Mythos Hirn-Doping 
Freitag, 29. Januar 2010 - Wissenschaft
Die eigene Leistungsfähigkeit zu optimieren, scheint für immer mehr Menschen ein Wunsch zu sein, für den sie sogar ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Laut einer Studie der DAK hat jeder 20. Arbeitnehmer in Deutschland bereits Mittel zur Leistungssteigerung ausprobiert. Etwa 800.000 Berufstätige versucht sich gar regelmäßig mit Pillen in Bestform zu bringen. Ritalin, Modafinil oder Amphetamine - das sind die Muntermacher der Leistungsgesellschaft. Kurzfristig können manche dieser Präparate tatsächlich zu einer Verbesserung der Konzentration führen, gegen Lampenfieber helfen oder die Müdigkeit an einem überlangen Arbeitstag bremsen. Andererseits haben viele Wirkstoffe auf ihre Kehrseiten. Die Wachmacher, die bei unter an Schlafkrankheit Leidenden eingesetzt werden, halten zwar auch Gesunde länger wach, senken aber die Leistungsfähigkeit. Bei anderen Mitteln stellt sich vielfach ein Placebo-Effekt ein - wer dopt, fühlt sich leistungsfähiger. Hinzu kommt, dass die meisten psychoaktiven Medikamente schwere Nebenwirkungen haben, darunter Schlafstörungen, Halluzinationen, Depressionen, Psychosen - und ein hohes Suchtpotenzial. Medizinethiker fordern deshalb eine gesellschaftliche Diskussion über die zunehmende Ellbogenmentalität und den wachsenden Leistungsdruck.
Zweifel am Ritalin-Effekt, FTD 18.1.2010

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Warum Verallgemeinerungen nichts bringen 
Donnerstag, 28. Januar 2010 - Management
Soll der Chef lieber nett und freundlich sein und seine Mitarbeiter regelmäßig loben? Oder ist es besser, wenn er öfter auf den Tisch haut? Eine Studie der Indiana-Universität zeigt: Jeder zweite Mitarbeiter hat ein gestörtes Verhältnis zum Chef. Diese Zahlen belegt auch eine Umfrage des Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Lüneburg. Die Wirtschaftswoche verteidigt dennoch den "harten Hund" und kritisiert, dass viele Mitarbeiter eine viel zu hohe Erwartung an ihre Vorgesetzten hätten. Ein Kuschelkurs sei jedoch kontrapoduktiv. So schreibt Jochen Mai: "Diese Chefs führen nicht, sie verwalten höchstens einen Zustand und dividieren Freundlichkeit von Verantwortung. In einer Arbeitswelt, die auf Teamplay, Kommunikation und Kreativität basiert, ist ehrliches Feedback aber unverzichtbar. Wie sollen sich die Leute sonst entwickeln können? Sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter sollten sich klarmachen, dass Chefs nun mal nicht dafür bezahlt werden, einen Sympathiewettbewerb zu gewinnen." Dabei verkennt der Autor meines Erachtens, dass die Welt nicht nur schwarz oder weiß ist. Man kann auch verständnisvoll auf notwendige Leistung pochen. Ein Lob an der richtigen Stelle kann Motivationsschübe freisetzen. Und ein Rüffel zur rechten Zeit kann Mitarbeitern zeigen, dass sie dem Chef nicht egal sind. Das I Ging wäre hier vielleicht ein guter Ratgeber: "Auf der ganzen Welt
gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser. Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt nichts ihm gleich. Es kann durch nichts verändert werden. Dass Schwaches das Starke besiegt und Weiches das Harte besiegt, weiß jedermann auf Erden,
aber niemand vermag danach zu handeln."
Warum ein harter Hund als Chef oft besser ist, WiWo 18.1.2010

