Meditation ist kein Quick Fix 
Dienstag, 30. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Meditation ist mehr als ein bisschen Entspannung und mehr als eine Methode im konventionellen Mix medizinischer Behandlungen. In der Euphorie über all die segensreichen Wirkungen, die die Neurowissenschaften dem Meditieren zuschreiben, geht das leicht unter. In einem Interview mit stern.de weist der Neurowissenschaftler und Meditationsexperte Boris Bornemann darauf hin, dass Achtsamkeit kein "Quick Fix" für unsere alltäglichen Probleme ist, sondern ein Übungsweg, der bestenfalls sogar unser Selbstverständnis ganz grundsätzlich verändern kann. "Es geht um Methoden, sich mit dem eigenen Erleben vertraut zu machen, es besser zu verstehen und bestimmte Qualitäten in ihm zu kultivieren. ... Wie bin ich auf das, was ist, bezogen? Welche Haltung nehme ich dazu ein? ... Wenn ich Angst habe, kann ich sie abwehren oder gegen sie kämpfen. Ich kann sie aber auch erst einmal nur realisieren und annehmen, sie vielleicht sogar willkommen heißen, um ihr die Macht zu nehmen. Meditation kann helfen, diese Haltung einzunehmen, weil wir lernen, nicht immer gleich zu werten, sondern erst einmal nur wahrzunehmen", erklärt Bornemann. Die medizinischen Wirkungsnachweise schätzt er zwar, möchte aber auch dafür sensibilisieren, dass es beim Meditieren dem Wesen nach um etwas anderes geht. "Es geht vor allem um eine Veränderung des Bewusstseins", sagt er. Das ist mit ein paar Minuten am Tag allerdings kaum zu erreichen. Zwar empfiehlt Bornemann grundsätzlich, zu üben, wenn man Zeit hat, und dies lieber regelmäßig kurz als selten lang, doch sind seiner Erfahrung nach die besten Wirkungen mit 30 bis 45 Minuten des Übens am Tag erreichbar, denn: "Je länger wir meditieren, desto größer und nachhaltiger ist die Wirkung."
"An nichts denken zu wollen ist Unsinn": Das sagt ein Psychologe über Missverständnisse des Meditierens, stern.de 21.7.19

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Meditations-Apps als Lifestyle-Phänomen 
Montag, 29. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Der Achtsamkeits-Trend hat mit dazu beigetragen, dass eine analoge Praxis wie das Meditieren, zunehmend digital wird. Meditations-Apps werden inzwischen von vielen Menschen geschätzt als kleine Helfer, um im turbulenten Alltag wieder runterzukommen. Doch tut sich beim Üben mit Apps mehr als vielleicht ein bisschen Entspannung? Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Björn Husmann von der Deutschen Gesellschaft für Entspannungsverfahren betrachtet das eher skeptisch. "Wer zur Entspannung gerne im Garten werkelt, Musik hört oder einen kurzen Mittagsschlaf macht, erzielt durchaus einen vergleichbaren Effekt", sagt er auf dem Aktiv-Ratgeberportal. Seinen Worten zufolge ist das Üben mit Apps eine nette Spielerei, viel mehr aber nicht. "Die App kann zwar durchaus ein Einstieg in das Thema sein. Um wirklich wirksame Entspannungs- oder Meditations-Methoden zu erlernen, ist aber ein Kurs oder Einzelunterricht sinnvoll", findet der Therapeut. Und das nicht ohne Grund, denn für Gesunde mag das eigenständige Experimentieren mit Meditation ungefährlich sein, doch Menschen mit Vorerkrankungen, seien des Depressionen, Schmerzerkrankungen oder Atemstörungen, können je nach Übung sogar Probleme bekommen. Das Erlernen von Achtsamkeits-Methoden unter der Anleitung von Expert*innen ist für sie wahrscheinlich die bessere Wahl.
Meditieren mit App: Funktioniert das wirklich?, Aktiv-Portal, 20.7.19

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Die Unkaputtbarkeit der Leistungskultur 
Freitag, 26. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit, Management
Work-Life-Balance wird auch in den Hochleistungskulturen der Arbeitswelt, beispielsweise in der Beraterbranche, immer mehr zum Thema. Selbst Unternehmensberatungen, bei denen ein zeitiger Feierabend fast so angesehen ist wie Blaumachen, bieten ihren Beschäftigten inzwischen flexible Arbeitszeitmodelle an. Genutzt werden sie allerdings selten. Eine Studie, für die 50 Berater*innen befragt wurden, wirft nun Licht auf die Gründe. Für viele High Potentials gleicht es einer Zumutung, in solche Arbeitszeitmodelle gepresst zu werden. Sie wollen lieber autonom entscheiden, wie sie ihre zeitlichen Verfügbarkeiten gestalten. Ein weiterer Punkt: die Angst vor dem "Stigma der Flexibilität". Dahinter verbirgt sich die Sorge, der eigene Wunsch, weniger zu arbeiten, könne als mangelnder Leistungswille interpretiert werden. Die Studie rät Unternehmen dazu, genauer hinzuschauen, wie sie Erfolg und Leistung definieren - und beides nicht allein an der gearbeiteten Zeit festzumachen.
Warum Berater so viel arbeiten, HBM 7/2019

