Liberalismus braucht Fairness und soziale Durchlässigkeit 
Donnerstag, 21. Mai 2015 - Wissenschaft
In einem Gastbeitrag für die Welt analysiert der Ökonom Thomas Straubhaar, warum der Liberalismus gegenwärtig immer mehr zu seinem eigenen Feind zu werden scheint. In den Augen von Straubhaar sind es vor allem mangelnde Chancengleichheit, fehlende soziale Durchlässigkeit und die Pervertierung liberaler Freiheiten zugunsten von Eigeninteresse, die die Bürgergesellschaft von innen heraus untergraben: "Durchlässigkeit, Fairness, Anstand und Engagement für das Gemeinwohl sind die unverzichtbaren Fundamente einer offenen und liberalen Bürgergesellschaft. Politik und Rechtsstaat können nur die Rahmenbedingungen anordnen und kontrollieren. Entscheidend aber ist, dass Firmeneigentümer, Familienbetriebe, Manager, Führungskräfte – kurz die Wirtschaft – die Werte der Bürgergesellschaft als Vorbilder für Mitarbeiter(innen), Geschäftspartner und Öffentlichkeit vorleben. Wer seinen Nabel für den Mittelpunkt der Welt hält, nur noch eigene Interessen verfolgt, Gemeinwohl für lästiges Gedöns und soziale Verantwortung für überflüssig hält, trägt mit dazu bei, dass mehr und mehr Menschen alleine an sich denken und sich immer weniger für das große Ganze einsetzen."
Der Liberalismus ist sein eigener Feind, Die Welt 12.5.15

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Gehirntraining ist kein Allheilmittel 
Montag, 9. März 2015 - Wissenschaft
In einem Interview mit Spiegel online erklärt der Neuropsychologe Martin Meyer, dass Übungen zum Gehirntraining zwar einzelne Fähigkeiten auch in fortgeschrittenerem Lebensalter aufrechterhalten oder gar fördern können, für die gesamte neurologische Funktionsfähigkeit des Gehirns aber ganz andere Faktoren relevant seien. Für ihn stehen Motivation, Neugier und persönliche Identifikation viel stärker im Vordergrund. „Motivation und ein höheres Selbstwertgefühl können sich unmittelbar positiv auf die kognitiven Leistungen auswirken“, erklärt Meyer. Indirekt verweist er auch darauf, dass im Berufsleben eher Fähigkeiten des Gehirns genutzt werden, die gar nicht zu dessen Stärken gehören: „Viele Tätigkeiten im beruflichen Alltag erfordern Konzentrations- und Willensstärke und die Fähigkeit, aus vorhandenen Fakten abstrakte Schlüsse ziehen zu können, um möglichst rational und sachlich zu entscheiden. Das alles entspricht jedoch nicht unbedingt den Stärken des Gehirns, das sich in seinen Urteilen oft von Gefühlen, subjektiven Interpretationen und individuellen Erfahrungen leiten lässt.“ Vielleicht ist es also hilfreicher, einfach mehr Dinge zu tun, die einem Freude bereiten und das eigene Gefühlsleben ansprechen, anstatt mit Gehirnjogging-Apps herumzudaddeln.
Gehirnjogging? Bringt nix, KarriereSpiegel 12.2.15

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Spiritualität macht gesund 
Donnerstag, 19. Februar 2015 - Wissenschaft
Die Welt widmet einen großen Übersichtsbeitrag der Frage, wie sich religiöser Glaube und Spiritualität auf die Gesundheit auswirken. Eine Betrachtung dieser Ernsthaftigkeit wäre wohl vor einigen Jahren noch ein Unding gewesen. Heute hat sie beinahe schon etwas Selbstverständliches, denn nicht zuletzt durch die zahlreichen neurowissenschaftlichen Durchbrüche in der Meditationsforschung sind solche Themen längst von einer gewissen Alltäglichkeit. Der Artikel zeigt anhand zahlreicher Studien und Statements von Wissenschaftlern, dass der Glaube an etwas Größeres außerhalb der eigenen Existenz positiv auf die Psyche wirkt und auch der körperlichen Gesundheit dient. Vorgestellt werden verschiedene spirituelle Praktiken sowie ihre jeweiligen Vorteile in einem Alltag moderner Gesellschaften. So nutzenbezogen die jeweils angeführten Argumente auch erst einmal sind, letztlich zeigt der Beitrag eher, dass es gerade die menschliche Müdigkeit, immer funktionieren zu sollen, zu sein scheint, die die Faszination an solchen Themen ausmacht.
So gut ist Glauben für unsere Gesundheit, Die Welt 4.2.15

