Streiten kann man lernen 
Freitag, 21. Februar 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Immer wieder wird thematisiert, wie in den letzten Jahren der gesellschaftliche Umgangston dabei ist, zu verrohen. Romy Jaster, Philosophie-Dozentin an der Humboldt-Universität in Berlin, findet streiten gut - solange man mit seinem Gesprächspartner dabei in einem guten Kontakt bleibt. Die Mit-Gründerin des Forums für Streitkultur, das sich für eine konstruktive und demokratische Form der Debatte einsetzt, erklärt in einem Interview mit der Hertie Stiftung, worauf es bei gutem Streiten ankommt. "Die größte Streittugend ist aus unserer Sicht das Wohlwollen gegenüber dem Streitpartner und dem, was er sagen möchte. Das bedeutet zunächst einmal, nicht irgendetwas aus dessen Worten zu interpretieren, sondern genau wahrzunehmen, was der andere wirklich gesagt hat. Wohlwollen zu zeigen heißt aber auch, die Worte des anderen nicht sofort in der ungünstigsten und schlechtesten Weise auszulegen, sondern sich zu überlegen, was diese Person wohl eigentlich gemeint hat und das Gesagte in der wohlmeinendsten und plausibelsten Weise zu interpretieren", sagt sie. Und für sie hat streiten viel mit Tugend zu tun. "Demut und Bescheidenheit, was die Haltbarkeit des eigenen Standpunktes angeht", sind in Jasters Augen wesentlich, damit eine Auseinandersetzung der Erkenntnisgewinnung dienen kann und nicht im Eklat verendet. Wichtig sei auch wirkliches Interesse: "Unser Ziel ist es herauszufinden, was entsteht, wenn man sich ernsthaft für die Position eines Menschen interessiert, dessen Ansichten man vielleicht vorher als unmöglich oder dumm abgetan hätte. Dadurch entstehen häufig sehr interessante Gespräche und man lernt eine Menge." Vielleicht entstehen heute viele nervige Debatten auch deshalb, weil viele Menschen vor allem an sich selbst und ihren eigenen Gedanken interessiert sind.
Streiten ist demokratisch, Hertie Stiftung


[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Körperlicher Schmerz gegen schlechte Gefühle 
Mittwoch, 19. Februar 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Von Borderline-Patienten ist bekannt, dass sie sich bisweilen körperlichen Schmerz zufügen, um besser mit ihren aufgewühlten Emotionen zurechtzukommen. Eine neue psychologische Studie zeigt nun, dass anscheinend auch psychisch gesunde Menschen viel von dieser Methode halten. In der Untersuchung wurden den Probanden Bilder gezeigt, die in ihnen Angst, Wut oder Traurigkeit auslösten. Anschließend boten die Forscher ihnen verschiedene Kompensationsmöglichkeiten an - beispielsweise eine Umdeutung der Inhalte oder schlicht eine Ablenkung. Oder sie konnten sich dafür entscheiden, einen schmerzhaften elektrischen Stimulus zu erhalten. Die meisten der Probanden, die die Art des Umgehens mit ihren negativen Gefühlen frei wählen konnten, entschieden sich für den körperlich schmerzhaften Elektroimpuls. Er erwies sich als ebenso effektiv wie die anderen zur Bewältigung angebotenen Maßnahmen. Der Studie ging es vor allem darum, unterschiedliche Methoden der Schmerzbewältigung näher zu untersuchen. Ich finde es überraschend, dass so viele der Versuchsteilnehmer sich für den körperlichen Schmerz entschieden. Wirkt irgendwie wie ein extremes Ausweichmanöver, sozusagen der Wunsch nach maximaler Betäubung, anstatt sich mit dem, was einem widerfährt, erst einmal tiefer auseinanderzusetzen. Aber vielleicht ist das ja ein Zeichen unserer Zeit - möglichst schnell das, was uns vielleicht bedrückt, wieder loswerden zu wollen.
