Wie das Ich unser Arbeitsgedächtnis im Griff hat 
Montag, 13. Mai 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Unser Ich scheint manche unserer Gehirnfunktionen stärker zu dominieren, als uns das im Alltag bewusst ist. Die Forschung weiß zum Beispiel, dass wir uns an andere Menschen im Rückblick besser erinnern können, wenn wir mit ihnen über uns selbst gesprochen haben. Dieser so genannte Selbstreferenzeffekt, zeigt sich einer neuen Untersuchung zufolge nicht nur im Langzeitgedächtnis, sondern scheint auch in unserem Arbeitsgedächtnis wirksam zu sein. Die internationale Studie ließ Probanden in einem Test Farbkreise assoziieren mit Ich, Freund und Fremder. Es wurden jeweils zwei Farbkreise angezeigt und fünf Sekunden später wurde den Testpersonen ein schwarzer Kreis angezeigt und sie sollten per Tastendruck angeben, ob dieser auf der gleichen Position wie zuvor einer der Farbkreise erschien. In den Reaktionen der Probanden zeigte sich, dass diese umso schneller waren, wenn der schwarze Kreis an einer Stelle erschien, an der zuvor ein farbiger Ich-Kreis zu sehen war. Und diese schnellere Reaktion stellte sich selbst dann kontinuierlich ein, wenn der schwarze Kreis doppelt so häufig auf der Freund- oder Fremder-Position angezeigt wurde. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich auch hierbei um besagten Selbstreferenzeffekt handelt. Da das Arbeitsgedächtnis eine wesentliche Rolle bei unseren Entscheidungen und Handlungen spielt, wirft die Studie die Frage auf, ob sich diese Ich-Zentrierung im Denken überhaupt beeinflussen lasse.
Der Egozentriker in uns, spektrum.de 24.4.19

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Kranke Arbeitswelt 
Freitag, 10. Mai 2019 - Lebensart, Psychologie, Studien, Arbeit
Zwang früher vor allem schwere körperliche Arbeit Menschen schon vor Erreichen des Rentenalters in die Knie, sind es heute die psychischen Erkrankungen. Die Versicherung Swiss Life hat anhand ihrer Versichertendaten herausgefunden, dass sich in diesem Feld in den letzten zehn Jahren ein deutlicher Anstieg der Berufsunfähigkeit entwickelt hat. 37 Prozent derer, die ihren Beruf nicht mehr ausüben können, haben heute eine psychische Krankheit wie Burn-out, Depression oder Angststörungen. Vor zehn Jahren waren es noch 26 Prozent, was einem Anstieg um 40 Prozent entspricht. Wissenschaftler führen diese Entwicklung darauf zurück, dass heute mehr Sensibilität gegenüber psychischen Erkrankungen besteht und sie deshalb häufiger diagnostiziert und damit aktenkundig werden. Das mag sein. Aber sollte es uns nicht dazu führen, die Gesetzlichkeiten der Arbeitswelt viel offensiver zu hinterfragen?
Immer mehr Menschen wegen psychischer Erkrankungen arbeitsunfähig, spiegel.de 24.2.19

