Meditation als Akt der Solidarität 
Dienstag, 28. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart
In den letzten Wochen häufen sich im Internet die Tipps, wie wir mit Meditation besser durch die Corona-Krise kommen können. In einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen öffnet die Zen-Lehrerin Anna Gamma den Blick dafür, dass wir uns im Meditieren auch mit anderen Menschen verbinden können, so dass Meditation auch ein Akt der Solidarität sein kann. "Ich habe während meiner Ausbildung gelernt, dass wir stellvertretend für Andere da sein können. Wenn wir täglich miteinander meditieren, verbinden wir uns mit den Menschen in Not. Menschen in Flüchtlingslagern und in den Slums sind am meisten bedroht von der Corona-Krise, weil sie sich nicht schützen können. Mir hilft es für diese Menschen zu beten und so zu realisieren, wie sich unsere Welt entwickelt", sagt sie. Ich finde das einen sehr schönen Hinweis, denn nur daran zu denken, sich durch Achtsamkeitspraxis selbst etwas Gutes zu tun, wirft einen bisweilen auch schlicht auf sich selbst zurück, vielleicht eine verfeinerte Form von Selbstisolation. Gleichzeitig kann das Meditieren in einer Zeit, in der unsere üblichen Lebensrhythmen durcheinander gewirbelt werden, dabei helfen, sich wieder zu gründen. Anna Gamma rät: "Ein uns vertrauter Rhythmus ist der eigene Atem, der ständig kommt und geht. Wenn wir uns diesem Rhythmus anvertrauen, öffnen wir uns für das Leben im Jetzt. Übungen mit unserem eigenen Atem helfen uns zu sehen, was wesentlich ist. Wenn wir das zulassen, erfahren wir mit der Zeit, dass wir selber wesentlich werden. Für mich ist die Aufmerksamkeit auf den Atem wie Notfallmedizin."
«Die stille Praxis rückt in den Fokus», SRF 6.4.20

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"Die Zukunft hängt von uns ab" 
Montag, 27. April 2020 - Bewusstsein, Wissenschaft, Arbeit
Für den Globalisierungskritiker David Graeber ist mit Corona eine neue Chance gekommen, den Status quo unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation zu hinterfragen und uns jenseits der bisher gedachten Systemzwänge nach alternativen Zukünften zu strecken. "So viele grundsätzliche Fragen wurden lange nicht gestellt, weil man sie gar nicht formulieren konnte in der Sprache der neoliberalen Ökonomen. Die haben so getan, als wären sie im Besitz einer Wissenschaft, die sowieso schon alle Antworten kennt. Der Neoliberalismus ist in seinem Kern ein Mittel, um Leute davon abzuhalten, sich eine andere, abweichende Zukunft auszumalen – weil sowieso alles alternativlos ist. Aber vielleicht hängt die Zukunft in Wirklichkeit ja von uns ab! Genau das bemerken wir jetzt in dieser Krise. Die Frage ist nur: Was passiert danach?", sagt er in einem Interview mit der Zeit. Graebers letztes Buch "Bullshit Jobs" liest sich wie die Einleitung in die gegenwärtige Diskussion über systemrelevante Jobs und hält vor Augen, in welch' verkehrten Welt wir gewohnt sind zu leben. Denn die meisten Berufe, die in Zeiten von Corona den Rest-Alltag weltweit am Laufen halten, sind nicht die unzähligen stumpfen Bürojobs oder die der hochbezahlten Top-Manager, sondern jene schlecht bezahlten in Pflege und Betreuung, an den Kassen der Supermärkte oder bei Paketdiensten. Graeber spricht sich dafür aus, mehr darüber nachzudenken, wie wir leben wollen und welche Arbeiten uns darin stärken. Und er warnt vor den Versuchungen, schon wieder an ein Zurück zum früheren "Normalzustand" zu denken: "Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten. Man muss wieder vergessen, wer wirklich die Arbeit macht und dafür viel zu wenig verdient. Außerdem steht uns die allergrößte Krise noch bevor, der Klimawandel. Wir standen die ganze Zeit auf den Gleisen und ein Zug kam uns direkt entgegen. Und jetzt hat uns jemand brutal von diesen Gleisen gestoßen, das tut weh und ist schrecklich. Aber das Dümmste, was wir tun könnten, wenn wir wieder auf die Beine kommen: Uns wieder zurück auf die Gleise stellen, wo der Zug auf uns zurast!"
"Werden wir danach so tun, als sei alles nur ein Traum gewesen?", zeit.de 31.3.20

