Meditation als Bildungsaufgabe 
Donnerstag, 11. April 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Wo eingeschliffene Lebensweisen immer mehr an Eigendynamik gewinnen und so beginnen, das Menschsein durch gewachsene systemische Logiken zu formen, kommt die Frage auf, wie wir unsere menschliche Autonomie in solchen oft stark unbewussten Prozessen behaupten können. Dabei geht es um mehr als nur die Tatsache, dass die Digitalisierung uns immer mehr mit ihren algorithmischen Prozessen durchdringt. Auch das Bildungssystem folgt längst Optimierungsideen, die den Faktor der menschlichen Entwicklung oft ausblenden oder funktionalisieren. Die Frankfurt University of Applied Science nahm diese Ausgangssituation zum Anlass, im Rahmen des so genannten "Selbstprojekts" ein Studienprogramm zu entwickeln, das die folgenden Ziele beinhaltete: Leidensverminderung, beispielsweise durch die Reduzierung von Stress und körperliche Entspannung, Selbsterkenntnis und eine Stärkung der geistigen Autonomie. Nun haben die Verantwortlichen einen Projektbericht vorgelegt, der zuversichtlich stimmt. Das Projekt scheint unter den Studierenden wieder den Sinn dafür geweckt zu haben, was es bedeuten kann, man selbst zu sein in einer Umgebung, die ihre ganz eigenen Anforderungen stellt. Meditative Praxis wurde in dem Programm nicht als Optimierungsstrategie verstanden, sondern als Weg, bewusster und gestärkter mit komplexen Herausforderungen umgehen zu können - weniger im Sinne eines Funktionierens im Gegebenen, sondern auch im Hinblick darauf, die eigene Persönlichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Vorstöße wie dieser scheinen so dringlich zu sein in einer Zeit, in der das eigentliche Menschsein vor allen äußeren Erwartungen sich immer mehr zu verlieren scheint.
Wie kommt Meditation ins Hier und Jetzt? Das Beispiel Hochschule, literaturkritik.de 1.4.19

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Wider die Vereinnahmung 
Mittwoch, 10. April 2019 - Lebensart
Der Outdoor-Ausrüster Patagonia hat sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht als Unternehmen, dass eine besonders ökologische und umweltschonende Produktion vertritt. Die Bekleidung von Patagonia hat sich so insbesondere bei Nachhaltigkeits-Fans den gewissen Coolness-Faktor erobert. Allerdings finden auch Zielgruppen, die weit weg sind von der Patagonia-Agenda immer mehr gefallen an den Outfits, mit denen man sich ganz nebenbei ein grünes Image verpassen kann. An der Wall Street beispielsweise scheint es gerade sehr in Mode zu sein, dass Finanz-Firmen für ihre Belegschaften Patagonia-Fleecewesten ordern - mit eingesticktem Firmenlogo. Das passt Patagonia gar nicht, denn das Unternehmen möchte nicht im Kontext von wirtschaftlichen Praktiken erscheinen, die ihm zuwider sind. Deshalb begrenzt laut Spiegel Patagonia nun solche individualisierten Großbestellungen und ermöglicht sie nur noch Firmen, die nachgewiesener Weise auch für ökologische Standards eintreten.
Patagonia will nicht Marke der Wall-Street-Banker sein, spiegel.de 4.4.19

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Die verschüttete Sehnsucht nach Stille 
Dienstag, 9. April 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Das Bedürfnis nach Stille scheint eine grundlegende menschliche Sehnsucht zu sein, ja mehr noch, eine Notwendigkeit. Doch in unserer durchgetakteten Zeit verlieren immer mehr Menschen das Gespür dafür, wann es Zeit ist, einmal innezuhalten. Gerade den Kirchen, seit jeher Orte der Stille, scheint in unseren durchmodernisierten Gesellschaften eine neue Rolle zuzukommen, diese Räume des Innehaltens wieder stärker ins kollektive Bewusstsein zu holen. Jesuitenpater Karl Kern beschreibt in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk die Bedeutung solcher Auszeiten als notwendigen Bestandteil des menschlichen Daseins: "Urlaub ist ursprünglich die Erlaubnis, sich von einem Höhergestellten, in dessen Dienst man ist – als Lehnsherr zum Beispiel – zu entfernen. Die Ruhe ist in dem Sinn ein Raum der Freiheit, des Zweckfreien. Und ohne das, könnte man drastisch sagen, geht der Mensch kaputt." Für ihn ist Religion eine tiefere Rückbindung an das, was uns in unserem tiefsten Wesen ausmacht: "Religion lebt davon, dass der Mensch seine tiefsten Sehnsüchte entdeckt. Und im täglichen, üblichen Trubel kann man darüber hinweg leben. Das rächt sich dann – gesundheitlich, psychisch – oft in Katastrophen." Heute, wo immer mehr Menschen sich vor allem über säkulare Lebensbezüge definieren, scheint dieser tiefere Kern unseres Menschseins uns immer weniger zugänglich zu sein. Vielleicht stehen wir gerade an einer Schwelle und sind danach gefragt, neue Kontexte zu finden, in denen wir uns unseres Bedürfnisses nach Stille wieder bewusst werden können - und in denen wir es auch ohne schlechtes Gewissen leben können.
Wie man es schafft, nichts zu tun, Deutschlandfunk 3.4.19

