Wenn Arbeiten zum Dauer-Sprint wird 
Donnerstag, 19. April 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Arbeit, Management
Agilität ist zu einem neuen Trend in der Organisation von Arbeitsprozessen geworden. Die Idee dahinter: Möglichst flexible und wendige Arbeitsprozesse zu gestalten, die mit der Schnelligkeit, die die Arbeitswelt heute zu fordern scheint, Schritt zu halten. Die FAZ geht in einem Beitrag dem Für und Wider dieses Trends nach. Einerseits zeigt sich, dass viele der heute genutzten Agilitäts-Tools und -Prozesse das Arbeiten effizienter machen können und es erleichtern, besser und schneller auf Veränderungen zu reagieren. Das hat jedoch auch einen Prozess. Routinen werden zunehmend ausgemerzt, es gibt keine Atempausen oder ein Zurücklehnen mehr. Der Arbeitstag wird, zugespitzt formuliert, zu einem Dauer-Sprint. Was Unternehmensberater feiern, könnte aus psychologischer Sicht durchaus auch Nachteile haben. Denn es liegt nicht in der Natur jedes Menschen (und vielleicht sogar überhaupt nicht in der menschlichen Natur), stets an forderster Front alles zu geben. Darauf läuft agiles Management aber in gewisser Weise hinaus, denn es funktioniert vor allem, wenn möglichst viele ständig auf dem Sprung sind. Das Dasein besteht nicht nur aus Angriff, es braucht auch Phasen, in denen es ruhiger zugeht. Und in der Arbeitswelt nur das Beste einer Welt haben zu wollen, trennt zugleich vom Rest des Lebens. Ich würde mir wünschen, dass wir besser verstehen, dass diese Ganzheit etwas sehr Zentrales ist. Das ist keine Absage an Effizienz und Schnelligkeit, sondern die Einsicht, dass wir sehr vielschichtig sind und als ganze Menschen mit all unseren Fähigkeiten und Befindlichkeiten im Arbeitsleben stehen sollten.
Rugby für das Büro, FAZ 12.4.18

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Weniger arbeiten, mehr leben 
Mittwoch, 18. April 2018 - Lebensart, Arbeit, Management
Die Idee, Arbeitsprozesse zu verdichten, um Zeit zu sparen und Mitarbeitern dadurch ohne Lohneinbußen kürzere Arbeitszeiten zu ermöglichen, lädt immer mehr Unternehmen zum Experimentieren ein. Die Zeit portraitierte kürzlich eine IT-Agentur aus Bielefeld, die mit 5-Stunden-Arbeitstagen experimentiert. Um das gewohnte Pensum zu schaffen, wurden Meetings gestrafft, aber die wesentliche Zeitersparnis liegt darin, dass viele eher soziale Begegnungen, die gewöhnlich zum Arbeitsalltag gehören, schlicht ausgeklammert werden. Ein Plausch in der Kaffeeküche ist nicht drin, wenn man das, wofür man früher acht Stunden Zeit hatte, nun in fünf Stunden bewältigen möchte. Dem Bericht zufolge schätzen viele Mitarbeiter diese Straffung, weil sie durch den früheren Feierabend mehr Zeit haben, über die sie frei und privat verfügen können. Das mag auf den ersten Blick wie ein Gewinn wirken - und ist es in der Erfahrung der Arbeitenden meist auch. Es zeigt sich aber auch, dass die Arbeitsprozesse selbst sehr stark funktionalisiert werden. Das dürfte längerfristig auch das Gefühl bei der Arbeit beeinflussen. Die Bielefelder Agentur lässt ihr Experiment auch wissenschaftlich untersuchen. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich die Straffung auf die Wahrnehmung des Arbeitens auswirkt. Ich frage mich zum Beispiel, ob diese starke Funktionalisierung nicht auch längerfristig neue Formen der Entfremdung kreiert. Es hat durchaus etwas Maschinenhaftes, wenn man vor allem auf Output fokussiert ist - und das menschliche Miteinander aus Gründen der Zeitersparnis zurückstellt. Auf die Spitze getrieben könnte sich daraus eine Entkoppelung von Arbeit und Leben ergeben, die wir so vielleicht auch nicht wollen. Das soll kein Skeptizismus sein, eher die Frage danach, was uns Arbeiten in einem größeren Kontext wirklich bedeutet.
"Wollt ihr weniger arbeiten und genauso viel verdienen?", Zeit.de 10.4.18

