Sind Sie ein Aspirin-Meditierer? 
Dienstag, 14. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart
Man könnte Andy Puddicombe, Begründer der Meditations-App Headspace, als so etwas wie den Rockstar unter den Meditierern betrachten. Er war einer der ersten, die vor einigen Jahren erkannten, dass Meditation auch auf dem Smartphone funktionieren könnte. Seit einiger Zeit ist Headspace auch auf Deutsch erhältlich und hat hierzulande bereits eine Million User. Insgesamt nutzen mehr als 40 Millionen die App. In einem Interview mit der FAZ erzählt Puddicombe, wie er vor vielen Jahren selbst zum Meditieren kam. Einige traumatische Lebensereignisse waren für ihn der Anlass. Auch in den User-Gruppen von Headspace beobachtet er dieses Phänomen - Menschen haben die App zwar auf dem Handy, nutzen sie aber eigentlich nicht. Und irgendwann kommt dann der Tag, an dem etwas geschieht und sie merken, dass etwas innere Ruhe vielleicht helfen könnte. Puddicombe nennt sie die Lebensereignis-Meditierer. Dann gibt es da noch die Vitamin-User, die tendenziell regelmäßig ihre Übungen machen, damit erst gar kein Stress aufkommt. Und dann wären da noch die Aspirin-User - wenn's im Alltag knirscht, wird einige Male meditiert, doch sobald sich die Lage wieder beruhigt, bleibt das App-Icon nette Dekoration auf dem Display. Puddicombe ist ein Wanderer zwischen den Welten. Als jemand, der viele Jahre sehr intensiv meditiert, ist ihm die Tiefe der Meditation vertraut und auch ihr spiritueller Kontext. Er versucht, diese Ressource für moderne Lebensverhältnisse zu adaptieren. So haben seine Anfänger-Übungen eine Länge von maximal zehn Minuten - denn wenn sie länger dauern, schlafen die User nur ein. Ich bin bei solchen Beispielen immer ein wenig hin- und hergerissen. Ich finde seine Arbeit toll, weil er einen breitentauglichen Zugang zur Meditation entwickelt. Und gleichzeitig tragen Apps mit ihren spielerischen Ansätzen nicht unbedingt dazu bei, dass Menschen sich auf das tiefere Wesen des Meditierens wirklich einlassen. Denn kleine Übungshäppchen fordern uns nur bedingt heraus - und lassen uns so auch nur bedingt lernen. Ist vielleicht wie beim Marathonlaufen. Wenn ich es gewohnt bin, nur ein paar Kilometer zu laufen, wird mich die Langstrecke überfordern. Aber ich kann mich nur an sie heranhangeln, wenn ich die Übungsdosis erhöhe. Beim Meditieren gibt es zwar nie etwas zu erreichen. Ja, nie! Aber intensiveres Meditieren legt viel mehr Schichten unseres Menschseins frei. Und irgendwo da draußen fängt so etwas wie innere Freiheit an.
"Meditation ist nicht Nichtstun", FAZ 4.5.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Wie das Ich unser Arbeitsgedächtnis im Griff hat 
Montag, 13. Mai 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Unser Ich scheint manche unserer Gehirnfunktionen stärker zu dominieren, als uns das im Alltag bewusst ist. Die Forschung weiß zum Beispiel, dass wir uns an andere Menschen im Rückblick besser erinnern können, wenn wir mit ihnen über uns selbst gesprochen haben. Dieser so genannte Selbstreferenzeffekt, zeigt sich einer neuen Untersuchung zufolge nicht nur im Langzeitgedächtnis, sondern scheint auch in unserem Arbeitsgedächtnis wirksam zu sein. Die internationale Studie ließ Probanden in einem Test Farbkreise assoziieren mit Ich, Freund und Fremder. Es wurden jeweils zwei Farbkreise angezeigt und fünf Sekunden später wurde den Testpersonen ein schwarzer Kreis angezeigt und sie sollten per Tastendruck angeben, ob dieser auf der gleichen Position wie zuvor einer der Farbkreise erschien. In den Reaktionen der Probanden zeigte sich, dass diese umso schneller waren, wenn der schwarze Kreis an einer Stelle erschien, an der zuvor ein farbiger Ich-Kreis zu sehen war. Und diese schnellere Reaktion stellte sich selbst dann kontinuierlich ein, wenn der schwarze Kreis doppelt so häufig auf der Freund- oder Fremder-Position angezeigt wurde. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich auch hierbei um besagten Selbstreferenzeffekt handelt. Da das Arbeitsgedächtnis eine wesentliche Rolle bei unseren Entscheidungen und Handlungen spielt, wirft die Studie die Frage auf, ob sich diese Ich-Zentrierung im Denken überhaupt beeinflussen lasse.
