Gender, Asymmetrie und Macht 
Mittwoch, 10. Juli 2013 - Wissenschaft
Nachdem durch die anhaltende Debatte über die Erhöhung des Anteils weiblicher Führungskräfte die Frage der Unterschiede zwischen den Geschlechtern wieder stärker in den öffentlichen Fokus rückt, gibt es immer mehr Wortmeldungen in der Gender-Diskussion, die zu einer differenzierteren Betrachtung mahnen. Im Gespräch mit der Zeit erklärt die Psychologin Doris Bischof-Köhler einige Ursachen für ganz grundsätzliche Asymmetrien zwischen Männern und Frauen. " Die Entstehung der heute beobachtbaren Geschlechtsunterschiede liegt etwa 400 Millionen Jahre zurück. Unsere tierischen Vorfahren gingen zum Leben an Land über. Samen und Eizellen wurden nicht mehr, wie bei Fischen, dem Meer anvertraut. Die Weibchen übernahmen die Bürde der inneren Befruchtung. Seitdem können sie erheblich weniger Nachkommen in die Welt setzen als die Männchen. Das bedingt eine permanente Konkurrenzsituation zwischen den Letzteren, und die hat einen Selektionsdruck ausgeübt, zu dem es beim weiblichen Geschlecht keine annähernd gleich starke Entsprechung gibt. Alle wesentlichen Geschlechtsunterschiede leiten sich aus dieser Asymmetrie her. Männchen, die Risiken eingehen, die Konkurrenzsituationen nicht nur ertragen, sondern Freude daran haben, die sich von Misserfolgen nicht entmutigen lassen, die Rangordnungen etablieren und unter Bildung von Seilschaften stressfrei ertragen, bis bessere Bedingungen eintreten – solche Männchen hatten größere Chancen, ihre Eigenschaften an ihre Söhne zu vererben, als die weniger robusten Konkurrenten", so Bischof-Köhler. Die Psychologin weist darauf hin, dass letztlich nicht der Unterschied von Bedeutung sei, sondern seine gesellschaftliche Bewertung: "Leider ist die Unterscheidung in der Tat durchaus nicht wertfrei. Das liegt daran, dass die permanente Konkurrenzsituation evolutionsbiologisch auch bewirkt hat, dass Männer Spezialisten in der Selbstdarstellung, im Imponierverhalten sind. Aufgrund uralter wahrnehmungspsychologischer Gesetze erzeugt Aufsehen automatisch Ansehen, Beachtung führt zu Achtung. Imponieren suggeriert Bedeutsamkeit. Ein radschlagender Pfauenhahn macht mehr her als eine tarnfarbene Pfauenhenne. Wir beobachten, dass Männer sich und ihre Tätigkeiten spektakulärer inszenieren als Frauen – man braucht nur einen Drei-Sterne-Koch mit einer Hausfrau zu vergleichen. Deshalb habe ich auch keine Sorge um die armen Männer, die jetzt um ihr Prestige bangen. Sie werden den Dämpfer überstehen." Vor diesem Hintergrund wäre der Gender-Debatte und vor allem den Bemühungen um eine Gleichstellung von Männern und Frauen wahrscheinlich mehr gedient, wenn sich die Diskussion stärker auf die gesellschaftliche Konstruktion von Werten und Bewerten konzentrieren würde als auch biologische Unterschiede ...
"Keine falschen Schlüsse ziehen", Zeit online 9.6.13


