Achtsamkeit in der Kritik 
Dienstag, 18. Juni 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Studien
Die Achtsamkeitsforschung scheint sich auf eine neue Differenzierung zuzubewegen. Erst kürzlich erschien eine Studie, die zutage brachte, dass nicht wenige Meditierende beim Üben sehr unangenehme Erfahrungen machen - und dann oft nicht wissen, wie sie damit umgehen können. Eine Studie des Sozialpsychologen Simon Schindler an der Universität Kassel zeigt nun, wie Achtsamkeit auf moralische Reaktionen wirkt - und sie wurde schon vielfach fehlinterpretiert. In der Versuchsreihe hatten die Wissenschaftler versucht, bei ihren Probanden Schuldgefühle zu erzeugen, beispielsweise indem sie Fleischesser mit Tierleid konfrontierten. Die Testpersonen, die zuvor meditiert hatten, zeigten dabei seltener ein schlechtes Gewissen als die Teilnehmer der nicht-meditierenden Vergleichsgruppe. Schindler will dieses Ergebnis allerdings nicht dahingehend interpretiert sehen, dass Achtsamkeit grundsätzlich die Moral untergrabe. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt er, wie Achtsamkeit zur Impulskontrolle beiträgt und es Menschen ermöglicht, nicht sofort emotional zu reagieren. "Wir sagen aber nicht per se: ‚Achtsamkeit führt zu antisozialem Verhalten‘. Aber es kommt auf die Situation an, da sind wir dran weitere Studien zu machen und die Idee ein bisschen auszubauen. Einfach um dafür zu sensibilisieren, was sind mögliche Nebenwirkungen von Achtsamkeit", so Schindler. Man könnte auch fragen: Wie aussagekräftig sind in einem Versuch produzierte Schuldgefühle? Veranlassen diese wirklich Menschen dazu, ihr Verhalten zu verändern? Dass die Meditierenden in der Studie weniger emotional reaktiv agierten, gibt nämlich noch keinerlei Aufschluss darüber, ob die Erfahrungen nicht in ihnen nachwirken - und sie vielleicht später eine Verhaltensänderung in Erwägung ziehen. Ich finde es sehr wünschenswert, dass mehr Studien zu solchen Fragestellungen durchgeführt werden. Und dass man sich dabei auch auf Settings zubewegt, die mehr Alltagsnähe haben. Das Labor ist nicht das Leben. Und was nutzen die schönsten Schuldgefühle, wenn dann doch alles beim Alten bleibt?
Die Nebenwirkungen der inneren Ruhe, Deutschlandfunk 7.6.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Agilität als Ausdruck des Turbokapitalismus 
Montag, 17. Juni 2019 - Arbeit, Management
Agilität ist in aller Munde. Unternehmen wollen in einer immer komplexer und schneller werdenden globalisierten Welt nicht die Abgehängten sein, also muss alles agil werden. Die "New Work"-Bewegung suggeriert dabei: Das ist nicht nur hip, es macht auch noch Spaß. Kritiker haben da einen etwas anderen Blick. "Wenn Unternehmen Agilität zu Ende denken, dann müssen sie, um in einer dynamischen Welt wettbewerbsfähig zu sein, mit sich immer wieder neu organisierenden Teams arbeiten – in denen nur die Besten und Geeignetsten, also Anpassungsfähigsten, bleiben können, um den Kundenwünschen von morgen gerecht zu werden. Verstehen Sie mich richtig, ich bin ja kein Kommunist, aber Agilität in letzter Konsequenz zu Ende gedacht, ist nichts anderes als turbokapitalistisches Gedankengut und New Work eine neue Form der real stattfindenden Bestenauslese", sagt etwa der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Würzburger in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Der Experte weist darauf hin, wie viel die Idee der Agilität Mitarbeitern abverlangt und die Phrasen der Management-Handbücher bei weitem nicht von allen Menschen erfüllbar sind: "Wir brauchen Stabilität im Inneren, damit wir in einer agilen Außenwelt arbeiten können. Es gibt viele Agilitätsfallen (siehe Klickliste). Allein die Beschleunigungsfalle spricht ja für sich: Nicht jeder Mitarbeiter ist dafür geeignet, sich selbst zu organisieren und sich ständig weiterzuentwickeln und sich ständig auf neue Teams einzulassen. Da kommen viele Menschen einfach nicht mehr mit." Würzburger weist darauf hin, dass agiles Arbeiten eine reife Individualität voraussetzt. Und diese zu entwickeln, erfordere einiges: "Innere Stabilität erlangt man nur durch einen tiefgehenden, menschlichen Reifungsprozess: Erkenne Dich selbst – dieser Lernprozess geht bis in den Tod."
