Stress erst gar nicht entstehen lassen 
Dienstag, 7. Juli 2020 - Psychologie, Arbeit, Management
Unter Pandemie-Bedingungen hat sich unser Arbeitsleben innerhalb kürzester Zeit umgekrempelt. Viele Menschen empfinden es als entspannter, von zuhause aus arbeiten zu können, weil ihnen das Freiräume bei der Gestaltung ihrer Tätigkeiten gibt. Und weil das Arbeiten beispielsweise in Großraumbüros oft aufgrund der Umgebungsbedingungen schon einen gewissen Stresspegel setzt. Die Frage ist, ob positive Erfahrungen wie diese auch nach der Rückkehr in die Büros Spuren hinterlassen oder zu Änderungen führen. Die Zeit hat mit der Psychologin Amelie Wiedemann darüber gesprochen, welche Stressquellen Arbeitenden vor allem zu schaffen machen und wie Unternehmen Abhilfe leisten könnten. Wiedemann versucht dafür zu sensibilisieren, wie sehr körperlicher und geistiger Stress miteinander verbunden sind. Was die Ergonomie von Arbeitsplätzen angeht, sind die meisten Unternehmen gut aufgestellt - übersehen aber vielleicht, dass der beste Bürostuhl nichts nutzt, wenn Arbeitnehmende aufgrund geistiger Belastungen mit körperlichen Symptomen reagieren. "Körperliche und psychische Leiden kann man gar nicht getrennt betrachten. Der Körper wirkt auf die Psyche und andersherum. Wenn ich zu stark gestresst bin, verkrampfe ich, ziehe meine Schultern nach oben. Das kann zu Kopf- oder Rückenschmerzen führen. Oft kümmert sich der Arbeitgeber nur um den Rücken – und weniger um die Psyche", so Wiedemann. Ihrer Erfahrung stammen viele Faktoren, die Stress verursachen, vor allem aus dem Bereich der Arbeitsorganisation. Wer beim Arbeiten häufig unterbrochen werde oder regelmäßig mit unerwarteten Zusatzaufgaben konfrontiert wird, gerate beispielsweise leichter unter Druck. Aber auch respektloses Verhalten oder zu hohe Anforderungen begünstigen Stress. Wiedemann betrachtet es kritisch, dass viele Unternehmen, wenn sie sich um Stressprobleme kümmern, vor allem auf Verhaltensprävention setzen. Doch Yoga-Kurse und Meditation im Unternehmen bewirken wenig, wenn gleichzeitig die Arbeitsprozesse selbst immer neue Stressoren erzeugen. "Sinnvoller ist es, dafür zu sorgen, dass Stress gar nicht erst aufkommt. Zum Beispiel, indem man Unterbrechungen und unnötige Dokumentationen abschafft oder einander besser abstimmt und so Doppelarbeit vermeidet. Besonders erfolgreich ist die Stressbekämpfung übrigens, wenn Vorgesetzte mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Tag gut strukturieren, regelmäßig Pausen machen, sich gesund ernähren und rechtzeitig nach Hause gehen", so Wiedemann.
Wenn der Rücken schmerzt, liegt das nicht nur am falschen Stuhl, zeit.de 30.6.20


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Was unser Charakter über unser Umweltbewusstsein aussagt 
Montag, 6. Juli 2020 - Lebensart, Psychologie, Studien
Die Klimakrise hält uns tagtäglich vor Augen, wie sehr unser Bewusstsein für die Umwelt gefragt ist. Ob wir diesen Ruf auch hören und ihm folgen, hängt nicht unwesentlich von einigen unserer Charakterzüge ab. Eine Übersichtsstudie der Universität Edinburgh, für die insgesamt 38 Studien zu Umweltbewusstsein, an denen 44.000 Proband*innen beteiligt waren, ausgewertet wurden, liefert nun Antworten. Die Forscher verglichen das in den Untersuchungen dargestellte Verhalten im Hinblick auf die Umwelt mit ebenfalls erhobenen Charaktereigenschaften der Teilnehmenden. Dabei zeigte sich: Besonders umweltbewusste Menschen zeichnen sich aus durch Eigenschaften wie Offenheit, Experimentierfreude, Fantasie und Wissbegier. Auch Ehrlichkeit und Bescheidenheit gehören der Auswertung zufolge zu den Merkmalen, die auf besonderes Umweltbewusstsein schließen lassen sowie die Fähigkeit, gängige Normen und Werte zu hinterfragen. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass es bei der Förderung von mehr Umweltbewusstsein helfen könnte, gezielt Kampagnen zu entwickeln für Menschen, denen diese Offenheit und Experimentierfreude fehlt, beispielsweise indem man auf deren eher konservative Werte setzt und diese anspricht.
Wer sich besonders umweltbewusst verhält, spektrum.de 15.6.20