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Mehr Gefühle für die Wirtschaft 
Montag, 8. Juli 2013 - Wissenschaft
In einem Interview mit der Zeit erklärt die Neurowissenschaftlerin Tania Singer, auf welch grundlegende Weise Empathie und Mitgefühl die Wirtschaft verändern könnten. Singer kritisiert, dass das Wirtschaftssystem vergleichsweise einseitig auf Leistung und Wettbewerb ausgerichtet sei, dabei aber ausgeblendet werde, dass Gefühle letztlich ein ebenso zentrales Moment darstellen: "Wir haben in Experimenten gezeigt, dass man tatsächlich die Motivation fürs Miteinander stärken kann. Dabei ändern sich Reaktionsweisen, Stress wird reduziert, zum Beispiel unter dem Druck des Wettbewerbs. Sie können aber auch lernen, Ihr Herz zu öffnen. Das ist für Ökonomen, so denke ich, eine besonders schwer zu schluckende Pille: Man kann so etwas wie Dankbarkeit, Liebesfähigkeit und soziale Motivation schulen, und die Menschen richten sich dann eher danach aus als an Macht und Gewinn. Letztere sind natürlich auch wichtig, es kommt nur auf die Balance an. Und die kann man ändern, auch in einem Wirtschaftssystem, das ja eigentlich ein System für Menschen von Menschen ist." Laut Singer ist die Wirtschaft gewissermaßen in einem sich selbst bestätigenden "Angstsystem" gefangen und dabei nicht berücksichtigt werde, dass sich Vertrauen, Liebe und Gemeinschaft auf fast schon selbstbestätigende Weise verbreiten und vertiefen können, wenn man nur damit beginnt. Ihre Warnung: "Angst darf kein Argument gegen die Möglichkeit sein, unser Wertesystem zu verändern." Ihre Vision: "Wir können das Gewicht von Egoismus zu mehr Altruismus verschieben. Und dies vermutlich nicht nur auf individueller, sondern auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. Allerdings geht das nicht, indem wir die gleiche Art von Wohlstandsgesellschaft aufrechterhalten wie bisher. Unsere Vorlieben müssten sich so verändern, dass wir sagen: Weniger ist mehr. Wenn ich jetzt weniger arbeite, aber mehr Zeit für echten Kontakt mit anderen habe, erledige ich auf kurze Sicht vielleicht nicht ganz so viel, aber dafür gibt es echte Begegnungen, die wiederum mehr Vertrauen und Lebenszufriedenheit nach sich ziehen."
"Wir müssen mehr fühlen", Zeit online 31.5.13


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Abwechslung trainiert das Gehirn 
Donnerstag, 27. Juni 2013 - Wissenschaft
Immer mehr Computerspiele und Handy-Apps suggerieren, dass man mit so genanntem Gehirn-Jogging die Leistung des Gehirns nachhaltig verbessern kann. Partiell trifft das auch zu, doch weist der Neurophysiologe Lutz Jäncke darauf hin, dass durch solche Aufgaben in vielen Fällen nur die Fähigkeit, die durch die Nutzung solcher Programme abgefragt werde, sich weiterentwickele. Zahlenspielchen, Bilderrätsel oder ähnliches haben meist keinerlei Transfereffekte - wirken also nicht konstruktiv auf weitere Hirnregionen als diejenigen, die für die Lösung der Aufgabe beansprucht werden. Der Neurowissenschaftler rät deshalb zu einer Art Trainingsprogramm im Alltag - einer Nutzung der sich von selbst ergebenden Vielfalt, die durch unterschiedliche Beschäftigungen entsteht. Körperliche Bewegung, soziale Kontakte, die Lektüre von Sachbüchern, Tanzen, das Erlernen einer neuen Sportart oder anspruchsvolle Kreuzworträtsel - all diese Tätigkeiten stimulieren das Gehirn und haben den erfreulichen Nebeneffekt, dass sie Spaß machen, einen Gewinn an Wissen mit sich bringen und die sozialen Beziehungen pflegen.
"Hirnjogging am Computer kann man sich sparen", SZ 1.6.13


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Haben wir sie noch alle? 
Mittwoch, 29. Mai 2013 - Wissenschaft
Die in den letzten Jahren explosionsartig um sich greifende Diskussion über Burn-out zeigt nicht nur, wo es in der Arbeitswelt im Argen liegt, sondern illustriert zugleich, wie die Einführung eines übergreifenden Begriffs für verschiedene Alltagserscheinungen, die nicht per se einen Krankheitswert an sich haben, die wahrgenommene Realität verändern kann. Fühlte man sich früher vielleicht mal mehrere Tage hintereinander im Job schlapp oder hatte das Gefühl, die ständige Überlastung zehre zu sehr an den eigenen Kräften, lässt es sich heute kaum vermeiden, dass die Idee eines Burn-outs mitzuschwingen beginnt. Ähnliche Gefahren wittern Mediziner im Zuge der gegenwärtig betriebenen Neuauflage des amerikanischen Klassifikationssystems für psychische Störungen DSM. So warnt der Psychiater Allan Frances davor, emotionale Disbalancen, die sich in Zeiten erhöhter Herausforderung bei Menschen als ganz natürliche Reaktion zeigen können, als Krankheiten zu klassifizieren. Wenn beispielsweise Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit, die in gewissem Rahmen völlig "normale" Reaktionen sind, zu leicht den Charakter des Krankhaften zugewiesen bekommen, bestehe die Gefahr, dass unsere menschlichen Bezugssysteme aus den Fugen geraten, weil einst natürliche Reaktionen dann zu leicht pathologisiert werden. Frances rät dazu, die realen Herausforderungen, die mit einer immer komplexer werdenden Welt einhergehen, öfter schlicht als solche zu betrachten - und das Augenmerk mehr darauf zu lenken, an der Auseinandersetzung mit ihnen zu wachsen. Werde hingegen jeder innere Kampf, jedes an die eigenen Grenzen stoßen, bereits als Krankheit betrachtet, laufe eine Gesellschaft Gefahr, einen Zustand vermeintlicher Normalität wieder herstellen zu wollen, die in dieser Weise vielleicht gar nicht gegeben ist. Frances Kritik versteht sich als Impuls, die Frage der Resilienz wieder ernster zu nehmen und Räume zu schaffen, in denen persönliches Wachstum auch im Rahmen von länger andauernden Krisen "erlaubt" ist, ohne dass gleich von Krankheit gesprochen wird.
Was ist schon normal? Tagesspiegel 13.5.13