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Brauchen wir eine Kultur der Auszeit? 
Montag, 8. April 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Das Thema Sabbatical scheint eine neue Blüte zu erleben. Nun prescht auch die Linke in dieser Frage nach vorne. Katja Kipping forderte kürzlich, dass ein gesetzlicher Rechtsanspruch auf bis zu zwei Jahre Auszeit während des Berufslebens geschaffen werden solle - bei steuerfinanziertem Lohnersatz. Kipping begründet die Idee damit, dass in der heutigen Arbeitswelt mit all ihren Belastungen längere Phasen der Pause notwendig seien, um Gesundheit und Arbeitsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Die SPD sprach sich vor einiger Zeit für neue Modelle der Arbeitszeitkonten aus - auch, um es Menschen zu erleichtern, zum Beispiel Phasen der Pflege von Angehörigen leichter zu bewerkstelligen. Im Prinzip sind beide Vorschläge gute Ideen. Sie haben jedoch eine Schwachstelle, denn sie versuchen letztlich nichts anderes, als die immer stärker zutage tretenden destruktiven Wirkungen unserer heutigen Arbeitswelt einfach zu kompensieren. Ein krankes System bleibt jedoch krank, auch wenn man ab und an eine Auszeit von ihm nehmen kann.
Linke-Chefin fordert Recht auf Sabbaticals, Zeit.de 30.3.19

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"Menschen als Wunder sehen! 
Freitag, 5. April 2019 - Bewusstsein, Arbeit, Management
Mit "Reinventing Organizations" ist Frédéric Laloux ein Bestseller gelungen, der inzwischen durch die entstandene "New Work"-Bewegung immer mehr Unternehmen bewegt. Im Interview mit dem Spiegel lässt er erahnen, wie fundamental der Wandel ist, den heutige Unternehmenskulturen durchlaufen könnten, um ihre wirklichen Potentiale zu entfalten. Loslassen, anderen mehr Freiheiten zugestehen, gerade für Führungskräfte ist das nach wie vor eine Zumutung. "Paradoxerweise werden Manager viel wirkungsvoller, wenn sie ihren Mitarbeitern mehr Freiheit geben. Sie können dann zwar im Detail nicht mehr alles bestimmen, aber wenn sie sinnvolle Impulse setzen, werden die viel stärker aufgegriffen. Das ist allerdings eine Weltanschauung, in die Unternehmungsführungen erst hineinwachsen müssen", erklärt Laloux. Er hat auch ein Gespür dafür, wie entfremdet Führungskräfte oft vom Tagesgeschäft sind - und dabei die menschlichen Potentiale gar nicht mehr erkennen können, die der Firma zur Verfügung stehen. Laloux empfiehlt Führenden, sich am unteren Ende der Firmenhierarchie umzuschauen, im Call-Center oder am Fließband: "Dann merken sie, dass vieles, was von oben kommt, keinen Sinn macht. Und es wird leichter, Menschen nicht nur als Ressourcen, sondern als Wunder zu sehen, voller Potenzial, das sich noch nicht entfalten konnten." Auch dem Hang zu Planbarkeit und Kontrolle hält er eine erfrischende Perspektive entgegen: "Für komplexe Dinge ist das eine Illusion, die kann man nicht bis zum Ende durchplanen. Man kann aber Impulse setzen und den lebendigen Organismus, also die Mitarbeiter, aufs Abenteuer einladen. Wenn die Richtung Sinn macht und alle ausprobieren und mitarbeiten dürfen, wie sie wirklich wollen, kommen wunderbare Dinge dabei heraus." Was Laloux sagt, deutet auf eine tiefere Lebendigkeit in Menschen wie Organisationen. Die Frage ist, wann wir den Mut haben, uns genau darauf einzulassen.
"Was Chefs von oben entscheiden, bewirkt oft wenig", spiegel.de 27.3.19

