Die Selbsttäuschung der "Linken" 
Dienstag, 20. Juli 2010 - Studien
Jung + gebildet = links? Die politische Gleichung, nach der man - zumindest in früheren Zeiten - die politische Haltung von Menschen relativ zuverlässig bestimmen konnte, scheint in der Postmoderne an Plausibilität zu verlieren. Zwar glauben immer noch viele Junge und Gebildete, dass sie eher links denken, eine Studie zeigt jedoch, dass sie vielfach viel konservativer sind, als sie selbst glauben. So wertete der Ökonom James Rockey von der University Lancester die weltweite Umfrage World Value Survey aus, für die durchschnittlich 1.500 Menschen in 84 Ländern über die Jahre 1981 bis 2008 nach ihren Werten befragt wurden. Aus den Datensätzen der insgesamt mehr als 280.000 Befragten griff der Forscher vor allem die Haltung zu Einkommensunterschieden heraus. Als eher links wertete Rockey die Einstellung, Einkommen sollten gleicher gemacht werden, als eher konservativ die Meinung, dass Einkommensunterschiede als Anreiz notwendig seien. Dieses Item vergleich er mit Geschlecht, Alter, Ausbildung, Einkommen, Familienstand und Beschäftigung der Befragten. Das Ergebnis: Menschen mit besserer Ausbildung ordnen sich eher dem linken Spektrum zu, neigen aber gleichzeitig dazu, Einkommensunterschiede zu befürworten. Diesen vordergründigen Widerspruch macht der Ökonom daran fest, dass viele besser Gebildeten sich häufig auf frühere Haltungen, die sie beispielsweise als Studenten hatten, beziehen, und nicht merken, dass sie diese im Laufe ihres Lebens verändern. Studenten verortet der Forscher übrigens ideologisch im Mainstream.
Wer sich selbst als Linker sieht, ist das oft nicht, Telepolis 17.7.10

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Hirndoping zwischen Wunsch und Wirklichkeit 
Montag, 19. Juli 2010 - Wissenschaft
Das Thema Hirndoping ist seit einigen Monaten schwer en vogue und immer mehr Wissenschaftler gehen der Frage nach, ob und wie sich mit Medikamenten die Leistungsfähigkeit steigern lässt. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, und Thomoas Metzinger, Philosoph an der gleichen Universität, untersuchen im Rahmen eines Forschungsprojektes mit Fachleuten verschiedener Disziplinen, wie es um die Optimierungsmöglichkeiten für das Gehirn bestellt ist. Die Ergebnisse der Forscher sind ernüchternd. Metzinger räumt ein, dass der allgemeine Hype um das Thema natürlich bestimmte Zielgruppen zum experimentieren anregt, kann in Deutschland jedoch keine mit Amerika vergleichbare Enhancement-Epidemie feststellen. Das Problem aller medikamentöser Optimierungsstrategien sind nach wie vor die unkalkulierbaren Risiken. So weist Lieb darauf hin, dass beispielsweise eine gesteigerte Dopamin-Wirkung zwar für den Moment wacher und aktiver mache, aber auch die Fähigkeit, aggressive Impulse zu kontrollieren, beeinträchtige. Selbstüberschätzung und eine ungesunde Risikofreude könnten ebenfalls die Folge der Gehirnstimulierung sein. Dazu die FAZ: "Unberechenbare Energiemaschinen, die von Manien getrieben jeden Moment ausrasten können, sind für die Arbeitswelt kein Zuckerschlecken." Lieb richtet das Augenmerk auch darauf, dass die vielbeschworene Kreativität, die vermeintlich durch solche Maßnahmen gesteigert werde, vielfach gerade nicht durch eine erzwungene Fokussierung entstehe, sondern eher durch "ein gewisses Maß an Ablenkbarkeit durch eigene unsortierte Gedanken" gekennzeichnet sei. In diesem Zusammenhang führt die FAZ ein von verschiedenen Forschern bereits angeführtes "technisches Missverständnis von Lebensführung" an: "Denn beim Hirndoping gehe es um die Optimierung von zielführenden Prozessen dergestalt, dass die Befragung der Ziele selbst aus dem Blickfeld gerät. Mit der Tendenz, soziale Probleme zu medikalisieren statt sie mit politischen Instrumenten lösen zu wollen." Gegenwärtig sieht es also eher so aus, als würde die Idee des Hirndopings weniger menschliche Fähigkeiten fördern, als vielmehr untergraben, denn Kritikfähigkeit, aber auch die Fähigkeit, Misserfolge zu ertragen und an ihnen zu wachsen, tragen letztlich dazu bei, dass wir die sind, die wir sind - mit allen Schwächen, aber eben auch den aus vermeintlichen Irrwegen oder Fehlschlägen resultierenden Stärken.
Was ist dran am Hirndoping? FAZ, 12.7.10

