Wenn die Bildung immer mehr verflacht 
Donnerstag, 10. März 2016 - Wissenschaft
Eigenständiges Denken, ein umfassendes Verständnis von Welt - in der deutschen Bildungslandschaft kommen Fähigkeiten wie diese in den Augen von Hans Peter Klein, Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt, viel zu kurz. "Der mit den Bildungsstandards von 2004 eingeführte Begriff der Kompetenz als das Mantra der neuen neoliberalen Bildungsoffensive hat rein bildungsökonomischen Charakter. Kompetenzen sind definiert als Fähigkeiten, mit denen sich in der Schule, im Beruf oder im Leben Probleme lösen lassen. Es geht in Schulen und Hochschulen nicht mehr darum, etwas zu lernen, was an sich interessant ist oder einen Wert in sich selbst trägt, es geht nicht mehr um die Sachen oder Inhalte selbst, sondern nur noch darum, inwiefern die uns nützen können", kritisiert er. Ein tiefgründiges Durchdringen von Inhalten treten hingegen immer mehr in den Hintergrund.
"Deutschland ist auf dem Weg in die Inkompetenz", WiWo 1.3.16



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Mit Innehalten Vorurteile überwinden 
Dienstag, 1. März 2016 - Wissenschaft
Eine Studie der Universität Bern zu Zeitabläufen im Gehirn bei sozialen Entscheidungsprozessen bringt interessante Ergebnisse zutage. Die Forscher ließen Probanden Parteien und Fußballclubs, die sie mögen und nicht mögen, jeweils mit positiven Zuschreibungen belegen. Dabei zeigten die EEG-Messungen, dass die Prozesse im Gehirn in den Fällen, in denen eine eher ungeliebte Gruppe positiv bewertet werden sollte, mehr Zeit in Anspruch nahmen. Vielleicht könnte man sagen, das eigene Vorurteil außer Acht zu lassen, braucht im Gehirn einfach etwas mehr Rechenleistung. Spannend daran finde ich die möglichen sozialen Implikationen. Was wäre, wenn wir im Alltag öfter solche Phasen des "Resets" bewusst einbauen? Wenn wir nicht impulsiv unser gewöhnliches Verhaltensrepertoire abspulen, sondern bewusst ganz offen werden, neugierig, unvoreingenommen?
Vorurteile wegmogeln kostet Zeit, mehr nicht, spektrum.de 23.2.16

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Empathie - lebendiger Organismus zwischen Selbst und anderen 
Montag, 29. Februar 2016 - Wissenschaft
Empathie, die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ist nicht allein eine Eigenschaft des Selbst, sie spiegelt immer auch unser Verhältnis zu äußeren Gegebenheiten wider. Ihre Ursprünge reichen zurück bis zu den Frühmenschen, die, um gemeinsam erfolgreich jagen zu können, eine subtile Form geteilter Intentionalität entwickeln. In modernen Gesellschaften entwickelt sich das empathische Selbst in komplexen emotionalen Situationen. Kinder, deren emotionaler Zustand von Eltern angemessen aufgenommen wird, lernen auf diese Weise, auch in verbundener Bezogenheit mit anderen zu agieren. Wissenschaftliche Studien zeigen immer wieder, dass starke äußere Reize oder gesellschaftlich geprägte Perspektiven diesen inneren Kompass stark beeinflussen können. Eine Studie der Princeton University etwa dokumentiert, dass unter Stress der Selbstbezog stärker werden kann, während die Bereitschaft, die Bedürfnisse anderer in Erwägung zu ziehen, abnimmt. Zwei Testgruppen von Studenten wurden zu einem Auftrag geschickt. In der Gruppe, die dabei keine zeitlichen Vorgaben hatte, boten beinahe zwei Drittel auf ihrem Weg einem verletzten Mann am Straßenrand ihre Hilfe an. In der zweiten Gruppe, die unter Zeitdruck gesetzt worden war, waren es indes nur vier Prozent. Auch die Vielfalt emotionaler Reize, denen Menschen in der digitalen Welt ausgesetzt sind, können unseren Empathie-Kompass herausfordern. "Wir erhalten ein solches Überangebot an Situationen, Gefühlen und Selbstdarstellungen anderer, dass wir gar nicht an allem teilnehmen können", sagt etwa die Entwicklungspsychologin Doris Bischof-Köhler. Eine Überforderung, die auch zur Abstumpfung führen könne. Und dennoch scheinen die Entwicklungen in der Welt uns geradezu aufzufordern, den Radius unserer Empathie immer weiter werden zu lassen. Was man dabei auch im Blick behalten sollte: Das empathische Selbst wäre in einer empathischeren Welt ja nicht nur ein "Gebendes" - es würde gleichermaßen von der Empathie anderer getragen.
Ich weiß, wie du dich fühlst, Zeit online 15.2.16