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Yoga kann Krankheitskosten senken 
Dienstag, 23. April 2013 - Wissenschaft
Der Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland (BDY) weist auf zwei wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Yoga bei der Vermeidung beziehungsweise Behandlung von Nacken- und Rückenschmerzen einen wirksamen Beitrag leisten kann. Laut Verband gehen wissenschaftliche Schätzungen davon aus, dass durch diese Art der Erkrankung allein in Deutschland ein volkswirtschaftlicher Gesamtschaden von 49 Milliarden Euro entstehe. Eine randomisierte Studie zeige, dass bereits 90 Minuten Yoga-Praxis pro Woche über einen Zeitraum von neun Wochen bei Menschen mit chronischen Nackenschmerzen zu einer Verringerung der Schmerzen und einem besseren psychischen Wohlbefinden führe.
Pressemitteilung des BDY


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Die Fallen des unternehmerischen Selbsts 
Donnerstag, 11. April 2013 - Wissenschaft
In der Arbeitswelt schleichen sich in den letzten Jahren auf subtile Weise neue Kontrollmechanismen ein, die an der Oberfläche neue Formen der Freiheit suggerieren, aber letztlich nur eine Folge verschleierter Anpassungsmechanismen kreieren. Bei der Tagung "Machtwirkung und Glücksversprechen" der Freien Universität Berlin beleuchteten Wissenschaftler dieses Phänomen. Eigeninitiative, Selbstmanagement und Selbstvermarktung sind die Attribute einer Arbeitswelt, in der sich jeder vor allem behaupten muss. Und diese Zuspitzung auf ein "unternehmerisches Selbst" hat Nebenwirkungen. So werde immer stärker suggeriert, dass Aufstieg und Erfolg in der Hand des Einzelnen liegen - wenn es ihm nur gelingt, die eigenen Potentiale auszuschöpfen. Die Kehrseite: In diesem verstärkten individualisierten Bemühen gerät außer Acht, dass die vermeintliche Selbstentfaltung nach wie vor durch klare Regeln und Auslesemechanismen bestimmt ist, die jedoch immer mehr aus dem Blick geraten. Der reale Anpassungsdruck tarnt sich also. Äußeren Ansprüche werden verinnerlicht, also zur Privatsache - und dieser nun subtile Druck, dem das Individuum ausgesetzt ist, macht aus dem sich entfaltenden Selbst nur allzu oft ein erschöpftes Selbst.
"Du musst es wollen, Baby!" taz 22.3.13


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Achtsamkeit meets Arbeitswelt 
Montag, 4. März 2013 - Wissenschaft
Die Stressspirale im Business führt dazu, dass immer mehr Unternehmen und Einzelpersonen sich mit dem Thema Achtsamkeit in der Arbeitswelt beschäftigen. So berichtet die FAZ über aktuelle Forschungen, beispielsweise die Evaluierung eines Trainingsprogramm für Mitarbeiter, in denen diese in Achtsamkeitsmethoden geschult werden und an dem sich sieben Unternehmen beteiligen. Zwar sind die Wirkungen solcher Programme wissenschaftlich erst in Ansätzen belegt, doch betonen Experten wie der Neurowissenschaftler Wolf Singer, dass Achtsamkeit grundsätzlich "immer gut" sei - schon allein, weil sie es Menschen erleichtere, sich nicht in den täglichen Anforderungen zu verlieren, sondern gestaltender mit ihrer Umwelt umzugehen. Der Neurowissenschaftler Ulrich Ott nimmt mit seinen Forschungen am Bender Institute of Neuroimaging vor allem Aspekte wie "die Regulation der Aufmerksamkeit, das Gewahrsein des Körpers, die Emotionsregulation und eine veränderte Selbstwahrnehmung“ ins Visier und bestätigt, dass Wachheit und Ruhe eine positive Folge regelmäßiger Meditation sein können. Da sich durch Achtsamkeitsübungen die Selbst- und Fremdwahrnehmung verbessere, könnten sie außerdem einen Beitrag zur Entwicklung von mehr Empathie leisten.
Die Entdeckung der Achtsamkeit, FAZ 18.2.13


