Der Kreativitäts-Mythos rund um LSD 
Mittwoch, 29. Januar 2020 - Bewusstsein, Studien, Arbeit
Seit wenigen Jahren gibt es immer mal wieder eine Schlagzeile, in der auf die Subkultur des Microdosings hingewiesen wird. Menschen verabreichen sich minimale Dosen an LSD, weil sie davon überzeugt sind, dass sie das kreativer macht. Die Wirtschaftswoche hat sich kürzlich auch an einer Geschichte versucht. Spricht man mit LSD-Konsumenten, sind sich diese einig, dass die psychoaktive Substanz ihre Kreativität verbessert, sie relaxter und entspannter macht und ihre Lebensfreude steigert. Eine Studie der Universität Chicago hingegen kommt zu eher ernüchternden Erkenntnissen. Sie untersuchten Probanden mit verschiedenen Microdosierungen LSD und kamen zu dem Ergebnis, dass Stimmungen, depressive Gefühle und auch die kognitive Leistungsfähigkeit durch die Droge nicht verändert wurde. Die Konsumenten der Studie nahmen allenfalls mehr Anläufe bei der Lösung kreativer Aufgaben. So kommen die Forscher zu dem Schluss, dass die Wirkungen des Microdosings gerade mal minimale Effekte auf die Hirnfunktion haben. Vielleicht ist es ja eher das Gefühl, supercool und easy zu sein, dass mit der Einnahme von LSD verbunden sein und damit eine veränderte Selbstwahrnehmung bewirken könnte. Ein schickes Placebo also.
Was bringt Microdosing wirklich?, WiWo 23.1.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Befristung als Psycho-Strategie 
Dienstag, 28. Januar 2020 - Studien, Arbeit, Management
Unternehmen nutzen die Befristung von Arbeitsverhältnissen, um neuen Mitarbeitern auf den Zahn zu fühlen. Das ergibt das Betriebspanel des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit (IAB). 42 Prozent der Firmen gaben an, die Befristung als Möglichkeit zu sehen, neue Beschäftigte zu erproben. Weitere zwei Prozent versprachen sich davon außerdem eine höhere Motivation der Angestellten. Laut einer DGB-Studie erfüllt sich dieser Wunsch allerdings nicht, denn diese Mitarbeitergruppe weise eine geringere Arbeitszufriedenheit auf als unbefristet Beschäftigte. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Unternehmen auf diese Weise ihre Macht ausnutzen und Menschen klein halten - und so einfach die gesetzlich vorgesehene Probezeit ausdehnen.
Befristete Anstellung wird oft als verlängerte Probezeit genutzt, zeit.de 21.1.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Mut geht übers Ich hinaus 
Montag, 27. Januar 2020 - Bewusstsein, Arbeit, Management
Der Harvard Business Manager widmet seine aktuelle Ausgabe der Frage, was Mut ausmacht. Ich bin vor allem an den Betrachtungen von Kai Dierke und Anke Houben, Gründer von Dierke Houben Leadership Partners, hängengeblieben, denn in dem, was sie sagen, eröffnet sich meiner Wahrnehmung nach eine Perspektive, die vor allem unsere Beziehungen zur Welt in den Blick nimmt - und, wie wir uns dieser Welt auszusetzen bereit sind. Die beiden sprechen beispielsweise vom "Mut zum Nichtwissen" und dem Verzicht auf vorschnelle Urteile, davon, eine Gefolgschaft zu schaffen, die sich nicht an der eigenen Person, sondern an etwas Größerem orientiert, sich selbst als "Lernexperiment" zu sehen und den Panzer des Selbstschutzes zu durchbrechen und Verletzlichkeit zuzulassen. Es sind Haltungen, die einen Menschen öffnen. Und es sind Haltungen, die natürlich beunruhigen, weil man (Schein)Sicherheiten aufgibt. Und sie drehen sich nicht darum, etwas zu machen oder zu erreichen. Sondern sie deuten irgendwie auf eine andere Berührbarkeit.
