Welche Arbeit hat welchen Wert? 
Mittwoch, 29. April 2020 - Bewusstsein, Arbeit
Lohngerechtigkeit war schon immer ein Thema, doch in Corona-Zeiten wird besonders offensichtlich, welche Berufe unser Leben gerade tragen (und unter der Hand auch, welche vielleicht eher entbehrlich sind - über die Abwesenheit von Investmentbankern beispielsweise hört man gegenwärtig keine Klagen). In einem Interview mit dem Spiegel erhofft sich die Philosophin Lisa Herzog, dass wir aus den gegenwärtigen Erfahrungen lernen und vielleicht zu einer neuen Solidarität finden im Hinblick auf die finanzielle Wertschätzung von Berufen: "Es gibt eine grobe Diskrepanz zwischen den Einkommen und der Relevanz der Tätigkeiten, für die sie erzielt werden. Es gibt immer den Einwand, diese Wahrnehmung sei subjektiv. Aber das stimmt nicht. Im Moment sieht man sehr klar, was und wer gebraucht wird. Wir sehen derzeit, welche Berufe entscheidend dafür sind, das Leben am Laufen zu halten – und es tut sich eine ganz neue Logik auf: Es wird klar, wie systemrelevant Krankenschwestern, Pfleger, Mitarbeiter der Müllabfuhr sind. Ihr Ansehen steigt. Es geht nicht mehr primär um Macht und Status, wie Manager ihn haben. Ich hoffe, dass dieses kollektive Erlebnis uns länger prägt und wir uns bewusst machen, wie sehr wir alle voneinander abhängig sind." Herzog ruft nach einem Bewusstseinswandel und sagt: "Im Moment vergleichen sich viele Menschen über ihr Gehalt: Wie viel bin ich wert im Vergleich zu anderen? Wir sehen aber auch, dass soziales Ansehen, das Bewusstsein, was man für die Gesellschaft leistet, für viele eine zunehmend wichtige Rolle spielt und sie daraus Anerkennung ziehen." Ich würde in der Formulierung noch einen Schritt weiter gehen, denn das soziale Ansehen ist ja nur die äußere Schicht eines viel komplexeren Zusammenhangs. Die aktuelle Krise lädt uns dazu ein, viel grundlegender zu überdenken, was im Leben wesentlich ist. Und es geht nicht nur um eine formale Anerkennung, sondern darum wahrzunehmen, wie sehr wir alle verbunden sind im jeweiligen Wirken. Unser eigenes Leben ist möglich, weil andere Menschen in Bereichen tätig sind, die dieses Leben unterstützen.
Wie viel bin ich wert, im Vergleich zu anderen?, spiegel.de 13.4.20