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Frauen füttern die Männer durch 
Mittwoch, 27. Januar 2010 - Studien
Eine Studie des Pew Research Centers signalisiert eine Umkehrung der Geschlechterrollen. Waren es früher die Frauen, die durch Heirat ihren ökonomischen Status verbesserten, trifft dies nun in den Vereinigten Staaten eher für die Männer zu. Die Forscher verglichen die mittleren Haushaltseinkommen von verheirateten und unverheirateten Männern und Frauen, die heute zwischen 30 und 44 Jahre alt sind, für die Jahre zwischen 1970 und 2007. In dieser Zeit stieg diese Größe bei verheirateten Männern sowie den verheirateten und unverheirateten Frauen um rund 60 Prozent, während das Einkommen der unverheirateten Männer um lediglich 16 Prozent zulegte. "In den USA ernährt die Frau den Mann", titelt daraufhin die Financial Times Deutschland reißerisch. Fakt ist: Was die Beteiligung am Erwerbsleben angeht, haben Frauen in den letzten Jahrzehnten mit Männern längst gleichgezogen - bildungsmäßig haben sie sie bereits überholt, denn in der untersuchten Altersgruppe haben erstmals mehr Frauen einen Universitätsabschluss als Männer. Hier gleich euphorisch von einer "Umkehr der Geschlechterrollen" zu sprechen, ist allerdings gewagt, denn noch immer werden Frauen statistisch gesehen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt als Männer, verdienen in Top-Positionen deutlich weniger und kümmern sich neben dem Job meist noch um den Haushalt ...
In den USA ernährt die Frau den Mann, FTD 19.1.2010

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Anbiedern bringt nichts 
Dienstag, 26. Januar 2010 - Arbeit
Wie wird man sympathisch? Dieser Frage geht die Süddeutsche Zeitung in einem Interview mit dem Medientrainer Christoph Münzner nach. Glaubt man dem Experten, so kann man sich mit etwas Training durchaus Sympathiepunkte verschaffen, denn die richtige Stimmlage, eine ausgewogene Gestik und eine ansprechende Mimik machen Menschen sympathisch. Diese "Tricks" einfach einzustudieren, bringe allerdings nicht immer etwas, denn was uns am meisten auffalle, sei ein stimmiges Gesamtbild. Wer also mehr oder weniger gekünstelt sein Sympathie-Repertoire abspult, verspielt eher als dass er Pluspunkte sammelt, denn essenzielle Basis für ein sympathisches Auftreten ist die eigene Authentizität. "Viele Menschen sind sympathischer, als sie wirken. Sie kommen nur deshalb nicht so gut an, weil sie eine Rolle annehmen, die gar nicht zu ihnen passt. Ob uns jemand sympathisch ist, entscheiden wir oft nach dem ersten Eindruck. Hier entscheidet die Gesamtheit aus Mimik, Gestik, Sprache, Stimme. Diese Faktoren müssen zusammen ein stimmiges Bild ergeben, nur dann ist man authentisch, und das ist das entscheidende Kriterium für Sympathie. Authentisch sein heißt, die eigene Persönlichkeit ins Rennen zu werfen, sich aber auch kritisch mit der Wirkung auf andere auseinanderzusetzen", meint Münzner. Ein bisschen Selbstreflektion und Feintuning können also durchaus hilfreich sein, die Anbiederungstaktik hingegen schlägt fehl.
Lächeln reicht nicht, SZ 22.1.2010