Wenn Agilität zur Falle wird, WiWo 27.5.19


[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Achtsamkeit erreicht die Ingenieure 
Freitag, 14. Juni 2019 - Lebensart, Arbeit, Management
Wann ein Thema wirklich zum Trend wird, erkennt man auch daran, welche Zielgruppen sich damit beschäftigen. Bei der Achtsamkeitswelle konnte man gut beobachten, wie zunächst Therapeuten, Mediziner und Coaches anfingen, Achtsamkeitsmethoden in ihrer Arbeit zu integrieren. Dann sprang das Business auf, vor allem in den Bereichen Coaching und Leadership. Inzwischen sickert Meditation durch in die verschiedensten Berufsgruppen. Das VDI-Portal ingenineur.de hat beispielsweise für seine Leser*innen eine kompetent recherchierte Übersicht zusammengestellt, die die aktuell verfügbaren Meditations-Apps vorstellt. "Auf den Schultern von Ingenieuren und Führungskräften lastet oftmals der Druck des Erfolges. Hohe Stressbelastung unter Führungskräften wirkt sich nicht nur negativ auf das Betriebsklima aus, sie belastet gleichermaßen die Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Eine Art Stress abzubauen, stammt aus der fernöstlichen Gesundheitslehre. Körper und Geist werden hier in Einklang gebracht. Achtsamkeit, Meditation, Thai Chi und Yoga verbessern die Gelassenheit, Gesundheit und Teamfähigkeit des Führungspersonals und übertragen ihre dauerhaft positiven Aspekte so auch auf die anderen Mitarbeiter", heißt es in dem Artikel. Faszinierend, mit welcher Selbstverständlichkeit hier über Achtsamkeit gesprochen wird. Vor ein paar Jahren noch undenkbar ...
Die besten Meditations-Apps für Führungskräfte, ingenieur.de

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Wie oft wir uns doch selbst stressen 
Donnerstag, 13. Juni 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Spiegel Wissen hat ein Gedächtnis-Coaching-Programm entwickelt, das tief Blicken lässt, was unsere kulturellen Gewohnheiten angeht. Die Übungen, die das Programm bei Reizüberflutung und gegen den Multitasking-Wahn empfiehlt, zeigen, wie sehr wir anscheinend oft selbst den Stress, den wir empfinden, auslösen - und das unnötigerweise. Eine Übung beispielsweise rät dazu, jeden Tag für 10 bis 15 Minuten eine medienfreie Pause zu machen. Eine andere lädt ein, einmal bewusst im eigenen Alltag zu beobachten, wie oft man sich selbst in ein Multitasking hineinmanövriert und wie man sich dabei und danach fühlt - um dann als Übung ganz bewusst die Dinge, die man so stressverstärkend miteinander verkoppelt, einmal einzeln für sich zu machen. Ich glaube durchaus, dass diese Übungen dabei helfen können, mehr zur Ruhe zu kommen und bewusster mit den Einflüssen des Lebens umzugehen. Was mich ein bisschen erschreckt hat beim Lesen, ist die Tatsache, wie wir uns oft selbst auslaugen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Denn diese Beispiele sind nicht einfach persönliche Eigenheiten, eher schon ein kulturelles Phänomen.
Handy weglegen, Stress abstreifen, spiegel.de 24.5.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Meditieren tut auch der Partnerschaft gut 
Mittwoch, 12. Juni 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Studien
In der Meditationsforschung wird meistens untersucht, wie Achtsamkeitsübungen auf die Person wirken, die sie praktiziert. Christopher May, Assistenzprofessor an der Universität Groningen, ist nun mit einer kleinen Studie einen Schritt weiter gegangen. Er ließ 36 Probanden in einer achtwöchigen Testzeit für zwei Wochen jeden Tag eine 15-minütige Audio-Meditation absolvieren. Die Meditierenden wie auch ihre in dieser Zeit nicht meditierenden Partner*innen wurden täglich mit einem Fragebogen im Hinblick auf ihre Achtsamkeit, Stimmung und auch die Interaktion innerhalb der Partnerschaft untersucht. Dabei zeigte sich: Die Meditierenden zeigten am Ende der Studie mehr Achtsamkeit und weniger negative Gefühle. Gleichzeitig waren ihre positiven Gefühle verstärkt. Bei den Partner*innen zeigte sich ein interessanter Effekt - auch ihre negativen Gefühle hatten während der Studie abgenommen. Ihre Werte im Hinblick auf Achtsamkeit und positive Emotionen waren allerdings unverändert. Der Wissenschaftler deutet diese ersten Ergebnisse dahingehend, dass durch die größere Gelassenheit der Meditierenden womöglich innerhalb der Beziehung weniger Streitpunkte auftraten, was den positiven Effekt auf die nicht meditierenden Partner erklären könnte. Für eine Klärung der tieferen Zusammenhänge wären allerdings weitere Studien notwendig.