Der Egozentriker in uns, spektrum.de 24.4.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Kranke Arbeitswelt 
Freitag, 10. Mai 2019 - Lebensart, Psychologie, Studien, Arbeit
Zwang früher vor allem schwere körperliche Arbeit Menschen schon vor Erreichen des Rentenalters in die Knie, sind es heute die psychischen Erkrankungen. Die Versicherung Swiss Life hat anhand ihrer Versichertendaten herausgefunden, dass sich in diesem Feld in den letzten zehn Jahren ein deutlicher Anstieg der Berufsunfähigkeit entwickelt hat. 37 Prozent derer, die ihren Beruf nicht mehr ausüben können, haben heute eine psychische Krankheit wie Burn-out, Depression oder Angststörungen. Vor zehn Jahren waren es noch 26 Prozent, was einem Anstieg um 40 Prozent entspricht. Wissenschaftler führen diese Entwicklung darauf zurück, dass heute mehr Sensibilität gegenüber psychischen Erkrankungen besteht und sie deshalb häufiger diagnostiziert und damit aktenkundig werden. Das mag sein. Aber sollte es uns nicht dazu führen, die Gesetzlichkeiten der Arbeitswelt viel offensiver zu hinterfragen?
Immer mehr Menschen wegen psychischer Erkrankungen arbeitsunfähig, spiegel.de 24.2.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Empathischer Egoismus? Wie bitte? 
Donnerstag, 9. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit, Management
Das Optimierungsdenken in der Arbeitswelt treibt immer neue Blüten. In der Wirtschaftswoche etwa proklamiert Björn Waide, CEO von Smartsteuer, einem Unternehmen, dass sich daran versucht, das Steuerwesen zu digitalisieren, "empathischen Egoismus" als Führungsstil der Zukunft. Die Empathie soll dabei die Ellbogen anscheinend etwas zügeln. "Wir brauchen einen gesunden Egoismus, der empathisch für den Egoismus der anderen ist. Dies zu moderieren, ist eine gewaltige Führungsaufgabe. Leadership im digitalen Zeitalter, das bedeutet daher auch, eine heterogene Ansammlung von Ich-AGs zu einer schlagkräftigen Einheit zu formen, Interessen auszugleichen, Konflikte zu moderieren und transparent zu kommunizieren. Wir müssen Räume schaffen, in denen genau diese empathischen Egoisten ihre individuellen Potentiale und Ziele einbringen können", so Waide. Von New-Work-Kuscheln hält er eher wenig. Ihm schwebt anscheinend eher ein Win-Win vor, in dem Egoisten sich nicht gegenseitig boykottieren, sondern gemeinsam ihre Vorteile maximieren. Bei Waide liest sich das dann so: "Es liegt an uns, den gesunden Egoismus durch kluge und empathische Führung im Sinne der Organisation in wertschöpfende Bahnen zu kanalisieren. Genau dies wird die große Herausforderung der Zukunft sein: Unternehmen zu schaffen, die die Interessen von Unternehmen und Mitarbeitern in Einklang bringen, sodass sich die eingebrachten Energien ergänzen und allseitig Nutzen stiften." Mich überkommt bei solch smartem Business-Sprech immer ein Abwehrreflex. Und ich wüsste gerne, was unter Waides "Allseitigkeit" so alles fällt. Ein Blick in den Duden kann da manches erhellen. Der beschreibt Egoismus wie folgt: "Haltung, die gekennzeichnet ist durch das] Streben nach Erlangung von Vorteilen für die eigene Person, nach Erfüllung der die eigene Person betreffenden Wünsche ohne Rücksicht auf die Ansprüche anderer; Selbstsucht, Ichsucht, Eigenliebe." Mal rein logisch gefragt: Kann der Verzicht auf Rücksicht gegenüber den Ansprüchen anderer "allseitigen Nutzen" stiften? Oder begegnet uns hier nur ein neues, perfides Wortspiel? Dann lächeln empathische Egoisten ihre Opfer vielleicht noch an, bevor sie zuschlagen ...
