Der Mythos der Kreativarbeiter 
Mittwoch, 17. November 2010 - Arbeit
Im Interview mit der Zeit geht der Soziologe Ulrich Bröckling der Frage nach, wie kreativ und frei das Leben der Arbeitenden in der Kreativwirtschaft ist - und entzaubert dabei so manchen Mythos: "Das Lob der Kreativwirtschaft klingt in meinen Ohren wie eine Identifikation mit dem Aggressor. Man feiert die Zumutungen, weil man sie nicht ändern kann. Ökonomisch erfolgreich sind nur die wenigsten. Überhaupt ist es ja nur eine sehr kleine Schicht, die in der Kreativwirtschaft arbeitet, meist junge Leute zwischen Mitte Zwanzig und Ende Dreißig, in der Regel ohne Familie. Sie sind in der Tat mobil, dynamisch und bereit, mit wenig auszukommen. Die eine oder der andere wird wohl auch noch von den Eltern alimentiert. Die Arbeitsbedingungen in der Kreativwirtschaft sind jedenfalls nichts für Leute, die kleine Kinder haben oder Angehörige pflegen müssen." Bröckling richtet das Augenmerk auf Selbstausbeutung, die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit und nimmt an, dass viele Kreativarbeiter romantisch dem Traum vom ganzheitlichen Leben nachhängen, während sie eigentlich der Selbstausbeutung frönen. Gleichzeitig beschreibt er auch neue, verführerische Bezüge zwischen Kunst und Kommerz: "Künstler produzieren Differenzen, sie brechen Regeln und überschreiten Grenzen. Genau das fordert auch der Markt. Anders gesagt: Zwischen der modernen Kunst und der unternehmerischen Tätigkeit besteht eine strukturelle Verwandtschaft. Moderne Kunst bricht den alten Formenkanon auf und produziert Neues. Und der Unternehmer ist gerade kein bloßer Verwalter, sondern ein »schöpferischer Zerstörer«, wie das der Ökonom Joseph Schumpeter genannt hat. Er setzt Innovationen durch, sucht nach Alleinstellungsmerkmalen. Mit kleinen semantischen Umstellungen können Sie das alles auf den künstlerischen Bereich übertragen, es gibt Transfers in beide Richtungen. Der Unternehmer ist ein Künstler, und der Künstler ein Unternehmer." Bei allen Chancen zur Gestaltung bleibt das Fazit des Soziologen letztlich jedoch nüchtern: "Das unternehmerische Selbst ist auch ein erschöpftes Selbst."
"Kreativ? Das Wort ist vergiftet", Die Zeit 8.11.10

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Frauen verdienen mehr als gedacht, aber immer noch weniger 
Dienstag, 16. November 2010 - Studien
Hatte das Statistische Bundesamt in den letzten zwei Jahren noch einen Lohnabstand von 23 Prozent zwischen den Gehältern von Männern und Frauen errechnet, folgt nun die "Entwarnung", denn bei einer bereinigten Berechnung kommen die Bundesstatistiker nur noch auf Einkommensunterschiede in Höhe von acht Prozent, das Institut der Deutschen Wirtschaft auf 13 Prozent. Der Grund für die neuen Zahlen: Erstmals wurden strukturelle Faktoren wie die unterschiedliche Beschäftigungsdauer eingehend in die Datenanalyse einbezogen. Die Neuberechnung zeigt: Kinder bekommen, Angehörige zu pflegen oder gar ein paar Jahre im Dienste der Familie zu pausieren - das sind die Hauptpunkte, die Frauen finanziell das Genick brechen. Die geringeren Lohnunterschiede beziehen sich nun auf Frauen und Männer mit vergleichbarer Erwerbsbiographie. Ist das ein Grund zur Freude? Frauen, die sich nur eine Babypause von 18 Monaten leisten, verdienen immerhin "nur" vier Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. In Sachen Gender Mainstraming ist der Weg also noch weit ...
Von wegen benachteiligt, SZ 9.11.10

