Wer sind die neuen Vorreiter des Wandels? 
Montag, 7. Mai 2012 - Wissenschaft
Immer mehr Studien zeigen, dass die alten Eliten aus Politik und Wirtschaft immer mehr an Glaubwürdigkeit und Handlungskompetenz verlieren. Die gemeinnützige Stiftung für Philosophie Identity Foundation, die in einer eigenen Studie herausfand, dass immer mehr Akteure des Wandels aus der gesellschaftlichen Mitte stammen, hat diese Diagnose zum Anlass genommen, zu eruieren, wer die neuen Eliten sein könnten. Auf der Online-Plattform www.novelite.de stellt sie in kurzen Videos ausgewählte Protagonisten des Wandels vor, die, verglichen mit den alten Eliten, neue Zugangswege zu gesellschaftlicher Gestaltung gefunden haben. Das Projekt stellt vielfältige Hintergrundinformationen zum Elitewandel bereit und ruft die Online-Community dazu auf, weitere Vorreiter des Wandels zu nominieren und über die wichtigsten Persönlichkeiten und gesellschaftlichen Themen abzustimmen.

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Eigennutz statt Forschung 
Freitag, 4. Mai 2012 - Wissenschaft
Unabhängige Forschung wird es bei der Deutschen Bank in Zukunft wohl kaum noch geben, denn die Bank beabsichtigt, die bisher unabhängige Abteilung DB Research, die nicht nur zur typischen Bankenthemen forschte, sondern auch gesellschaftlich relevante Fragestellungen eruierte, mit der für Kundenberatung zuständigen Market Research zusammenzulegen. Die taz sprach mit Norbert Walter, dem früheren Leiter und bis zu seiner Pensionierung 2009 auch Chefvolkswirt der Deutschen Bank, über diesen Schritt. Für Walter ist der beschriebene Schritt mehr als kontraproduktiv: "Die Bank muss fundiert über gesellschaftliche Themen, die unabhängig von den Geschäftsinteressen stehen, kommunizieren können. Außerdem bekommt eine große Bank durch Unabhängigkeit der Forschung das Vertrauen der Kunden. Ein dritter Grund ist, dass eine Bank durch marktunabhängige Analysen Einfluss auf Debatten auf politischer Ebene hat. Dieser Einfluss gerät nun in Gefahr." Eine Forschung, die sich allein auf das eigene Geschäft richte, greife laut Walter zu kurz, da auch übergeordnete politische und wirtschaftliche Themen von Belang seien. Andererseits folge die Deutsche Bank mit dieser Strategie dem, was bei angelsächsischen Investmentbanken schon lange Praxis sei: "Dort gibt es seit 20 Jahren keine unabhängige Forschung mehr, sondern nur noch Vertriebsunterstützung."
"Autonome Forschung nicht möglich", taz 24.4.12


[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Schizophrenie des Systems 
Freitag, 27. April 2012 - Wissenschaft
Im Interview mit der taz geht der ehemalige Manufaktum-Manager Uli Burchardt hart mit der Discount-Mentalität ins Gericht. "Ich schließe aus, dass ein Discountkonzept ein Qualitätskonzept sein kann. Discount ist eine Wertvernichtungsstrategie. Und ich sage: Qualität kann nur etwas sein, das nachhaltig ist. Wertvernichtung kann nicht nachhaltig sein", so Burchardts Ansage. Der Freund qualitätsvoller Wirtschaftsprozesse erklärt, dass Billiganbieter zwar für einige Bevölkerungsgruppen wichtig seien, aber meist nicht reflektiert werde, dass gerade diese Billigstrategien mit dazu beitragen, dass sich der Lebensstandard immer größerer gesellschaftlicher Gruppen damit auch weiter nach unten entwickele. "Warum gibt es immer mehr Menschen in Zeitarbeit? Weshalb gibt es immer mehr Freiberufler, die von ihrer Arbeit lediglich gerade so leben können? Weil alles maximal ausgepresst wird. Wir landen stets wieder bei der Nachhaltigkeit", so Burchardt. Der ehemalige Manager und heutige Berater kritisiert zudem, dass die Bundesregierung zwar immer von Menschenrechten spreche, aber nur wenig dafür tue, dass die Ausbeutung von Arbeitnehmern in Ländern wie Indien oder Bangladesch, die die hierzulande konsumierten Billigwaren herstellen, verhindert wird.
"Die meisten Kunden denken zu wenig", taz 15.4.12


