Das Zauberwort heißt Selbstentfaltung 
Montag, 23. August 2010 - Arbeit
In welcher Welt wollen wir leben? Diese Frage wird eigentlich viel zu selten gestellt und wenn man die aktuellen Diskussionen zur Leistungsfähigkeit des Sozialstaats und zu HartzIV betrachtet, erkennt man leicht, warum. Anscheinend sind wir nur dazu fähig, in einem recht kleinen Radius rund um das Bestehende (und oft nicht Funktionierende) zu denken - mit einem völlig unvoreingenommenen Blick auf die Dinge zu schauen, ist hingegen den meisten Menschen fremd. Umso wohltuender ist da ein Vorreiter wie Götz Werner, der immer wieder antritt, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen und ein Menschenbild zu entwerfen, dass für die Meisten wohl eher unvorstellbar ist. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung propagiert Werner einmal mehr das Grundeinkommen - !.000 Euro für Jeden als Weg zur Freiheit. Der Gründer der Drogeriekette DM und überzeugte Anthroposoph denkt nicht in Kategorien wie sollen und müssen, sondern setzt auf die Entfaltungsfähigkeit des Menschen und dessen Wunsch, diese auszudrücken. Den mit einem latenten Zwang verbundenen Sozialsystemen hält Werner - nicht zuletzt gewürzt mit einer gesunden Brise Pragmatismus, die der Realität insofern Rechnung trägt, als ein Zwang zur Arbeit nie gute Ergebnisse zeitigt - eine Freiheit entgegen, die vielen suspekt vorkommt: "Stellen Sie sich dieses erhabene Gefühl vor: Sie laufen durch die Straßen und sehen nur Menschen, die etwas tun, weil sie das aus eigenen Stücken wollen." Der Albtraum aller Politiker, die mit Klientelpolitik versuchen, ihre WählerInnen zu binden ... Für Werner hingegen ist klar, dass Entwicklung immer die Freiheit zur Grundlage haben muss: "Gerade durch das Grundeinkommen entsteht Leistungsvermögen. Wenn ich mir keine Sorgen um meine Existenz machen muss, kann ich mich an neue Ideen wagen." Was die FAS eher skeptisch "hoffnungsvolles Menschenbild" nennt, ist für Werner Fakt: "Der Mensch hat immer die Tendenz, über sich hinauswachsen zu wollen. Diese Initiativkräfte wecken wir mit dem Grundeinkommen." Dem gegenwärtig zur Hochkonjunktur gelangten Bashing der HartzIV-Bezieher hält Werner nüchtern entgegen, dass regelmäßige Opern-Besucher weit mehr Transferzahlungen durch die Subventionierung der Spielhäuser einstreichen als die offiziellen Transferempfänger.
"1.000 Euro für jeden machen die Menschen frei", FAS 15.8.10


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Plädoyer für ein neues Ich-Bewusstsein 
Freitag, 16. Juli 2010 - Arbeit
Und noch ein spannendes Interview bei Forum Nachhaltig Wirtschaften - mit dem Gründer der Diamantmanufaktur Freiesleben in Münster, Dr. Ulrich Freiesleben, der als promovierter Wirtschaftsethiker die Bewusstseinsfrage im Business stellt: "Es geht mir darum, die Dualität zwischen Ich-Bewusstsein, Egozentriertheit und auf der anderen Seite und die Entdeckung von Spiritualität auf der anderen Seite zu beschreiben. Ich bin in der Tat der Meinung, dass der bessere Unternehmer derjenige ist, der der ganzheitlichere Mensch ist, der für sich entdeckt hat, dass es noch anderen Quellen gibt, aus denen er schöpfen kann, jenseits seines rationalen Bewusstseins." Freiesleben weiß aus persönlicher Erfahrung, dass materieller Erfolg, selbst wenn er mit einem ausgeglichenen Familienleben einher geht, auf Dauer nicht glücklich macht und sich die Bewusstseinsfrage individuell früher oder später nachdrücklich stellt. Dabei kommt es ihm nicht darauf an, alleine eine individuelle Entwicklung zu propagieren, sondern neue Bezüge zwischen der persönlichen Innenwelt und dem Wirken im Business herzustellen: "n dem Maße wie man einen Zugang zu anderen Schichten seines eigenen Wesens entwickelt, die hinter der Egostruktur und dem rationalen Bewusstsein liegen, entwickelt man eine Verbundenheit zu allem Lebendigen. Ich gehe dann also mit meinen Mitarbeitern und Kunden anders um. Und diese Verbundenheit schließt dann auch automatisch viele Dinge aus, beispielsweise, dass man mit Waren handelt, von denen man auch nur ahnt, dass sie aus dubiosen Quellen stammen könnten. Oder dass man sich dafür interessiert, unter welchen Arbeitsbedingungen die Diamanten geschliffen werden. Das heißt aber nicht, dass man jetzt die ganze Ego-Struktur über Bord wirft, sondern dass sie nicht alleine und alle Maßstäbe setzend im Leben ist. Durch die Entwicklung neuer Anteile im Bewusstsein hinter der Ego-Struktur wird man auch der bessere Unternehmer, der nachhaltigere Unternehmer. In der Folge dieses inneren Weges, den man geht, hat man mehr Energie, man wird in seinen Entscheidungen klarer. Man hat eine größere Bandbreite an Handlungsoptionen zur Verfügung."
Der Unternehmer als Künstler, FNW 8.7.10