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Wenn es Managern an Impulskontrolle fehlt 
Montag, 15. November 2010 - Management
Dem Ärger ungebremst Luft machen, laut werden oder Mitarbeiter in aller Öffentlichkeit düpieren - vielen Chefs fehlt es an Impulskontrolle. Jüngstes Beispiel: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der seinen Sprecher Michael Offer bei einer Pressekonferenz öffentlich abmeierte. Offer zeigte in der Situation Haltung - und trat anschließend zurück. Im Interview mit der Zeit erklärt der Arbeitspsychologe Tim Hagemann, warum Führungskräfte bisweilen auf diese Weise über die Stränge schlagen: "Wer schon lange in einer Machtposition ist, verliert oft das Gespür für soziale Normen. Solche Führungskräfte bekommen häufig kaum oder kein aufrichtiges Feedback von außen. Vor allem dann, wenn sie mit sozialen Konventionen brechen. Eigentlich lernt jeder Mensch in der Kindheit, sich an soziale Normen zu halten und seine Impulse zu unterdrücken. Führungskräfte in Machtpositionen, die viele Menschen in einem Abhängigkeitsverhältnis unter sich haben, fallen aber oft in ein impulsgesteuertes Verhalten zurück. Sie unterdrücken ihre Gefühle weniger, weil ihre Machtposition das zulässt. Die Umwelt scheint dies zu akzeptieren, weil sie oft abhängig von der Führungskraft ist." Hagemann rät Führungskräften, ihre Emotionen zu analysieren, anstatt einen Wutausbruch zu riskieren, und die Sachebene von der Beziehungsebene zu trennen. "Chefs sollten ihren Ärger zeigen, aber sie sollten sich die Zeit nehmen, die Situation richtig zu bewerten. Wer blind seinen Impulsen folgt, verspielt die Loyalität und das Vertrauen seiner Mitarbeiter. Emotionen verändern sich mit der Zeit. Darum ist der alte Rat sinnvoll, eine Nacht über eine ärgerliche Situation zu schlafen. Erst danach sollte man seinen Mitarbeiter zum Gespräch rufen", so Hagemann.
"Chefs sollten ihren Ärger kontrolliert zum Ausdruck bringen", Die Zeit 10.11.10

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Die Spiele der Männer 
Freitag, 12. November 2010 - Management
Aufgrund einer Indiskretion ist die Citibank ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Ein Bewerber hatte aus den Geschäftsräumen ein Informationsblatt mitgehen lassen mit dem Titel "Wie Frauen ihre Karriere sabotieren, zehn Punkte, die Sie beherzigen sollten". Das Papier listet zehn Punkte aus dem Buch "Nice Girls don't get the Corner Office" der Karriereberaterin und Psychologin Lois P. Frankel auf, darunter die folgenden:
- Frauen reden leise: Sie werden nicht gehört.
- Frauen machen sich öffentlich schön: Das betont ihre Weiblichkeit und lenkt von ihren Fähigkeiten ab.
- Frauen sitzen zurückhaltend: In der Machtposition hat man die Vorderarme auf dem Tisch und lehnt sich vor.
- Frauen fragen um Erlaubnis: Kinder lehrt man, um Erlaubnis zu bitten. Männer bitten nicht um Erlaubnis – sie informieren.
- Frauen neigen dazu, unangebracht zu lächeln: Deshalb nimmt man sie nicht ernst.
- Frauen sind naiver: Eine Frau geht davon aus, dass Regeln eingehalten werden müssen. Ein Mann sucht Wege, um die Grenzen der Regeln zu testen, ohne dafür bestraft zu werden.
- Frauen schütteln die Hand zu schwach: Eine gute, feste Begrüssung, verbunden mit festem Augenkontakt, hilft weiter.
Heißt das im Umkehrschluss, dass man als Frau am ehesten dann Karriere macht, wenn man beim ersten Händeschütteln dem Gegenüber fast die Hand bricht, sich in Meetings permanent in den Vordergrund drängt, mit sauertöpfischem Blick die Ellbogen sprechen lässt und über Leichen geht? Das Ärgerliche am Citibank-Papier ist nicht, dass es als vermeintlicher Karriereratgeber an Frauen verteilt wurde, sondern dass es im Hinblick auf den Status quo im Business leider nur allzu recht hat. Wenig Manieren, viel Lärm und eine möglichst skrupellose Haltung sind eben immer noch ein Garant, um im Job voran zu kommen. Und leider sind Frauen zu klug, um solche einfältigen Männerspiele gerne mitzuspielen.
Wie Frauen ihre eigene Karriere sabotieren, HB 5.11.10