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Vielleicht - ein Dilemma unserer Zeit 
Dienstag, 19. Februar 2013 - Wissenschaft
Die FAZ hat der neuen "Generation Vielleichtsager" einen interessanten Essay gewidmet. In dem Beitrag arbeitet die Autorin heraus, wie das Erbe der Postmoderne - die Fähigkeit, Pluralismus zu erkennen, zuzulassen und als positive kulturelle Entwicklung zu fördern - anscheinend immer mehr in eine Sackgasse der Unentschiedenheit führt. Der Beitrag beklagt die Unfähigkeit, klar Stellung zu beziehen und arbeitet heraus, wie immer mehr Menschen Ambivalenzen begegnen, indem sie sich einfach nicht mehr festlegen. Dann wird von der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" gesprochen, vom "Ja, aber" oder vielen möglichen "Versionen der Welt". Der Artikel hält diesen Perspektiven einer vermiedenen Zuspitzung ein Zitat von Papst Benedikt entgegen, der 2005 beklagte, dass nichts mehr als "definitiv anerkannt werde" und das "letzte Maß nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lasse". Diese Indifferenz scheint in Zeiten überbordender Komplexität einer gewissen Notwendigkeit nicht zu entbehren, denn wer sich auf einen klaren Standpunkt beruft, schließt zugleich alles andere - was vielleicht doch eine Wichtigkeit hat - aus. Was aber wäre, wenn wir diese Unentschiedenheit einfach als Übergangsstadium sehen? Viele wissenschaftliche Ansätze zur Erwachsenenentwicklung zeigen uns nämlich, dass klare Urteile, wenn Menschen ihre Persönlichkeit weiterentwickeln, wieder möglich werden - und aus höherer Perspektive auch einen gänzlich anderen Sinn entfalten als beispielsweise die Klarheit traditioneller Gesellschaften, die kaum Räume jenseits von Urteilen vorsehen. Im Zen kennt man die Zwischenräume, in denen sich die Postmoderne verschanzt, nur allzu gut, doch Konzepte wie das wu wei - was so viel bedeutet wie Handeln im Nicht-Handeln - markieren geradezu das Gegenteil von Unentschieden- und Unentschlossenheit. Sie machen aus dem üblichen Entweder-Oder ein Sowohl-Als auch höherer Ordnung - dem Bewusstsein folgend, dass es in dieser Sekunde das Eine sein kann, in der nächsten jedoch bereits das Andere - oder vielleicht gar ein unbekanntes Drittes. Die hierzu notwendige Entscheidungsfähigkeit ist jedoch eine Qualität, die wachsen muss, die jeder Einzelne im Zuge seiner persönlichen Entwicklung ausbilden kann. Wenn die Übung gelingt, sind wir in der Lage, aus einer Präsenz im Augenblick zu handeln, die nicht mehr Fragmente gebiert, sondern aus einer Allgegenwärtigkeit schöpft. Das Eine ist dann so universell wie das Andere. Wir legen uns jetzt auf dies fest, um, wenn die Vorzeichen sich ändern, zu jenem zu wechseln. Der qualitative Unterschied: Wir sind uns des Ganzen und der Wechselbezüge zwischen seinen Teilen gewahr UND vermögen zu erkennen, was gerade jetzt "dran" ist. Anstelle von Beliebigkeit entwickeln wir eine Ambiguitätstoleranz, mit der wir der Schnelllebigkeit der Zeit genauso gerecht werden wie der Tatsache, dass ohne wirkliche Haltung konstruktiver Wandel nicht möglich ist.
Wir wollen lieber nicht - oder doch? FAZ 13.2.13


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