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"Die Zukunft hängt von uns ab" 
Montag, 27. April 2020 - Bewusstsein, Wissenschaft, Arbeit
Für den Globalisierungskritiker David Graeber ist mit Corona eine neue Chance gekommen, den Status quo unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation zu hinterfragen und uns jenseits der bisher gedachten Systemzwänge nach alternativen Zukünften zu strecken. "So viele grundsätzliche Fragen wurden lange nicht gestellt, weil man sie gar nicht formulieren konnte in der Sprache der neoliberalen Ökonomen. Die haben so getan, als wären sie im Besitz einer Wissenschaft, die sowieso schon alle Antworten kennt. Der Neoliberalismus ist in seinem Kern ein Mittel, um Leute davon abzuhalten, sich eine andere, abweichende Zukunft auszumalen – weil sowieso alles alternativlos ist. Aber vielleicht hängt die Zukunft in Wirklichkeit ja von uns ab! Genau das bemerken wir jetzt in dieser Krise. Die Frage ist nur: Was passiert danach?", sagt er in einem Interview mit der Zeit. Graebers letztes Buch "Bullshit Jobs" liest sich wie die Einleitung in die gegenwärtige Diskussion über systemrelevante Jobs und hält vor Augen, in welch' verkehrten Welt wir gewohnt sind zu leben. Denn die meisten Berufe, die in Zeiten von Corona den Rest-Alltag weltweit am Laufen halten, sind nicht die unzähligen stumpfen Bürojobs oder die der hochbezahlten Top-Manager, sondern jene schlecht bezahlten in Pflege und Betreuung, an den Kassen der Supermärkte oder bei Paketdiensten. Graeber spricht sich dafür aus, mehr darüber nachzudenken, wie wir leben wollen und welche Arbeiten uns darin stärken. Und er warnt vor den Versuchungen, schon wieder an ein Zurück zum früheren "Normalzustand" zu denken: "Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten. Man muss wieder vergessen, wer wirklich die Arbeit macht und dafür viel zu wenig verdient. Außerdem steht uns die allergrößte Krise noch bevor, der Klimawandel. Wir standen die ganze Zeit auf den Gleisen und ein Zug kam uns direkt entgegen. Und jetzt hat uns jemand brutal von diesen Gleisen gestoßen, das tut weh und ist schrecklich. Aber das Dümmste, was wir tun könnten, wenn wir wieder auf die Beine kommen: Uns wieder zurück auf die Gleise stellen, wo der Zug auf uns zurast!"
"Werden wir danach so tun, als sei alles nur ein Traum gewesen?", zeit.de 31.3.20

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Die Arbeit geht online 
Freitag, 27. März 2020 - Lebensart, Arbeit
Wohl nie zuvor haben so viele Menschen so spontan ihre Arbeit ins Virtuelle verlagern müssen. Home Office, vor einigen Wochen in vielen Firmen noch ein Thema mit viel Gesprächsbedarf, ist dabei, unter den Vorzeichen von Corona zu einem neuen Standard zu werden. Und man darf gespannt, ob diese Möglichkeitsräume bleiben werden, wenn die Krise wieder abflaut. Für viele Selbstständige werden Angebote via Videokonferenz nun zur Möglichkeit, wenigstens einen Teil ihrer Einnahmeausfälle zu kompensieren - indem sie beispielsweise ihren Musikunterricht oder Yoga-Stunden ins Internet verlagern. Als Freiberuflerin lebe ich seit Jahren sehr virtuell. Für uns im Team des evolve Magazins läuft gegenwärtig beispielsweise die Produktion der aktuellen Ausgabe wie immer, denn als verteiltes Team sind Videokonferenzen schon lange unser primärer Arbeitsmodus. Und wir halten seit Jahren viele Kurse rund um Meditation und Bewusstseinsentwicklung online ab. Dabei machen wir die Erfahrung, dass menschliches Miteinander auch im Angesicht eines Computermonitors eine besondere Tiefe entfalten kann. Vielleicht sind die Herausforderungen dieser Tage ja auch eine Möglichkeit, uns im virtuellen kulturell weiterzuentwickeln?
Selbst Yoga-Unterricht geht aus dem Homeoffice, spiegel.de 18.3.20