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Warum Achtsamkeit politisch ist 
Donnerstag, 25. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Hin und wieder klingt im gegenwärtigen Achtsamkeits-Hype auch Kritik an. Jon Kabat-Zinn, Begründer der Mindfulness Based Stress Reduction, beispielsweise weist gelegentlich darauf hin, dass Meditation mehr ist als nur ein Tool, um sich individuell besser zu fühlen. Ronald Purser, Management-Professor an der San Francisco State University, geht einen Schritt weiter. Er verweist darauf, dass Achtsamkeit eigentlich ein Politikum ist. In einem Artikel zum Thema "Achtsamkeit vom Ich zum Wir bewegen" deutet er darauf, dass Meditation ein Weg zur kollektiven Befreiung sein kann. In Anbetracht all der gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen, vor denen die Menschheit stehe, "brauchen wir eine 'staatsbürgerliche Achtsamkeit', die die Aufmerksamkeit auf all die Stressfaktoren im politischen Körper fokussiert wie auch auf die strukturellen Interventionen und systemischen Veränderunen, die die Wurzel unserer kulturellen Malaise und des ökologischen Kollaps bilden", sagt er. Seine Vision: "Wenn Achtsamkeit so gelehrt und praktiziert wird, dass sie Menschen dabei hilft, die Zusammenhänge zwischen ihren persönlichen Herausforderungen und öffentlichen Themen zu erkennen, wird sie potenziell transformativ, aber das kann nicht geschehen, ohne auch solidarische Beziehungen zu entwickeln und Gemeinschaften des Widerstands, als Pfad zur Etablierung einer regenerativen Kultur." Ich finde es stark, dass es immer mehr Stimmen gibt, die die kollektiven kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhänge ins Visier nehmen, die unserer Achtsamkeit bedürfen. Purser hat auch ein Buch geschrieben, mit dem kraftvollen Titel McMindfulness: How Mindfulness Became the New Capitalist Spirituality, in dem er Wege zur zivilgesellschaftlichen Achtsamkeit aufzeigt.
Moving mindfulness from 'me' to 'we', openDemocracy 9.7.19

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Die produktive Demotivation der Achtsamkeit 
Dienstag, 23. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Achtsamkeit kann demotivieren, denn in der Entspannung fallen so manche Pflichtreflexe von den Übenden ab. Der Organisationsforscher Andrew C. Hafenbrack hat an der Católica Lisbon School of Business and Economics in Portugal untersucht, wie Achtsamkeitsübungen sich auf Motivation und das Erfüllen von Aufgaben auswirken. In verschiedenen Testszenarien, denen jeweils 15 Minuten der Achtsamkeitsübung vorausgingen, stellte er fest, dass die Gruppen der Meditierenden jeweils 10 Prozent weniger Motivation an den Tag legten, die ihnen anschließend vorgelegten Arbeitsaufgaben zu erfüllen. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass sie die Tätigkeiten trotz dieses Widerwillens genau so gut ausführten wie die Teilnehmenden der Kontrollgruppe, die sich vor den Tests einfach so die Zeit vertrieben hatten. "Wenn Sie sich die Fachliteratur über Zielorientierung ansehen, werden Sie wahrscheinlich 500 Studien finden, die eine Korrelation zwischen Motivation und Leistung belegen. Motiviertere Menschen zeigen bessere Leistungen und umgekehrt. Es ist sehr ungewöhnlich, dass Motivation und Leistung nicht in die gleiche Richtung gehen. Das ist einfach seltsam", formuliert Hafenbrack die Verblüffung über seine Ergebnisse. Seine Interpretation der Ergebnisse: "Vor allem die Tatsache, dass Meditieren sie für eine Weile Stress, Verpflichtungen und Sorgen vergessen ließ, half ihnen, sich besser auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren. Bezüglich der Leistung schien es so, als glichen sich der negative Effekt einer geringeren Motivation und der positive Effekt einer stärkeren Fokussierung auf die Aufgabe aus."
Achtsam, aber lustlos, HBM 7/2019

