Belastet bis ins Gehirn 
Donnerstag, 11. Mai 2017 - Psychologie, Studien
Psychische Extremerfahrungen scheinen über die Phase der akuten Belastung hinaus die Fähigkeiten des Gehirns zu beeinträchtigen, das legt zumindest eine Studie der Uniklinik München nahe. Die Studie mit gut 260 Probandinnen untersuchte das Auftreten von Problemen im Hinblick auf Konzentration, Gedächtnis und Orientierung. Von den Versuchspersonen hatten etwa zwei Drittel aufgrund ihrer Diagnose eine Krebstherapie erhalten, während die restlichen Studienteilnehmerinnen (der Kontext war Brustkrebs) ein negatives Screening hatten und keine Chemotherapie bekamen. Bisher waren Beeinträchtigen der Hirnfunktion den aggressiven Wirkungen der Chemotherapie zugeschrieben worden. Die Studie indes zeigte, dass die Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, das Auftreten von Desorientierung und Gedächtnisprobleme nur bei den Krebs-Patientinnen auftraten, die durch die Diagnose eine Belastungsstörung entwickelt hatten. Die traumatische Erfahrung scheint also ursächlich zu sein. Es könnte interessant sind, diese Perspektive weiter zu vertiefen und einmal zu erforschen, ab welcher Belastungsintensität das Gehirn beginnt, Funktionalität einzubüßen, denn es gibt genügend Berufe, in denen besondere Belastungen zum Alltag gehören, die nicht gleich zu einer diagnostizierten Belastungsstörung führen, aber womöglich stärker die geistige Gesundheit beeinträchtigen, als bisher bekannt ist.
'Chemobrain" kommt nicht durch Chemotherapie, spektrum.de 4.5.17

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Wenn die Digitalisierung stresst 
Mittwoch, 10. Mai 2017 - Studien, Arbeit
Die Folgen der Digitalisierung für Arbeitnehmer werden immer stärker diskutiert. Eine Untersuchung des DGB zeigt nun, dass eine nennenswerte Zahl von Angestellten zunehmend über digitalen Stress klagt. Befragt wurden 9.600 abhängig Beschäftigte. 54 Prozent der Befragten meinen, ihr Arbeitsvolumen wachse durch die digitalen Möglichkeiten. 60 Prozent der digital Arbeitenden empfinden Zeitdruck, während es bei jenen, die nicht digital arbeiten, nur 51 Prozent sind. Auch die Störungsquote fällt im Digitalbereich höher aus - 69 Prozent fühlen sich betroffen, während es unter den analog Arbeitenden nur 36 Prozent sind. Nur 26 Prozent derer, die hochgradig mit Technologie konfrontiert sind, können nach eigenen Angaben Einfluss nehmen auf die Art und Weise, wie Technik an ihrem Arbeitsplatz eingesetzt wird. Das führt dazu, dass nahezu jeder Zweite sich der Technik häufig bis sehr häufig der Technologie ausgeliefert fühlt.
Stress durch Digitalisierung, FAZ 3.5.17

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Jung-Manager wünschen sich mehr Transparenz 
Dienstag, 9. Mai 2017 - Studien, Management
Offenheit steht beim Führungsnachwuchs noch im Kurs. Eine Befragung unter 1.000 Nachwuchs-Managern, durchgeführt von der Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung und dem Symposium der Universität St. Gallen, zeigt: 77 Prozent der Befragten glauben, Unternehmen, die das Firmenwissen intern transparent machen, seien langfristig erfolgreicher. 85 Prozent sprechen sich dafür aus, dass die Mitarbeiter stets informiert sein sollten, wie es um das Unternehmen gerade steht. 78 Prozent finden es hilfreich, wenn Meeting-Ergebnisse nicht nur den am Treffen Beteiligten, sondern allen Mitarbeitern zugänglich gemacht werden. Der Führungsnachwuchs ist dabei bereit, selbst transparent zu handeln - 75 Prozent der Befragten signalisierten die Bereitschaft, organisationsintern über die Leistung ihres Teams zu informieren. Auch im Hinblick auf eine Fehlerkultur zeigt sich Offenheit - 65 Prozent der Befragten finden es hilfreich, Fehler von Teams transparenter zu machen, damit andere daraus lernen können.
Unternehmen, macht Schluss mit Geheimnissen! WiWo 2.5.17