[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Wirtschaft geht auch anders 
Freitag, 23. März 2012 - Wissenschaft
Die FAZ stellt in einem Portrait die Alanus Hochschule vor und illustriert damit, dass ein Fach wie die Wirtschaftswissenschaften zum Denken und kritischen Hinterfragen des Status quo gezielt anregen kann. Die Universität mit den anthroposophischen Wurzeln betrachtet seit jeher beispielsweise die Kunstpraxis als essenziellen Bestandteil aller Studiengänge - weil sie eine Grundspannung der Spontaneität erzeuge. Philosophie und Reflexion sind bei Alanus ebenfalls festes Programm. Der Unterschied, den das Studium an der Hochschule macht, wird besonders augenscheinlich im Vergleich von Klausurfragen. So druckt die FAZ eine Fragen aus einer VWL-Klausur der Uni München ab, bei denen die Studenten in erster Linie mit volkswirtschaftlichen Rechenformeln zu arbeiten haben. Bei Alanus hingegen werden klassische VWL-Theorien auf den Prüfstand gestellt - die Studenten müssen einerseits ihr fachliches Wissen demonstrieren und andererseits in ihren Klausuren die Dinge weiterdenken, neue Argumentationen entwickeln und vor allem die Grundannahmen ihres Faches gezielt hinterfragen. Bei Alanus ist mechanisches Denken nicht gefragt und auch die "Mitleidlosigkeit", die vielen Studenten durch neoklassische Theorien der Ökonomie antrainiert werde, wird zum Thema gemacht. Auch bei Alanus stehen Formeln auf dem Lehrplan - mit ihnen wird aber nicht nur gerechnet, sondern ihre Auswirkungen auf den Menschen werden gezielt thematisiert.
Die Beseelung des Wirtschaftsstudiums, FAZ 10.3.12

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Nachhaltigkeit braucht zivilgesellschaftliche Resonanz 
Donnerstag, 22. März 2012 - Wissenschaft
Eine Nachhaltigkeitskonferenz der Leuphana Universität endete mit dem dringenden Appell der Wissenschaftler, dass Wissenschaft und Zivilgesellschaft sich nicht mehr damit zufrieden geben dürften, allein Chronisten der Umweltzerstörung zu sein. Trotz öffentlicher Appelle und zunehmender Inselmaßnahmen sei die ökologische Zerstörung in den letzten Jahre rapide fortgeschritten, so die Einschätzung der Forscher. Und noch immer sei vielen Menschen das Ausmaß der weltweiten Umweltkrise nicht bewusst. Die Wissenschaftler glauben, dass vor allem die politischen Institutionen reformiert, das Bevölkerungswachstum gebremst, ausufernder Konsum eingedämmt und soziale Ungerechtigkeiten beseitigt werden müssten, um die Zerstörungsspirale zu durchbrechen. Hierbei komme auch die Verantwortung der Zivilgesellschaft ins Spiel, denn Entscheidungsträger fehle es häufig am Mut, politisch riskante Entscheidungen zu treffen. Jörn Fischer, Professor für nachhaltige Landnutzung an der Leuphana Universität, fordert deshalb mehr Druck aus der Zivilgesellschaft, damit Lösungen auf politischer Ebene auf Resonanz stoßen.
Diagnose allein hilft Patient Erde nicht, Landeszeitung Lüneburg 6.3.12