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Wie depressiv sind wir wirklich? 
Dienstag, 10. Februar 2015 - Wissenschaft
Seit Jahren melden die Krankenkassen stetig steigende Zahlen von Burn-out- und Depressionserkrankungen. In einem Beitrag in der Zeit zeigen die Psychologen Martin Dornes und Martin Altmeyer, dass dies nur eine Seite der Medaille ist. Epidemiologischen Studien zufolge sei zwischen 1947 und 2012 kein Anstieg psychischer Störungen zu verzeichnen. Was sich geändert habe, sei die öffentliche Aufmerksamkeit für verschiedene Krankheitsbilder und die diagnostische Praxis. Als Beispiel führen die beiden an, dass für eine Depressionsdiagnose 1980 verschiedene Symptome ein Jahr lang auftreten mussten, ab 1994 nur noch zwei Monate und heute lediglich zwei Wochen. Ihrer Argumentation nach werden wir also nicht immer depressiver, sondern schlicht früher als depressiv diagnostiziert. Hinzu komme, dass mit den im Außen wahrgenommenen Anforderungen auch unsere Fähigkeiten zur Problembewältigung gestiegen seien. "Selbst wenn in zeitgenössischen Gesellschaften das Leben in mancher Hinsicht anstrengender geworden sein mag und manche soziale 'Stressoren' zunehmen, nehmen auch die individuellen Kompetenzen und sozialen Ressourcen für Stressbewältigung und Problemlösung zu", argumentieren die beiden. Sie beschreiben einen "Strukturwandel der Psyche" von eher zwanghaft zu eher flexibel. Und was ist mit dem vielleicht wahrgenommenen eigenen Unbehagen, das sicherlich jeder Gestresste hin und wieder kennt? Nun, den Psychologen zufolge ist es nicht statistisch signifikant, denn sowohl hätten in den letzten Jahrzehnten die Suizidraten kontinuierlich abgenommen als auch die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung zugenommen.
Macht der Kapitalismus depressiv? Die Zeit 24.1.15



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Wege zur fürsorglichen Ökonomie 
Montag, 9. Februar 2015 - Wissenschaft
Beim Weltwirtschaftsforum in Davos berichtete die Neurowissenschaftlerin Tania Singer über erste Ergebnisse des von ihr initiierten ReSource-Projekts, das die Entwicklung von Mitgefühl bei Erwachsenen untersucht - und animierte die Wirtschaftslenker dazu, aktiver für eine Ökonomie der Fürsorge einzutreten. Singer illustrierte, dass Mitgefühl zu den zentralen menschlichen Eigenschaften zählt und sich durch Achtsamkeitspraktiken gezielt entwickeln lässt. Welche Wirkung die Fähigkeit zum Mitgefühl zeitige, hänge indes auch stark vom sozialen Umfeld ab. Werden Beziehungen beispielsweise als von Unfairness geprägt wahrgenommen, sei Schadenfreude eher die Reaktion als sich in das Gegenüber einzufühlen. "Unsere Tests zeigen, dass Mitgefühls-Training zu mehr Hilfsbereitschaft und Vertrauen führt und selbstbezogene Haltungen in mehr altruistisch und sozial ausgerichtete verändern kann", so Singer. Die Wirkung hänge allerdings auch davon ab, durch welche mentalen Übungen das Mitgefühls-Training begleitet werde, denn sozio-kognitive Fähigkeiten beispielsweise resultieren laut Singer nicht allein aus einer Übung in grundsätzlicher Achtsamkeit, sondern bräuchten auch den entsprechenden geistigen Kontext. Singer plädierte in Davos dafür, bereits in den Schulen Trainingsprogramme zu Ethik und Mitgefühl zu initiieren. Den Wirtschaftslenkern riet sie, Institutionen stärker an kollaborativen Prinzipien auszurichten, die gemeinsame Anstrengung fördern anstatt selbstbezogene Handlungen zu belohnen. "Ein Mangel an Mitgefühl ist die Ursache für die größten Fehlschläge der Menschheitsgeschichte. Wir werden die größten Herausforderungen nicht lösen können, ohne solche Fähigkeiten zu entwickeln", so Singer.
How to build a caring economy, 24.1.15