Hilft körperlicher Schmerz gegen seelischen Schmerz?, Psychologie heute 8.2.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Meditations-Apps helfen - auch bei sporadischer Nutzung 
Dienstag, 18. Februar 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Immer wieder wird darüber diskutiert, ob Meditations-Apps hilfreiche Helfer sind, wenn es darum geht, Achtsamkeit zu erlernen. Eine britische Studie mit 270 Usern der App Calm zeigt nun: Die Nutzer, die mit dem 7-tägigen Einführungskurs der App übten, zeigten deutliche Verbesserungen im Hinblick auf ihr Wohlbefinden, ihr Selbstvertrauen und auch in ihrer Achtsamkeit. Interessanterweise traten diese Effekte nicht nur bei den Anwendern auf, die die App täglich nutzten (wie vom Anbieter empfohlen), sondern auch bei jenen, die nur sporadisch übten. Das könnte eine Ermutigung darstellen für Menschen, die es nicht schaffen, täglich zu üben und dann vielleicht, weil das schlechte Gewissen überhand nimmt, einfach ganz damit aufhören. Andererseits denke ich, dass ein paar statistische Messgrößen über einen noch dazu kurzen Zeitraum wenig Aufschluss geben. Befindlichkeiten wie das Wohlbefinden zu messen, ist, auch wenn die Datenerhebung selbst statistischen Kriterien genügt, immer eine Gratwanderung, denn hier werden komplexere Lebenszusammenhänge auf eine schlichte Variable reduziert. Wesentlich interessanter wäre sicherlich, mehr Langzeitbeobachtungen unter Alltagsbedingungen zu haben, die zeigen, was sich im Leben von Menschen auf welche Weise zum Besseren verändert.
Studie auf PubMed

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Nachwuchs liebt Business mit grünem Touch 
Montag, 17. Februar 2020 - Lebensart, Studien, Arbeit, Management
Firmen mit "grüner" Ausrichtung scheinen beim Arbeitnehmernachwuchs besser punkten zu können als konventionelle Firmen. Der „Future Talents Report“, für den mehr als 4.600 Praktikanten und Werkstudenten mit einem Durchschnittsalter von 23 Jahren befragt wurden, zeigt, dass der Wohlfühlfaktor bei grünen Firmen deutlich höher ist. 93 Prozent der Befragten, die in Firmen mit umweltbewusster Ausrichtung ihr Praktikum machen, fühlten sich dort zufrieden, verglichen mit 48 Prozent jener, die in eher konventionellen Unternehmen mitarbeiteten. Wichtig ist dem Nachwuchs, ob er für die Firma einen Mehrwert leisten kann. Machen sie diese Erfahrung im Praktikum, spielen 93 Prozent mit dem Gedanken, sich dort später für eine Stelle zu bewerben, während es bei den anderen lediglich 64 Prozent sind.
Nachwuchskräfte wollen in „grüne“ Unternehmen, wiwo.de 6.2.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Altruismus ist uns in die Wiege gelegt 
Donnerstag, 13. Februar 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Studien
Hilfsbereitschaft ist eine menschliche Grundverfassung, die wir anscheinend nicht einmal lernen müssen. Eine neue amerikanische Studie zeigt, dass schon Kinder im Alter von 18 Monaten selbstloses Verhalten erkennen lassen. Im Versuch ließ ein Erwachsener eine Banane fallen. Ein Drittel der Kinder hob die Banane daraufhin auf und gab sie zurück, bei Kindern, die zum Versuchszeitpunkt nicht hungrig waren, sogar die Hälfte. Diese Hilfsbereitschaft stellte sich insbesondere dann ein, wenn der Erwachsene sich selbst bemühte, die Banane wieder aufzuheben. "Selbstlosigkeit ist eine entscheidende menschliche Eigenschaft und ein wichtiger Teil des moralischen Gefüges unserer Gesellschaft“, so Rodolfo Cortes Barragan, der an der Studie mitgearbeitet hat.
