ihre persönlichen Vorlieben angepasst sind. Dazu müssen sie zunächst einen Fragebogen beantworten und erhalten dann von der App entsprechende Übungsvorschläge. Balance wirbt mit dem Slogan "Meditation, die sich dir anpasst". Bei Meditierenden, die eher die spirituelle Natur der Übung im Sinn haben, mag dies zu Stirnrunzeln führen, denn für viele ist das Meditieren ja eher ein Weg, sich mal von all den Wünschen und Bedürfnissen des eigenen Ichs ein wenig zu emanzipieren. Andererseits: Wer das Meditieren mit Übungen beginnt, zu denen er qua seiner Vorlieben einen leichteren Zugang findet, bleibt vielleicht auch am Ball und wird irgendwann unabhängiger davon, nur die eigenen Bedürfnisse befriedigen zu wollen. Und besser als Ballerspiele ist Balance allemal.
Balance: Diese App liefert Dir personalisierte Meditationen, Turn on


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Die dunklen Kontexte von Meditation 
Donnerstag, 19. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart
Happy, tiefenentspannt und frohen Mutes - Meditation scheint all dies zu versprechen. Wo Achtsamkeit immer mehr zum positiven Lebensstil wird, geraten die dunkleren Seiten leicht aus dem Blick. Das Philosophie Magazin hat in einem ausführlichen Beitrag einen näheren Blick auf die Schattenseiten geworfen. Manches mag vielleicht ein wenig zu düster beschrieben sein, bedenkenswert ist es allemal. So schreibt Nils Markwardt etwa: "Gelassenheitskonzepte, wie sie sich im Stoizismus und Buddhismus offenbaren, sind oft mit einem geradezu soldatischen Tugendkatalog verbunden, der Seelenruhe schnell in Kaltblütigkeit verwandeln kann: Opfer- und Leidensbereitschaft, Emotionslosigkeit, Ich-Verzicht, Disziplin und Gehorsam." Da ist einiges dran, wenngleich hier auch manches Aufbegehren eines Egos, das sich nicht gern zügeln lässt, mitschwingen mag. In traditionellen asiatischen Klöstern sind bis heute bisweilen sehr ruppige Lehrmethoden nicht unüblich. Aber Disziplin oder auch Respekt sind vielleicht auch Tugenden, die uns heute aufgrund einer immer stärkeren Individualisierung wie eine Einschränkung vorkommen. Der Begriff Emotionslosigkeit greift, zumindest wenn es um den Buddhismus geht, wohl eher etwas daneben (und erinnert an die Vulkanier aus Star Trek), denn gerade in der buddhistischen Literatur findet man viel darüber, wie Meditation dazu beiträgt, all den Emotionen, die uns heimsuchen, bewusst standzuhalten. Das ist ein Unterschied. Der Artikel geht auch auf die völkische Vereinnahmung des Zen ein: "Verstanden viele NS-Ideologen den Buddhismus also als eine Art spirituelles Instrument zur Erzeugung kriegerischer Resilienz, als geistiges Immunsystem für die Nebeneffekte soldatischer Selbstmobilisierung, so ist das einerseits natürlich eine verkürzte und faschistisch entstellte Lesart buddhistischer Weisheitslehren und Gelassenheitspraktiken. Andererseits rekurriert sie aber eben auf einen problematischen Kern, der im Gelassenheitsdenken selbst angelegt ist: das tendenziell autoritäre Zusammenspiel von Leidenschaftslosigkeit, Disziplin und Willensphilosophie." Eine Frage ist vielleicht, um welche Autorität es hier geht. Denn Meditation öffnet nicht zuletzt auch für eine Freiheit jenseits der Bedingtheiten, zu denen auch Autoritäten zählen. Lässt Wachheit sich vereinnahmen? Ich finde es gut, dass in letzter Zeit mehr Artikel über kritische Aspekte von Meditation und Achtsamkeit erscheinen. Manchmal würde ich mir allerdings wünschen, dass die Kritiker nicht nur philosophisch klug argumentieren, sondern auch der Erfahrungsdimension mehr Beachtung schenken. Denn hier gerade entfaltet sich die Vereinnahmung, die gerne kritisiert wird, doch ist hier auch das Tor zur Freiheit darüber hinaus.
Soldaten des Gleichmuts, Philosophie Magazin

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Die Finanzen flach halten, um früh in Rente zu gehen 
Montag, 16. September 2019 - Lebensart, Arbeit
Ein Trend, der in Amerika schon seit Jahren köchelt, scheint nun auch Deutschland zu erreichen. Immer mehr - meist gut verdienende Menschen - basteln an Ausstiegsszenarien aus dem Erwerbsleben. Ein Weg dorthin: den eigenen Lebensstandard minimalisieren, möglichst wenig ausgeben, viel sparen und dann schon in jungen Jahren von den Kapitalerträgen leben. Die Zeit portraitiert in einem Artikel einige dieser neuen Frugalisten. Sie kochen selbst, statt auswärts zu essen. Sie leben in kleinen Wohnungen, kaufen wenig und kümmern sich stattdessen um ihre Geldanlagen. Ihr spartanischer Lebensstil hat neben dem Sparen einiges für sich, denn sie klinken sich aus der Konsummaschinerie aus, was auch den Geist freier werden lässt. Ein revolutionäres Projekt ist dieses Aussteigertum jedoch nicht, denn qua Konstruktion landet dieser Lebensstil direkt im Herzen des Kapitalismus. Die Rechnung der neuen Spartaner geht nämlich nur auf, solange die Finanzmärkte mitspielen. Mehr zum Thema findet sich auch in der aktuellen Ausgabe von evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur zum Thema Geld, in der ich das Thema aufgegriffen habe.
Knausern für die Rente mit 40, zeit.de 6.9.19