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Meditation ist Hygiene für den Geist 
Dienstag, 17. April 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Der amerikanische Psychologieprofessor Richard Davidson gehört zu den großen Vorreitern des gegenwärtigen Booms in der Meditationsforschung. Inspiriert vom Dalai Lama persönlich erforscht er seit vielen Jahren, wie Meditation dem Menschsein eine tiefere Gründung geben kann. Und auch, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse sich in alltagspraktische Möglichkeiten umsetzen lassen. "Es geht nicht darum, den Kopf zu leeren, wie manchmal geschrieben wird, sondern darum, die Gedanken zur Ruhe zu bringen. In der Meditation fällt alles an seinen Platz zurück, der Geist wird wieder frisch und aufmerksam, das Herz wärmt sich und man verbindet sich mit der Welt, die uns umgibt. Meditation erlaubt empathische Anteilnahme", sagt er in einem Interview mit der Basler Zeitung. Beim World Economic Forum stellte er bereits mehrfach seine Arbeit vor. Doch versucht er vor allem in gezielten Projekten, beispielsweise mit traumatisierten Jugendlichen oder Soldaten, aber auch im Schulsystem, Menschen in die Lage zu versetzen, ihr Leben bewusster zu sehen und zu gestalten. In Mexiko etwa hat er mit 60.000 Lehrern ein großes Projekt ins Leben gerufen, um das Meditieren in die Schulen zu bringen und Kindern in ihrem Reifeprozess neue Möglichkeiten aufzuzeigen. "Wohlbefinden ist kein zufälliger Zustand, sondern eine Fähigkeit, die wir uns aneignen können. Wir können uns also beibringen, glücklich, widerstandsfähig, empathisch und in Balance zu sein", sagt Davidson.
"Meditieren sollte so normal werden wie Zähneputzen", Basler Zeitung 7.4.18

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Wann ist ein Lächeln konstruktiv? 
Montag, 16. April 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Arbeit, Management
Ein Lächeln kann uns motivieren - doch es kann, wenn es uns mit einer für uns nicht stimmigen Intention erreicht, sogar verunsichern. Wissenschaftler der University of Wisconsin-Madison haben untersucht, wie verschiedene Arten des Lächelns wirken. Sie unterschieden ein Belohnungs-Lächeln, das uns sagt, wir haben etwas gut gemacht. Ein kooperatives Lächeln, das Verbundenheit wie auch Mitgefühl ausdrücken kann. Und ein Dominanz-Lächeln, durch das die Person, die lächelt, vor allem ihren eigenen Status unterstreicht. In einem Test sollten die Probanden eine Präsentation halten. Anschließend bekamen sie per Video von einer Person ein nonverbales Lächel-Feedback. Sie wussten nicht, auf welche Art ihr Gegenüber lächelte, doch die Unterschiede der Lächel-Varianten zeigten bei ihnen Wirkung, die durch die Messung ihrer Stressmarker beobachtet wurde. Probanden, die ein Dominanz-Lächeln gezeigt bekamen, entwickelten deutlich mehr Stress und hatten höhere Cortisol-Werte als jene, die mit einem kooperativen Lächeln bedacht wurden. Am entspanntesten zeigten sich jene Probanden, die ein Belohnungs-Lächeln erhielten. Die Studie zeigt, wie empfindsam wir für die Intentionen, die hinter einem Lächeln stecken können, sind. Sollten Sie sich also einmal unwohl fühlen, wenn Sie im Job ein seltsames oder gar falsch wirkendes Lächeln zu sehen bekommen, wissen Sie nun, woran das liegen könnte.
Nicht jedes Lächeln wirkt positiv, wissenschaft.de 2.3.18