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Bore-out: Modeleiden, Einbildung oder Krankheit? 
Montag, 25. Januar 2010 - Arbeit
Publikationen zum Thema Bore-out, einer Unterforderung am Arbeitsplatz, die krank macht oder machen soll, hatten im vergangenen Jahr Hochkonjunktur. Die Zeit fasst in einem Artikel das Für und Wider der gegenwärtigen Faktenlage noch einmal zusammen. Manche chronisch Gelangweilten landen mit der Diagnose Depression in der Statistik, doch viele Experten gehen davon aus, dass Bore-out eher ein Flurfunk-Syndrom als eine Krankheit ist. Die Bundesagentur für Arbeitsschutz schätzt aufgrund eigener Untersuchungen, dass etwa 14 Prozent aller Arbeitnehmer fachlich unterfordert sind, fünf Prozent überfordert. Mediziner sehen im Bore-out kein statistisch signifikantes Phänomen oder gar eine Krankheit. Viel interessanter ist es meines Erachtens nach, die Art und Weise, wie sich der Diskurs zum Thema entwickelt hat, genauer unter die Lupe zu nehmen. Zwei Buchautoren setzen das Thema - mit eher zweifelhaften Belegen - in die Welt. Weil es schick klingt, springen fast alle großen (Wirtschafts)Medien auf den Zug auf. So wird ein Phänomen geboren und verbreitet. Die Fachhochschule für Wirtschaft in Hannover hat in einer empirischen Studie erforscht, dass es die gerne beschriebenen Gefahren der Langeweile tatsächlich gibt - mahnt aber auch, dass dies nicht grundsätzlich neu sei. Und weist darauf hin, dass viele Gelangweilte dies sind, weil sie den falschen Beruf gewählt haben, überqualifiziert sind oder vorhandene Arbeit schlecht verteilt wird. Mit der Adelung zur Krankheit ist jedoch nichts erreicht, denn die mediale Bore-out-Euphorie hat letztlich lediglich zu einem neuen Jammertrend geführt. Das Mäkeln über einen wenig interessanten Job ist längst nicht so schick wie unter Bore-out zu leiden ... Dabei gerät außer acht, dass immer mehr Menschen ihr Lebensglück alleine von ihrer Arbeit abhängig machen und selbst oft kaum bereit sind, Veränderungen zu erwägen oder sich gar dafür zu engagieren (der Zeit-Artikel bringt ein Beispiel). Ich halte es für gefährlich, eine gesundheitskritische Lage wie den Burn-out, der häufig durch systematische Überforderung von Mitarbeitern entsteht, gegen welche diese sich nur bedingt schützen können, mit Situationen gleichzusetzen, in denen Menschen durchaus Veränderungsmöglichkeiten haben. Ein bisschen mehr Mut zur Selbstverantwortung würde sicherlich nicht schaden.
Diagnose: Chronische Unterforderung, Die ZEIT 19.1.2010

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Die dunkle Seite des Konsums 
Freitag, 22. Januar 2010 - sonstiges
Das anthroposophische Magazin info3 beschäftigt sich in seiner Januar-Ausgabe mit der Kehrseite des Konsums. Nachdem die erste Euphorie zu nachhaltigem Konsum etwas abgeklungen ist, nicht zuletzt unterlegt durch verschiedene Studien, die zeigen, dass die konkrete Kaufbereitschaft der Verbraucher für faire, aber teurere Produkte doch zurückhaltender ist als diesbezügliche positive Selbstaussagen, widmet sich der von mir geschriebene info3-Artikel unter der Überschrift “Ab sofort wird scharf geschossen” der Frage, welche spirituellen Dimensionen sich bei diesem Thema zeigen. Der Glaube, dass "guter" Konsum alleine die Welt verändert, greift meiner Ansicht nach zu kurz, denn - so zeigen verschiedene Experten in dem Kapitel - es birgt durchaus große Gefahren, gewünschte gesamtgesellschaftliche Entwicklungen gewissermaßen an die Wirtschaft zu delegieren. Darüber hinaus blenden wir, wenn wir unseren Konsum durch den Kauf nachhaltig produzierter Produkte versuchen zu adeln, auch mögliche Schattenseiten unserer grundsätzlichen Konsumneigung aus. “Ohne Achtsamkeit sind wir nicht länger Herr unserer Konsumprozesse. Die Prozesse und Konsumobjekte greifen nach uns und wir leisten mit nachlassender Bewusstheit und Energie immer geringeren Widerstand”, sagt etwa Kai Romhardt, Gründer des Netzwerkes Achtsame Wirtschaft. Den vollständigen Artikel können Sie hier mit freundlicher Genehmigung der info3-Redaktion herunterladen. info3 berichtet regelmäßig über Beispiele alternativen Wirtschaftens und stellt Pioniere einer nachhaltigen Ökonomie vor. Ein kostenloses Probe-Abo ist hier erhältlich.