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Frauen führen besser 
Montag, 8. Mai 2017 - Studien, Management
Eine neue norwegische Studie dürfte neuen Zündstoff für die Gender-Debatte in den Führungsetagen liefern. Die Wissenschaftler der Norwegian Business School befragten 2.900 Führungskräfte, darunter 900 weibliche, im Hinblick darauf, inwieweit sie über gängige Fähigkeiten guter Führung verfügen. Gute Führung ist dabei laut der Studie verbunden mit der Fähigkeit, Stress auszuhalten, Initiative zu ergreifen, Innovationen zu fördern, andere zu unterstützen und Ziele effektiv zu erreichen. In vier von fünf Kategorien waren dabei die Frauen den Männern überlegen, was die Forscher zur Folgerung veranlasst, dass Frauen bessere Chefs sind. Einzig wenn es um das Stressempfinden geht, schnitten die Frauen schlechter ab. Sie machen sich häufiger Sorgen und bezahlen dafür mit einer schlechteren emotionalen Befindlichkeit als die Männer.
Darum sind Frauen die besseren Chefs, Karriere Spiegel 2.5.17

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Wenn der Schuh von oben drückt 
Freitag, 5. Mai 2017 - Studien, Arbeit, Management
Teamwork und flache Strukturen sind seit Jahren im Business ein Thema. Es wird viel darüber geredet, doch die Realität bewegt sich vergleichsweise langsam. Eine Erhebung der Jobbörse Stepstone und der Personalberatung Kienbaum zeigt, dass 58 Prozent der Firmen immer noch mit strikten Hierarchien aufgestellt sind. Immerhin 26 Prozent praktizieren flache Hierarchien. Öffentlicher Dienst, Banken und der Fahrzeugbau sind zu zwei Dritteln noch vor allem von oben nach unten organisiert. In der IT wie auch der Werbebranche sind flache Hierarchien in 40 Prozent der Unternehmen etabliert. 80 Prozent der befragten Mitarbeiter wünschen sich, dass sie eigenverantwortlicher arbeiten können. 20 Prozent leiden gar darunter, dass ihre Ideen in der Firma wenig erwünscht scheinen.
Mitdenken unerwünscht, SZ 26.4.17