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Rohe Bürgerlichkeit und rabiater Wettbewerb 
Dienstag, 13. März 2012 - Wissenschaft
Die taz wirft in einem Gespräch mit dem Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer einen Blick auf die Meta-Ebene unserer gesellschaftlichen Entwicklung und kommt dabei zu beunruhigenden Erkenntnissen. Heitmeyer untersuchte über das letzte Jahrzehnt, wie sich gesellschaftliche Umgangsformen und Dynamiken verändert haben. Neben "Signalereignissen" wie dem 11. September 2001, der Einführung von Hartz IV und der Finanzkrise, aber auch der zunehmenden Ökonomisierung des Sozialen beobachtet der Soziologe viele schleichende Prozesse, die dazu beitragen, dass gesellschaftliche Vertrauensmuster sich auflösen. Auf diesem Nährboden gedeihen neue "Abwertungsmuster", die von der wachsenden Diskrepanz zwischen denen "da oben" und denen "da unten" genährt werden. "Dieser rohen Bürgerlichkeit müssen wir unsere Aufmerksamkeit widmen. Es ist eine Bürgerlichkeit, die sich bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz orientiert. Damit leugnet sie die Gleichwertigkeit von Menschen, macht ihre psychische und physische Integrität antastbar und führt zugleich einen Klassenkampf von oben. Sie ist sozusagen der Transmissionsriemen gegen diejenigen, die als Ausgegrenzte definiert werden", warnt Heitmeyer. Er diagnostiziert einen Zusammenhang zwischen sich zunehmend etablierenden Abwertungsmustern und der Forderung, sozial Schwache mögen ihre kritische Lebenssituation selbst bewältigen und spricht von einem "Kontrollgewinn des autoritären Kapitalismus". Die große Gefahr: "Der entscheidende Punkt ist dabei ja, dass die Ungleichheit die Gesellschaft regelrecht zersetzt, dass der Prozess sich einschleicht und erst mal relativ unbemerkt verläuft, weil sich eben keine protestierenden Kollektive mehr bilden können und weil auch keiner mehr zuhört. Weil vielfach das Motto lautet: Rette sich, wer kann. Dadurch ist das Leben in bestimmten sozialen Gruppen auch permanent angstdurchsetzt und verätzt. Und das macht diese Ungleichheiten schon ziemlich gefährlich." In meinen Augen wird es Zeit, diese subtilen Prozesse, die häufig aus falsch verstandener political correctness ignoriert werden, ganz offensiv zu thematisieren. Einfach Lösungen wird es nicht geben, wohl aber die Chance, Minen, die von einem Großteil der Bevölkerung bisher kaum als solche erkannt werden, auf lange Sicht kontinuierlich zu entschärfen.
Rette sich, wer kann, taz 27.2.12


[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Wie ticken die Menschen? 
Mittwoch, 22. Februar 2012 - Wissenschaft
In einem Interview mit der Zeit erklärt Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, dass die ökonomische Forschung ihren Horizont erweitern müsse. Wichtige Forschungsfelder sind in seinen Augen "stärker verhaltens- und institutionen-ökonomische Betrachtungen und Fragen der neuen politischen Ökonomie - "wie ticken Menschen, welche Interessen verfolgen sie, welcher Instrumente bedienen sie sich?" Laut Straubhaar hat im Hinblick auf die weltweiten Krisenherde nicht unbedingt die Ökonomie versagt, sondern es wurden über Jahre falsche wirtschaftspolitische Folgerungen gezogen. Auch kritisiert der Ökonom, dass der Publikationswahn in der Wissenschaft längst nicht mehr den Erkenntnisgewinn in den Vordergrund stelle, sondern allein das Liefern von publikationsfähigen Ergebnissen. Langfristige Metabetrachtungen würden hingegen kaum noch angestellt, weil sich mit ihnen keine wissenschaftliche Karriere begründen lasse. Straubhaars Plädoyer: "Wir müssen, gerade im deutschsprachigen Raum, wieder den Mut haben, auch aus der eigenen Kultur stammende, eigenem Werteverständnis entsprechende Analysen und Themen zuzulassen, und eben nicht diesem allgemeinen angelsächsischen Herdentrieb zu folgen. Damit meine ich all das, was im klassischen Sinne ja in Deutschland als Staatswissenschaften bezeichnet wurde."
"Keine Chance gegen den Mainstream", Zeit online 15.2.12

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Neue Indikatoren für Wohlstand 
Donnerstag, 16. Februar 2012 - Wissenschaft
Der Bonner Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel, der als Sachverständiger der Bundestagskommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" angehört, plädiert für eine Abkehr bisheriger Wachstumsideologien und propagiert neben dem Bruttoinlandsprodukt neue Messgrößen, um die Lebensqualität innerhalb einer Gesellschaft messbar zu machen. Seiner Ansicht müssten auch die Größe des ökologischen Fußabdrucks im Verhältnis zur globalen Biokapazität einbezogen werden, die Einkommensrelation zwischen Armen und Reichen als Indikator für eine Ausgewogenheit der Einkommen, die Wahrnehmung, wie viele Menschen sich in einer Gesellschaft als ausgegrenzt empfinden (in Deutschland waren dies 2010 etwas zehn Prozent) sowie die Verschuldung von Staaten im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftsleistung, da Schulden die durch sie erreichten materiellen Zuwächse aufzehren.
Glück braucht nicht bloß Wachstum, taz 8.2.12

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink

Zurück Weiter