Gedankenexperimente berühren nicht so wie die Wirklichkeit 
Dienstag, 29. Mai 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
In der Wissenschaft wird häufig mit hypothetischen Fragestellungen und Gedankenexperimenten gearbeitet, um die Handlungsdispositionen von Menschen besser zu verstehen. Insbesondere wenn es bei solchen Versuchen moralisch betrachtet ans Eingemachte geht, ist die Lücke zwischen gedachtem Verhalten und der Realität jedoch groß. Belgische Wissenschaftler stellten Probanden vor die Wahl, dass entweder einer oder fünf Mäusen starke Schmerzen zugefügt werden. Bei den Probanden, die im Labor im Angesicht realer Mäuse einen entsprechenden Knopf drücken sollten, war die Wahrscheinlichkeit, sich für die eine Maus zu entscheiden, doppelt so hoch wie bei jenen, die die Frage nur hypothetisch beantworten sollten. Es zeigt sich, dass die Realität uns doch wesentlich mehr berührt als das Nachdenken darüber. Weshalb die Erkenntnisse hypothetischer Experimente auch mit Vorsicht zu genießen sind. Den Mäusen wurde im Labor selbstverständlich in keinem der Fälle Schmerz zugefügt.
In realen Zwickmühlen entscheiden wir anders, spektrum.de 17.5.18

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Unsere Persönlichkeit ist nie fertig 
Mittwoch, 23. Mai 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Die Psychologie ging lange davon, dass unsere Persönlichkeitsentwicklung im jungen Erwachsenenalter um die 30 nahezu abgeschlossen ist. Neuere Untersuchungen zeigen hingegen, dass selbst bis ins hohe Alter noch einschneidende Veränderungen nicht nur möglich sind, sondern auch gar nicht so selten vorkommen. Jule Specht, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin, hat in ihren Studien etwa festgestellt, dass etwa jeder fünfte Mensch um die 60 sich noch einmal gravierend verändert. Bisher waren solche Entwicklungen nicht so augenscheinlich, da Studien zur Persönlichkeit häufig vor allem mit jüngeren Menschen als Probanden durchgeführt werden und es kaum Längsschnittstudien über längere Zeiträume gibt. Da das soziooekonomische Panel inzwischen auch Daten zur Persönlichkeit erhebt, gibt es heute einen neuen Materialfundus. Specht fand zum Beispiel heraus, dass die Elternschaft Menschen weit weniger verändert als beispielsweise der Eintritt in das Berufsleben. Sie erklärt das damit, dass der Job uns mit konkreten sozialen Anforderungen und Erwartungen konfrontiert, an die wir uns anpassen, um erfolgreich zu sein. Eigentlich ist es interessant, sich einmal zu vergegenwärtigen, wie vergleichsweise wenig das Thema Persönlichkeitsentwicklung in unserer Kultur präsent ist. Sicher, in der Schule geht es noch um Entwicklung, aber allzu oft noch vor allem mit Blick darauf, später für den Beruf gerüstet zu sein. Und auch im Job stehen meist Qualifikationen im Fokus, auch wenn man sie heute gerne Soft Skills nennt. Aber sich immer wieder zu fragen, wer ich eigentlich bin, und, noch wichtiger, wer ich denn sein möchte, das hat kulturell kaum einen Stellenwert. Spechts Forschungen zeigen, wie lohnenswert es sein könnte, uns diese Fragen häufiger zu stellen.
"Die Persönlichkeitsentwicklung ist niemals fertig", Zeit.de 12.5.18