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Plädoyer für ein neues Ich-Bewusstsein 
Freitag, 16. Juli 2010 - Arbeit
Und noch ein spannendes Interview bei Forum Nachhaltig Wirtschaften - mit dem Gründer der Diamantmanufaktur Freiesleben in Münster, Dr. Ulrich Freiesleben, der als promovierter Wirtschaftsethiker die Bewusstseinsfrage im Business stellt: "Es geht mir darum, die Dualität zwischen Ich-Bewusstsein, Egozentriertheit und auf der anderen Seite und die Entdeckung von Spiritualität auf der anderen Seite zu beschreiben. Ich bin in der Tat der Meinung, dass der bessere Unternehmer derjenige ist, der der ganzheitlichere Mensch ist, der für sich entdeckt hat, dass es noch anderen Quellen gibt, aus denen er schöpfen kann, jenseits seines rationalen Bewusstseins." Freiesleben weiß aus persönlicher Erfahrung, dass materieller Erfolg, selbst wenn er mit einem ausgeglichenen Familienleben einher geht, auf Dauer nicht glücklich macht und sich die Bewusstseinsfrage individuell früher oder später nachdrücklich stellt. Dabei kommt es ihm nicht darauf an, alleine eine individuelle Entwicklung zu propagieren, sondern neue Bezüge zwischen der persönlichen Innenwelt und dem Wirken im Business herzustellen: "n dem Maße wie man einen Zugang zu anderen Schichten seines eigenen Wesens entwickelt, die hinter der Egostruktur und dem rationalen Bewusstsein liegen, entwickelt man eine Verbundenheit zu allem Lebendigen. Ich gehe dann also mit meinen Mitarbeitern und Kunden anders um. Und diese Verbundenheit schließt dann auch automatisch viele Dinge aus, beispielsweise, dass man mit Waren handelt, von denen man auch nur ahnt, dass sie aus dubiosen Quellen stammen könnten. Oder dass man sich dafür interessiert, unter welchen Arbeitsbedingungen die Diamanten geschliffen werden. Das heißt aber nicht, dass man jetzt die ganze Ego-Struktur über Bord wirft, sondern dass sie nicht alleine und alle Maßstäbe setzend im Leben ist. Durch die Entwicklung neuer Anteile im Bewusstsein hinter der Ego-Struktur wird man auch der bessere Unternehmer, der nachhaltigere Unternehmer. In der Folge dieses inneren Weges, den man geht, hat man mehr Energie, man wird in seinen Entscheidungen klarer. Man hat eine größere Bandbreite an Handlungsoptionen zur Verfügung."
Der Unternehmer als Künstler, FNW 8.7.10