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Frohe Ostertage 
Freitag, 10. April 2020 - sonstiges
think.work.different macht Osterpause. Wir wünschen allen besinnliche, friedliche Ostertage und sind ab 27.4. wieder mit frischen News für Sie da. Bleiben Sie gesund!

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Der Clash mit dem Unverfügbaren 
Donnerstag, 9. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart
In seinem Buch "Unverfügbarkeit" hat der Soziologe Hartmut Rosa treffend beschrieben, wie unser modernes Leben davon lebt, dass wir uns die Welt aneignen, sie uns verfügbar machen. Unter den Vorzeichen von Corona bricht diese Dynamik zusammen. Und mit dem Virus scheint uns dieser zutiefst gewohnte scheinbare Normalmodus nun als Monster entgegenzukommen. "Das Coronavirus ist für mich ein Musterbeispiel für die Rückkehr des Unverfügbaren als Monster. Es könnte überall sein, selbst auf der Türklinke. Wir haben es wissenschaftlich nicht im Griff, wir haben es medizinisch nicht unter Kontrolle, wir können es politisch nicht regulieren. Und als Gesellschaft versuchen wir gerade, mit allen Mitteln Verfügbarkeit wiederherzustellen", so Rosa. Natürlich ist es geboten, zu versuchen, mit medizinischen Mitteln den Virus in den Griff zu bekommen. Doch braucht es auch im Gesellschaftlichen und Sozialen Veränderungen unserer Beziehung zum Leben. "Wir müssen uns als Gesellschaft eingestehen, dass wir alle nicht wissen, was danach kommen wird. Dieses Eingeständnis aber ermöglicht uns das, was ich als den Kern einer Resonanzbeziehung bezeichne: einen Modus des «Hörens und Antwortens»", sagt der Soziologe. Rosa bezieht sich auf Hannah Arendts Begriff der «Natalität», die menschliche Fähigkeit, Neues entstehen lassen zu können, wenn man aufeinander eingeht. Rosas Hoffnung: "Wir müssen also andere Stimmen hören und gleichzeitig selbst Stimme sein. Resonanz basiert auf der Einsicht, dass wir nicht allmächtig sind und dass wir manchmal auf Kontrolle verzichten müssen, dass wir aber durchaus mitwirken können. Wir sollten deshalb in der Coronavirus-Krise eine Chance erkennen, um gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen. Wir sollten uns als Bürger aufgefordert sehen, bei der Transformation mitzumachen und uns in den Diskurs einzubringen."
Der Soziologe Hartmut Rosa sagt: «Eine Spaltung zwischen den Generationen liegt im Bereich des Möglichen», NZZ 3.4.20