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Wie die IT-Branche sich verschleißt 
Donnerstag, 11. November 2010 - Studien
Eine Studie der TU Dortmund zeigt eindrücklich, wie hoch der Leidensdruck in der IT-Branche ist. In einer Online Untersuchung fanden die Forscher heraus, in welchem Maße die Angestellten und Freiberufler im Technologiesektor unter gesundheitlichen Problemen und Burn-out leiden. So klagen 65 Prozent der Alleinselbstständigen über arbeitsbedingte Muskel- und Skelettbeschwerden und 52 Prozent über psychische Probleme. Lediglich 30 Prozent der Freelancer und 40 Prozent der abhängig Beschäftigten gehen davon aus, die mit ihrem Job einhergehende Arbeitsbelastung bis zum Rentenalter von 65 Jahren durchzuhalten. 14 Prozent der Freiberufler fürchten sogar, bereits mit 50 Jahren am Ende ihrer Kräfte zu sein. Das positive Signal der Studie: Zwei Drittel der Alleinselbstständigen haben ein stark bis sehr stark positive Leistungsorientierung und empfinden den beruflichen Stress als angenehm.
Burn-out in der IT-Branche vor allem unter Freelancern weitverbreitet, Pressemitteilungen-online.de 15.9.10

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Kooperation als evolutionäre Grundtatsache 
Mittwoch, 10. November 2010 - Wissenschaft
Im Interview mit der Wirtschaftswoche erklärt der Psychiatrieprofessor Joachim Bauer, warum Zugehörigkeit und Akzeptanz, mithin Altruismus, ein Grundfaktor menschlicher Evolution ist. Am Beispiel von Kleinkindern, die auf ganz natürliche Weise mit anderen kooperieren, selbst wenn sie dadurch keinen Vorteil haben, kommt Bauer zu dem Schluss: "Die Evolution hat Kooperation entstehen lassen, bevor sie sich – nach ökonomischen Maßstäben – zu lohnen begann. Die Trennung zwischen Egoismus als Profit und Altruismus als Verlust kommt ursprünglich aus der Ökonomie. Man kann das Prinzip der Nutzenmaximierung aber nicht einfach so in die Biologie übertragen." Gier hingegen ist laut Bauer eher ein Phänomen der Ressourcenknappheit - erst die Angst, nicht genug zu bekommen, führe zu egoistischem Verhalten. Umgekehrt ist die altruistische Programmierung des Menschen ein wichtiger Glücksfaktor, denn jede altruistische Entscheidung führe im Gehirn dazu, dass Glückshormone ausgeschüttet werden. Es wäre also unter dem Strich vieles einfacher, wenn wir uns einfach öfter auf unsere natürliche Kooperationsfähigkeit besinnen, anstatt uns als isolierte Individuen wahrzunehmen, die stets mit anderen konkurrieren müssen.
"Der Mensch ist sozial", WiWo 29.10.10

