Wie resilient sind wir, wenn die Normalität zusammenbricht? 
Mittwoch, 8. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Die Corona-Krise ist nicht nur eine Bedrohung unserer körperlichen Gesundheit. In Zeiten der physischen Distanzierung sind wir gnadenlos auf uns selbst zurückgeworfen bzw. auf den Kreis unserer Nächsten, mit denen wir zusammenleben. Aus Studien zu den Folgen von Quarantäne im Kontext von Ebola oder Sars weiß die Wissenschaft, wie Menschen auf Isolation reagieren. "Während der Quarantäne fanden sich bei Erwachsenen erhöhte Raten von posttraumatischen Stresssymptomen, Vermeidungsverhalten und Ärger. Dazu kamen Langeweile, Frustration und ein Gefühl der Isolation vom Rest der Welt, das die Menschen zusätzlich belastete. Auch unklare Informationen zum Grund der Quarantäne und über die tatsächlichen Risiken waren zusätzliche Stressoren. Unmittelbar nach der Quarantäne überwogen finanzielle Sorgen und Stigmatisierung", schreibt etwa die ZEIT. Der Artikel listet eine ganze Reihe von Tipps aus der Verhaltenspsychologie auf, wie sich die negativen Folgen des erzwungenen Rückzugs besser meistern lassen. Sport treiben, meditieren, den Kontakt zu Freunden über digitale Kanäle aufrechterhalten, anderen Menschen helfen ... Natürlich sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass all diese Aktivitäten dazu beitragen können, das eigene psychische Befinden zu verbessern. Es sind allerdings alles auch Versuche, eine gewohnte Normalität so gut es eben geht aufrechtzuerhalten und den herausfordernden und schlimmen Gefühlen, von denen man heimgesucht wird, zumindest temporär zu entfliehen. Ich frage mich ja, ob es nicht auch Wege gibt, sich erst einmal ganz bewusst mehr mit all den Brüchen, die unser Leben heute durchziehen, auseinanderzusetzen. Die Ängste wirklich zu betrachten. Die eigene Ohnmacht anwesend sein zu lassen. Denn gerade an dieser Kante lernt man sich und damit das Leben besser kennen. Versteht die eigenen Schwächen mehr. Und erkennt, wann man am liebsten weglaufen möchte. Ich erlebe solche Momente als sehr kostbar. Sie sind fast so etwas wie eine durch die äußeren Umstände ermöglichte Konfrontationstherapie. Wenn man immer wieder erlebt, dass die Erschütterung immens sein kann, man aber immer noch atmet, tut sich manchmal auch etwas auf. Etwas, das man von einem Ort der Sicherheit aus nicht erahnen kann. Können wir uns vielleicht in solchen Grenzgängen unterstützen?
Was Massenquarantäne mit uns macht, Zeit.de 1.4.20

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Stress-Test für die menschliche Zivilisation 
Dienstag, 7. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Während wohl die meisten Menschen zur Zeit in Gedanken vor allem damit beschäftigt sind, wie und wann wir die Corona-Krise am besten überwinden, wagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen bereits einen Blick in die Zukunft. "Die Co­ro­na­kri­se wirkt der­art trans­for­ma­tiv, weil sie zu den mensch­li­chen Angs­t­re­fle­xen und Wahr­neh­mungs­mus­tern passt. Sie han­delt ganz di­rekt von der Ge­fahr für das ei­ge­ne Le­ben und das der Nächs­ten, nicht pri­mär vom Über­le­ben der an­de­ren oder der mensch­li­chen Spe­zi­es ins­ge­samt", erklärt er das Phänomen, das gegenwärtig weltweit die Menschen an einem Strang zu ziehen scheinen. Aufgrund der besonderen Betroffenheitskonstellation - wir alle, gleich wer wir sind und wo wir uns aufhalten, können dem Virus nicht entfliehen - sieht er gegenwärtig eine große Wandlungsbereitschaft der globalen Bevölkerung. Und doch ist er skeptisch, daraus weitere positive Zukunftsszenarien abzuleiten. Für ihn sind "ko­gni­tiv we­ni­ger leicht zu ver­ar­bei­ten­de Kri­sen mit noch grö­ße­ren Ri­si­ken wie der men­schen­ge­mach­te Kli­ma­wan­del der ei­gent­li­che Test­fall mo­der­ner Ge­sell­schaf­ten". Er fragt: "Wer­den Men­schen ihr Vor­stel­lungs­ver­mö­gen so ra­di­kal er­wei­tern und ihre pro­gnos­ti­sche und sys­te­mi­sche In­tel­li­genz der­art schu­len, dass sie ir­gend­wann un­ab­hän­gig von der kurz­fris­ti­gen per­sön­li­chen Ge­fähr­dung agie­ren?" Mit Blick auf den Klimawandel ist das die große Frage. Wir mögen Wege finden, die Corona-Pandemie irgendwie in den Griff zu bekommen. Aber tun wir dies in einer Haltung, die nur darauf wartet, sich dann wieder in die von zuvor gewohnte Normalität zurückzulehnen? Oder sind wir bereit, aus den Erfahrungen der Corona-Zeit lernend auch im Hinblick auf all die anderen großen zivilisatorischen Fragen Neuland zu beschreiten?
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen erklärt, warum wir so rasant aus der Krise lernen, 28.3.20

