Chance auf Veränderung 
Dienstag, 30. Juni 2020 - Wissenschaft, Arbeit
Für den Ökonom Thomas Piketty offenbart die Corona-Pandemie einmal mehr, wie stark unser globales System immer noch von Ungleichheit durchwirkt ist. Vor allem arme Menschen in unterprivilegierten Regionen sind vom Virus besonders stark betroffen. Obwohl die Krise uns so vor Augen hält, was schief läuft, geht Piketty nicht davon aus, dass wir politische und gesellschaftlich auch zwingend daraus Veränderungen ableiten werden. "Natürlich haben Schocks wie Pandemien, Kriege oder Finanzcrashs Auswirkungen auf die Gesellschaft. Aber welcher Art diese Auswirkungen sind, das hängt von den Theorien über die Geschichte und die Gesellschaft ab, denen die Menschen anhängen – mit einem Wort: von ihrer Ideologie. Es ist immer die Folge einer massiven sozialen und politischen Mobilisierung, wenn Gesellschaften sich in Richtung Gleichheit bewegen", so Piketty im Interview mit dem Freitag. Er erhofft sich, dass es innerhalb der Europäischen Union wieder mehr gemeinsame soziale Ziele herausbilden und die Freizügigkeit mit einer gemeinsamen Steuer- und Sozialpolitik verbunden wird. "Der Aufbau eines Wohlfahrtsstaates innerhalb eines Nationalstaates war [in der Geschichte] bereits eine große Herausforderung. Es bedurfte einer Einigung zwischen Arm und Reich und eines großen politischen Kampfes. Ich denke, dass es möglich ist, dies auf transnationaler Ebene zu wiederholen, aber es wird wahrscheinlich zuerst in einer kleinen Anzahl von Ländern geschehen müssen. Ich hoffe, das ist möglich, ohne dass die EU zerbricht", sagt er.
„Corona offenbart schockierende Ungleichheit“, Der Freitag 22/2020

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Corona zeigt uns, dass Wandel möglich ist 
Freitag, 8. Mai 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
In nur wenigen Wochen hat die Corona-Krise uns gezeigt, wie viele geradezu dramatische Veränderungen unserer Lebensweise möglich sind. Sicher, die Tatsache, dass unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben gegenwärtig zum großen Teil zum Erliegen gekommen ist, ist für viele Menschen vordergründig keine Erfahrung von Entschleunigung (wie man sie sich in überbetriebsamen Zeiten gerne herbeisehnt), sondern eher eine Konfrontation mit Zusammenbrüchen. Für den Soziologen Hartmut Rosa kommt in der Veränderbarkeit, die wir gerade erleben, allerdings auch unsere grundsätzliche Gestaltungsmacht in die Sichtbarkeit - die wir unter Normalbedingungen allzu gerne vergessen, weil die festgetretenen Pfade des Lebens sonst eher unverrückbar erscheinen. "Entschleunigung ist derzeit also ein makrosoziales Faktum, keine rückwärtsgewandte Phantasie, wie Kritiker behaupten. Zweitens, diese Entschleunigung ist das Ergebnis politischen Handelns, und vielerorts des Handelns demokratisch gewählter Regierungen, kein Wirkmechanismus der Viren; es handelt sich also um eine Erfahrung politischer Selbstwirksamkeit: Die Politik hat innerhalb weniger Wochen ungeahnte Handlungsmacht gegenüber der Eigenlogik der Finanzmärkte, der großen Konzerne, den Geschäftsinteressen etc. gewonnen – allerdings auch gegen die Rechte der Bürger und Bürgerinnen. Diese Erfahrung kontrastiert scharf gegenüber der bisher dominanten Ohnmachtserfahrung angesichts der Klimakrise, aber auch angesichts schreiend ungleicher Vermögens- und Verteilungsverhältnisse", schreibt er im Philosophie Magazin. Die Frage ist, ob wir dieser Handlungsmacht treu bleiben können und wollen. Rosa ist in dieser Frage nicht unrealistisch, richtet aber den Blick auch sehr bewusst auf das, was wir gerade als Möglichkeit erfahren: "Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Gesellschaft versuchen wird, nach dem Abflauen der Krise so schnell wie möglich in die alten Routinen und Gleise zurückzufinden, die Räder wieder anzuschieben. Dennoch stehen wir an einem 'Bifurkationspunkt', an dem ein gesellschaftlicher Pfadwechsel möglich scheint."