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Meditation macht den Kopf fit 
Dienstag, 9. November 2010 - Wissenschaft
Aufmerksamer sein, besser Denken, sich seinen Gefühlen nicht so ausgeliefert fühlen - wer regelmäßig meditiert, kann leicht in den Genuss dieser Selbstoptimierung kommen. So zeigt eine Studie der Dalian University of Technology und der University of Oregon, dass Meditation schon nach kurzer Zeit im Gehirn nachweislich positive Spuren zeigt. Die Wissenschaftler trainierten StudentInnen im Integrative-Body-Mind-Training (IBMT), einer Methode, die auf Konzepten der Traditionellen Chinesischen Medizin basiert und Atemübungen, mentale Vorstellungsbilder und weitere Techniken einsetzt. Die Kontrollgruppe praktizierte in dem den insgesamt elf Stunden dauernden Übungseinheiten herkömmliche Entspannungsverfahren. Im anschließenden TEst wiesen die IBMT-Teilnehmer im Vergleich zur Kontrollgruppe positive Veränderungen in den Hirnregionen, die für die Verhaltens- und Aufmerksamkeitssteuerung sowie die Regulierung von Stimmungen und Emotionen zuständig sind, auf. So einfach kann Neurotuning sein!
Meditation stärkt die Selbststeuerung, Psychologie heute 2.11.10

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Abstruses Menschenbild 
Montag, 8. November 2010 - Arbeit
Die Welt schlägt mit einem Beitrag des Wirtschaftsphilosophen Gerd Habermann ein neues Kapitel in Sachen Sozialdarwinismus auf. Habermann kritisiert vehement die Hartz IV-Politik und propagiert ein ganz eigenes Bild von Menschenwürde: "Man ist nicht unfrei, wenn man ärmlich leben muss – Freiheit verstanden als Freiheit vom willkürlichen Herumkommandiertwerden durch andere Menschen!" Die Tatsache, dass viele ehrliche Arbeitssuchende sich zum Teil seit Jahren um neue Jobs bemühen, aber scheitern, weil der Arbeitsmarkt trotz der aktuellen Visionen einer neuen Vollbeschäftigung schlicht nicht genug her gibt, blendet er dabei aus - ebenso, dass auch diese Millionen Redlichen der Arbeitsagentur permanent Rede und Antwort stehen müssen, Bewerbungen schreiben sollen selbst dort, wo es keinen Sinn macht und kein Erfolg zu erwarten ist, und in Sachen sozialer Teilhabe am Rand der Gesellschaft stehen. Habermann kontert, dass die heutigen Zeiten geradezu komfortabel seien, denn: "Im 19. Jahrhundert galt es dagegen als menschenwürdig, gerade nicht auf öffentliche Kosten zu leben. Vor 1918 entzog man Unterstützungsempfängern sogar das Wahlrecht (übrigens auch den „Bankrotteuren“). Da sind wir heute milder." Bei aller Milde, Druck muss sein. "Zur Menschenwürde gehört auch, dass der Mensch zur Selbsthilfe und zur Selbstverantwortung fähig ist und sich beschämt fühlt, wenn er auf Kosten anderer Leute, sei es auch über Staatsgeschenke, leben muss. Den Empfängern solcher Geschenke ohne Gegenleistung darf es nicht erspart bleiben, diese Situation als schmerzlich zu empfinden. Eben dies spornt an, aus dieser unwürdigen Lage wieder herauszukommen", so Habermann weiter. Der Philosoph wettert gegen Ideen wie die des Grundeinkommens, die seiner Meinung nach die Almosenhaltung der BürgerInnen nur zementiere. Vor lauter Hetze gegen die Sozialbürokratie, die sich nach Habermanns Ansicht durch das Sozialsystem noch Karrieren zimmere, vergisst er dabei, dass es gerade das Anliegen des Grundeinkommens ist, diese abzuschaffen, denn wo niemand mehr gegängelt wird, um halbwegs überleben zu können, braucht es auch keine Verwalter des Fiaskos minimierter gesellschaftlicher Teilhabe ...
Ein seltsames Recht, auf Kosten anderer zu leben! Die Welt 30.10.10

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