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Einfach mal abschalten? 
Montag, 6. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Es ist schon auffallend - noch nicht einmal drei Wochen ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen, und schon häufen sich in den Medien die Tipps, wie man runterkommen kann bei all dem Corona-Stress. Einfach mal abschalten, ist eine Devise, die in diesen Tagen vielfach ausgegeben wird. Öko-Test beispielsweise hat gerade eine - sehr gute - Übersicht über Meditations-Apps veröffentlicht (eine Empfehlung für alle, die auf der Suche nach solchen Tools sind) und schreibt: "Gerade in Zeiten wie der Corona-Krise, wo Sorgen und Existenzängste ständige Begleiter sind, ist es wichtig, auch mal abzuschalten. Achtsamkeits-Apps versprechen Nutzern mehr Ausgeglichenheit." Ich mag das gar nicht kritisieren. Etwas für die geistige Gesundheit zu tun, sollte so alltäglich sein wie das Zähneputzen. Was mich jedoch zu stören beginnt, ist, dass solche Botschaften, gerade mit Bezug auf Corona, permanent zum inneren Rückzug animieren. Dabei brauchen Krisenzeiten vielleicht vor allem unsere Zuwendung - und zwar nicht nur zu uns selbst, sondern zu dem, was gerade geschieht. Auch darüber kann man meditieren.
Entspannung in Corona-Krise: Mit diesen Apps lernen Sie meditieren, Öko-Test 30.3.20

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"Ohne moralischen Fortschritt gibt es keinen echten Fortschritt" 
Freitag, 3. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Für den Philosophen Markus Gabriel wirft die Corona-Krise die Frage auf, ob sie nicht "eine Immunreaktion des Planeten gegen die Hybris des Menschen, der unzählige Lebewesen aus Profitgier zerstört" sein könnte. "Das Corona-Virus offenbart die Systemschwächen der herrschenden Ideologie des 21. Jahrhunderts. Dazu gehört der Irrglaube, dass wir durch naturwissenschaftlich-technologischen Fortschritt alleine schon menschlichen und moralischen Fortschritt vorantreiben können. Dieser Irrglaube verführt uns dazu zu glauben, die naturwissenschaftlichen Experten könnten allgemeine soziale Probleme lösen", kritisiert Gabriel in einem Essay. Und er findet: "Ohne moralischen Fortschritt gibt es keinen echten Fortschritt." Der Philosoph zieht auch den Vergleich zur Klimakrise, die ungleich umfassender sei als das, was uns gerade in Form eines Virus begegnet. Doch die Klimakrise ist eben weniger deutlich sichtbar und vor allem hat sie - noch - deutlich weniger Auswirkungen auf die Wohlstandsregionen der Welt. Gabriel findet: "Wir brauchen eine neue Aufklärung, jeder Mensch muss ethisch ausgebildet werden, damit wir die gigantische Gefahrenlage erkennen, die darin liegt, dass wir blind der Naturwissenschaft und Technik folgen." Sein Blick in die Zukunft und seine Forderung: "Nach der virologischen Pandemie brauchen wir eine metaphysische Pan-Demie, eine Versammlung aller Völker unter dem uns alle umfassenden Dach des Himmels, dem wir niemals entrinnen werden. Wir sind und bleiben auf der Erde, wir sind und bleiben sterblich und fragil. Werden wir also Erdenbürger, Kosmopoliten einer metaphysischen Pandemie. Alles andere wird uns vernichten und kein Virologe wird uns retten."
Wir brauchen eine metaphysische Pandemie“, Universität Bonn 20.3.20

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Mehr innere Freiheit 
Donnerstag, 2. April 2020 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
GEO Wissen hat aktuell eine Ausgabe zum Thema Yoga und Meditation herausgebracht, die in der aktuellen Situation der Anspannung und Ungewissheit sicherlich für viele wie ein Rettungsanker wirkt. Die Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel beispielsweise erklärt in einem Interview, wie eine Achtsamkeitspraxis es erleichtert, eine bewusstere Beziehung zum eigenen Innenleben zu entwickeln: "Es ist der erste Schritt, um herauszufinden, in welcher Beziehung ich zu meinen Gedanken und Gefühlen stehe. Bin ich ihnen hilflos ausgeliefert, nehme ich alles für bare Münze? Oder kann ich ihnen zusehen, wie sie kommen und gehen? Je mehr wir uns selbst erforschen, Einsicht nehmen in die Funktionsweise und Muster unseres Denkens und Handelns, desto freier können wir unser Leben gestalten. Wir hören auf, Getriebene unserer Ängste und Sehnsüchte zu sein." Hölzel ist dabei wichtig, dass es nicht darum geht, negative Gedanken einfach auszublenden oder zu überspielen - ein Versuch, der ohnehin nur über kurze Zeiträume gelingen dürfte. "Vielmehr besteht die Kunst darin, belastende Gedanken und Gefühle zuzulassen, sich aber nicht von ihnen vereinnahmen zu lassen", so Hölzel. Natürlich stellen sich diese Effekte nicht sofort ein. Eher im Gegenteil, denn wer mit dem Meditieren beginnt, wird wahrscheinlich erst einmal in sich selbst vieles wahrnehmen, dass zuvor von der hektischen Betriebsamkeit des Alltagsmodus überlagert wurde. Aber es lohnt sich, weiterzuüben, denn mit der Zeit wächst darüber die innere Freiheit.
Wie Meditation gegen belastende Gedanken hilft, geo.de