"Mut ist Bescheidenheit", HBM 16.1.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Wenn Achtsamkeit zum Incentive wird 
Freitag, 24. Januar 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Management
Es ist keine wirkliche Schlagzeile, aber eine Entwicklung, die tief blicken lässt. Letzte Woche verkündete die Hotelgruppe Hyatt, im Rahmen einer Partnerschaft mit dem Anbieter Headspace künftig Mitarbeitern die Inhalte der Meditations-App auf breiter Basis zugänglich zu machen. Es ist natürlich eine gute Sache, wenn durch solche Aktionen Menschen, die es wie Geschäftsreisende wahrscheinlich besonders nötig haben, auch einmal wirklich zu entspannen, auf einfache Weise mit Meditation und Achtsamkeit in Berührung kommen. In der Pressemitteilung zu dem Deal heißt es: "Die Kooperation mit Headspace ist Teil der ganzheitlichen Wellbeing-Strategie. Diese ist nach den drei Wahrzeichen 'feel', 'fuel' und 'function' ausgerichtet und soll Mitarbeitern und Gästen helfen ihr Wohlbefinden und Achtsamkeit im Berufs- und Privatleben zu stärken." Für mich hört sich das ein bisschen wie typisches Vokabular der Leistungsgesellschaft an. Mal eben todmüde ins Hotelbett fallen, noch schnell eine Meditation reinziehen und dann am nächsten Morgen wieder fit sein für den nächsten Deal. In diese Richtung geht zumindest auch das Statement von Mark Vondrasek, Chief Commercial Officer bei Hyatt: "Das Wellbeing-Konzept ist ein wichtiger Eckpfeiler für die Umsetzung unseres Unternehmenszwecks – to care for people so they can be their best." Manchmal frage ich mich, wie eine Welt aussehen könnte, in der man Achtsamkeit nicht als das nächste tolle Incentive vermarkten muss - einfach weil wir Wege gefunden haben, Ausgeglichenheit zu einem gesellschaftlichen Grundzustand werden zu lassen.
Pressemitteilung Hyatt

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Das Geschäft mit dem (mangelnden) Schlaf 
Donnerstag, 23. Januar 2020 - Lebensart, Psychologie, Arbeit
Fehlender Schlaf wird für viele immer mehr zum Problem. Und das nicht nur, weil sie zu viel arbeiten oder vielleicht abends zu lange am Computer daddeln. Denn immer mehr Menschen können einfach nicht mehr richtig schlafen (wozu die beiden genannten Gründe natürlich auch beitragen können). Schlafmittel, Schlaftracker, gute Matratzen - der Weltmarkt für Schlafhilfen beläuft sich auf einen Jahresumsatz von rund 63 Milliarden Euro. Das sagt viel. Der wunde Punkt: Wer unbedingt schlafen möchte, schafft dies erst recht nicht. Schlafmediziner fordern deshalb auch eine neue Schlafkultur. In einer Gesellschaft, in der jede*r stets und ständig beschäftigt ist, fällt das Abschalten einfach grundsätzlich schwer. Und kulturelle gelten jene, die mehr Schlaf brauchen oder wollen, gerne gleich als Minderleister. Manchen hilft zum Einschlafen Fernsehen. In den Augen von Schlafforschern ist das, zumindest wenn kein Actionfilm läuft, ein "wenig stimulierendes Ereignis". Das dumme an dieser Methode ist nur: Läuft der Fernseher weiter, wird der Schlaf nicht sonderlich erholsam sein.
„Wir wollen Patienten zu ihrer eigenen Schlaftablette machen“, WiWo 14.1.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Wie viel oder wenig Arbeit funktioniert und tut gut? 
Mittwoch, 22. Januar 2020 - Psychologie, Arbeit, Management
Die in der letzten Zeit immer öfter hochpoppenden Diskussionen über deutliche Reduzierungen der Arbeitszeit beflügeln manche Angestellte und lassen vielen Arbeitgebern eher die Haare zu Berge stehen. Aus der Arbeitspsychologie ist natürlich bekannt, dass kein Mensch acht Stunden am Tag hochkonzentriert durcharbeiten kann. Deshalb sind Arbeitspsychologen auch eher aufgeschlossen, wenn es darum geht, über eine Komprimierung von Arbeit nachzudenken - mehr erledigen in kürzerer Zeit und dafür längere freie Phasen. Dem menschlichen Organismus scheint das näher zu kommen als eine ausgedehnte Präsenzphase, durch die man sich mehr oder weniger durchschleppt. Gleichzeitig bergen solche Vorstöße auch Gefahren. Denn wenn das hochgetaktete Arbeiten nicht auf kürzere Phasen beschränkt ist, vergrößert sich die Gefahr von Erschöpfung. Innovative Firmen, die mit neuen Arbeitszeitmodellen experimentieren, nehmen sich zum Teil ein Beispiel an der Softwareentwicklung, wo Großprojekte systematisch auf kleinere Aufgabenpakete heruntergebrochen werden. Organisieren sich Firmen als Ganzes so, ist es gar nicht so schwer, auch Mitarbeiter, die ganz unterschiedliche Zeitvolumina arbeiten, in Teams zu integrieren. Insbesondere Arbeitgeber aus Branchen, in denen heute eher ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften herrscht, schreien indes auf, weil sie durch Arbeitszeitverkürzungen ja noch mehr Mitarbeiter, die sie bereits jetzt nicht finden können, bräuchten. Das zeugt jedoch, beispielsweise in Pflegeberufen, auch von einer Scheuklappenmentalität. Denn diesen Branchen ist auch nicht gedient, wenn die Mitarbeiter ständig über ihre Grenzen gehen und dann hinschmeißen. Insgesamt zeigen die aktuellen Diskussionen, dass Wandel ein sehr langsamer Prozess ist. Und ein sehr gewöhnungsbedürftiger. Aber je mehr Diskussionen es gibt, umso mehr wird sich vielleicht auch verändern.