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Empathischer Egoismus? Wie bitte? 
Donnerstag, 9. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit, Management
Das Optimierungsdenken in der Arbeitswelt treibt immer neue Blüten. In der Wirtschaftswoche etwa proklamiert Björn Waide, CEO von Smartsteuer, einem Unternehmen, dass sich daran versucht, das Steuerwesen zu digitalisieren, "empathischen Egoismus" als Führungsstil der Zukunft. Die Empathie soll dabei die Ellbogen anscheinend etwas zügeln. "Wir brauchen einen gesunden Egoismus, der empathisch für den Egoismus der anderen ist. Dies zu moderieren, ist eine gewaltige Führungsaufgabe. Leadership im digitalen Zeitalter, das bedeutet daher auch, eine heterogene Ansammlung von Ich-AGs zu einer schlagkräftigen Einheit zu formen, Interessen auszugleichen, Konflikte zu moderieren und transparent zu kommunizieren. Wir müssen Räume schaffen, in denen genau diese empathischen Egoisten ihre individuellen Potentiale und Ziele einbringen können", so Waide. Von New-Work-Kuscheln hält er eher wenig. Ihm schwebt anscheinend eher ein Win-Win vor, in dem Egoisten sich nicht gegenseitig boykottieren, sondern gemeinsam ihre Vorteile maximieren. Bei Waide liest sich das dann so: "Es liegt an uns, den gesunden Egoismus durch kluge und empathische Führung im Sinne der Organisation in wertschöpfende Bahnen zu kanalisieren. Genau dies wird die große Herausforderung der Zukunft sein: Unternehmen zu schaffen, die die Interessen von Unternehmen und Mitarbeitern in Einklang bringen, sodass sich die eingebrachten Energien ergänzen und allseitig Nutzen stiften." Mich überkommt bei solch smartem Business-Sprech immer ein Abwehrreflex. Und ich wüsste gerne, was unter Waides "Allseitigkeit" so alles fällt. Ein Blick in den Duden kann da manches erhellen. Der beschreibt Egoismus wie folgt: "Haltung, die gekennzeichnet ist durch das] Streben nach Erlangung von Vorteilen für die eigene Person, nach Erfüllung der die eigene Person betreffenden Wünsche ohne Rücksicht auf die Ansprüche anderer; Selbstsucht, Ichsucht, Eigenliebe." Mal rein logisch gefragt: Kann der Verzicht auf Rücksicht gegenüber den Ansprüchen anderer "allseitigen Nutzen" stiften? Oder begegnet uns hier nur ein neues, perfides Wortspiel? Dann lächeln empathische Egoisten ihre Opfer vielleicht noch an, bevor sie zuschlagen ...
Unternehmen brauchen empathische Egoisten, WiWo 18.4.19

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Meditierende Soldaten 
Mittwoch, 8. Mai 2019 - Bewusstsein, Studien, Arbeit
Immer mal wieder gibt es Medienberichte, die auch die kontroversen Seiten des Achtsamkeits-Trends tiefer beleuchten. Das Magazin der SZ etwa hat in einem ausführlichen Bericht näher betrachtet, wie das amerikanische Militär Atem- und Konzentrationsübungen einsetzt. Soldaten werden dabei in zwei Bereichen mit Achtsamkeit in Berührung gebracht. Einerseits gibt es Kurse, die darauf abzielen, die Klarheit und Wachheit der Soldaten im Zuge ihrer Berufsausübung zu verbessern. Manche mögen hier innerlich aufschreien, denn darunter fällt natürlich auch, das, was man als Optimierung des Tötens bezeichnen könnte. Und dieser Gedanke ist nicht ganz falsch. Die Soldaten, die im SZ-Bericht zu Wort kommen, lassen aber auch erkennen, welche psychisch entlastenden und vielleicht auch lebensrettenden Wirkungen sich durch die Achtsamkeitsübungen ergeben. Von außen betrachtet, ist Krieg wohl ein schmutziges Geschäft. Doch die, die im SZ-Magazin über ihre Erfahrungen berichten, lassen auch erkennen, wie zerstörerisch die täglichen Herausforderungen im Einsatz sein können. Angst und Orientierungslosigkeit kosten immer wieder Menschenleben. Wer dagegen, gerade im Kampf, ein bisschen Ruhe bewahren kann, richtet vielleicht auch weniger Schaden an. Ein zweites wichtiges Feld für Achtsamkeit im Militär ist die Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen. Gerade die USA gehen seit vielen Jahren unter den Folgen der Kriegseinsätze in die Knie, den Hunderttausende Kriegsrückkehrer leiden an PTBS und Therapieplätze gibt es viel zu wenige. Für diese Soldaten kann Achtsamkeit ihr Leiden in vielen Fällen zumindest etwas lindern. Auch ich habe sehr gemischte Gefühle, wenn ich über diesen Themenkomplex nachdenke. Das SZ-Magazin kommentiert lakonisch, dass die beste Lösung wohl wäre, einfach auf Kriege zu verzichten. Bis wir uns als Menschheit dorthin entwickelt haben, kann Achtsamkeit vielleicht wenigstens dabei helfen, die "Kollateralschäden" unserer Unfähigkeit, in Frieden miteinander zu leben, etwas zu mindern.
Sollen Soldaten meditieren? SZ Magazin 15.4.19