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Was das Geld mit uns macht 
Montag, 22. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Medien
Geld durchzieht, mal mehr, mal weniger sichtbar, nahezu all unsere Lebensäußerungen. Schlafen? Essen? Ein Dach über dem Kopf? Zwischen uns und all dem, was wir zum Leben brauchen, steht immer in irgendeiner Weise Geld. Das haben wir zum Anlass genommen, die neue Ausgabe von "evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur" der Frage zu widmen, "Was das Geld mit uns macht". Da wir keine ökonomische Fachzeitschrift sind, haben wir dabei sehr gezielt den Blick auf Bewusstseins- und Beziehungsphänomene gerichtet, die in konventionellen wirtschaftlichen und geldtheoretischen Diskursen kaum oder gar nicht zur Sprache kommen. Christian Felber beispielsweise, der die Idee der Gemeinwohlökonomie salonfähig gemacht hat, spricht im Interview auch darüber, wie wir wieder lernen sollten und können, zivilgesellschaftliche Entscheidungsprozesse zu etablieren, die auf den Umgang mit öffentlichen Geldern einwirken. Charles Eisenstein deutet darauf, wie sehr finanzieller Reichtum oder der Wunsch danach überdeckt, was wir wirklich wollen. Und wie wir in durch Geld konditionierten Vorstellungswelten versuchen, die Geldlogik zu durchbrechen. Der Wirtschaftsethiker Karl-Heinz Brodbeck beschreibt, wie diese Geldlogik sich über Jahrtausende in unser Bewusstsein eingegraben hat, so dass heute viele unserer Lebensäußerungen sich aus einem berechnende Bewusstsein ergeben - und wie sich durch Achtsamkeit gegenüber diesen Bewusstseinsprozessen manche dieser Unbewusstheiten wieder wahrnehmbar machen lassen. In meinem eigenen Artikel habe ich betrachtet, welche neuen Lebensstile erwachsen aus dem Bemühen, das eigene Leben weniger mit Geld zu verbinden und davon abhängig zu sein - eine Gratwanderung, die sich immer wieder an der Logik des Geldes reibt. Wir müssen mehr über Geld nachdenken, aber aus einer Haltung, die sich all der Spuren, die Geld in uns hinterlassen hat, immer bewusster wird. Die neue Ausgabe von evolve bietet für diese Rekalibrierung der Wahrnehmungsorgane viel spannenden Lesestoff!

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Wenn die Letzten die Ersten sind 
Freitag, 19. Juli 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Wenn die Sache zu kompliziert wird, wählt unser Gehirn den möglichst einfachen Weg. Das zeigen beispielsweise Studien zum so genannten Rezenzeffekt. Der Begriff umschreibt, dass wir, wenn uns viele Informationen in Folge dargeboten werden, die zuletzt genannten meist die stärkste Wirkung auf uns haben. Bei Kindern, deren Arbeitsgedächtnis noch nicht so ausgeprägt ist, wird dies besonders deutlich. In Studien, in denen eineinhalb bis zwei Jahre alte Kinder aus zwei Optionen auswählen sollen, entscheiden sich 85 Prozent für die letztgenannte. Aber auch bei Erwachsenen läuft das ähnlich. Wenn wir uns erinnern, ob uns eine Mahlzeit geschmeckt hat, sind vor allem unsere Eindrücke rund um den letzten Bissen entscheidend. Nicht umsonst spielen Bands bei Konzerten gerne ihre größten Kracher erst bei der Zugabe. Dass unser Gehirn so funktioniert, lässt sich eben taktisch nutzen. Auch von uns selbst. Wer das, was er möchte, an den Anfang längerer Erklärungen stellt, sollte sich also nicht wundern, wenn er damit nicht durchkommt.
Der letzte Eindruck zählt, SZ 7.7.19

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Wenn Meditation zu Angst und Selbstbezüglichkeit führt 
Donnerstag, 18. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Mögliche Nebenwirkungen von Meditation werden in letzter Zeit in den Medien immer mehr zum Thema. Das Magazin fit for fun etwa schreibt: "Beim Meditieren kommt man auch anderen Dingen auf die Spur, wie zum Beispiel verdrängter Trauer oder Wut, den eigenen Ängsten und unerfüllten Wünschen." Basierend auf den Forschungen der Psychologin Willoughby B. Britton weist der Beitrag darauf hin, dass zu viel Achtsamkeit auch zu einem starken Selbstbezug führen könne. Und das kann ungeahnte Nebenwirkungen haben. "Wer sich zu sehr mit sich selbst und seinen Befindlichkeiten beschäftigt, habe hinterher womöglich mehr Ängste und Depressionen als zuvor. Auch die vielgepriesenen Aspekte wie ein Mehr an Empathie und Dankbarkeit könne ein Maß erreichen, das kaum noch zu ertragen sei. Die Folge könnten sowohl unangemessene Reaktionen und Überempfindsamkeit sein, sowie ein kompletter Verlust der Gefühle. Das Ziel, besser mit den eigenen Gefühlen umzugehen, sei nicht für jeden erreichbar", so das Magazin. fit for fun rät Übenden dazu, die für sich richtige Dosis zu finden. Vielleicht hilft es aber auch einfach zu sehen, dass es keine Wundermittel gibt, die unsere menschlichen Befindlichkeiten einfach glatt bügeln.
Negative Nebenwirkungen: Zu viel Achtsamkeit kann schaden, fit for fun 13.5.19

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