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Was nennen wir Arbeit? 
Donnerstag, 4. Mai 2017 - Bewusstsein, Lebensart, Studien, Arbeit
Wer ist für die Hausarbeit zuständig? Diese Fragen stellen sich wohl die meisten Paare immer wieder - und die real gelebte Antwort fällt in vielen Fällen zuungunsten der Frauen aus. Eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) belegt gerade wieder, dass Frauen 60 Prozent mehr Zeit für den Haushalt aufbringen als Männer, bei der Fürsorge für Angehörige sogar doppelt so viel Zeit. Beide Geschlechter arbeiten im Schnitt jeden Tag 7 Stunden und 40 Minuten (die Frauen vier Minuten mehr), doch bekommen Männer 73 Prozent der von ihnen erbrachten Tätigkeiten bezahlt, teilzeitbeschäftigte Frauen hingegen nur 43 Prozent. Das kann man als Gender-Thema diskutieren und sich Wege überlegen, wie Männer sich stärker zu den lebenswichtigen fürsorglichen Tätigkeiten bewegen lassen. Man kann sich aber auch fragen, ob es nicht längst an der Zeit ist, unser Verständnis von Arbeit zu überdenken. Die Divergenz zwischen Lohn- und Hausarbeit wird seit den 1970er Jahren von Feministinnen immer wieder in die Diskussion gebracht, aber wahrscheinlich greift dieser Ansatz zu kurz. In einer Zeit, in der die Digitalisierung womöglich die Grundlagen unserer Idee von Lohnarbeit in den kommenden Jahrzehnten ad absurdum führt, weil immer mehr Tätigkeiten automatisiert werden können, lohnt es sich, das, was im Leben notwendig ist, vielleicht wieder als Ganzes zu sehen. Wir müssen essen, brauchen frisch gewaschene Kleider, unsere Kinder wollen versorgt sein - dafür sind materielle Mittel und Zeit notwendig. Aber verläuft die Scheidelinie natürlicherweise zwischen der Arbeit für Geld und der ohne Bezahlung? Es ist ein System, das sich mit der Industrialisierung verfestigt hat, aber eben nur ein System, das unser Denken prägt. Und andererseits lässt sich auch fragen, ob es so schlimm ist, wenn Frauen mehr im Haushalt tun? Für Mütter, die am Erwerbsleben teilhaben möchten und sich sehr um ihre Familie kümmern möchten, kann Teilzeit eine Möglichkeit sein, diese Interessen in Einklang zu bringen. Der wunde Punkt ist, dass unser System der Altersvorsorge, das an die Erwerbsarbeit gekoppelt ist, sie im Alter dafür schlechter stellt. Wie wäre es, wenn wir alles, was zu tun ist, als "Arbeit" betrachten (mir würde der Begriff Fürsorge allerdings besser gefallen)? Und alles, was diesen Notwendigkeiten dient, gleich behandeln? Wenn nicht der Fluss des Geldes unsere Möglichkeiten bestimmt, sondern unsere Zuwendung zum Leben? Wenn wir einfach diese Gedanken einmal wirken lassen (und nicht gleich die nächste Umverteilungsdiskussion anzetteln)? Wandel beginnt auch dort, wo wir nicht gleich tun und machen, sondern erst einmal offen dafür werden, dass das Leben auch so ganz anders sein könnte, als wir es gewohnt sind.
Frauen leisten 60 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer, FAZ 23.4.17

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Wie ticken wir Menschen wirklich? 
Mittwoch, 3. Mai 2017 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Die Neurowissenschaften haben in den vergangenen Jahren Details über unser menschliches Dasein zutage gebracht, die unser Selbstverständnis grundlegend verändern können. Der Hirnforscher Wolf Singer beispielsweise ergründete immer wieder in Dialogen mit dem Mönch Mathieu Ricard, wie unsere Selbstwahrnehmung unser Dasein prägt. Gerade haben beide einen neuen Dialogband veröffentlicht, Jenseits des Selbst. "Sowohl der Buddhismus als auch die Neurobiologie gehen davon aus, dass Wahrnehmungen konstruiert sind und die Wirklichkeit anders sein kann, als wir sie wahrnehmen. Die Buddhisten berufen sich dabei auf die nach innen gewandte Erforschung ihrer Wahrnehmungsprozesse. Ricard geht davon aus, dass die Kultivierung inhaltsloser Bewusstseinszustände zu einer objektiveren Wahrnehmung der Realität verhilft. Hier sind wir jedoch unterschiedlicher Ansicht. Für uns ist Bewusstsein immer mit Inhalten verbunden", erzählt Singer in einem Gespräch mit der Frankfurter Neuen Presse. Der Unterschied, den er hier macht, ist spannend. Wer in der Meditation schon einmal Momente der völligen geistigen Leere erfahren hat, und seien sie noch so kurz, entwickelt eine Ahnung, wie es ist, auf die Welt und sich selbst zu blicken, ohne diese Wahrnehmung unmittelbar mit bereits Erlebtem und Gewusstem zu verbinden. Es fällt schwer, sich das vorzustellen, denn in diesen Minimalmomenten löst sich unser Selbst auf - und wir können dem Leben in einer ungeahnten Freiheit begegnen. Die klassische Hirnforschung scheint so weit noch nicht zu gehen. Auch im Hinblick auf Selbstkultivierung setzen Ricard und Singer unterschiedliche Akzente. "Als tibetanischer Buddhist vertritt Mathieu die Ansicht, dass sich bestimmte Verhaltensdispositionen durch Meditation trainieren lassen. Die Grundidee: Ich muss von den vielen emotionalen Reaktionsweisen, die mir zur Verfügung stehen, die negativen wie Neid, Missgunst oder Aggressionen abschwächen und positive Affekte wie Mitgefühl und Nächstenliebe kultivieren. Anders als Mathieu glaube ich aber, dass auch negative Affekte wichtig sind. Man muss manchmal jemanden nicht mögen dürfen!", so Singer. Es mutet fast an, als wolle Singer hier die Inhalte des Bewusstseins nicht ganz loslassen. Was verständlich ist, denn wer bin ich, wenn ich zunächst einmal auf meine Bewertungen verzichte? Ricards Perspektive hat nichts damit zu tun, die eigenen Befindlichkeiten zu verleugnen. Es geht wohl eher darum, sie immer wieder einmal für einen Moment zurückzustellen und wahrzunehmen, was diese Unvoreingenommenheit in einem selbst verändert. Treten Mitgefühl und Nächstenliebe beispielsweise durch Üben immer stärker hervor, verringert sich womöglich auch die innere Neigung, andere nicht mögen zu wollen. Diesen feinen Wendepunkt scheinen die Neurowissenschaften noch aus sicherer Distanz zu umkreisen. Aber vielleicht entwickelt sich die Wissenschaft ja in den nächsten Jahren auch dahin, diese Grenze der Annäherung stärker zu erforschen.
Interview mit Wolf Singer: "Erziehung ist das Wichtigste", FNP 19.4.17