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Wider die humane Selbstabwertung 
Mittwoch, 11. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart
"Vertraue auf die natürliche Intelligenz", postuliert der Zukunftsforscher Matthias Horx mit seinem neuen Buch. Ein Teil des Buches widmet sich der Euphorie im Hinblick auf künstliche Intelligenz ebenso wie der parallel dazu um sich greifenden Panik. Horx' Diagnose ist nicht sonderlich tiefschürfend, wohl aber kulturell treffend: "Eine der quälenden Selbstwahrnehmungen des Menschen besteht darin, sich selbst als schrecklich UNGEORDNET zu empfinden. Menschliche Existenz ist »messy«, ein einziges Chaos widerstreitender Gefühle, Instinkte, einfacher physiologische Empfindungen wie Hunger, Geilheit, Gier, Erschöpfung, die vielen Töne der Angst, Sehnsucht, Liebe und Wahn. Dieses chaotische Durcheinander quält uns, es vermittelt die Selbstwahrnehmung, irgendwie »kaputt« zu sein." Technik wird in diesem Kontext dann entweder zum Heilsbringer oder zum Dämon, der alles nur noch schlimmer werden lässt. Horx warnt davor, durch immer neue technische Vorstöße das Falsche im Leben immer weiter zu perfektionieren. Und rät, wir sollten uns wieder mehr auf unsere natürliche Intelligenz besinnen. Ist interessant, sich einmal zu fragen, wer wir wirklich sind, jenseits unserer Facebook-Blase, den ständigen Konsumvorschlägen, die die Algorithmen uns machen, und all der leblosen Virtualisierung, in der wir große Teile unserer Tage verbringen. Wir müssten uns nur trauen, mal wieder genauer hinzuschauen ... Geht, versprochen, völlig analog ...
Vertraue auf die natürliche Intelligenz

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Die Privatisierungsfalle der Achtsamkeit 
Montag, 9. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit
Achtsamkeit ist womöglich auch so populär geworden, weil sie unser Gefühl von Selbstwirksamkeit stärken kann. Zu viel Stress? Ein nerviger Job? Rundum überfordert? All das, so zumindest das vielfache Versprechen, lässt sich mit Achtsamkeit in den Griff bekommen. Der Tagesspiegel geht in einem Beitrag der Frage nach, inwieweit ein solch individuelles Gegenwirken bei Herausforderungen, die gerade nicht allein dem persönlichen Verhalten oder gar Zugriff geschuldet sind, nicht auch zur Falle werden kann. Wer ganz damit beschäftigt ist, gegen das eigene Unwohlsein mit Meditation vorzugehen, vergesse leicht, dass die Ursachen oft in größeren Kontexten liegen, auf die man selbst wenig Einfluss hat. Das wird Achtsamkeit leicht zu ein bisschen Kompensation, ohne dass das eigentliche Problem gelöst wird. Gesellschaftliche Schieflagen können sich so verfestigen. Und statt die steigenden kollektiven Herausforderungen endlich in Angriff zu nehmen, verliert man sich leicht im Rückzug ins Private. Dann wird das Ich zur permanenten work-in-progress und verfestigt die ohnehin schon kulturell stark ausgeprägte Ich-Fixiertheit. All das ist natürlich nicht die Schuld von Achtsamkeit. Diese möglichen Gefahren zeigen eher, was geschieht, wenn eine überindividualisierte und entsolidarisierte Gesellschaft neue Tools schmackhaft gemacht bekommt, die diese Zustände verfestigen. Achtsamkeit als wirkliches Loslassen vermag auch Türen zu öffnen - im Geist wie im Herzen. Und dann wird man vielleicht wach für das, was wirklich getan werden sollte.
Die gefährlichen Folgen der Achtsamkeitslehre, Tagesspiegel 19.8.19

