Neuro-Enhancement: Mehr Schein als Sein 
Montag, 7. März 2011 - Wissenschaft
Die Optimierung kognitiver Leistungen durch die Einnahme von Medikamenten macht seit wenigen Jahren immer mal wieder Schlagzeilen. Unter dem Stichwort Neuro-Enhancement diskutieren Forscher und Ethiker seit längerem darüber, welche gesellschaftlichen Folgen sich daraus ergeben könnten. Die FAZ kritisiert nun, dass hier mit einer Phantomdebatte Marketing gemacht werde. Doch zunächst zu den wissenschaftlichen Diagnosen. "Einen ernüchternden Einwurf macht der Frankfurter Soziologe Torsten Heinemann in dem Band 'Leben mit den Lebenswissenschaften'. Er analysiert die Debatte über den neuen Weg zum klaren Kopf als Anzeichen einer "Medikalisierung", soll heißen: einer Ausweitung des medizinischen Zugriffs in Alltagsbereiche hinein, die bis vor kurzem nicht in ärztliche oder gesundheitspolitische Zuständigkeit fielen. Kognitive Leistungsfähigkeit zu steigern schlüpft unvermerkt in das Gewand einer medizinischen Maßnahme: Wir lernen, dass ein Normalzustand als behandlungsbedürftig gelten kann - und dass nun Ethikexperten eingeschaltet werden müssen, um mit dem 'Neuen' der pharmazeutischen Möglichkeiten verantwortlich umzugehen", so die FAZ. Die FAZ sieht hier weitaus weniger Handlungsbedarf, da es gegenwärtig noch gar keine Beweise gebe, dass Medikamente wie Ritalin, Serotonin-Wiederaufnahmehemmer oder Betablocker, die immer wieder als Neuo-Enhancer ins Spiel gebracht werden, überhaupt leistungssteigernd wirken. "Vor allem, wer übermüdet ist, zeigt nach Einnahme solcher Mittel messbar bessere Leistungen. Wer jedoch wach und ohnehin überdurchschnittlich leistungsfähig ist, dessen Werte sinken nach Einnahme der Medikamente eher ab. Dazu wirken allenfalls geringe Dosierungen positiv. Steigert man die Dosis, werden Leistungen messbar schlechter. Auch einschlägige Umfragen unter amerikanischen Hochschulangehörigen, die jeweils zu zehn bis fünfzehn Prozent (Studierende) oder gar zwanzig Prozent (Wissenschaftler) angaben, sich mit Tabletten mental fitzumachen oder schon fitgemacht zu haben, sagen allenfalls etwas über den Gebrauch der Mittel, nicht aber über den Erfolg", merkt die Zeitung an. Heinemann selbst geht es indes um eine viel grundsätzlichere Frage, denn er stellt einen Zusammenhang her zum Erfolgs- und Leistungsdruck der "wissensbasierten Ökonomie des Neoliberalismus" - wo der Stress immer größer wird, wächst auch die Sehnsucht nach - medizinischen - Lösungen. Stehen wir also tatsächlich vor einer "Medikalisierung" der Gesellschaft? Im Zweifel wird diese Entwicklung, wenn erst einmal wirksame Neuro-Enhancer auf dem Markt sind, sicherlich einsetzen. Hat der Mensch doch häufig einen Hang, jemand sein zu wollen, der er eigentlich nicht ist, bzw. das Bedürfnis, auf möglichst einfachem Weg seine Ziele zu erreichen - die Debatte um den Promotionsbetrug des Bundesverteidigungsminister (wenngleich ein anderes Feld) macht dies wieder einmal augenscheinlich. Auf absehbare Zeit wird nebenwirkungsfreies Hirndoping sicherlich eher Wunsch denn Wirklichkeit sein. Und wer dennoch ein wenig an seinen geistigen Fähigkeiten drehen möchte, ist - wir haben schon mehrfach über dieses Thema berichtet - mit Meditationstechniken weitaus besser bedient, denn sie haben keine Nebenwirkungen und tragen zudem auch zur Entwicklung der Persönlichkeit bei. Eine Form der Optimierung, die man auch manchem Pseudo-Wissenschaftler gerne nahelegen würde.
Wie mit einer Phantomdebatte Marketing gemacht wird, FAZ 28.2.11