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Nur ein wirkliches Miteinander verändert die Wirtschaft 
Donnerstag, 15. Juli 2010 - Arbeit
Im Interview mit dem Magazin Forum Nachhaltig Wirtschaften erklärt der Vorstand der Schweisfurth-Stiftung Prof. Franz-Theo Gottwald, warum die Wirtschaft ein neues Miteinander braucht, um zukunftsfähig zu sein: "Nur wenn wir alle miteinander und speziell Menschen in der Wirtschaft lernen, was es heißen kann, konvivial zu leben - also in einem Mitsein mit allem anderen Lebendigen und mit einem Respekt davor, dass auch alle anderen Unternehmungen, die natürliche Mitwelt, die soziale Mitwelt und auch die nächsten Generationen ein Recht auf Leben haben und zwar auf ein menschenwürdiges oder auch ein tierwürdiges oder pflanzenwürdiges Leben, wenn die intrinsischen Werte der Mitlebewesen auf diesem Planeten und der zukünftigen Lebewesen auf diesem Planeten wahrgenommen werden können - nur dann ist ein wirklicher Kulturwandel pro Nachhaltigkeit in der Wirtschaft geschaffen." Dabei geht es Gottwald nicht alleine darum, das Wirtschaften menschlicher zu gestalten, sondern die wechselseitigen Bedingtheiten von individuellem Engagement, ökologischen Rahmenbedingungen und sozialen Aspekten besser zu verstehen und angemessener zu adressieren: "Der Mensch gerät also ganz neu in den Blick in Bezug auf seine Verschränkung mit den natürlichen Ressourcen. Wie bringen wir uns selbst in den entwickelten Ländern und unseren Mitmenschen in den sich entwickelnden Ländern bei, was genug ist? Suffizienzbetrachtungen und die Folgen des Konsums bringen eine ganze neue Debatte mit sich, die die Integration der früher getrennten Felder voraus setzen. Mit dem gängigen Säulenmodell - der so genannten Triple Bottom Line - bin ich nicht glücklich. Ökonomie, Ökologie und Soziales sind nicht einfach drei nebeneinander stehende Säulen, sondern wir reden hier über ein sehr komplexes Verschränktsein, gewissermaßen einen gordischen Knoten, der auf intelligente Art und Weise kulturell angegangen werden muss."
Über die Zukunft des Konsumverhaltens, FNW 8.7.10

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Die eigenen Werte bewahren 
Mittwoch, 16. Juni 2010 - Arbeit
Burn-out ist in vielerlei Hinsicht auch eine Kopfsache, meint die Gesundheitsexpertin Elke Engels in einem Interview mit der Zeit. "Es ist gut untersucht, dass die innere Einstellung eines Mitarbeiters ein entscheidender Faktor dafür ist, ob er an Burn-Out erkrankt oder nicht. Es geht darum, seine eigenen Werte zu bewahren – Werte wie Familie, Freizeit, Freunde, die viel zitierte Work-Life-Balance. Der Mensch braucht unverplante Zeit, um sich entspannen zu können", so Engels. Die Expertin stellt immer wieder fest, dass von Burn-out Betroffene häufig eher problemorientiert an ihre Arbeit herangehen, während eine eher zielorientierte Haltung es hingegen erleichtert, auch mit großen Herausforderungen konstruktiv umzugehen: "Viele Menschen neigen dazu, problemorientiert statt zielorientiert zu arbeiten. Arbeit nimmt in ihrem Leben den zentralen Raum ein, ein Privatleben findet kaum noch statt. Freizeit, Entspannung und soziale Kontakte sind aber für die Gesundheit sehr wichtig. Menschen brauchen Spiel und Spaß in ihrem Leben, sonst werden sie krank." Wer dann nur die Probleme im Arbeitsleben wahrnehme und krampfhaft versuche, diese zu lösen, feuere die so entstehende Stressspirale noch zusätzlich an. Konzentriere man sich hingegen positiv auf seine Ziele, tue man sich leichter, die entsprechenden Kräfte zu mobilisieren, ohne sich zu verausgaben.
"Der Mensch braucht unverplante Zeit", Die Zeit 8.6.10