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Wie resilient sind wir, wenn die Normalität zusammenbricht? 
Mittwoch, 8. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Die Corona-Krise ist nicht nur eine Bedrohung unserer körperlichen Gesundheit. In Zeiten der physischen Distanzierung sind wir gnadenlos auf uns selbst zurückgeworfen bzw. auf den Kreis unserer Nächsten, mit denen wir zusammenleben. Aus Studien zu den Folgen von Quarantäne im Kontext von Ebola oder Sars weiß die Wissenschaft, wie Menschen auf Isolation reagieren. "Während der Quarantäne fanden sich bei Erwachsenen erhöhte Raten von posttraumatischen Stresssymptomen, Vermeidungsverhalten und Ärger. Dazu kamen Langeweile, Frustration und ein Gefühl der Isolation vom Rest der Welt, das die Menschen zusätzlich belastete. Auch unklare Informationen zum Grund der Quarantäne und über die tatsächlichen Risiken waren zusätzliche Stressoren. Unmittelbar nach der Quarantäne überwogen finanzielle Sorgen und Stigmatisierung", schreibt etwa die ZEIT. Der Artikel listet eine ganze Reihe von Tipps aus der Verhaltenspsychologie auf, wie sich die negativen Folgen des erzwungenen Rückzugs besser meistern lassen. Sport treiben, meditieren, den Kontakt zu Freunden über digitale Kanäle aufrechterhalten, anderen Menschen helfen ... Natürlich sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass all diese Aktivitäten dazu beitragen können, das eigene psychische Befinden zu verbessern. Es sind allerdings alles auch Versuche, eine gewohnte Normalität so gut es eben geht aufrechtzuerhalten und den herausfordernden und schlimmen Gefühlen, von denen man heimgesucht wird, zumindest temporär zu entfliehen. Ich frage mich ja, ob es nicht auch Wege gibt, sich erst einmal ganz bewusst mehr mit all den Brüchen, die unser Leben heute durchziehen, auseinanderzusetzen. Die Ängste wirklich zu betrachten. Die eigene Ohnmacht anwesend sein zu lassen. Denn gerade an dieser Kante lernt man sich und damit das Leben besser kennen. Versteht die eigenen Schwächen mehr. Und erkennt, wann man am liebsten weglaufen möchte. Ich erlebe solche Momente als sehr kostbar. Sie sind fast so etwas wie eine durch die äußeren Umstände ermöglichte Konfrontationstherapie. Wenn man immer wieder erlebt, dass die Erschütterung immens sein kann, man aber immer noch atmet, tut sich manchmal auch etwas auf. Etwas, das man von einem Ort der Sicherheit aus nicht erahnen kann. Können wir uns vielleicht in solchen Grenzgängen unterstützen?
Was Massenquarantäne mit uns macht, Zeit.de 1.4.20

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Stress-Test für die menschliche Zivilisation 
Dienstag, 7. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Während wohl die meisten Menschen zur Zeit in Gedanken vor allem damit beschäftigt sind, wie und wann wir die Corona-Krise am besten überwinden, wagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen bereits einen Blick in die Zukunft. "Die Co­ro­na­kri­se wirkt der­art trans­for­ma­tiv, weil sie zu den mensch­li­chen Angs­t­re­fle­xen und Wahr­neh­mungs­mus­tern passt. Sie han­delt ganz di­rekt von der Ge­fahr für das ei­ge­ne Le­ben und das der Nächs­ten, nicht pri­mär vom Über­le­ben der an­de­ren oder der mensch­li­chen Spe­zi­es ins­ge­samt", erklärt er das Phänomen, das gegenwärtig weltweit die Menschen an einem Strang zu ziehen scheinen. Aufgrund der besonderen Betroffenheitskonstellation - wir alle, gleich wer wir sind und wo wir uns aufhalten, können dem Virus nicht entfliehen - sieht er gegenwärtig eine große Wandlungsbereitschaft der globalen Bevölkerung. Und doch ist er skeptisch, daraus weitere positive Zukunftsszenarien abzuleiten. Für ihn sind "ko­gni­tiv we­ni­ger leicht zu ver­ar­bei­ten­de Kri­sen mit noch grö­ße­ren Ri­si­ken wie der men­schen­ge­mach­te Kli­ma­wan­del der ei­gent­li­che Test­fall mo­der­ner Ge­sell­schaf­ten". Er fragt: "Wer­den Men­schen ihr Vor­stel­lungs­ver­mö­gen so ra­di­kal er­wei­tern und ihre pro­gnos­ti­sche und sys­te­mi­sche In­tel­li­genz der­art schu­len, dass sie ir­gend­wann un­ab­hän­gig von der kurz­fris­ti­gen per­sön­li­chen Ge­fähr­dung agie­ren?" Mit Blick auf den Klimawandel ist das die große Frage. Wir mögen Wege finden, die Corona-Pandemie irgendwie in den Griff zu bekommen. Aber tun wir dies in einer Haltung, die nur darauf wartet, sich dann wieder in die von zuvor gewohnte Normalität zurückzulehnen? Oder sind wir bereit, aus den Erfahrungen der Corona-Zeit lernend auch im Hinblick auf all die anderen großen zivilisatorischen Fragen Neuland zu beschreiten?
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen erklärt, warum wir so rasant aus der Krise lernen, 28.3.20