Vier Tage arbeiten bei gleichem Gehalt – und die Firma profitiert auch, welt.de 13.1.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Politische Situation kann depressiv machen 
Dienstag, 21. Januar 2020 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Welche Auswirkungen politische Umstände auf die Lebensbedingungen von Menschen und vor allem auch ihre psychische Verfassung haben, kann man in Hongkong gegenwärtig wie in einer Art Straßenlabor erleben. Eine aktuelle Studie, die auch Daten einer zehnjährigen Langzeituntersuchung heranzieht, zeigt: Seit im vergangenen Jahr die Proteste und gewaltsamen Zusammenstöße mit der Polizei begonnen haben, haben fünf Mal mehr Menschen Depressionen entwickelt als in den Vorjahren. Und die Symptome Posttraumatischer Belastungsstörungen sind in der Bevölkerung um das Sechsfache gestiegen. Schätzungsweise jeder fünfte Hongkonger dürfte damit inzwischen unter psychischen Problemen leiden. Den Wissenschaftlern zufolge entspricht dieses Bild dem, was in Gesellschaften durch bewaffnete Konflikte oder terroristische Angriffe geschieht. Sicher wäre es interessant, solche Untersuchungen auch einmal in Ländern zu machen, in denen der politische Wahnsinn noch etwas zivilisierter vonstatten geht und Demokratien gerade am Kippen sind beziehungsweise eher autokratische Regierungen das Ruder übernehmen. Auf jeden Fall wird hier deutlich, dass die eigene Psyche in gewisser Weise alles andere als rein privat ist.
Proteste belasten die Psyche, spektrum.de 10.1.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
So viel Urlaub wie man möchte? 
Montag, 20. Januar 2020 - Arbeit, Management
New Work nennt sich der neue Hype, der die Arbeitswelt umkrempeln möchte. Alles soll lockerer werden, leichter und natürlich angenehmer. Manche Arbeitgeber locken beispielsweise inzwischen damit, dass Angestellte so viel Urlaub nehmen können, wie sie möchten. Aber wer arbeitet dann noch? Der Spiegel ist dieser Frage einmal nachgegangen - und kommt trotz aller blumigen Formulierungen der New-Work-Fans zu eher ernüchternden Ergebnissen. Nachfragen bei verschiedenen Unternehmen, die mit der nicht festgelegten Zahl an Urlaubstagen punkten wollen, zeigen nämlich: Im Schnitt bleiben, zumindest hier in Deutschland, viele der Angestellten sogar knapp unter der gesetzlich festgelegten Zahl an Urlaubstagen. Der Artikel geht auch auf die Gründe ein. Gerade in Leitungspositionen kann man nicht einfach sagen, "ich bin dann mal weg". Und in laufenden Projekten macht es sich auch nicht gut, mal für längere Zeit zu verschwinden. Der Ärger von Kollegen wäre einem sicher. Es scheint eher so, als würde die vermeintliche Freiheit schlicht neue Formen der Selbstkontrolle erzeugen. Und irgendwie ahnt wohl auch jeder, der noch so etwas wie Aufstieg im Sinn hat, dass es keine gute Idee ist, mal ein paar freie Tage draufzulegen. Für die Arbeitgeber hat das natürlich den Vorteil, dass sie sich nach außen mit einem tollen Programm präsentieren können und nach innen nicht mal zum Buhmann werden. Geschickt ist das allemal.
So viel bezahlter Urlaub, wie man will - wie geht das?, spiegel.de 10.1.20

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink

Zurück Weiter