Chance der Neugeburt, Philosophie Magazin 27.4.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
"Die Zukunft hängt von uns ab" 
Montag, 27. April 2020 - Bewusstsein, Wissenschaft, Arbeit
Für den Globalisierungskritiker David Graeber ist mit Corona eine neue Chance gekommen, den Status quo unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation zu hinterfragen und uns jenseits der bisher gedachten Systemzwänge nach alternativen Zukünften zu strecken. "So viele grundsätzliche Fragen wurden lange nicht gestellt, weil man sie gar nicht formulieren konnte in der Sprache der neoliberalen Ökonomen. Die haben so getan, als wären sie im Besitz einer Wissenschaft, die sowieso schon alle Antworten kennt. Der Neoliberalismus ist in seinem Kern ein Mittel, um Leute davon abzuhalten, sich eine andere, abweichende Zukunft auszumalen – weil sowieso alles alternativlos ist. Aber vielleicht hängt die Zukunft in Wirklichkeit ja von uns ab! Genau das bemerken wir jetzt in dieser Krise. Die Frage ist nur: Was passiert danach?", sagt er in einem Interview mit der Zeit. Graebers letztes Buch "Bullshit Jobs" liest sich wie die Einleitung in die gegenwärtige Diskussion über systemrelevante Jobs und hält vor Augen, in welch' verkehrten Welt wir gewohnt sind zu leben. Denn die meisten Berufe, die in Zeiten von Corona den Rest-Alltag weltweit am Laufen halten, sind nicht die unzähligen stumpfen Bürojobs oder die der hochbezahlten Top-Manager, sondern jene schlecht bezahlten in Pflege und Betreuung, an den Kassen der Supermärkte oder bei Paketdiensten. Graeber spricht sich dafür aus, mehr darüber nachzudenken, wie wir leben wollen und welche Arbeiten uns darin stärken. Und er warnt vor den Versuchungen, schon wieder an ein Zurück zum früheren "Normalzustand" zu denken: "Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten. Man muss wieder vergessen, wer wirklich die Arbeit macht und dafür viel zu wenig verdient. Außerdem steht uns die allergrößte Krise noch bevor, der Klimawandel. Wir standen die ganze Zeit auf den Gleisen und ein Zug kam uns direkt entgegen. Und jetzt hat uns jemand brutal von diesen Gleisen gestoßen, das tut weh und ist schrecklich. Aber das Dümmste, was wir tun könnten, wenn wir wieder auf die Beine kommen: Uns wieder zurück auf die Gleise stellen, wo der Zug auf uns zurast!"
"Werden wir danach so tun, als sei alles nur ein Traum gewesen?", zeit.de 31.3.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
"Ohne moralischen Fortschritt gibt es keinen echten Fortschritt" 
Freitag, 3. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Für den Philosophen Markus Gabriel wirft die Corona-Krise die Frage auf, ob sie nicht "eine Immunreaktion des Planeten gegen die Hybris des Menschen, der unzählige Lebewesen aus Profitgier zerstört" sein könnte. "Das Corona-Virus offenbart die Systemschwächen der herrschenden Ideologie des 21. Jahrhunderts. Dazu gehört der Irrglaube, dass wir durch naturwissenschaftlich-technologischen Fortschritt alleine schon menschlichen und moralischen Fortschritt vorantreiben können. Dieser Irrglaube verführt uns dazu zu glauben, die naturwissenschaftlichen Experten könnten allgemeine soziale Probleme lösen", kritisiert Gabriel in einem Essay. Und er findet: "Ohne moralischen Fortschritt gibt es keinen echten Fortschritt." Der Philosoph zieht auch den Vergleich zur Klimakrise, die ungleich umfassender sei als das, was uns gerade in Form eines Virus begegnet. Doch die Klimakrise ist eben weniger deutlich sichtbar und vor allem hat sie - noch - deutlich weniger Auswirkungen auf die Wohlstandsregionen der Welt. Gabriel findet: "Wir brauchen eine neue Aufklärung, jeder Mensch muss ethisch ausgebildet werden, damit wir die gigantische Gefahrenlage erkennen, die darin liegt, dass wir blind der Naturwissenschaft und Technik folgen." Sein Blick in die Zukunft und seine Forderung: "Nach der virologischen Pandemie brauchen wir eine metaphysische Pan-Demie, eine Versammlung aller Völker unter dem uns alle umfassenden Dach des Himmels, dem wir niemals entrinnen werden. Wir sind und bleiben auf der Erde, wir sind und bleiben sterblich und fragil. Werden wir also Erdenbürger, Kosmopoliten einer metaphysischen Pandemie. Alles andere wird uns vernichten und kein Virologe wird uns retten."