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Einfach mal abschalten? 
Montag, 6. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Es ist schon auffallend - noch nicht einmal drei Wochen ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen, und schon häufen sich in den Medien die Tipps, wie man runterkommen kann bei all dem Corona-Stress. Einfach mal abschalten, ist eine Devise, die in diesen Tagen vielfach ausgegeben wird. Öko-Test beispielsweise hat gerade eine - sehr gute - Übersicht über Meditations-Apps veröffentlicht (eine Empfehlung für alle, die auf der Suche nach solchen Tools sind) und schreibt: "Gerade in Zeiten wie der Corona-Krise, wo Sorgen und Existenzängste ständige Begleiter sind, ist es wichtig, auch mal abzuschalten. Achtsamkeits-Apps versprechen Nutzern mehr Ausgeglichenheit." Ich mag das gar nicht kritisieren. Etwas für die geistige Gesundheit zu tun, sollte so alltäglich sein wie das Zähneputzen. Was mich jedoch zu stören beginnt, ist, dass solche Botschaften, gerade mit Bezug auf Corona, permanent zum inneren Rückzug animieren. Dabei brauchen Krisenzeiten vielleicht vor allem unsere Zuwendung - und zwar nicht nur zu uns selbst, sondern zu dem, was gerade geschieht. Auch darüber kann man meditieren.
Entspannung in Corona-Krise: Mit diesen Apps lernen Sie meditieren, Öko-Test 30.3.20

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"Ohne moralischen Fortschritt gibt es keinen echten Fortschritt" 
Freitag, 3. April 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Für den Philosophen Markus Gabriel wirft die Corona-Krise die Frage auf, ob sie nicht "eine Immunreaktion des Planeten gegen die Hybris des Menschen, der unzählige Lebewesen aus Profitgier zerstört" sein könnte. "Das Corona-Virus offenbart die Systemschwächen der herrschenden Ideologie des 21. Jahrhunderts. Dazu gehört der Irrglaube, dass wir durch naturwissenschaftlich-technologischen Fortschritt alleine schon menschlichen und moralischen Fortschritt vorantreiben können. Dieser Irrglaube verführt uns dazu zu glauben, die naturwissenschaftlichen Experten könnten allgemeine soziale Probleme lösen", kritisiert Gabriel in einem Essay. Und er findet: "Ohne moralischen Fortschritt gibt es keinen echten Fortschritt." Der Philosoph zieht auch den Vergleich zur Klimakrise, die ungleich umfassender sei als das, was uns gerade in Form eines Virus begegnet. Doch die Klimakrise ist eben weniger deutlich sichtbar und vor allem hat sie - noch - deutlich weniger Auswirkungen auf die Wohlstandsregionen der Welt. Gabriel findet: "Wir brauchen eine neue Aufklärung, jeder Mensch muss ethisch ausgebildet werden, damit wir die gigantische Gefahrenlage erkennen, die darin liegt, dass wir blind der Naturwissenschaft und Technik folgen." Sein Blick in die Zukunft und seine Forderung: "Nach der virologischen Pandemie brauchen wir eine metaphysische Pan-Demie, eine Versammlung aller Völker unter dem uns alle umfassenden Dach des Himmels, dem wir niemals entrinnen werden. Wir sind und bleiben auf der Erde, wir sind und bleiben sterblich und fragil. Werden wir also Erdenbürger, Kosmopoliten einer metaphysischen Pandemie. Alles andere wird uns vernichten und kein Virologe wird uns retten."
Wir brauchen eine metaphysische Pandemie“, Universität Bonn 20.3.20

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