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Gesellschaft neu denken 
Dienstag, 2. Mai 2017 - Bewusstsein, Arbeit
Die digitale Revolution ist in aller Munde. Technikenthusiasten neigen dazu, die neuen technologischen Möglichkeiten zu feiern, doch liegt in der Luft auch zunehmend die Sorge, dass die damit verbundenen radikalen Wandlungsprozesse das gesellschaftliche Gefüge ins Wanken bringen könnten. Der Philosoph Börries Hornemann fordert deshalb gemeinsam mit Vordenkern wie dem Neurowissenschaftler Gerald Hüther und dem Politiker Yanis Varoufakis ein radikales Umdenken, ja eine Sozialrevolution. In einem Interview auf dem Online-Portal der Triodos Bank wirft er einen Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche, die neu gedacht werden sollten. Eines der größten Themen ist dabei das Sozialsystem. Hornemann hält dem verbreiteten Prinzip der Kontrolle und den Versuchen, sich dieser zu entziehen, beispielsweise durch Steuerhinterziehung, den Aufbau überschaubarer, transparenter Solidargemeinschaften entgegen. In den Niederlanden haben sich beispielsweise zur Absicherung Selbstständiger so genannte Broodfonds gegründet, Gemeinschaften, die gemeinsam das Risiko einer Arbeitsunfähigkeit tragen. In Japan entwickeln sich Modelle der gegenseitigen Fürsorge auf Basis von Zeit-Engagements - Menschen helfen anderen und können dafür selbst zu einem anderen Zeitpunkt Hilfe in Anspruch nehmen. Ein Ansatz, der einen neuen Blickwinkel auf das immer schwieriger werdende Thema der Altersvorsorge wirft. Auch das Thema Grundeinkommen spielt für Hornemann eine Rolle, eröffnet es doch eine Freiheitsdimension, die im bestehenden Sozialsystem oft zu kurz kommt: "Freiheit ist demnach nicht zu allem ja, sondern auch zu etwas nein sagen zu können. Durch ein Grundeinkommen kann ich nicht mehr gezwungen werden etwas zu tun, sondern ich kann auf Augenhöhe entscheiden. Das entfesselt Kräfte, weil ich schlicht besser bin in dem, was ich wirklich tun möchte. Davon profitiert am Ende gerade auch die Wirtschaft." Sozialrevolution meint hier nicht radikale Umstürze, sondern menschliches Wachstum hin zu mehr Engagement, Verbundenheit und der Freiheit, in der Gemeinschaft das beitragen zu können, was einem liegt.
"Ohne Sozialrevolution führt die digitale Revolution ins Chaos", Triodos-Portal 4.4.17

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