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Großes Unternehmen, große Karriere? 
Donnerstag, 26. März 2020 - Studien, Arbeit, Management
Großunternehmen waren viele Jahrzehnte als Arbeitgeber besonders beliebt - weil sie in der Regel höhere Gehälter zahlen können als kleinere Betriebe, oft bessere Aufstiegschancen bieten und viele hier ihren Arbeitsplatz als eher sicher betrachten. Doch in der jüngeren Generation zeigt sich auch, dass der Nachwuchs oft mehr mit kleineren Arbeitgebern sympathisiert - weil bisweilen die Hierarchien nicht so starr ist und man mehr bewegen kann. Eine amerikanische Studie hat nun untersucht, wo die Karrierechancen besser stehen und kommt zu dem Schluss, dass der Führungsnachwuchs, der bei einem großen Arbeitgeber einsteigt, langfristig die besseren Karrierechancen hat. Finanziell, weil Einstiegsgehälter eben meist höher ausfallen und dieser Startvorteil auch in der weiteren Karriere zu wirken scheint. Aber auch, weil junge Menschen gerade zu Beginn des Berufsleben im Unternehmen am meisten lernen und hierfür anscheinend in Großunternehmen die fördernden Strukturen besser ausgeprägt sind. Wer auf die genannten Aspekte besonderen Wert legt, weiß also, was zu tun ist. Gleichzeitig sei auch gesagt, dass diese Faktoren zwar einem konventionellen Bild von Karriere entsprechen dürften, aber viele andere Faktoren ausblenden. Work-Life-Balance, die Möglichkeit, auf dem kurzen Dienstweg Veränderungen anzustoßen oder auch eine breitere Allrounder-Qualifikation dürften hingegen in kleineren Unternehmen auch oder mancherorts sogar stärker gegeben sein. Wichtig scheint also insbesondere, was man selbst als gute Arbeitsbedingungen und eine Arbeit mit Perspektive versteht.
Warum Absolventen in großen Unternehmen starten sollten, WiWo 17.3.20

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Auf die Bedürfnisse statt aufs Wachstum schauen 
Freitag, 20. März 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Die ungleichen Einkommenschancen von Männern und Frauen am Arbeitsmarkt werden immer wieder zum Thema. Die Soziologin Gabriele Winker findet, dass es nicht ausreicht, nur über die unterschiedlichen Präferenzen der Geschlechter bei der Berufswahl zu diskutieren. Ihrer Erfahrung nach wird noch viel zu wenig betrachtet, dass die so genannte Care Arbeit, das Sorgen für die Familie, Haushalt oder die Betreuung von Verwandten, viel zu wenig als gesamtgesellschaftliches Thema wahrgenommen wird. Wo Care-Arbeit immer noch stärker von Frauen als von Männern wahrgenommen werde, müsse man über grundsätzliche Systemveränderungen nachdenken und vor allem über eine wirklich gemeinschaftliche Solidarität. "Nach wie vor wird die vor allem von Frauen ausgeführte unentlohnte Sorgearbeit in der Familie gesellschaftlich abgewertet und kaum unterstützt. Die Arbeitsteilung geht also mit einer Hierarchie der Geschlechter einher. Wenn wir das durchbrechen wollen, müssen wir die Trennung zwischen entlohnter und unentlohnter Arbeit aufheben. Dafür muss es uns gelingen, die entlohnte Arbeit zurückzudrängen. Zunächst bedarf es einer existenziellen Absicherung aller Menschen, beispielsweise durch das bedingungslose Grundeinkommen. Ferner muss Vollzeiterwerbsarbeit auf maximal 30 Wochenstunden begrenzt werden. Nur so bleibt Zeit für familiäre Sorge und auch Muße. Letztendlich plädiere ich für eine solidarische Gesellschaft: Eine solche Gesellschaft muss das Zusammenleben ausgehend von menschlichen Bedürfnissen gestalten, anstatt sich weiter an Wachstum und Profit auszurichten", sagt Winker in einem Interview in der Zeit. Gedankengänge wie diese sollten viel öfter öffentlich Beachtung finden, zumal die starke Fokussierung auf Erwerbsarbeit - die wachsende Zahl an Stresserkrankungen zeigt dies deutlich - beide Geschlechter immer mehr an die Grenze zur Überforderung bringt.
"Frauen wollen nicht nur Kinder gebären, damit andere sie betreuen", zeit.de 6.3.20