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Bezug zu etwas Größerem stärkt Kooperation 
Freitag, 19. Februar 2016 - Wissenschaft
Forscher der University of British Columbia sind der Frage nachgegangen, ob Religionen möglicherweise die frühe Basis gelegt haben, dass Menschen geneigt sind, mit anderen, weit entfernten Gesellschaftsmitgliedern zu kooperieren und so die Entwicklung größerer Zivilisationen möglich zu machen. "Der Glaube an moralische, strafende und allwissende Götter könnte die Ausdehnung der Kooperation, des Vertrauens und der Fairness auch auf entfernte Religionsgenossen gefördert haben", erklärt Benjamin Grant Purzycki. Die Wissenschaftler testeten diese These in einem Spielexperiment mit 591 Menschen aus acht Kulturen, darunter Jäger und Sammler in Tansania, Viehzüchter und Bauern in der Südsee und Brasilien und Angehörige von Kulturen mit Lohnarbeit in Sibirien oder auf Mauritius. Sie gehörten Religionen wie dem Christentum, Hinduismus und Buddhismus an oder glaubten an Natur- oder Ahnengeister. Die Probanden bekamen die Aufgabe, eine bestimmte Geldsumme zwischen einem Topf für einen entfernten, ihnen unbekannten Religionsgenossen und einem Topf für sich selbst oder ein lokales Mitglied ihrer Religion aufteilen. "Je stärker die Teilnehmer ihre Götter als strafend und als allwissend beschrieben, desto mehr Münzen teilten sie dem geografisch entfernten, ihnen fremden Religionsgenossen zu", so das Ergebnis. Menschen, die in einer Religion lebten, die an einen strafenden Gott glaubt, ließen den entfernt lebenden Glaubensgenossen fünf Mal mehr Münzen zukommen als diejenigen, die eine göttliche Strafe nicht fürchteten. Die Wissenschaftler deuten, dass der Glaube an einen moralischen, strafenden Gott zu einer Ausweitung der frühen Gesellschaften beigetragen haben könnte und den Zusammenhalt auch großer Gruppen förderte. "Er verstärkt das faire Verhalten gegenüber entfernten, fremden Glaubensgenossen und trägt damit zu einer Expansion des prosozialen Verhaltens bei", so Purzycki.
Religion als Triebkraft für Zivilisationen? wissenschaft.de 10.2.16

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Die Herzensqualitäten in der Welt wiederentdecken 
Montag, 15. Februar 2016 - Wissenschaft
Meditation und Achtsamkeit sind zu einem Trendthema in der Arbeitswelt avanciert. Einerseits, weil die nicht länger ignorierbaren wachsenden Burn-out-Raten nach neuen und konstruktiveren Handlungsweisen im Alltag fragen, andererseits, weil sich viele Menschen versprechen, durch eine bessere Fokussierung und mehr innere Klarheit schlicht besser unter den Umständen des Gegebenen zu funktionieren. In Kreisen vieler Neurowissenschaftler mehrt sich indes die Skepsis, dass bei aller Euphorie über die positiven Wirkungsstudien zu Meditation etwas wesentliches übersehen wird und immer mehr in den Hintergrund gerät - nämlich das, was "eigentlich" die Besonderheiten von Achtsamkeit ausmacht. Paul Grossman, Direkter des Europäischen Zentrums für Achtsamkeit in Freiburg, sagt etwa in einem Interview mit "Psychologie heute": "In vielen Adaptionen wird Achtsamkeit vor allem als Aufmerksamkeitsübung instrumentalisiert. Es gibt aber wesentliche Qualitäten des Phänomens, die weit über Entspannung und Konzentration hinausgehen. Es geht um eine relativ unvoreingenommene Wahrnehmung, die Freundlichkeit, Großzügigkeit, Mitgefühl, Toleranz, Offenheit und Mut einschließt. Diese Qualitäten zusammen ergeben eine ethische Haltung, und damit meine ich absolut nichts Religiöses. Diese Haltung zu kultivieren ist weit anspruchsvoller, als einfach nur aufmerksam zu sein. Die Aufmerksamkeit, von der im Achtsamkeitsansatz die Rede ist, ist eine sehr spezifische, die von den genannten Herzensqualitäten durchdrungen ist. Das ist die eigentliche Herausforderung von Achtsamkeit." Meditation einfach im Sinne der Kompensation zu praktizieren, mag zwar kurzfristig individuelle Wohlgefühle auslösen. Die Frage ist aber auch, wie lange dies funktioniert, wenn die Welt selbst sich im alten Trott weiterdreht. Die Herzensqualitäten, von denen Grossman spricht, hätten hingegen, werden sie von vielen Menschen ganz bewusst kultiviert, das Potential, die Umstände, die uns heute in die Erschöpfung treiben und uns nach Erholung sehnen lassen, von Grund auf zum Besseren zu wenden. Beim Kongress Meditation & Wissenschaft, der am 25./26. November 2016 in Berlin stattfinden wird, wird Paul Grossman darüber sprechen, welche Relevanz die von ihm ins Spiel gebrachte ethische Dimension entfalten kann.
Psychologie heute, Januar 2016