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Deutschland im Vertrauenstief 
Donnerstag, 21. Januar 2010 - Studien
Die Bertelsmannstiftung hat mit einer qualitativen Wertestudie das Vertrauen in Deutschland erforscht. Die Ergebnisse sind ernüchternd, denn rund zwei Drittel der Befragten zeigen sich resigniert, schätzen die aktuelle Lage sehr negativ ein und sind auch für die Zukunft eher skeptisch. Der Niedergang des Vertrauensniveaus ist dabei der Studie zufolge nicht allein auf die jüngste Krise zurückzuführen, sondern das Vertrauensniveau erodierte bereits in den 90-er Jahren. Die Studie entwickelt aus den qualitativen Antworten der Befragten vier unterschiedliche Wertecluster. 25 Prozent der Befragten begreifen die Gesellschaft vor allem als Solidargemeinschaft und machen ihr Vertrauen davon abhängig, wie sehr Chancengleichheit umgesetzt wird. Mit 31 Prozent die größte Gruppe setzt vor allem auf individuelle Leistungsfähigkeit und entsprechende Freiräume, möchte eigene Ziele durchsetzen und setzt auf Eigenverantwortung und Leistungsförderung. 25 Prozent streben wiederum vor allem nach Planungssicherheit, wobei sie mehr das eigene Wohlergehen als das der Gemeinschaft im Auge haben. 20 Prozent favorisieren eine Gesellschaft mit mehr Bürgerbeteiligung, da sich ihrer Meinung nach Vertrauen am ehesten in der aktiven Beteiligung an politischen Prozessen entwickelt. Die Betrachtung des Wirtschaftssystems fällt vernichtend aus, denn die Befragten setzen die aktuelle wirtschaftliche Grundordnung mit Egoismus förderndem Wettbewerb (93 Prozent), Zukunftsangst (93 Prozent) und einer Abkopplung von der Wirklichkeit (92 Prozent) gleich.
Studie der Bertelsmann-Stiftung

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Die eigenen Präferenzen erkennen und leben 
Mittwoch, 20. Januar 2010 - Arbeit
In einem Interview mit der Psychologin Susan Pinker wirft die FAZ einen interessanten Blick auf die Frage, wie sinnvoll es überhaupt ist, an das Karriereverhalten von Frauen und Männern gleiche Maßstäbe anzulegen. Zahlreiche Studien belegen längst, dass Frauen in den Führungsetagen meistens eine Minderheit darstellen. Pinker behauptet, dass dies nicht nur an den von Männern in Machtpositionen gezogenen gläsernen Decken liege, die Frauen einen Aufstieg erschweren, sondern schlicht daran, dass Frauen einfach völlig andere Prioritäten verfolgen - weil sie schlicht anders sind als Männer: "Dahinter stecken die Hormone. Bei Männern spielt das Testosteron eine große Rolle, es macht sie abenteuerlustig, kampfbereit, aggressiv. Frauen hingegen können sich gut einfühlen in andere, haben Mitgefühl. Auch das geht auf ein Hormon, Oxytozin, zurück. Schon im Säuglingsalter reagieren Mädchen auf Gesichter, Jungen auf mechanische Pendel. Nur zehn, fünfzehn Prozent der Frauen wollen sich bis an die Spitze durchbeißen - und sind bereit, dafür so viel zu opfern, wie Männer das tun. Den meisten Frauen ist der Chefsessel nicht wichtig. Eine erfolgreiche Frau sattelt gerne um, einen Mann spornt der Erfolg zu noch mehr Ehrgeiz an." Pinker warnt davor, beim Thema berufliche Karriere alleine männliche Maßstäbe anzulegen: "Wir müssen aufhören, den Mann als Standard zu sehen. Männer setzen alles auf eine Karte, auf der steht: Karriere, Geld, Macht. Bei Frauen steht daneben noch einiges, was ihnen ähnlich wichtig ist." Laut Pinker ist ein eher männliches Karriereverhalten von Frauen eher in gesellschaftlichen Umbruchszeiten zu verzeichnen, wenn Gesellschaften einen emanzipatorischen Sprung machen. Sind jedoch gleiche Rechte erkämpft, folgen Frauen wieder mehr ihren ureigenen Neigungen und schlagen eher - häufig gesellschaftlich nicht sonderlich anerkannte - Berufswege ein, die ihrem Naturell entsprechen. Die kritischen Fragen der FAZ-Redakteurin im Interview zeigen mehr als deutlich, wie schwer wir uns damit tun, anzuerkennen, dass Männer und Frauen vielleicht wirklich grundverschieden sind. Und dass gerade viele Frauen lieber männlichen Idealen nacheifern als zu ihrem ureigenen Weg zu stehen.
"Vielen Frauen ist der Chefsessel nicht wichtig", FAZ 12.1.2010

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