Wir brauchen eine metaphysische Pandemie“, Universität Bonn 20.3.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Mehr innere Freiheit 
Donnerstag, 2. April 2020 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
GEO Wissen hat aktuell eine Ausgabe zum Thema Yoga und Meditation herausgebracht, die in der aktuellen Situation der Anspannung und Ungewissheit sicherlich für viele wie ein Rettungsanker wirkt. Die Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel beispielsweise erklärt in einem Interview, wie eine Achtsamkeitspraxis es erleichtert, eine bewusstere Beziehung zum eigenen Innenleben zu entwickeln: "Es ist der erste Schritt, um herauszufinden, in welcher Beziehung ich zu meinen Gedanken und Gefühlen stehe. Bin ich ihnen hilflos ausgeliefert, nehme ich alles für bare Münze? Oder kann ich ihnen zusehen, wie sie kommen und gehen? Je mehr wir uns selbst erforschen, Einsicht nehmen in die Funktionsweise und Muster unseres Denkens und Handelns, desto freier können wir unser Leben gestalten. Wir hören auf, Getriebene unserer Ängste und Sehnsüchte zu sein." Hölzel ist dabei wichtig, dass es nicht darum geht, negative Gedanken einfach auszublenden oder zu überspielen - ein Versuch, der ohnehin nur über kurze Zeiträume gelingen dürfte. "Vielmehr besteht die Kunst darin, belastende Gedanken und Gefühle zuzulassen, sich aber nicht von ihnen vereinnahmen zu lassen", so Hölzel. Natürlich stellen sich diese Effekte nicht sofort ein. Eher im Gegenteil, denn wer mit dem Meditieren beginnt, wird wahrscheinlich erst einmal in sich selbst vieles wahrnehmen, dass zuvor von der hektischen Betriebsamkeit des Alltagsmodus überlagert wurde. Aber es lohnt sich, weiterzuüben, denn mit der Zeit wächst darüber die innere Freiheit.
Wie Meditation gegen belastende Gedanken hilft, geo.de

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Schlafen will gelernt sein 
Mittwoch, 11. März 2020 - Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Schlafmangel ist in unserer modernen Gesellschaft längst zu einem Kostenfaktor geworden - er kostet jene, die nicht schlafen können, Nerven, Energie und letztlich die Gesundheit. Und die Folgen davon lassen sich sogar monetär beziffern. So sollen der deutschen Wirtschaft jedes Jahr rund 55 Milliarden Euro entgehen, weil Arbeitende übermüdet sind. Wen wundert es da, dass viele mögliche Lösungsvorschläge ebenfalls aus dem Reich des monetären Denkens kommen. Mit besonderen Matratzen, Schlaflampen und anderem Equipment, das den Gebeutelten helfen soll, besser zu schlafen, werden weltweit jährlich rund 70 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Die Forschung zeigt, dass wohl die meisten dieser vermeintlichen Helfer schlicht unnütz sind und nichts bewirken. Krankenkassen setzen deshalb inzwischen immer öfter auf professionelle Schlaftrainings - die kosten zwar mehr als eine neue Matratze, aber dürften sich durch sinkende Krankheitskosten amortisieren. Vielleicht denken wir dieses Thema auch einfach von der falschen Seite aus, denn das funktionale Effizienzdenken, dass hier bei Lösungsversuchen mitschwingt, könnte ja auch etwas sein, das zum eigentlichen Problem beiträgt. Wo Menschen ständig in dem Bewusstsein leben, andauernd etwas leisten zu müssen, und wo der Alltag bis in die letzten Abendstunden mit Aktivitäten gefüllt wird (denn irgendwie möchte man ja auch noch "etwas vom Leben haben"), ist Dauererregung der Normalfall. Manches einfach mal sein zu lassen, könnte diese Spirale durchbrechen. Das erzeugt keine Kosten und schafft den Raum für Schlaf.