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Besser alles auf eine Karte setzen 
Montag, 14. Dezember 2015 - Wissenschaft
Alternativen zu haben, erscheint den meisten Menschen als willkommene Absicherung. Wenn Plan A daneben geht, kann man immer noch auf Plan B zurückgreifen. Wissenschaftler der Universität Zürich hingegen kommen zu einem anderen Schluss. Sie haben ein neues Modell entwickelt, mit dem sich die Verwendung und Nützlichkeit von Alternativplänen analysieren lässt. Ihre Kernthese: Alternative Pläne entfalten immer Wirkung, selbst man gar nicht aktiv auf sie zurückgreift und sie umsetzt. Zwar können Alternativen das Selbstvertrauen steigern, doch lenken sie in den Augen der Wissenschaftler auch allzu leicht ab, den eigentlichen Plan mit vollem Engagement zu verfolgen. Je mehr man in die Entwicklung von Alternativen investiert habe, umso stärker könne dies der Fall sein. Das kann bis zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen - man scheitert mit den ursprünglichen Ambitionen, weil man in Gedanken bereits beim eingetretenen Fehlschlag ist.
Keine Alternative ist auch eine Alternative, Psychologie heute 4.12.15

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Illusionärer Wohlstand 
Mittwoch, 9. Dezember 2015 - Wissenschaft
Mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Basis zur Messung des Wohlstandes hadern inzwischen viele, unter anderem, weil es einen "illusionären Wohlstand" abbilde, wie es der Ökonom Hans Diefenbacher ausdrückt. Das geschieht dann, wenn gemessenes Wirtschaftswachstum an anderen Stellen zu negativen Folgen führt, die dann unter Aufwendung eines Teils des erreichten Wachstums wieder beseitigt werden müssen. Diefenbacher schlägt deshalb alternative Betrachtungsweisen vor: "Der Nationale Wohlfahrtsindex beruht zunächst auf den Konsumausgaben, die mit der Einkommensverteilung gewichtet werden. Je ungleicher die Einkommen, desto geringer ist der Beitrag des Konsums zur gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt. Anschließend werden eine Reihe von Dingen hinzugerechnet, die wohlfahrtsstiftend, aber nicht im BIP enthalten sind, vor allem Hausarbeit und ehrenamtliche Tätigkeit. Und dann gibt es eine lange Liste an Positionen, die wir abziehen, weil sie sozial-ökologischen Kosten entsprechen, die im BIP nicht oder mit falschem Vorzeichen enthalten sind: Kosten für den Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen, Luftverunreinigungen durch Schadstoffe, Unfälle und Kriminalität etwa." Die Vorteile dieses neuen Indizes liegen darin, dass er Wachstum nicht als Größe für sich betrachtet, sondern in den Kontext gesellschaflticher und ökologischer Fragestellungen stellt. "Er kann nur dann weiter steigen, wenn Sie negative Effekte stark mindern", erklärt Diefenbacher. Er hofft, "dass die Politik einen stärkeren Blick auf Fragen der Einkommensverteilung und auf die ökologische Belastung der Wirtschaft bekommt".
Weg vom BIP-Wachstumswahn, Der Freitag 1.12.15

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Positiv denken bewirkt oft das Gegenteil 
Donnerstag, 5. November 2015 - Wissenschaft
Wer ein Ziel erreichen möchte, sollte besser nicht zu positiv denken, denn das kann leicht ins Gegenteil kippen. Die Psychologin Gabriele Oettingen untersuche in verschiedenen Studien die Wirkungen positiver Phantasien und stellte dabei fest, dass Menschen, die sich das Erreichen ihrer Ziele zu rosig ausmalen, sie oft nicht im gewünschten Maß erreichen. "Wunschträume und Phantasien sind ja auch durchaus sinnvoll. Sie machen gute Laune, helfen zu entspannen. Aber sie stehen uns im Weg, wenn es darum geht, tatsächlich eine Aufgabe anzupacken, Ziele zu erreichen", so Oettingen. Wer sich schon in Siegerpose wahrnehme, bringe oft weniger Energie auf, sein Ziel tatsächlich zu erreichen. Die Psychologin rät deshalb zu einer Methode, die mentales Kontrastieren beinhaltet - man stellt sich nicht nur die Erfüllung eines Wunsches vor, sondern auch mögliche Hindernisse auf dem Weg und mögliche Wege, diese zu überwinden. "Während die Zukunftsphantasien dem Handeln eine Richtung geben, liefert mir die Vorstellung der Hürden die Energie, sie zu überwinden", so Oettingen.
"Positives Denken hindert uns daran, Ziele zu erreichen", SZ 26.10.15

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