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Natürliche Unnatürlichkeit 
Mittwoch, 14. August 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Studien
Was empfinden wir in unserer modernen, vielerorts größtenteils von Menschenhand gestalteten Umwelt als natürlich? Dieser Frage ging eine Studie nach, für die 1.400 britische Parkbesucher befragt wurden. Die Naturliebhaber wurden dabei in ganz unterschiedliche Grünanlagen geschickt - manche urwüchsig-wild, andere dezent gestaltet, wieder andere klar ersichtlich die Schöpfung ambitionierter Gartenbauer. Dort, wo die Gärten sehr architektonisch angelegt waren, empfanden die Besucher*innen sie eher als unnatürlich. Ob ein Areal besonders wildwüchsig, also kaum von Menschenhand gezügelt war, oder dezent, aber doch deutlich wahrnehmbar gestaltet wurde, machte hingegen kaum einen Unterschied - beide Gestaltungsformen wurden von den Studienteilnehmenden als natürlich empfunden. Kritischer zeigten sich lediglich die Gebildeteren unter den Befragten, sie schätzten die Natürlichkeit der Parks generell deutlich niedriger ein. Es ist interessant, wie sehr wir anscheinend fast schon automatisch mit Grün auch Natürlichkeit verbinden. Ich fühle mich da sehr an einen Besuch in San Francisco erinnert. Die Stadt viele sehr, sehr schöne Parks. Ich begann mich seinerzeit jedoch schon nach kurzer Verweildauer irgendwie unwohl zu fühlen. Vielleicht, weil etwas in mir, und wahrscheinlich nicht nur der wissende Intellekt, spürte, dass vieles zwar natürlich aussah, aber eben doch sehr gezähmte Natur repräsentierte.
Ganz natürlich, Psychologie heute 10.7.19


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Gefangen im Selbstbezug? 
Dienstag, 13. August 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Irgendwie freue ich mich ja immer, wenn Massenmedien etwas über Achtsamkeit schreiben, denn ich denke, es kann vielen Menschen helfen, bewusster zu leben. Doch in letzter Zeit fällt mir immer wieder auf, dass viele solcher Ratgeber-Artikel auch einen besonders starken Selbstbezug in den Vordergrund rücken. Sicher, sich wohlzufühlen, ist wohl für die meisten Menschen eine sehr persönliche, ja private Angelegenheit. Und doch hat die Selbstbezogenheit der Tipps, die viele Anleitungen zu mehr Achtsamkeit im Alltag beinhalten, auch ihre Tücken. Man muss keine spirituellen Ambitionen haben, um durch Achtsamkeitsübungen positive Wirkungen zu verspüren. Aber letztlich geht ein Teil der Wirkung solcher Methoden auch darauf zurück, dass man einmal zumindest ein Stück weit von sich selbst absieht. Spätestens seit Buddha ist es quasi amtlich, dass viele unserer empfundenen Probleme schlicht darauf zurückzuführen sind, dass das Leben sich nicht immer nach unserem Willen richtet. Auf der Webseite von Cosmopolitan rät ein Achtsamkeitsartikel dazu, Moodboards zu erstellen, sich selbst einen Liebesbrief zu schreiben oder sich einfach mehr selbst zu vertrauen. Das ist alles gut gemeint. Aber es geht irgendwie auch an dem, was bei Achtsamkeit besonders wirkt, vorbei. Denn gerade die innere Freiheit, die entsteht, wenn ich mal von meinen Wünschen und Bedürfnissen absehe, ist es, die ein tieferes Wohlbefinden nach sich zieht. Weil es mir dann vielleicht nicht immer gut geht, ich das aber gar nicht sooo schlimm finden muss.
5 Tipps, die mehr Fokus, Glück und Achtsamkeit in dein Leben bringen, cosmopolitan.de 4.8.19

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Entspannt das Grundeinkommen unsere Beziehung zur Arbeit? 
Freitag, 9. August 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Seit die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens sich verbreitet hat, werden immer wieder Diskussionen darüber geführt, ob eine solche Grundsicherung uns alle faul werden lässt oder vielleicht einfach ein Stückchen mehr Freiheit in für immer mehr Menschen doch recht angespannte Versorgungsnotwendigkeiten bringen könnte. "Im Grunde genommen entkrampft das Grundeinkommen unser angespanntes Verhältnis zu Arbeit und Einkommen. Je weniger ich mir um mein eigenes Einkommen Sorgen machen muss, desto besser kann ich aus freien Stücken für andere tätig sein", findet Philip Kovce, der als Philosoph zum Thema forscht. Die Freiheit, von der Kovce spricht, ist herausfordernd, denn wo sie für alle gelten soll, fordert sie auch von jedem in der Gesellschaft den Respekt dieser Freiheit des anderen. Und genau hier scheint es gegenwärtig noch ziemlich zu hapern. In Umfragen sagen immer wieder die meisten Menschen, dass sie selbst mit einer Grundsicherung weiter arbeiten würden. Von ihren Mitmenschen glauben indes viele, dass diese sich dann faul zurücklehnen würden. Gerne wird dann von der Selbstverantwortlichkeit gesprochen und davon, dass eine Fürsorge in Sachen Lebensführung erst dann greifen sollte, wenn Menschen sich nicht mehr selbst helfen können. Diese Argumentation verschleiert jedoch, dass auch die Marktwirtschaft immer schon von Vornherein ein komplexes System wechselseitiger Abhängigkeiten. Und hier liegt der Hase begraben - denn was geschieht, wenn diese Abhängigkeiten durch den Wegfall des Zwangs zum Geldverdienen durchbrochen werden? Über diese unterschwellige Sorge sollten wir vielleicht mehr sprechen.
"Ich bin fleißig, du bist faul", zeit.de 29.7.19

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