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Nur ein wirkliches Miteinander verändert die Wirtschaft 
Donnerstag, 15. Juli 2010 - Arbeit
Im Interview mit dem Magazin Forum Nachhaltig Wirtschaften erklärt der Vorstand der Schweisfurth-Stiftung Prof. Franz-Theo Gottwald, warum die Wirtschaft ein neues Miteinander braucht, um zukunftsfähig zu sein: "Nur wenn wir alle miteinander und speziell Menschen in der Wirtschaft lernen, was es heißen kann, konvivial zu leben - also in einem Mitsein mit allem anderen Lebendigen und mit einem Respekt davor, dass auch alle anderen Unternehmungen, die natürliche Mitwelt, die soziale Mitwelt und auch die nächsten Generationen ein Recht auf Leben haben und zwar auf ein menschenwürdiges oder auch ein tierwürdiges oder pflanzenwürdiges Leben, wenn die intrinsischen Werte der Mitlebewesen auf diesem Planeten und der zukünftigen Lebewesen auf diesem Planeten wahrgenommen werden können - nur dann ist ein wirklicher Kulturwandel pro Nachhaltigkeit in der Wirtschaft geschaffen." Dabei geht es Gottwald nicht alleine darum, das Wirtschaften menschlicher zu gestalten, sondern die wechselseitigen Bedingtheiten von individuellem Engagement, ökologischen Rahmenbedingungen und sozialen Aspekten besser zu verstehen und angemessener zu adressieren: "Der Mensch gerät also ganz neu in den Blick in Bezug auf seine Verschränkung mit den natürlichen Ressourcen. Wie bringen wir uns selbst in den entwickelten Ländern und unseren Mitmenschen in den sich entwickelnden Ländern bei, was genug ist? Suffizienzbetrachtungen und die Folgen des Konsums bringen eine ganze neue Debatte mit sich, die die Integration der früher getrennten Felder voraus setzen. Mit dem gängigen Säulenmodell - der so genannten Triple Bottom Line - bin ich nicht glücklich. Ökonomie, Ökologie und Soziales sind nicht einfach drei nebeneinander stehende Säulen, sondern wir reden hier über ein sehr komplexes Verschränktsein, gewissermaßen einen gordischen Knoten, der auf intelligente Art und Weise kulturell angegangen werden muss."
Über die Zukunft des Konsumverhaltens, FNW 8.7.10

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Rekordstress plättet Arbeitnehmer zusehends 
Mittwoch, 14. Juli 2010 - Studien
Seit zwei bis drei Jahren haben Studien Hochkonjunktur, die die verheerenden Auswirkungen des wachsenden Stress in der Arbeitswelt dokumentieren. Eine neue Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK meldet nun neue Rekordwerte. Ausgewertet wurden die Krankheitsdaten von 9,7 Millionen erwerbsfähigen AOK-Mitgliedern. Das nüchterne Ergebnis: Seelische Störungen sind heute bereits die vierthäufigste Krankheitsursache. 2009 waren sie Ursache für 8,6 Prozent der Krankheitstage. In den vergangenen zwölf Jahren stiegen die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen um fast 80 Prozent an. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass Depressionen und seelische Störungen einen jährlichen wirtschaftlichen Schaden von 26,7 Milliarden Euro mit sich bringen. Hinzu kommt, dass sie inzwischen die Ursache für jede dritte Frühverrentung darstellen.
Der Stress haut Arbeitnehmer um, SZ 9.7.10

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Millionäre wollen aktive Solidarität 
Dienstag, 13. Juli 2010 - Management
Die Zeit berichtet über eine spannende Initiative des Millionärs Dieter Lehmkuhl, der sich dafür einsetzt, dass die Reichen in Deutschland einen stärkeren finanziellen Beitrag leisten. Gemeinsam mit rund 20 Gleichgesinnten hat er mit dem "Appell Vermögensabgabe" ein Paket entwickelt, das den Staatsfinanzen zugute kommen und die Solidarität der Vermögenden mit den weniger Vermögenden stärken soll. Lehmkuhl und seine Mitstreiter plädieren dafür, dass Menschen mit einem Gesamtvermögen von mehr als 500.000 Euro zwei Jahre lang fünf Prozent davon an den Staat abgeben sollen - das brächte allein 100 Milliarden Euro für die Staatskasse. Danach wünschen sich die Initiatoren die Einführung einer Vermögenssteuer von einem Prozent, die 2,2 Millionen Deutsche zahlen müssten. Lehmkuhls Bekenntnis ist klar und prägnant: "Wir Reichen haben mehr als genug und müssen der Gemeinschaft etwas abgeben." Der engagierte Millionär empfindet Deutschland als Steueroase und erklärt, dass sich in den letzten zehn Jahren seine Einnahmen aus Kapitalanlagen mehr als verdoppelt hätten, während er heute nur noch halb so viel Steuern zahle wie seinerzeit. Sein Fazit: Nicht die reiche Oberschicht, sondern vor allem die Mittelschicht werde heute verstärkt zur Kasse gebeten. Lehmkuhl will mit seiner Initiative die wachsende gesellschaftliche Spaltung reduzieren und hält dabei wenig davon, bei entsprechenden Versuchen allein auf freiwilliges Engagement zu setzen: "Wenn wir uns nur auf private Spender verlassen, leben wir wieder in einer Welt, in der Kultur und Soziales nur nach Gutsherrenart finanziert werden."
Das 100-Milliarden-Euro-Geschenk, Die Zeit 1.7.10