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Meditation kann das Leiden verringern 
Dienstag, 22. Februar 2011 - Wissenschaft
Migräne, Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfall? Die typischen Büroleiden können einem nicht nur die Arbeit, sondern das Leben verleiden. Doch es gibt Hoffnung für Menschen mit chronischen Schmerzen, denn immer mehr Studien zeigen, dass Patienten, die Meditationsmethoden wie Mindfulness-Based Stress Reduction praktizieren, weniger unter ihren Schmerzen leiden. In einem Interview mit der Zeit erklärt der Psychologe Stefan Schmidt, warum Patienten durch Meditation zu neuer Handlungsfähigkeit finden: "Das Furchtbare am Schmerz ist in der Regel der Kontrollverlust. Man erlebt sich nicht mehr in der Rolle desjenigen, der sein Leben kontrollieren und bestimmen kann, sondern hat das Gefühl, dieses Kommando habe der Schmerz übernommen." Meditation sei hier eine Möglichkeit, die eigene Selbstwirksamkeit wieder erfahren zu können, denn wer den Schmerz vorurteilslos betrachtet, anstatt sich ständig gegen ihn aufzulehnen, erlebt häufig, dass dies ein Weg der inneren Befreiung sein kann. "Leiden ist Schmerz mal Widerstand", zitiert Schmidt die buddhistische Philosophie. "Je mehr wir gegen den Schmerz ankämpfen, umso stärker leiden wir darunter. Wenn wir ihn jedoch annehmen und gestalten, können wir das Leiden massiv verringern." Ein guter Rat auch für Gestresste, die noch nicht unter chronischen Kopfschmerzen oder Burn-out leiden, denn wer meditiert, bevor der Stress chronisch wird, kann sich mögliche Erkrankungen im günstigen Fall sogar ersparen.
Lernen, mit dem Leiden umzugehen, Die Zeit 12.2.11

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Effizient ist nicht unbedingt effektiv 
Dienstag, 15. Februar 2011 - Wissenschaft
Gerade wir Deutschen gelten als die Optimierer und Perfektionisten schlechthin. Aber richten wir dabei unsere Energie auch immer auf die richtigen Ziele? Nein, meint der Umweltchemiker Prof. Michael Braungart, der kürzlich in Berlin das Cradle-to-Cradle-Festival, das noch bis März läuft, eröffnete. Der Erfinder des Konzepts "Von der Wiege zur Wiege", das sich auf die Fahnen schreibt, Rohstoffe so zu Produkten zu machen, dass sie, nachdem die Güter verschlissen sind, fast völlig verlustfrei wiederverwendet werden können, macht einen feinen Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität. Die Effizienzmeister wollen die Dinge richtig tun und Perfektion erreichen. Effektiv ist es hingegen, die richtigen Dinge zu tun. Braungart kritisiert, dass viel Energie in die Perfektionierung der falschen Systeme fließe. Was nutzt die beste Müllverbrennungsanlage, wenn es eigentlich besser wäre, erst gar keinen Müll entstehen zu lassen? Warum viel Energie in die Festlegung optimaler Grenzwerte stecken, wenn es besser wäre, erst gar keine schädlichen Materialien in Umlauf zu bringen? So funktioniert Braungarts Denke, auf dem Cradle-to-Cradle basiert. Hier werden Rohstoffe nicht verbraucht, sondern bereits im Herstellungsprozess auch als zukünftige Rohstoffe betrachtet. Die Effizienz trennt nur ein paar Buchstaben von der Effektivität, aber im Unterschied liegt die Basis für einen Quantensprung.
Schaulaufen der kreativen Weltverbesserer, Forum Nachhaltig Wirtschaften 2.2.11

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Gedächtnis profitiert von Schlaf und Zielorientierung 
Freitag, 11. Februar 2011 - Wissenschaft
Eine neue Studie der Universität Lübeck zeigt, dass Schlafphasen es uns erleichtern, Informationen abzuspeichern und diese Fähigkeit von einer konsequenten Zielorientierung zusätzlich profitiert. In einem Test mit knapp 200 Probanden mussten diese Gedächtnisübungen machen und sich unter anderem 40 Wortpaare einprägen. Der einen Hälfte der Teilnehmer wurde gesagt, dass sie nach 10 Stunden noch einmal abgefragt würden, der anderen nicht. Beide Gruppen wurden darüber hinaus noch einmal unterteilt - in Teilnehmer, die in den nächsten 10 Stunden schlafen sollten und solche, die wach bleiben sollten. Es zeigte sich, dass die Probanden, die geschlafen hatten, im abschließen Test besser abschnitten als die wach gebliebenen. Bei den Personen, die vorab über den zweiten Test informiert worden waren, waren die Testresultate dabei am besten.
Was der Schlaf ins Gedächtnis schreibt, 2.2.11 wissenschaft.de