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Führung gehört mitten ins Leben 
Freitag, 13. April 2018 - Arbeit, Management
Der rasante technologische Wandel krempelt die Arbeitswelt in einem solchen Ausmaß um, dass Management-Experten schon seit längerem auch neue Wege der Führung anmahnen. Der Management-Vordenker Boris Gloger etwa fordert, dass Führende keine Manager sein sollten, sondern sich als Unternehmer verstehen müssten. Das bedeute, in der Lage zu sein, mit den Ressourcen zu arbeiten, die gerade verfügbar sind, mögliche Verluste realistisch einzuschätzen und so abzufedern, dass das Unternehmen nicht gefährdet wird, sich nicht auf das Gute der Vergangenheit zu verlassen, sondern aktuell zu beobachten, was gerade gut läuft, und gemeinschaftliches Agieren zu fördern. Eine Liste, die sich vergleichsweise banal anhört, denn in gewisser Weise deuten all diese Punkte nur auf eines: auf gesunden Menschenverstand und eine wache Beziehung zur Welt. Gloger selbst sagt, es brauche Offenheit und Mut. Braucht es dann noch "Unternehmer" oder ergibt sich daraus vielleicht schon alles, was es wirklich braucht?
Warum wir keine Manager, sondern Unternehmer brauchen, welt.de 6.4.18

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Grundeinkommen zwischen Arbeit, Geld und Würde 
Donnerstag, 12. April 2018 - Bewusstsein, Arbeit
Kaum ist die neue Bundesregierung am Start, kommen auch schon die ersten Ideen ins Spiel, wie sich das Dilemma des Arbeitsmarktes, insbesondere im Hinblick auf Langzeitarbeitslose, lösen ließe. SPD-Politiker hatten angeregt, für diese Personengruppe über ein "solidarisches Grundeinkommen" nachzudenken - im Sinne dessen, was früher Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren. Arbeitsmarktforscher kritisieren bereits, dass solche Instrumente sich bereits in der Vergangenheit als wenig hilfreich erwiesen hätten. Die Verknüpfung mit der Idee des Grundeinkommens, die ja Menschen ein Auskommen in Entscheidungsfreiheit ermöglichen möchte, ist aber auch aus anderen Gründen problematisch. Die Ideengeber des Grundeinkommens wollen nämlich eines gerade nicht - die bisherigen Vorstellungen, auf denen unsere Arbeitswelt gründet, weiter zementieren. Die ABM-Variante möchte indes das bestehende System nicht hinterfragen. Befürworter des aktuellen Vorstoßes aus der neuen Bundesregierung bringen deshalb auch die Dimension der Menschenwürde ins Spiel. "Es geht eher darum, Menschen zu stabilisieren, ein Abrutschen in Krankheit zu vermeiden und ihnen Würde und Respekt zurückzugeben", sagt etwa Jürgen Schupp, Soziologe am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Mehr über diese Würde nachzudenken, könnte vielleicht auch zu besseren Ideen führen, wie wir als Gesellschaft allen Menschen wirkliche Teilhabe ermöglichen. Die Frage ist allerdings auch, ob wir das wollen.
Forscher warnt vor solidarischem Grundeinkommen, zeit.de 4.4.18