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Zerstört das Internet unser Leben? 
Donnerstag, 17. Mai 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Hunderte E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten rauschen jede Woche durch unsere Smartphones. Hier schnell etwas googeln, in der Mediathek die neuesten Nachrichten schauen, regelmäßig checken, was in den sozialen Netzwerken los ist. Wohl jeder hat bisweilen das Gefühl, dass das alles zu viel ist. Uns rauscht der Kopf und es fällt nicht leicht, in dieser Flut der digitalen Bewegung noch den Überblick zu behalten. Der Mediziner und Hirnforscher Manfred Spitzer gehört zu den großen Kritikern dieser Digitalisierungs-Verwerfungen. Mit seinen Büchern über digitale Demenz und Cyberkrankheit erzielt er einen Publikumserfolg nach dem anderen - weil das, was er sagt und schreibt, die Wahrnehmung vieler bestätigt. Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung geht nun sehr kritisch auf Spitzers Arbeiten ein. Der Beitrag zeigt, dass Spitzer wissenschaftliche Erkenntnisse recht freihändig und im eigenen Sinne deutet. Daten, die seine Thesen nicht unterstützen, lässt er anscheinend außen vor. Das Fazit des Beitrages: Anscheinend ist alles gar nicht so schlimm, wie Spitzer behauptet. Womöglich ist Spitzer tatsächlich nicht so wissenschaftlich, wie er sich gibt. Und vor populistischen Zuspitzungen schreckt er ganz sicher nicht zurück. Die Problematik zeigt aber auch: Wissenschaftliche Fakten haben keine Aussagekraft für sich, sie bedürfen eines Kontextes und einer Deutung. Und hier kommen sehr schnell Weltbilder und Absichten ins Spiel. Vielleicht ist die Spitzer-Euphorie auch der Tatsache geschuldet, dass viele Fachpublikationen immer neue Tipps geben, wie wir mit der Digitalisierung unseres Lebens doch noch zu Rande kommen können. Wer versucht, am Ball zu bleiben, merkt dann oft schnell, dass dies ab einem bestimmten Punkt kaum noch möglich ist. Manchmal hilft nur das Abschalten der Geräte, um etwas Ruhe zu finden. Spitzer schreibt auch gegen den Zeitgeist an, das "Immer höher, immer schneller, immer weiter". Viele Menschen spüren, dass der Mensch eine Grenze der Anpassungsfähigkeit zu erreichen scheint - und sie haben einfach keine Lust mehr, sich immer mehr an die Zumutungen der Technik anzupassen. Dieses Phänomen könnte man sicher mit wissenschaftlichen Fakten belegen, wenn jemand mal Studien dazu machen würde. Spitzer dreht den Spieß vielleicht einfach rum - er erkennt das Phänomen und bastelt sich seine Beweise aus der Forschung, die schon gemacht wurde. Das ist vielleicht nicht immer wissenschaftlich redlich. Aber es deutet gleichermaßen auf eine Realität.
Über einen, der aus Ängsten Geld macht, SZ 8.5.18

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Fluides Führen will gelernt sein und braucht Empathie 
Dienstag, 15. Mai 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Die Digitalisierung macht das Arbeitsleben schneller und unüberschaubarer. An die Stelle von Hierarchien und der Möglichkeit der Kontrolle treten fluide Prozesse, Teamarbeit und permanente Bewegung. Das verändert die Aufgaben und Möglichkeiten von Führungskräften radikal. In einer Stepstone-Umfrage gaben sechs von zehn Fachkräften an, dass sie nicht den Eindruck haben, ihre Chefs seien diesem Paradigmenwechsel gewachsen. "Pläne, Aufgaben und Projekte, die bislang eher langfristig ausgelegt waren, erfordern nun immer häufiger eine kurzfristige Nachjustierung. Führungskräfte müssen die Fähigkeit besitzen, kurzfristige Änderungsprozesse ausreichend zu moderieren und kommunikativ stark aufzutreten. Ein permanenter Dialog mit Mitarbeitern wird unumgänglich, um sich ständig wechselnden Rahmenbedingungen anzupassen und schnelles Feedback zu erhalten. Gleichzeitig wird der Dialog künftig zur vielleicht größten Herausforderung für Führungskräfte. Denn mit der Digitalisierung werden auch die Möglichkeiten flexibler Arbeitsplätze zunehmen. Managern wird der unmittelbare Zugriff auf ihre Mitarbeiter dadurch erschwert", beschreibt Sebastian Dettmers, Geschäftsführer von Stepstone, die aktuellen Herausforderungen in der Wirtschaftswoche. Führungskräfte müssten die Fähigkeit zu einer "Shares Leadership" kultivieren, Aufgaben und Verantwortung delegieren können, und zahlreiche ineinandergreifende Arbeitsprozesse und Team eher navigieren und moderieren denn bestimmen. Empathie sei hier ein wesentlicher Anker, damit die Komplexität nicht auseinanderfalle. "Persönlichkeit lässt sich nicht digitalisieren", so Dettmers. Und womöglich wird die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit künftig immer mehr zu einer zentralen Führungsaufgabe.
Der alte Führungstyp hat ausgedient, WiWo 2.5.18

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Zu viel geteilte Freude verliert sich leicht 
Montag, 7. Mai 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
"Geteilte Freude ist doppelte Freude", weiß der Volksmund. Und sicher kennt jeder die Erfahrung, dass man in freudigen Momenten noch glücklicher ist, wenn man dabei nicht alleine ist. Eine amerikanische Studie zeigt nun, dass auch das Gegenteil der Fall sein kann. Wissenschaftler fanden in verschiedenen Settings heraus, dass Freude, beispielsweise an Musik oder einem besonderen Genuss, schneller verfliegt, wenn man sie mit vielen Menschen teilt. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese inflationäre Freude einen Sättigungseffekt mit sich bringt, was auch der Tatsache geschuldet sein könnte, dass wir durch soziale Medien mit so vielen Vorlieben in Kontakt kommen, die den Zauber des Besonderen schneller verfliegen lassen, weil sie nicht mehr einzigartig sind. Es ist vielleicht nicht so, dass wir anderen die gleiche Freude, die wir selbst empfinden, nicht gönnen. Doch unbewusst ist Freude womöglich mit der Ahnung des Einzigartigen verbunden. Das, was alltäglich ist, verliert dann diesen erhebenden Effekt. Andererseits zeigen Studien zur Achtsamkeit, dass sich, wenn man den eigenen Blickwinkel verändert, auch im Alltäglichen große Freude einstellen kann - schlicht, weil wir dann nicht mehr vergleichen oder bewerten, sondern einfach ganz da sind. Eine Form der Freude, die keine Sättigungsgrenze hat, wenn man bei der Sache bleibt, denn dann ist jeder Moment neu und eine Überraschung ...
Geteilte Freude ist halbe Freude, spektrum.de 13.4.18