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Und wieder einmal: Geld macht nicht glücklich 
Donnerstag, 20. Januar 2011 - Wissenschaft
Der Glücksforscher Richard Easterlin gehört zu den Vorreitern der Glücksforschung. Schon 1974 hatte er in einer Studie gezeigt, dass steigender Wohlstand die Menschen westlicher Gesellschaften zwar kurzfristig glücklicher macht, aber langfristig die Zufriedenheit nicht erhöhe. Damals hatten Kritiker ihm methodische Mängel seines Studiensettings vorgeworfen, doch Easterlin blieb am Ball und veröffentliche kürzlich eine neue Erhebung, die seine alten Befunde untermauert. Über einen Zeitraum von durchschnittlich 22 Jahren verglich der Urvater der Glücksforschung Daten aus 37 Ländern - darunter auch aus Lateinamerika, Osteuropa und Entwicklungsländern und stellte fest, dass mit der Entwicklung des Bruttosozialprodukts zwar kurzfristig auch die Lebenszufriedenheit steigt, jedoch langfristig die Glücksgefühle nicht wachsen. Seine Deutung: Wachsender Wohlstand macht kurzfristig zufrieden, doch steigen mit der Zeit dann auch die individuellen Ansprüche und Menschen vergleichen sich mit den Menschen, die mehr haben als sie selbst - und auf diese Weise relativiert sich das ursprüngliche Glück wieder.
Wohlstand macht nicht glücklich, WiWo 14.12.10

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Meditation ist effektiver als mentales Training 
Freitag, 14. Januar 2011 - Wissenschaft
Die Frankfurter Rundschau widmet einen Beitrag den positiven Wirkungen von Meditation und kommt zu dem Schluss, dass Meditation im Hinblick auf bestimmte Hirnfunktionen deutlich effektiver ist als beispielsweise konventionelles Mentaltraining. Der Beitrag bezieht sich auf verschiedene Forschungsergebnisse, die beim Kongress "Meditation & Wissenschaft 2010" in Berlin vorgestellt worden waren. Dr. Ulrich Ott vom Bender Institute of Neuroimaging beispielsweise zeigte, dass Meditation nachweisbare Veränderungen der Hirnstrukturen nach sich zieht. Schon mit einem achtwöchigen Kurs zur Achtsamkeitsmeditation fühlen sich Praktizierende nicht nur entspannter und weniger gestresst - ihre Gehirnfunktionen verbessern sich ebenfalls. Das liegt daran, dass Meditation verschiedene Stresshormone reduziert, die wiederum wie Gift auf das Gehirn wirken und sogar Nervenzellen schädigen können.
Sanfter Umbau des Gehirns, FR 18.12.10

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Erster Kongress zur Meditationsforschung 
Montag, 6. Dezember 2010 - Wissenschaft
Vor einer Woche fand in Berlin der Kongress "Meditation & Wissenschaft 2010" statt, den ich für die Identity Foundation, Düsseldorf, und die Oberberg Stiftung, Berlin, organisiert habe. Das besondere: In wirklich einzigartiger und umfassender Weise wurden hier die wichtigsten Ergebnisse der Grundlagenforschung in diesem Feld vorgestellt. Die renommiertesten Wissenschaftler aus Neurowissenschaft, Medizin, Psychologie, Philosophie und Religionswissenschaft entwickelten ein Gesamtbild auf das Thema, wie es in dieser Form noch nicht öffentlich vorgestellt wurde. Dabei wurden vor allem eindrucksvolle Belege geliefert, welche Spuren Meditation im Gehirn hinterlässt, welche positiven Wirkungen in der Medizin zu verzeichnen sind und wie Meditation bei Stressmanagement helfen kann. Auf der Kongresswebseite gibt es inzwischen zahlreiche Materialien zu den Präsentationen. Im Pressebereich finden sich außerdem Pressemitteilungen, die unter anderem auf die Wirkung von Meditation in Beruf und Alltag eingehen.
Zähneputzen für das Gehirn, SZ 30.11.10

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Kooperation als evolutionäre Grundtatsache 
Mittwoch, 10. November 2010 - Wissenschaft
Im Interview mit der Wirtschaftswoche erklärt der Psychiatrieprofessor Joachim Bauer, warum Zugehörigkeit und Akzeptanz, mithin Altruismus, ein Grundfaktor menschlicher Evolution ist. Am Beispiel von Kleinkindern, die auf ganz natürliche Weise mit anderen kooperieren, selbst wenn sie dadurch keinen Vorteil haben, kommt Bauer zu dem Schluss: "Die Evolution hat Kooperation entstehen lassen, bevor sie sich – nach ökonomischen Maßstäben – zu lohnen begann. Die Trennung zwischen Egoismus als Profit und Altruismus als Verlust kommt ursprünglich aus der Ökonomie. Man kann das Prinzip der Nutzenmaximierung aber nicht einfach so in die Biologie übertragen." Gier hingegen ist laut Bauer eher ein Phänomen der Ressourcenknappheit - erst die Angst, nicht genug zu bekommen, führe zu egoistischem Verhalten. Umgekehrt ist die altruistische Programmierung des Menschen ein wichtiger Glücksfaktor, denn jede altruistische Entscheidung führe im Gehirn dazu, dass Glückshormone ausgeschüttet werden. Es wäre also unter dem Strich vieles einfacher, wenn wir uns einfach öfter auf unsere natürliche Kooperationsfähigkeit besinnen, anstatt uns als isolierte Individuen wahrzunehmen, die stets mit anderen konkurrieren müssen.
"Der Mensch ist sozial", WiWo 29.10.10

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