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Bescheidene Chefs sind gut für den Aktienkurs 
Freitag, 3. Juli 2020 - Studien, Arbeit, Management
Wie verrückt die Businesswelt und die Aktienmärkte sind, zeigt eine interessante Studie, die der Harvard Business Manager kürzlich vorgestellt hat. Eine Studie, für die 185 Topmanager in den Jahren 2000 bis 2013 betrachtet wurden, die an der Spitze von börsennotierten US-Unternehmen standen, zeigt: Die Aktienkurse jener Firmen, die bescheidene CEOs hatten, entwickelten sich deutlich besser als jene, an deren Spitze eher großspurige Chefs standen. Der Grund ist simple: Den bescheidenen Führungskräften trauten Analysten eher weniger zu im Hinblick auf das Geschäftsergebnis. Das wiederum machte es den CEOs leichter, die Prognosen zu übertreffen. Und werden solche Schätzungen übertroffen, geht der Kurs einer Aktie meist nach oben. Verfehlt ein Unternehmen hingegen seine - bisweilen großspurig angekündigten - Ziele, gehen die Kurse nach unten. Für Anleger mag die Studie also wirklich interessante Informationen bieten. Doch was ist die Substanz hinter diesem Zusammenhang? Denn über das tiefere Potential eines Unternehmens sagen die kurzfristigen psychologischen Reaktionen von Anlegern ja nicht unbedingt etwas aus ...
Bescheidene CEOs sind erfolgreicher, HBM 6/2020

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"Wir müssen eine gemeinsame Erzählung finden" 
Donnerstag, 2. Juli 2020 - Wissenschaft
Im globalen Lockdown kommen wir uns Weltgesellschaft näher - zumindest was unsere Lebensumstände angeht, denn gleich an welchem Ort wir leben, die gegenwärtigen Beschränkungen gelten für uns alle. Damit diese Erfahrung vielleicht auch in der Zukunft unseren Zusammenhalt stärkt, braucht es aber mehr. "Die Monate zu Hause haben uns näher zusammengebracht, weil wir zum ersten Mal in der Geschichte durch unsere Geräte alle gleich weit voneinander entfernt waren. Es ist jedoch entscheidend, dass wir eine gemeinsame Erzählung für diese Zeit finden und ihre Außergewöhnlichkeit nicht vergessen, was bei Pandemien schnell passiert", sagt der Politologe Ivan Krastev in einem Interview mit dem Philosophie Magazin. Ein solches Narrativ könnte dabei helfen, die Erfahrungen, die wir zur Zeit machen, im kollektiven Gedächtnis zu behalten, selbst wenn unser Leben sich vielleicht absehbar wieder in die alten Bahnen zurückbewegt. "Wir haben eine Zeit erlebt, in der nichts passiert ist und sich dennoch alles verändert hat. Das nicht zu vergessen und es gleichzeitig als Chance zu sehen, wird unsere größte Herausforderung sein", so Krastev.
„Man muss nicht reisen, um kosmopolitisch zu sein“, Philosophie Magazin 24.6.20

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Wenn die Gegenwart zum diffusen Brei wird 
Mittwoch, 1. Juli 2020 - Lebensart, Psychologie
Wir alle machen wohl in den letzten Wochen die Erfahrung, dass unser Leben, obwohl es zumindest in den eigenen vier Wänden abläuft wie immer, irgendwie diffuser wird. "Geräusche klingen aber nur gedämpft ins eigene Leben herüber. Und der Blick auf das, was draußen geschieht, ist verschwommen", beschreibt es der Psychiater Jan Kalbitzer in einem Gastbeitrag für die Zeit. Er spricht von einer "Zwischenzeit", die wir gerade erleben. Die Zukunft, die uns sonst ein Antreiber ist und damit Zielkoordinaten an die Hand gibt, rutscht uns irgendwie zwischen den Fingern durch, weil planen gerade bei vielem wenig Sinn macht. Und so sitzen wir im Heute fest. "Vielleicht fühlt sich diese Gegenwart auch deshalb so unangenehm zäh und hektisch zugleich an, weil sie geprägt ist von einem Widerspruch zwischen dem Wissen, dass die Komplexität der Welt immer weiter zunimmt – der alltägliche Bewegungsradius jedoch noch immer eingeschränkt ist", vermutet Kalbitzer. Sein Rat an alle, die gerade hadern - sich auf all die zwiespältigen Gefühle einlassen und sie durchleben: "Vielleicht sollte es deshalb eben nicht darum gehen, den gegenwärtigen Zustand gleich wieder einzuordnen und zu reflektieren. Sondern darum, die Sorge und die Verunsicherung zuzulassen, die diese Zwischenzeit mit sich bringt. Weil Gegenwart nur dann, wenn man nicht gezwungenermaßen in ihr stecken bleibt, sondern sich ihr bewusst zuwendet, zu einer lehrreichen Erfahrung werden kann."
Irgendwie anstrengend, das Leben im Hier und Jetzt, zeit.de 22.6.20