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Das Für und Wider von Meditations-Apps 
Donnerstag, 4. April 2019 - Bewusstsein, Lebensart
Jetzt, wo die bekannte Meditations-App Headspace auch in deutscher Sprache verfügbar ist, hat sich sogar die dpa zu einem ausführlichen Artikel über Meditation hinreißen lassen - der bereits von zahlreichen Magazinen veröffentlicht wurde. Der Beitrag gibt einen Überblick über den gegenwärtigen App-Hype in der Achtsamkeitsszene. Experten sehen diese Entwicklung durchaus mit Wohlwollen, denn die Apps erleichtern es vielen Menschen, die niemals einen Meditationskurs besuchen würden, mehr Achtsamkeit im Alltag zu entwickeln. Sie verweisen aber auch darauf, wie wichtig es ist, mit erfahrenen Menschen über die eigenen Erfahrungen sprechen zu können. Und wie viel kraftvoller es ist, auch gemeinsam mit anderen zu üben anstatt nur alleine mit der App. Die kleinen Technik-Helfer mögen eine Unterstützung sein, tiefer in das Thema einzusteigen. Doch sollten wir uns auch bewusst sein, dass Meditation ein menschlicher Erfahrungsraum ist, der uns mit anderen Menschen auf subtile und dabei sehr tiefe Weise verbinden kann. Und mit ein Auslöser für den wachsenden Stress in unserer Gesellschaft ist sicher auch die wachsende Beziehungslosigkeit und Getrenntheit, eine Kultur, in der jede*r erst einmal vor allem für sich selbst kämpft. Diese Dynamik kann unterschwellig durch Apps sogar verstärkt werden, denn sie suggerieren natürlich auch, dass wir nur ein kurzes Programm abspulen müssen, um aus uns selbst heraus wieder fit zu sein.
Entspannung per Smartphone – Der Hype um Meditations-Apps, heise.de 20.3.19

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Atem als wesentlicher Anker im Alltag 
Mittwoch, 3. April 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Das Gute liegt oft so nahe. In einer Zeit, in der Stresserkrankungen immer mehr zum Thema werden und der Langzeitgebrauch von Antidepressiva besorgniserregend hoch ist, scheinen wir jede Hilfe brauchen zu können, um im Alltag Ruhe zu bewahren. Der wunde Punkt: Selbst Menschen, die bereits eine Therapie durchlaufen haben, verlieren zurück im Alltag gerne den Bezug zu all den konstruktiven Entspannungstechniken, die sie gelernt haben, und verfallen wieder in den alten Trott. Der Psychosomatiker Thomas Loew empfiehlt deshalb eine einfache Atemtechnik, die man leicht während des Tages immer wieder einmal machen kann - vier Sekunden einatmen, sieben Sekunden ausatmen und das elf Minuten lang. Entspannung kann so einfach und naheliegend sein!
"So schön alltagstauglich", Psychologie heute 13.3.19


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Um sich sicher zu fühlen, brauchen manche Millionen 
Dienstag, 2. April 2019 - Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Studien mögen immer wieder suggerieren, dass Geld heute an Bedeutsamkeit für Arbeitnehmer verliert und ihnen andere Werte wie Nachhaltigkeit oder Lebensqualität wichtiger werden. Eine Repräsentativbefragung der Max-Grundig-Klinik hingegen zeigt, wie wichtig gerade bei Führungskräften das Einkommen tatsächlich ist. Die Hälfte der Befragten fühlt sich unterbezahlt, bei den Frauen sogar 66 Prozent. 38 Prozent finden, dass Geld glücklich mache, "geldgetrieben" fühlen sich lediglich 18 Prozent. 46 Prozent haben Sorge, einmal weniger zu verdienen oder ihr Vermögen zu verlieren. Wirklich finanziell unabhängig zu sein, lässt sich klar beziffern - im Schnitt sind es für Führungskräfte sechs Millionen Euro, die es ihnen erlauben würden, sich finanziell frei zu fühlen. Das ist eine interessante Größenordnung und für gewöhnliche Arbeitnehmer jenseits aller Erreichbarkeit. Für mich deutet die Zahl auch darauf hin, wie unsicher die heutigen Lebensumstände empfunden werden - weil man seinen Arbeitsplatz jederzeit verlieren oder krank werden könnte, weil man sich zwar vieles, was das Sicherheitsgefühl stärkt kaufen kann (zum Beispiel ein Haus), aber auch darum weiß, dass man es wieder verlieren könnte, wenn das Geld ausgeht. Und die Erfahrung der letzten Finanzkrise, die eigentlich immer noch eine ist, aber nicht mehr so oft so genannt wird, lässt uns spüren, wie schnell sich Geld in nichts auflösen kann. Eine naheliegende Reaktion mag sein, und das zeigt die Studie, dann eben an mehr Geld zu denken, um sich sicher zu fühlen. Aber die grundlegende Unsicherheit dürfte das kaum auflösen.
Gierig sind vor allem die anderen, Manager Magazin 18.3.19

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