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Leistung beurteilen, ohne zu entzweien 
Donnerstag, 19. März 2020 - Studien, Arbeit, Management
Die Frage der Leistungsbeurteilung ist für Firmen ein schwieriges Feld. Einerseits möchten die die Leistungen ihrer Mitarbeiter beurteilen, doch zeigen Studien immer wieder, dass dies den Zusammenhalt in Teams aufweichen kann, wenn diese Bewertungen sich zu stark auf den Erfolg des Einzelnen beziehen. Denn dann ist jeder Mitarbeiter vor allem darauf bedacht, selbst möglichst gut dazustehen. Eine neue Studie zeigt nun, dass dieser Effekt sich leicht umkehren lässt, und zwar, indem auch prosoziale Handlungen der Teammitglieder sichtbar gemacht und mitbeurteilt werden. Wenn Leistungsbeurteilungen auch erfassen, wie gut Menschen im Team miteinander arbeiten, wie hilfsbereit sie anderen gegenüber sind und sich bemühen zu helfen, eröffnet dies einen tragfähigen Beziehungsraum, in dem Ellbogenmentalität weniger Chancen hat.
Warum Rankings schaden, HBM März 2020

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Jeder Dritte fühlt sich von Arbeit psychisch beeinträchtigt 
Donnerstag, 12. März 2020 - Studien, Arbeit, Management
Die gute Nachricht - zwei Drittel der Arbeitnehmer finden, dass ihnen ihre Arbeit psychisch gut tut. Doch das übrige Drittel leidet im Job. Gründe sind massive Überlastung, eine zu geringe Bezahlung und fehlende Unterstützung durch die Vorgesetzten. Im internationalen Vergleich, beispielsweise mit den USA, Kanada, Italien oder Schweden, zeigt sich dabei, dass die Deutschen sich besonders von der hohen Arbeitslast tangiert fühlen. Das sind die Erkenntnisse einer Umfrage des Karriereportals Monster mit 4.500 Personen. Beim Jobwechsel wird ein Drittel von der Aussicht auf mehr Gehalt getrieben, doch genauso viele wollen inzwischen wechseln, weil sie mit ihren Arbeitsbedingungen unzufrieden sind. Ein großer Teil der Arbeitenden erwartet inzwischen vom Arbeitgeber Engagement für die Umwelt und Werte wie Diversität, Gleichstellung und Inklusion.
Geld ist nicht alles, SZ 3.3.20

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Viel Arbeit, wenig Arbeit und das Leben dazwischen 
Dienstag, 10. März 2020 - Studien, Arbeit, Management
Die Statistiken zeigen, dass der Fachkräftemangel im Hinblick auf die Arbeitsbelastung der Angestellten deutliche Spuren hinterlässt. Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten 2018 mit 49,9 Wochenstunden am längsten Männer in der Land- und Forstwirtschaft und Fischerei. Selbst die kürzeste Arbeitszeit bei Vollzeitbeschäftigten, Männer in der Industrie, lag noch bei 40,4 Wochenstunden. Die viele Arbeit ist für die meisten in Ordnung. Nur 4,5 Prozent der Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft würden ihre Arbeitszeit gerne verändern. In der Industrie sind es schon 8,2 Prozent. Es ist schwer zu sagen, ob der Grund dafür vor allem darin liegt, dass viele Menschen schlicht auf die Höhe ihres Einkommens angewiesen sind, oder ob vielleicht Berufe an der frischen Luft auch im Gesamtbild etwas weniger verschleißend sind. In der Kommunikation und Technologie würden immerhin gerne fast 6 Prozent ihre Wochenarbeitszeit reduzieren und zwar um 11 Wochenstunden. Das spricht schon eine deutlichere Sprache im Hinblick auf die alltäglichen Belastungen am Arbeitsplatz. Interessant ist gleichzeitig, dass viele Teilzeitbeschäftigte gegen ihren Willen weniger arbeiten. Fast jeder fünfte Mann in Teilzeit würde seine Arbeitsstunden gerne um im Schnitt 18 Wochenstunden aufstocken. Bei den Frauen haben gut 10 Prozent den Wunsch, im Schnitt knapp 13 Stunden mehr zu arbeiten. Hier scheinen die Arbeitgeber bewusst lieber mit vielen Wenigbeschäftigten zu arbeiten, um dadurch flexibler zu sein.
Arbeitszeiten in der Landwirtschaft am längsten, zeit.de 4.3.20

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