Positive Energie: Wie du durch Meditation deine Mitmenschen beeinflusst, Fit for Fun 6.6.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Wohlfühlen als Basis des Haushaltsplans 
Dienstag, 11. Juni 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Success Stories
Die Regierung Neuseelands ist mit einem mutigen Schritt nach vorne geprescht. Künftig sollen Haushaltsausgaben des Landes einer besonderen Prämisse folgen - sie müssen erwiesenermaßen einen Beitrag zum "Wohlbefinden" der Bevölkerung leisten. Was darunter zu verstehen ist, wird durch fünf Kriterien definiert, von denen die Ausgaben künftig mindestens eines erfüllen müssen. Sie sollen der Verbesserung der mentalen Gesundheit dienen, die Kinderarmut senken, die Benachteiligung der indigenen Bevölkerung abbauen, die Entfaltung unter den Vorzeichen der Digitalisierung fördern oder den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft mit niedrigen Emissionen fördern. Wenn doch mehr Politiker*innen so mutig wären!
New Zealand’s Next Liberal Milestone: A Budget Guided by ‘Well-Being’, New York Times 22.5.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Burn-out wird offiziell als Krankheit anerkannt 
Freitag, 7. Juni 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Die Weltgesundheitsorganisation hat angekündigt, dass Burn-out künftig als Krankheit anerkannt werden soll. In der neuen Klassifikationsliste ICD 11, die ab 2022 gelten soll, wird Burn-out dann als Syndrom geführt, das aufgrund von "chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird", auftritt. Allein diese Definition finde ich schon mehr als kritisch, da sie einen bestimmten Zusammenhang setzt, nämlich, dass chronischer Stress auch erfolgreich verarbeitet werden kann. Die WHO selbst weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Definition nur für Arbeitskontexte gelten soll, gibt sich also sehr genau. Aber bei diesem anderen Detail wird einiges übersehen. Ich bin keine Medizinerin, aber in medizinischen Berichten lese ich immer wieder, dass chronischer Stress nur eines ist - nicht lebensdienlich bzw. schädlich. Sicherlich ist die Stressschwelle für jeden Menschen eine andere, aber chronisch bedeutet dauernd, ständig. Verschiedene Studien zeigen, dass beispielsweise Tiere, die Dauerstress ausgesetzt werden, schneller sterben. Es scheint also Grenzen zu geben, oberhalb derer lebendige Organismen, und dazu zählen auch wir Menschen, Stress nicht mehr verarbeiten können. Die WHO-Definition ist gefährlich, denn sie bringt im Kontext von chronischem Stress qua Definition ins Spiel, dass er vielleicht doch individuell verarbeitet werden kann. Betroffene, denen das nicht gelingt, können dann zwar wunderbar als krank klassifiziert werden. Aber diese Klassifikation lässt die äußeren Umstände, die zur Erkrankung führen, völlig außer acht.
Burn-out erstmals als Krankheit anerkannt, zeit.de 28.5.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Stress ist ein gigantisches Geschäftsfeld 
Donnerstag, 6. Juni 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit, Management
Stressbewältigung ist in unseren Leistungsgesellschaften ein großes Thema. Weil die Überforderung uns krank macht, versuchen immer mehr Menschen, diesen Belastungen etwas entgegenzusetzen. Die Deutsche Welle hat in einem großen Artikel zusammengestellt, wie das Geschäft mit dem Stress längst zu einer Milliarden-Industrie geworden ist. Calm, Anbieter einer Meditations-App, wird ein Marktwert von einer Milliarde Dollar zugeschrieben. Der Markt für Yoga-Bekleidung soll weltweit bis 2022 auf 3,4 Milliarden Dollar ansteigen. Auch der Handel mit so genannten Superfoods, die uns gesünder, wacher und leistungsfähiger zu machen versprechen, explodiert - und Menschen geben Unmengen dafür aus, wenn die Versprechen nur vollmundig genug sind. Es ist schon interessant zu sehen, wie hier eine Businesswelt, die immer mehr Menschen zu verschlingen scheint, selbst aus diesem Szenario noch Profite schöpft. Andererseits: Meditieren kann jede*r, ganz kostenlos. Vielleicht habe ich so große Sympathien für Zen, weil es darin vordergründig um NICHTS geht ... Leben kann auch einfach sein.
Das Geschäft mit dem Stress, Deutsche Welle 25.5.19

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink

Zurück Weiter