Das zweifelhafte Geschäft mit dem Schlaf der Deutschen, welt.de 10.3.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Das Leistungsprinzip hinterfragen 
Donnerstag, 27. Februar 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft, Arbeit
Leistung ist in gewisser Weise das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Ohne all die Menschen, die tagtäglich in Berufen arbeiten, die der Allgemeinheit dienen, ginge hier - gar nichts. Doch wenn es um Leistungsgerechtigkeit geht, bleiben all die Krankenschwestern, Polizisten, Feuerwehrleute und Putzmannschaften eher außen vor, denn honoriert in Euro und Cent kommen ihre Leistungen deutlich schlechter weg als jene von Menschen in Berufen, die sogar oftmals dem Gemeinwohl eher schaden. Der Spiegel hat eine ganze Story der "Mär von der Gerechtigkeit" gewidmet. Man erfährt, dass Leistungsgerechtigkeit, auch wenn der Begriff der Leistung zu so etwas wie einer "Basisnorm" unserer Kultur geworden ist, noch nie wirklich vorhanden, aber eben auch nicht wirklich messbar war. Manch einer spricht sogar davon, dass Leistung längst eine Ideologie ist, die man hinterfragen und durchbrechen sollte. Vielleicht liegt hinter dem Unbehagen, dass viele Menschen viel Geld verdienen mit Dingen, die eher schaden als nutzen, und jene, die den Laden Gesellschaft am Laufen halten, oft leer ausgehen, auch einfach eine Frage, die wir uns viel öfter stellen und vielleicht sogar zum Maß machen sollten: Was ist uns wertvoll? Was dient Menschen? Und wie können wir dazu beitragen, das sich davon mehr in der Welt zeigt?
Leistung lohnt sich eben nicht, spiegel.de 16.2.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Der Neuro-Hype im Business 
Mittwoch, 26. Februar 2020 - Bewusstsein, Wissenschaft, Arbeit, Management
Die Hirnforschung erfreut sich im Business größter Beliebtheit, vor allem, seit zahlreiche Achtsamkeitsstudien belegen, wie bestimmte Übungen der Arbeit dienliche Fähigkeiten unterstützen und beispielsweise fokussierter und aufmerksamer machen. Das Magazin Human Resources Manager hat den Trend einmal unter die Lupe genommen. Zu Wort kommen Pionierunternehmen, die schon lange, bevor es zur Mode wurde, auch neurowissenschaftliche Erkenntnisse in ihre unternehmensinternen Weiterbildungen integrierten - und das nicht einmal unbedingt, weil bei ihnen Stresskompensation akut notwendig wurde. Auch kritische Stimmen finden sich in dem Artikel, denn seit Achtsamkeit boomt, sind viele Firmen darauf erpicht, auf diese Weise die Performance ihrer Mitarbeiter zu verbessern. Stressmanagement wird dann leicht zum Euphemismus dafür, dass Firmen letztlich nicht bereit sind, die Anforderungen, die sie an ihre Mitarbeiter stellen, und ihre oft überlastende Leistungskultur zu überdenken. Der Beitrag kommt denn auch zu dem Schluss, dass die Neurowissenschaften zwar einen Beitrag zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen leisten könnten, aber eben nur, wenn Firmen wirklich ganzheitlich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen umgehen und nicht einfach die besten Aspekte herauspicken, die kurzfristige Kompensation von an sich unzureichenden Rahmenbedingungen versprechen.
Personalmanagement: Was ist dran am Neuro-Hype?, Human Resources Manager 17.2.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink

Zurück Weiter