Schon Babys sind selbstlos, spiegel.de 5.2.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Das Paradox der Normalität 
Dienstag, 11. Februar 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Als "normal" bezeichnet zu werden, dürfte für viele Menschen einer Beleidigung gleichkommen, denn mit normal verbinden wir leicht langweilig. Und doch wird unser ganzes Leben von vielen Bezügen zur Normalitäten zusammengehalten - ohne sie würden wir schlicht die Orientierung verlieren. Statistisch betrachtet beschreibt die Gaußsche Normalverteilung Normalität - sie erfasst den Durchschnitt und seine Abweichungen. Angewendet auf menschliches Verhalten könnte man sagen, wenn zwei Drittel der Menschen etwas gleich oder sehr ähnlich tun, ist dies normal. Normal kann ein wertfreier Begriff sein, doch steckt in ihm auch der Impetus der Norm, also der Hinweis darauf, was wir tun sollten. Was nicht normal ist, kann dann leicht stigmatisiert werden. Im Zeitalter des Individualismus ist Normalität natürlich eine Zumutung. Andererseits: Der Wunsch, einzigartig zu sein, ist so verbreitet, dass auch er längst normal ist.
Wie viele müssen dasselbe tun, damit es normal ist?, Zeit.de 4.2.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Von der Manipulation zur Mindfulness 
Montag, 10. Februar 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit, Management
Die Tech-Firmen des Silicon Valley haben in den letzten Jahren, zumindest was ihre Moral angeht, auf der Beliebtheitsskala rasant verloren. Doch in manchen Kreisen zeichnet sich eine Umkehr ab - von der Manipulation zur Mindfulness. Die FAZ hat in einem Artikel mit dem Direktor des kalifornischen Esalen-Instituts Ben Tauber gesprochen. Esalen, einst Hochburg der Human Potential Bewegung und der Hippie-Kultur, zieht heute immer mehr Menschen aus der Tech-Branche an. "Tech verbessert unser Leben nicht mehr. Die alte Euphorie ist verschwunden. Eine Weile dachten wir, dass Disruption etwas sehr Positives ist, es gab diese ,magic moments‘ im Silicon Valley. Momente, in denen wir sahen: Von hier aus verändern wir die Welt. Doch dann übernahm eine bestimmte Aufmerksamkeitsindustrie unsere Welt. Und dann ging es bergab", erzählt Tauber. Er versucht, die großen Influencer des Silicon Valleys zu beeinflussen. Und bei manchen hat er Erfolg - weil sie nachts nicht mehr schlafen können oder längst den Sinn ihrer Arbeit nicht mehr sehen. Tauber arbeitete selbst eine Zeit lang für Google, nachdem das Unternehmen seinen Start-up gekauft hatte. Und er kennt aus eigener Erfahrung die Abwärtsspirale, die die Mischung aus Tech, Fun, Karriere und Macht in Gang setzen kann. "Ich war auf dem Höhepunkt meiner Karriere und fühlte mich so leer wie noch nie. Ich besuchte Esalen, meditierte, sprach mit Therapeuten und begann, auf mich zu hören. Ich spürte auf einmal, dass ich in meinem Job nichts anders tat, als die Wissenschaft der Sucht und Abhängigkeit zu studieren und auf Menschen anzuwenden", erzählt er der FAZ freimütig. Wie ihm geht es längst vielen und einige davon landen nun bei ihm in Esalen. Vielleicht der Beginn einer neuen Erfolgsgeschichte der anderen Art.
Wo lernt das Silicon Valley eine neue Moral?, FAZ 16.1.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Ursachen psychischer Stressbelastungen 
Mittwoch, 5. Februar 2020 - Lebensart, Psychologie, Arbeit
Beim Arbeiten gesund zu bleiben, fällt immer mehr Arbeitnehmenden schwer. Ein Grund sind die wachsenden Herausforderungen im Job, die auf die Psyche schlagen. Gegenüber dem Deutschlandfunk macht der Psychiater und Internist Joachim Bauer vor allem drei wesentliche Gründe für die wachsende Zahl von Stresserkrankungen aus. Die Balance zwischen Anerkennung und Verausgabung sei nicht leicht aufrechtzuerhalten und mangelnde Wertschätzung im Beruf kann dann leicht aufs Gemüt schlagen. Bauers Erfahrung zufolge fühlt sich bereits die Hälfte der Arbeitenden permanent gehetzt. Und die ständige Erreichbarkeit sei ein zusätzliches Moment, das die Stressbelastung erhöhe.
Psychiater: „Arbeitsatmosphäre spielt eine große Rolle“, Deutschlandfunk 2.2.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink

Zurück Weiter