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Gott konkurriert mit dem Wohlfahrtsstaat 
Freitag, 4. Mai 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Schwindendes religiöses Interesse scheint insbesondere ein Phänomen in Ländern zu sein, die über leistungsstarke Wohlfahrtssysteme verfügen. Das illustriert eine Studie, für die die Daten von mehr als 455 000 Personen aus 155 Nationen ausgewertet wurden, darunter Christen, Muslime, Hindus oder Buddhisten. In Ländern, in denen die Sozialsysteme eher schwach sind, war der Glaube der Menschen stärker ausgeprägt als in solchen, die über gute soziale Absicherungen verfügen. Die Wissenschaftler deuten ihre Ergebnisse dahingehend, dass Religiosität nicht nur ein spirituelles Phänomen ist, sondern aufgrund ihrer psychologischen Entlastungsfunktion für Menschen eine Zuflucht biete vor den widrigen Umständen des Alltags. Sie stille das Bedürfnis nach Sicherheit.
Wer dem Staat vertraut, braucht keinen Gott, SZ 26.4.18

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Staus erhöhen Aggressionspotential 
Donnerstag, 3. Mai 2018 - Psychologie, Studien
Im Stau zu stehen, kann richtig nerven. Das hinterlässt nicht nur in der eigenen Befindlichkeit Spuren. Amerikanische Wissenschaftler fanden heraus, dass es nach besonders schlimmen Staus in der Verbrechensstatistik zu einer Erhöhung der gewaltsamen Vorfälle in Partnerschaften und Beziehungen um zehn Prozent kommt. Bei Eigentumsdelikten zeigte sich dieser Zusammenhang nicht. Staus wirken sich also eher auf Verbrechen aus, die mit hochkochenden Emotionen zu tun haben. Ähnliche Beobachtungen gibt es auch in Städten nach Sportereignissen, bei denen die Heimmannschaft verloren hat - bei besonders wichtigen Spielen liegt die Gewalttätigkeit dann sogar um mehr als zehn Prozent höher als an anderen Tagen. Die Wissenschaftler geben zu bedenken, dass ihre Untersuchung nur die Spitze eines Eisberges zeige, denn nicht alle Menschen, die ein Stau emotional in Rage versetzt, agieren diese Emotionen auch aus. Psychosomatisch schädlich sind sie dennoch.
Mehr Stau auf den Straßen - mehr Gewalt daheim, spektrum.de 23.4.18

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Meditieren gegen den Lärm des Stadtlebens 
Mittwoch, 2. Mai 2018 - Bewusstsein, Psychologie
Wie laut das moderne Leben ist, insbesondere in der Großstadt, nehmen wir allzu oft schon gar nicht mehr wahr. Ungesund ist es für uns dennoch. Am Tag des Lärms nutzten Mitarbeiter der Heiligenfeld-Kliniken die Gelegenheit, auf dieses Zivilisationsdilemma hinzuweisen. Sie luden mitten im Berliner Hauptbahnhof zur öffentlichen Meditation ein. "Lärm verursacht eine körperliche Anspannung, Lärm bedeutet Gefahr und es kostet den Körper große Mühe, die Geräusche zu ignorieren", so Sven Steffes-Holländer, Chefarzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Es mache einen großen Unterschied, ob man selbst Lärm verursache oder ihm unerwünschter Weise ausgesetzt werde, ohne etwas dagegen tun zu können. "Nicht selbst gewählter Lärm erzeugt Ohnmachtsgefühle und Kontrollverlust", so Steffes-Holländer. Wer dauerhaft Geräuschen in der Lautstärke vorbeifahrender Autos ausgesetzt sei, leide vermehrt unter unter Schlafstörungen, Herz-Rhythmus-Störungen und Muskelverspannungen. Auch Bluthochdruck, Stoffwechselstörungen und erhöhte Aggressivität können durch zu viel Lärm hervorgerufen werden. "Das gesamte Nervensystem ist gereizt", erklärt Steffes-Holländer. Er empfiehlt, wann immer es geht, für Phasen der Ruhe im eigenen Leben zu sorgen, und seien es nur wenige Minuten zwischendurch.
Tag gegen den Lärm. Klinikärzte meditieren mit Passanten im Hauptbahnhof, Berliner Zeitung 25.4.18

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