Unternehmen brauchen empathische Egoisten, WiWo 18.4.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Meditierende Soldaten 
Mittwoch, 8. Mai 2019 - Bewusstsein, Studien, Arbeit
Immer mal wieder gibt es Medienberichte, die auch die kontroversen Seiten des Achtsamkeits-Trends tiefer beleuchten. Das Magazin der SZ etwa hat in einem ausführlichen Bericht näher betrachtet, wie das amerikanische Militär Atem- und Konzentrationsübungen einsetzt. Soldaten werden dabei in zwei Bereichen mit Achtsamkeit in Berührung gebracht. Einerseits gibt es Kurse, die darauf abzielen, die Klarheit und Wachheit der Soldaten im Zuge ihrer Berufsausübung zu verbessern. Manche mögen hier innerlich aufschreien, denn darunter fällt natürlich auch, das, was man als Optimierung des Tötens bezeichnen könnte. Und dieser Gedanke ist nicht ganz falsch. Die Soldaten, die im SZ-Bericht zu Wort kommen, lassen aber auch erkennen, welche psychisch entlastenden und vielleicht auch lebensrettenden Wirkungen sich durch die Achtsamkeitsübungen ergeben. Von außen betrachtet, ist Krieg wohl ein schmutziges Geschäft. Doch die, die im SZ-Magazin über ihre Erfahrungen berichten, lassen auch erkennen, wie zerstörerisch die täglichen Herausforderungen im Einsatz sein können. Angst und Orientierungslosigkeit kosten immer wieder Menschenleben. Wer dagegen, gerade im Kampf, ein bisschen Ruhe bewahren kann, richtet vielleicht auch weniger Schaden an. Ein zweites wichtiges Feld für Achtsamkeit im Militär ist die Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen. Gerade die USA gehen seit vielen Jahren unter den Folgen der Kriegseinsätze in die Knie, den Hunderttausende Kriegsrückkehrer leiden an PTBS und Therapieplätze gibt es viel zu wenige. Für diese Soldaten kann Achtsamkeit ihr Leiden in vielen Fällen zumindest etwas lindern. Auch ich habe sehr gemischte Gefühle, wenn ich über diesen Themenkomplex nachdenke. Das SZ-Magazin kommentiert lakonisch, dass die beste Lösung wohl wäre, einfach auf Kriege zu verzichten. Bis wir uns als Menschheit dorthin entwickelt haben, kann Achtsamkeit vielleicht wenigstens dabei helfen, die "Kollateralschäden" unserer Unfähigkeit, in Frieden miteinander zu leben, etwas zu mindern.
Sollen Soldaten meditieren? SZ Magazin 15.4.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Neue Ausgabe von evolve - Soziale Achtsamkeit 
Dienstag, 7. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Medien
Achtsamkeit ist in aller Munde, was an und für sich erst einmal eine gute Sache sein könnte. Denn was sollte falsch daran sein, wenn Menschen sich bewusst entspannen möchten oder etwas dafür tun, um geistig wacher zu sein? Doch in den sehr individualistischen Kulturen westlicher Gesellschaften und insbesondere durch das wachsende Interesse in der Arbeitswelt an Mindfulness, entwickelt Achtsamkeit auch eine Konnotation, die sehr selbstbezogen ist. In vielen säkularen Kursen geht es vor allem darum, wie Achtsamkeit dem eigenen Ich gut tut. Der Blick darüber hinaus ist eher selten. In den spirituellen Traditionen war Achtsamkeit schon immer eine gemeinschaftliche Praxis - eingebettet in spirituelle Bezugssysteme, die Menschen mit etwas verbanden, das über sie hinausweist. In der heutigen Zeit ist die Gefahr nicht zu leugnen, dass Mindfulness ganz leicht schlicht zu einem Ego-Trip wird. Deshalb haben wir uns in der neuen Ausgabe von evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur des Themas "Soziale Achtsamkeit" angenommen, um "Die Kraft des Beziehungsraums" einmal stärker in den Blick zu rücken. Otto Scharmer, der gemeinsam mit der Künstlerin und Ausdruckstänzerin Arawana Hayashi das Social Presencing Theater entwickelt hat, deutet im Interview beispielsweise darauf, dass Presencing immer eine Form kollektiver Wachheit und ein gemeinsames sich in eine unbekannte Zukunft Lehnen bedeutet. Joe Brewer spricht in der neuen Ausgabe über soziale Verbundenheit im Kontext der globalen Krise, in der wir uns befinden. Stefan Krüskemper, ein Künstler, der mit der sozialen Plastik arbeitet, zeigt, wie aus kollektiver Kreativität Freiheit entsteht. Ich habe mich in meinem eigenen Artikel damit beschäftigt, wo Achtsamkeit im Business leicht zu kurz greift und sogar isoliert - und ich habe sehr zuversichtlich stimmende Beispiele gefunden, wie eine dialogisch verstandene Achtsamkeit uns auf neue Weise nicht nur in unserem eigenen Menschsein verankern kann, sondern uns zugleich mit anderen Menschen verbindet. Die neue Ausgabe von evolve ist ein Muss für alle, die sich mit Achtsamkeit beschäftigen. Zum Thema des Magazins gibt es auch eine Sendung von Radio evolve zum kostenlosen Download.