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Neue Ausgabe von evolve - Soziale Achtsamkeit 
Dienstag, 7. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Medien
Achtsamkeit ist in aller Munde, was an und für sich erst einmal eine gute Sache sein könnte. Denn was sollte falsch daran sein, wenn Menschen sich bewusst entspannen möchten oder etwas dafür tun, um geistig wacher zu sein? Doch in den sehr individualistischen Kulturen westlicher Gesellschaften und insbesondere durch das wachsende Interesse in der Arbeitswelt an Mindfulness, entwickelt Achtsamkeit auch eine Konnotation, die sehr selbstbezogen ist. In vielen säkularen Kursen geht es vor allem darum, wie Achtsamkeit dem eigenen Ich gut tut. Der Blick darüber hinaus ist eher selten. In den spirituellen Traditionen war Achtsamkeit schon immer eine gemeinschaftliche Praxis - eingebettet in spirituelle Bezugssysteme, die Menschen mit etwas verbanden, das über sie hinausweist. In der heutigen Zeit ist die Gefahr nicht zu leugnen, dass Mindfulness ganz leicht schlicht zu einem Ego-Trip wird. Deshalb haben wir uns in der neuen Ausgabe von evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur des Themas "Soziale Achtsamkeit" angenommen, um "Die Kraft des Beziehungsraums" einmal stärker in den Blick zu rücken. Otto Scharmer, der gemeinsam mit der Künstlerin und Ausdruckstänzerin Arawana Hayashi das Social Presencing Theater entwickelt hat, deutet im Interview beispielsweise darauf, dass Presencing immer eine Form kollektiver Wachheit und ein gemeinsames sich in eine unbekannte Zukunft Lehnen bedeutet. Joe Brewer spricht in der neuen Ausgabe über soziale Verbundenheit im Kontext der globalen Krise, in der wir uns befinden. Stefan Krüskemper, ein Künstler, der mit der sozialen Plastik arbeitet, zeigt, wie aus kollektiver Kreativität Freiheit entsteht. Ich habe mich in meinem eigenen Artikel damit beschäftigt, wo Achtsamkeit im Business leicht zu kurz greift und sogar isoliert - und ich habe sehr zuversichtlich stimmende Beispiele gefunden, wie eine dialogisch verstandene Achtsamkeit uns auf neue Weise nicht nur in unserem eigenen Menschsein verankern kann, sondern uns zugleich mit anderen Menschen verbindet. Die neue Ausgabe von evolve ist ein Muss für alle, die sich mit Achtsamkeit beschäftigen. Zum Thema des Magazins gibt es auch eine Sendung von Radio evolve zum kostenlosen Download.

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Mehrarbeit wird immer mehr zum Standard 
Montag, 6. Mai 2019 - Studien, Arbeit, Management
Länger arbeiten als im Vertrag steht? Für 71 Prozent der deutschen Arbeitnehmer scheint dies nach Selbstaussagen inzwischen die Regel zu sein. Laut einer Umfrage in mehreren europäischen Ländern leistet so jeder im Schnitt 4 Stunden und 47 Minuten Mehrarbeit pro Woche. Im europäischen Schnitt betrifft regelmäßige Mehrarbeit nach eigenen Angaben 60 Prozent der Befragten. Die Zahlen könnten ein Indiz dafür sein, dass das vorgegebene Arbeitspensum in der vertraglich geschuldeten Zeit nicht zu schaffen ist, so dass die Beschäftigten eben nach dem eigentlichen Feierabend weiterarbeiten, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Im Bildungssektor arbeiten nach eigenen 69 Prozent der Befragten jede Woche um die fünf Stunden mehr. Auch in der Technologie-, Telekommunikations- und Finanzbranche geht es zur Sache. Hier leisten 15-20 Prozent der Befragten jede Woche um die zehn Stunden Mehrarbeit - über alle Branchen hinweg trifft das auf jeden achten Befragten zu.
Deutschland ist Spitzenreiter bei unbezahlten Überstunden, FAZ 10.4.19