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Chance auf Veränderung 
Dienstag, 30. Juni 2020 - Wissenschaft, Arbeit
Für den Ökonom Thomas Piketty offenbart die Corona-Pandemie einmal mehr, wie stark unser globales System immer noch von Ungleichheit durchwirkt ist. Vor allem arme Menschen in unterprivilegierten Regionen sind vom Virus besonders stark betroffen. Obwohl die Krise uns so vor Augen hält, was schief läuft, geht Piketty nicht davon aus, dass wir politische und gesellschaftlich auch zwingend daraus Veränderungen ableiten werden. "Natürlich haben Schocks wie Pandemien, Kriege oder Finanzcrashs Auswirkungen auf die Gesellschaft. Aber welcher Art diese Auswirkungen sind, das hängt von den Theorien über die Geschichte und die Gesellschaft ab, denen die Menschen anhängen – mit einem Wort: von ihrer Ideologie. Es ist immer die Folge einer massiven sozialen und politischen Mobilisierung, wenn Gesellschaften sich in Richtung Gleichheit bewegen", so Piketty im Interview mit dem Freitag. Er erhofft sich, dass es innerhalb der Europäischen Union wieder mehr gemeinsame soziale Ziele herausbilden und die Freizügigkeit mit einer gemeinsamen Steuer- und Sozialpolitik verbunden wird. "Der Aufbau eines Wohlfahrtsstaates innerhalb eines Nationalstaates war [in der Geschichte] bereits eine große Herausforderung. Es bedurfte einer Einigung zwischen Arm und Reich und eines großen politischen Kampfes. Ich denke, dass es möglich ist, dies auf transnationaler Ebene zu wiederholen, aber es wird wahrscheinlich zuerst in einer kleinen Anzahl von Ländern geschehen müssen. Ich hoffe, das ist möglich, ohne dass die EU zerbricht", sagt er.
„Corona offenbart schockierende Ungleichheit“, Der Freitag 22/2020

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Mehr geschlafen, aber trotzdem nicht wirklich wach 
Montag, 29. Juni 2020 - Lebensart, Psychologie, Studien
Die Pandemie verändert unsere Schlafgewohnten. Das zeigt eine Studie aus der Schweiz, für die mehr als 400 Menschen befragt wurden. Insgesamt 75 Prozent der Befragten gaben an, im Zuge des Lockdowns länger als vor der Krise zu schlafen. Die Untersuchten verlängerten ihre Schlafdauer um bis zu 50 Minuten. Einer der Gründe dürfte sein, dass viele durch die Arbeit im Home Office die Anfahrt ins Büro sparen und deshalb morgens ein bisschen länger liegen bleiben können. Allerdings fühlen sich viele Menschen trotz erhöhtem Schlafpensum nicht ausgeruhter und oder schlafen sogar schlechter als gewöhnlich. Der Grund: Die mit der Krise verbundenen Sorgen.
Länger, aber schlechter geschlafen, spektrum.de 12.6.20

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Geht uns die soziale Energie aus? 
Freitag, 26. Juni 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Der Soziologe Hartmut Rosa hat sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht mit der Untersuchung der subtileren Dimensionen unseres menschlichen Zusammenlebens und seine Arbeiten zur Resonanz stoßen auf breites Interesse. Durch die Corona-Krise ist für ihn die Beschäftigung mit einem neuen Thema in den Vordergrund gerückt. Bei seinen Beobachtungen, was die Pandemie mit unserer sozialen Welt und uns macht, ist ihm aufgefallen, dass wir unter einem kollektiven Energieverlust zu leiden scheinen: "In den unterschiedlichsten Feldern finden sich Hinweise, die ich zusammendenken möchte. Individuell würde man von fehlender Antriebsenergie oder Motivation sprechen, und das erinnert an bestimmte Burn-out-Symptomatiken, bei denen es an jeder Form von Energie mangelt: Sie zeigen sich auch körperlich, es kann einfach unmöglich werden, eine Treppe hochzusteigen …" Wenngleich sich dieser Energieverlust zunächst einmal auf der individuellen Ebene und in den je persönlichen Leben zeigt, ist er für Rosa dennoch vor allem ein soziales Phänomen: "Mir scheint, dass gerade die Stillstellung der Welt durch Corona uns vor Augen führt, auf welche Weise unsere hochmobile Gesellschaft energiegeladen war. Fast alle waren permanent unterwegs, beruflich, privat, im Urlaub. Der Energieumsatz unseres Weltverhältnisses war schon allein deshalb gigantisch. Wenn meine Beobachtung zutrifft, dass viele jetzt das Gefühl haben, durch die tendenzielle Isolation ihre Energie verloren zu haben, dann bestätigt das nur die Vermutung, dass die Quelle, welche die Bewegungsenergie der Moderne erzeugt, nicht in den Individuen liegt, sondern in den sozialen Wechselwirkungen zu suchen ist." Ich bin schon sehr gespannt, ob er diese Gedanken weiterentwickelt und vielleicht irgendwann auch ein Buch daraus wird.
Leiden wir an einem gemeinschaftlichen Burn-out?, zeit.de 13.6.20

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