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Mehrarbeit wird immer mehr zum Standard 
Montag, 6. Mai 2019 - Studien, Arbeit, Management
Länger arbeiten als im Vertrag steht? Für 71 Prozent der deutschen Arbeitnehmer scheint dies nach Selbstaussagen inzwischen die Regel zu sein. Laut einer Umfrage in mehreren europäischen Ländern leistet so jeder im Schnitt 4 Stunden und 47 Minuten Mehrarbeit pro Woche. Im europäischen Schnitt betrifft regelmäßige Mehrarbeit nach eigenen Angaben 60 Prozent der Befragten. Die Zahlen könnten ein Indiz dafür sein, dass das vorgegebene Arbeitspensum in der vertraglich geschuldeten Zeit nicht zu schaffen ist, so dass die Beschäftigten eben nach dem eigentlichen Feierabend weiterarbeiten, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Im Bildungssektor arbeiten nach eigenen 69 Prozent der Befragten jede Woche um die fünf Stunden mehr. Auch in der Technologie-, Telekommunikations- und Finanzbranche geht es zur Sache. Hier leisten 15-20 Prozent der Befragten jede Woche um die zehn Stunden Mehrarbeit - über alle Branchen hinweg trifft das auf jeden achten Befragten zu.
Deutschland ist Spitzenreiter bei unbezahlten Überstunden, FAZ 10.4.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Die Zukunft der Achtsamkeit als dialogische Erfahrung 
Sonntag, 5. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Der Selbstoptimierungs-Trend, den die Achtsamkeitsbewegung hervorgebracht hat, sitzt mir schon länger quer. Nicht, weil ich etwas dagegen hätte, dass Menschen meditieren, um sich einfach ein bisschen wohler zu fühlen. Eher, weil mich die Sorge beschleicht, dass mit diesem Selbstbezug auch eine gewisse Form der Isolation einhergeht. Denn wenn meine achtsamen Wahrnehmungen nur um mich selbst kreisen, verändert sich nicht automatisch meine Beziehung zu meinen äußeren Lebensumständen - oder gar diese Umstände selbst. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, bei einem großen Achtsamkeitskongress in Bad Kissingen mit 1.200 Teilnehmenden einen Vortrag zu halten zur Zukunft der Achtsamkeit als dialogischer Erfahrung. Dabei habe ich gezeigt, wie Achtsamkeit, wenn man sie als dialogische Haltung kultiviert und mit anderen Menschen in achtsame Dialoge geht, völlig neue Zwischenräume öffnen, die uns miteinander verbinden und unerwartete, tiefgreifende Einsichten zwischen den Beteiligten entstehen lassen. Selbst im Vortrag, der ja erwiesenermaßen kein Dialog ist, war spürbar, dass die Zuhörenden sich hier in etwas Tiefem berührt fühlten. Gemeinsam mit meinen Kolleg*innen vom evolve Magazin konnten wir auch zwei Dialog-Cafés und einen Workshop geben, bei dem die Teilnehmenden die Möglichkeit hatten, dieses Dazwischen und Darüberhinaus tiefer zu erfahren. Ihre Resonanz stimmt mich zuversichtlich. Da war viel von Verbundenheit die Rede, von einer besonderen Beziehungsqualität. Und ist es nicht gerade das, was uns als Menschen ausmacht?
Vortrag "Die Zukunft der Achtsamkeit als dialogische Erfahrung"

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink

Zurück Weiter