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Ungleichheit kostet Wachstum 
Donnerstag, 5. Februar 2015 - Wissenschaft
Im Interview mit der taz spricht der Ökonom und Politologe Christoph Scherrer über die Auswirkungen, die die wachsende Ungleichheit auf die Bevölkerung hat. Laut OECD sei beispielsweise das Wachstum in Deutschland um rund sechs Prozent geringer als möglich, weil sich der Abstand zwischen Arm und Reich in den letzten 30 Jahren stark vergrößert habe. Da niedrige Einkommen fast gänzlich für Konsum draufgehen, falle die Nachfrage, wenn diese Einkommensgruppen auf einmal weniger verdienen - und dies wiederum bremse das wirtschaftliche Wachstum. Die damit verbundene Prekarisierung führe allerdings noch nicht dazu, dass größere Teile der Bevölkerung die Reichtumsverteilung aktiv infrage stellen. Zwar speisten sich die Pegida-Demonstrationen auch aus sozialen Abstiegsängsten, doch: "Trotzdem ist die breite Mittelschicht, die über die Hälfte der Bevölkerung umfasst, noch relativ stabil. Vielen Bürgern geht es vergleichsweise gut, sie besitzen ein gewisses Vermögen. Deshalb fühlt sich die Mittelschicht den Reichen näher als den Armen. Und den Prekarisierten fehlt eine wirksame politische Vertretung."
"Die Mittelschicht gerät unter Druck", taz 21.1.15


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Ethik als Frage des Bewusstseins 
Freitag, 21. November 2014 - Wissenschaft
In einem Interview mit dem Online-Portal "Ethik heute" wirft der Bewusstseinsforscher Prof. Dr. Dr. Harald Walach einen neuen Blick auf die Frage, wie wir Werte entwickeln können, die als Basis für eine umfassende Ethik taugen. Walach richtet dabei das Augenmerk auf die menschliche Innerlichkeit und rät dazu, die inneren Erfahrungen, die es ermöglichen, "die Struktur der Welt von innen her zu erfahren", stärker zu berücksichtigen. "Wenn wir das Bewusstsein nach innen lenken, meditieren, uns von überflüssigen Gedanken frei machen und einfach in der Ruhe verweilen, dann kommen uns Einsichten, z.B. über Probleme oder Situationen. Daraus erwachsen Sinnerfahrungen, und diese wiederum ermöglichen Einsichten in Werte", erklärt der Meditationsforscher. Dies sei auch ein emanzipatorischer Akt: "Wir empfinden heute die Übernahme von äußeren Vorgaben als höchst fragwürdig. Also schauen sich die Leute auf dem Markt um, und es entsteht ein Mischmasch aus Werten, zum Teil auch Orientierungslosigkeit. Wir brauchen dringend die konsequente Wendung des Bewusstseins nach innen, eine neue Kultur des Bewusstseins." Für Walach ist es nur konsequent, dass die Wissenschaft, die über Jahrhunderte vor allem die äußere Welt untersuchte, nun ihr systematisches Vorgehen auch auf die menschlichen Innenwelten ausdehnen sollte, um neue Impulse in der Wertediskussion zu entfalten: "Wir könnten mit einer systematischen Wendung des Bewusstseins nach innen innere Strukturen der Welt entdecken. Ich bin mir bewusst, dass das eine sehr essenzialistische Sicht ist, die zurzeit überhaupt keine Konjunktur hat. Das ist mir völlig klar. Aber ich halte trotzdem daran fest, weil ich diese Denkrichtung für konsequent halte."
"Werte kommen aus innerer Erfahrung", Ethik heute November 2014

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Zeit statt Stress 
Donnerstag, 6. November 2014 - Wissenschaft
Alle reden über Stress, und verlieren dabei die Zeit aus den Augen. Der Kongress Meditation & Wissenschaft, der Ende Oktober in Berlin stattfand, ging indes einen umgekehrten Weg. Die Wissenschaftler zeigten eindrücklich, wie meditative Methoden die individuelle Zeitwahrnehmung verändern können, so dass das persönliche Verhältnis zur Zeit von einem subjektiven Mangel zur Fülle finden kann. Einige der Kongressbeiträge waren einen neuen Blick auf die uns scheinbar immer mehr verschlingende Komplexität - denn auch hier kann die meditative Wahrnehmung neue Wege eröffnen, weil sie die Grenzen zwischen innen und außen, zwischen Vielheit und Einheit durchlässig werden lässt. Mehrere Studien zur Wirkung von Meditation bei Gesunden im Allgemeinen und im Arbeitsleben im Besonderen zeigten darüber hinaus, dass sich bereits mit vergleichsweise kurzer Übungsdauer und simplen Übungen nicht nur Entspannung erlangen lässt, sondern auch die Kommunikation sich verbessert, Ängste und negative Emotionen zurückgehen und sich die Aufmerksamkeit merklich verbessert.
Meditation wirkt, Ethik heute Oktober 2014

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