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Das Soziale zeigt sich im Gehirn 
Mittwoch, 1. April 2020 - Bewusstsein, Studien
Die soziale Dimension unserer Lebensweise verändert das menschliche Gehirn. Und es zeigt sich, dass dies bei Männern und Frauen auf ganz unterschiedliche Weise geschieht. Frauen mit vielen sozialen Kontakten beispielsweise weisen ein deutlich höheres Volumen in der für Emotionen zuständigen Gehirnregion auf, während dies bei Männern unter ähnlichen Vorzeichen nicht der Fall ist. Bei Männern wiederum lassen sich geringe soziale Kontakte am Belohnungszentrum erkennen. Die Wissenschaftler führen diese Unterschiede auf die evolutionäre Entwicklung der Geschlechter zurück, im Zuge derer Frauen und Männer über sehr lange Zeiträume in verschiedene Rollenerwartungen und soziale Anforderungen hineingewachsen sind.
Sozialleben prägt Frauengehirne anders, wissenschaft.de 18.3.20

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Sich vom Schmerz nicht vereinnahmen lassen 
Dienstag, 31. März 2020 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Meditation ist nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil sie es Menschen erlaubt, resilienter zu leben. Meditierende mögen das Gleiche erleben und spüren wie andere Menschen auch, was sie unterscheidet ist, dass sie mehr Handlungsfreiheit im Hinblick auf ihre Reaktionen empfinden. Wissenschaftliche Untersuchungen von Schmerzpatienten etwa zeigen: Auch wer meditiert, verarbeitet im Gehirn die gleichen Schmerzsignale und nimmt auf der körperlichen Ebene den gleichen Schmerz wahr wie Nichtmeditierende. Doch im Gefühlszentrum des Gehirns lässt sich bei Meditierern beobachten, dass hier deutlich weniger emotionale Reaktionen ablaufen. Es ist eine Freiheit, die vielleicht deshalb so wertvoll erscheint, weil sie nicht darauf angewiesen ist, dass äußere Umstände, die oft nicht in der eigenen Hand liegen, sich verändern.
Gesund dank Meditation, Psychologie heute 11.3.20

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Von Konsumieren auf Kümmern umschalten 
Montag, 30. März 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Die Corona-Krise zwingt das Leben, wie wir es kennen, in die Knie. Und manche hoffen bereits, dass die neuen Erfahrungsräume, die sich im Angesicht des Unbeherrschbaren auftun, vielleicht auch einen kulturellen Wandel nach sich ziehen. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler etwa richtet den Blick darauf, dass jetzt, wo unsere üblichen Konsumtaktiken um erliegen kommen, vielleicht das Kümmern stärker in den Vordergrund rückt. "Jetzt merken wir, wie wichtig das Kümmern, Sorgen und Verpflegen ist. Und gleichzeitig realisieren wir eben auch, wie sehr unser ganzes System darauf angelegt ist, dass wir konsumieren und produzieren, um diese Endlosschleife am Laufen halten. Jetzt merken wir, wie fragil dieses kapitalistische System ist und dass es möglicherweise nun angezeigt ist, diese Hierarchie ganz neu zu denken", sagt sie in einem Interview mit der Deutschen Welle. Die Philosophin geht nicht so weit, gleich einen großen Umbruch zu denken, sie sieht eher an den Rändern des bestehenden Systems Chancen für Veränderungen: "Diese Krise und dieser Stillstand ist ein Denkraum, der uns geschenkt wird. Ich würde jetzt nicht so weit gehen und sagen: Wir brauchen den antikapitalistischen Kampf und die große Revolution. Aber wir können natürlich einzelne Elemente innerhalb dieses Systems neu denken, die schon seit längerer Zeit in der Diskussion sind. Und da gehören Home Office, größere Flexibilität und Familienvereinbarkeit absolut dazu." Gleichwohl ist für Flaßpöhler, und da bezieht sie sich auf den antiken Glücksbegriff, die gegenwärtige Zeit ein guter Moment, grundsätzlich tiefer zu gehen und zu hinterfragen, denn: "Nur ein moralisches Leben ist auch ein gutes Leben." Fanden zumindest die alten Philosophen.
Philosophin Flaßpöhler: "Der Stillstand schenkt uns einen Denkraum", Deutsche Welle 21.3.20

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