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Frauen sind genügsam 
Montag, 12. Juli 2010 - Studien
Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt, dass die im Vergleich zu Männern niedrigeren Gehälter von Frauen nicht alleine systembedingt sind, sondern zum Teil auch die Selbsteinschätzung und den Erwartungshorizont von Frauen im Arbeitsleben widerspiegeln. Die Studie belegt: Je nach Berufsgruppe verdienen Frauen zwischen 16 und 20 Prozent weniger als Männer - und sie halten dies sogar für gerecht. Die Ökonomen führen die Tatsache, dass die Ansprüche von Frauen an ihr Gehalt tendenziell niedriger sind als die der Männer darauf zurück, dass Frauen sich häufig in Einkommensfragen mit anderen Frauen vergleichen und so ihr Bild einer gerechten Entlohnung entwickeln. Gerade in typischen Frauenberufen ist das Lohnniveau jedoch tendenziell niedriger als in Branchen, in denen Männer stark präsent sind. So wird erklärbar, warum Frauen sich in Gehaltsverhandlungen häufig bei gleicher Qualifikation mit weniger Gehalt zufrieden geben als Männer. Die Forscher empfehlen deshalb mehr Transparenz der Entlohnungssysteme im Hinblick auf die Einkommensverteilung der Geschlechter.
Studie: Frauen fordern weniger Geld, FAZ 7.7.10

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Money rulez 
Freitag, 9. Juli 2010 - sonstiges
Der Umgang mit dem Thema Geld treibt bisweilen illustre Blüten. So berichtet die Süddeutsche Zeitung über ein Projekt in Singapur, die Money-Clinic, in der bereits Kindern der Umgang mit Geld beigebracht wird. Im Interview mit der SZ erklärt die Gründerin Ying Teo: "Vorschüler in Singapur haben zwar Mathematik als Fach, aber mit Geld befassen sie sich erst nach dem Eintritt in die Grundschule mit sieben Jahren. Vielen Familien ist das zu spät. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder einen Vorsprung beim Umgang mit Geld haben. Wir trennen zwischen Programmen für Finanzpolitik und Anlagestrategien. Sie befassen sich mit Sparen, Haushalten, Preisvergleichen. Acht- bis Zehnjährige sollen verstehen, wie das Geld für sie arbeitet. Und Teenager lernen das Bankensystem kennen; sie erfahren, was ein Bond, was eine Aktie ist, sie lernen an der Börse zu spekulieren und zu investieren." Wer das haarsträubend findet, wird vielleicht etwas besänftigt, wenn er das Zitat eines Managers auf der Webseite der Money-Clinic zur Kenntnis nimmt: "Keine Generation hat mehr Geld zur Verfügung und mehr Druck, es auszugeben als jene Kinder, die im 21. Jahrhundert geboren sind. Wir steuern auf eine Generation junger Singapurianer zu, die Sklaven ihrer Kreditkarten sind und ihr Leben damit verbringen, nach Luxuslabels und Statussymbolen zu jagen." Ying Teo jedenfalls gibt sich durchaus auch gesellschaftskritisch, sagt, dass es ihr Anliegen sei, den Kindern einen verantwortungsbewussten Umgang mit Geld beizubringen und ihnen zu zeigen, dass man auch teilen solle: "Wir sind der Überzeugung, dass Jugendliche heute einen viel zu leichten Zugang zu Geld haben und zu viel ausgeben. Wir versuchen ihnen klarzumachen, dass man sein Geld zusammenhalten muss, wenn man es langfristig behalten will." Letztlich bleibt aber doch der Beigeschmack, dass hier schon früh vermittelt wird: Money rulez ...
Wo Dreijährige zum Anlageberater werden, SZ 30.6.10

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