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Gemeinsam lügt es sich besser 
Mittwoch, 11. April 2018 - Bewusstsein, Studien, Arbeit, Management
Verhaltensökonomen der Ludwig-Maximilians-Universität in München haben untersucht, ob es im Hinblick auf das Lügen Unterschiede zwischen dem Verhalten von Einzelpersonen und Gruppen gibt. In dem Experiment mit insgesamt 273 Probanden zeigte sich: In Situationen, die nicht von außen kontrolliert werden, ist die Wahrscheinlichkeit des Lügens bereits bei Einzelpersonen vergleichsweise hoch, in Gruppenzusammenhängen, bei denen die Personen anschließend selbst entscheiden, wächst sie, und am größten ist sie, wenn sich die Gruppe zuvor noch abstimmt, ob gelogen wird oder nicht. In der Studie logen 61,5 Prozent der Teilnehmer, die alleine entscheiden sollten. 86,3 Prozent der Gruppenmitglieder, die sich absprechen konnten, aber letztlich für sich selbst entscheiden mussten, sagten nicht die Wahrheit. In Gruppen, die sich koordinierten, lag die Zahl der Lügner sogar bei 89,7 Prozent. Beachtlich ist dabei nicht nur, dass Gruppenkonstellationen das Lügen zu fördern scheinen, wenn es keine äußere Kontrolle gibt. Das wirft viele Fragen auf, beispielsweise im Hinblick auf Wirtschaftskriminalität, man denke nur an den Diesel-Skandal. Die Studie zeigte auch, dass selbst in Gruppen, in denen zuvor alle Einzelpersonen ehrlich waren, die Gesamtdynamik dann zum Lügen umschwenkt. Das hat auch gesellschaftliche Auswirkungen, denn nach solchen Gruppenprozessen gehen laut Studie die Teilnehmer davon aus, dass andere auch lügen.
Lügen ist ansteckend, SZ 31.3.18

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Die Selbstbezüglichkeitsfalle des Achtsamkeits-Trends 
Dienstag, 10. April 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Das Zeit-Magazin nimmt in einem Beitrag den gegenwärtigen Achtsamkeits-Trend aufs Korn. Zwar ist der Artikel in teils sehr zynisch-überheblichem Tonfall verfasst, doch trifft er einen wunden Punkt der scheinbar immer mehr um sich greifenden Neigung zur Selbsterforschung und -verbesserung. Meditations-Lehrer, die im Kontext einer spirituellen Tradition der Weltreligionen Achtsamkeit praktizieren, warnen schon länger davor, dass in einer modernen Kultur des extremen Individualismus Meditation womöglich unter kontraproduktiven Vorzeichen geübt wird. Viele Menschen möchten einfach weniger gestresst sein und sich ein bisschen besser fühlen. Das ist legitim und wünschenswert. Doch wer sich aus diesem Ichbezug heraus versucht, etwas Gutes zu tun, übersieht dabei leicht etwas Wesentliches. In den großen spirituellen Traditionen liegt die Befreiung von den Bedrängnissen des Alltags gerade darin, zunächst einmal dieses Ich durchlässiger werden zu lassen, diesen oft unsere gesamte Wahrnehmung umfassenden Selbstbezug loszulassen. Wer in einem Moment des inneren Aufbrechens diese Grenze des Ichs schon einmal durchbrochen hat, mag ahnen, wie anders unser Dasein in der Welt sein kann verglichen mit unserer ganz alltäglichen Selbstwahrnehmung. Ist uns dieser mögliche Unterschied indes nicht bewusst, kann das Streben nach Achtsamkeit zu einer Manie werden, die uns nur noch stärker um uns selbst kreisen lässt. Wie das aussieht, beschreibt der Zeit-Artikel auf die Spitze getrieben (und in gewisser Weise aus eben dieser Perspektive heraus). Dankenswerterweise endet der Beitrag allerdings mit dem Hinweis auf die mögliche Tiefendimension, zu der wir in unserem Menschsein durch praktizierte Achtsamkeit wieder Zugang erreichen können. In der Metta-Meditation beispielsweise belässt man es nicht dabei, sich selbst innerlich ein gutes Leben zu wünschen. Man dehnt diesen Wunsch im Zuge der Praxis aus auf einem Nahestehende, auf Menschen, die mang nicht mag, bis hin zu allen Lebewesen. "Dass das tatsächlich wirkt, hat eine Langzeitstudie des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften erwiesen: Die Metta-Meditation kann, so die Ergebnisse, die Aktivität von Gehirnregionen verstärken, die mit positiven Emotionen und Zugehörigkeitsgefühlen assoziiert sind. Aber eben nur dann, wenn man die Ebene des Ichs verlässt und sich ins Wir hineinbegibt", so die Schlussfolgerung des Artikels.
Und, wie fühlst du dich dabei? Zeit Magazin 30.3.18

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