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Mittelschicht wird für Jüngere schwerer erreichbar 
Freitag, 3. Mai 2019 - Lebensart, Studien
Die gefühlte Prekariatsstimmung, die in Deutschland in vielen Bevölkerungsgruppen immer wahrnehmbarer wird, auch wenn viele Fundametaldaten noch dagegenzusprechen zu scheinen, hat nun auch einen wissenschaftlichen Beleg. Eine OECD-Studie zeigt, dass es für die so genannten Millenials, also die zwischen 1983 und 2002 Geborenen, heute schwieriger wird als es für frühere Generationen war, ihren Platz in der Mittelschicht zu finden. Gründe dafür sind, dass heute zum Beispiel eine mittlere Ausbildung nicht mehr reicht, um ein mittleres Einkommen zu erzielen. Wo in der Elterngeneration der heute 40- bis 50-Jährigen häufig noch ein Einkommen ausreichte, um sich in der Mittelschicht einzurichten, ist heute eher das Doppelverdiener-Modell notwendig, ein Umstand, der auch Singles, vor allem in den Großstädten immer mehr zu schaffen macht. Denn, insbesondere in Deutschland, sind die Lebenshaltungskosten deutlich gestiegen. Hierzulande werden rund 35 Prozent des Einkommens fürs Wohnen fällig - im OECD sind es "nur" 32 Prozent, 1995 waren es allerdings noch 25 Prozent. Unter den Babyboomern (geb. 1942-1964) gehörten noch 71 Prozent der Menschen in ihren Zwanzigern der Mittelschicht an, in der Generation X (geb. 1965-1982) waren es auch noch 70 Prozent, bei den Millenials hingegen sind es nur noch 61 Prozent.
Unter 30-Jährigen gelingt immer seltener ein Aufstieg in die Mittelschicht, welt.de 10.4.19

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Sich mit "Musik" für Arbeit oder Entspannung tunen 
Donnerstag, 2. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Ich gebe es ja zu, ich bin ein Fan von Audio-Tracks, die so arrangiert wurden, dass sie beruhigen oder die innere Fokussierung unterstützen. Selbst wenn die wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit solcher Tracks noch dürftig sind - ich habe den Eindruck, diese Musik stimmt mich milder, wenn im Zug im Ruheabteil mal wieder alles um mich herum am Quatschen ist. Die App Endel geht noch einen Schritt weiter - sie webt aus kurzen elektronischen Klangmustern immer wieder neue Kompositionen - je nach Bedarf abstimmt auf Beruhigung oder Einschlafen, Fokussierung und konzentriertes Arbeiten. Wer auf abwechslungsreiche Begleitung am Schreibtisch Wert legt und nicht selbst Playlisten zusammenstellen möchte, könnte hier also finden, was er schon immer gesucht hat. Mich stört an Endel die Tatsache, dass hier die algorithmische Logik zu einer intensiven, ständigen Begleitung wird. Nicht, dass ich etwas gegen digitale Sounds hätte - Jean-Michelle Jarre zum Beispiel ist ein Meister seines Genres. Aber die Vorstellung, dass ich so viel von mir in ständigem Kontakt mit maschinellem Output bringe, widerstrebt mir irgendwie. Denn das prägt ja nicht nur unsere Befindlichkeit, sondern über längere Zeiträume auch unsere Hörgewohnheiten insgesamt.
Wie Automatenmusik bei der Arbeit hilft, WiWo 9.4.19

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