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Zerbrechliche Karrieren 
Montag, 31. Mai 2010 - Arbeit
Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung philosophiert Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger über den Wandel von Karrierewegen in der heutigen Zeit. Vorzeichen, die vor allem Absolventen gegenwärtig zu spüren bekommen: "Die Generation 30 ist reingeraten in eine neue Phase der Ungewissheiten und Unsicherheiten. Früher stand das ungebrochene Wachstum der Wirtschaft außer Frage und damit auch die Karriere der Einzelnen. Heute zeigen die Krisen, wie zerbrechlich die wirtschaftliche Ordnung ist und wie instabil die gesellschaftliche Ordnung. Und wie persönliche Entwicklungen davon betroffen sind." Für Sattelberger sind lineare Karrieremodelle des Aufstiegs und klassische Manager-Karrieren eher Auslaufmodelle - "noch nicht ganz tot", aber irgendwie doch bereits Schnee von gestern. Der Chef-Personaler der Telekom sieht ein neues Lebensunternehmertum am Horizont, worunter er versteht, "Dass die Menschen Unternehmer ihrer eigenen Talente werden. Das hat auch ein freudiges, gestalterisches Element. Unternehmer sein, heißt Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen, sich zu fragen: Was wage ich als Nächstes? Wie schärfe ich mein Profil? Wie entwickle ich meine Fähigkeiten?" Dabei wird er auch philosophisch: "Die Hochschulen müssen wieder werden, was sie mal waren, Reflexionsstätten, in denen nachgedacht wird: Was ist der richtige Weg für die Gesellschaft? Jenseits der Ökonomie, jenseits der reinen Fakten, was ist der Sinn des Ganzen? ... Berufliche und geistige Varietät, das ist viel wichtiger als glattgebügelte Lebensläufe. Das Prinzip, immer mehr vom selben, ist nicht gut für die eigene Entwicklung."
"Das Ender der klassischen Karriere ist eingeläutet", FAZ 24.5.10

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Warum wir häufig wandlungsresistent sind 
Freitag, 28. Mai 2010 - Arbeit
Die Wirtschaftswoche geht in einem umfangreichen Artikel der Frage nach, warum der Mensch sich mit dem Wandel so schwer tut. Neuere neurologische Studien erklären den Hang zum Festhalten am Gewohnten mit der Funktionsweise des Gehirns. Allein um eine kleine Körpergeste wie das Falten der Hände zu verändern, braucht der durchschnittliche Mensch etwa zwei Wochen, bis der neue Bewegungsablauf sich im Gehirn verankert hat. In der Umstellungsphase signalisiert das Gehirn unablässig Alarm - ein Begleitumstand, der Wandel oft zu einem unangenehmen Erlebnis werden lässt. Dass diese Mechanismen selbst in lebensbedrohlichen Situationen wirksam sind, macht die Sache nicht leichter. Das US-Magazin "Fast Company" machte unter dem Motto "Change or Die" - verändere dich oder stirb - vor einigen Jahren einen Test, der dies eindrucksvoll belegt. Die Befragten wurden damit konfrontiert, dass sie ihr Leben von ihr auf jetzt vollständig umkrempeln müssten, um nicht zu sterben. Beruf, Beziehungen, Familie, privates Umfeld, Lebensgewohnheiten - alles sollte zur Disposition gestellt werden. Neun von zehn Befragten der Studie konnten das nicht - selbst diejenigen, die bereits einige Bypässe hatten und der gesundheitlichen Bedrohung ins Auge sahen. Auch weniger umfassende Veränderungen lassen viele Menschen zurückschrecken. Eine EU-Studie von 2008 beispielsweise zeigt, dass Arbeitnehmer hierzulande lieber lange Wege zur Arbeit in Kauf nehmen, als umzuziehen - 41 Prozent nehmen deshalb eine tägliche Fahrzeit von mindestens zwei Stunden in Kauf. Wissenschaftler weisen immer wieder darauf hin, dass wir umso wandlungsfähiger sind, je häufiger wir positive Erlebnisse mit Veränderungen verknüpfen können. Wer also in einer angstvollen Situation feststeckt, wird aller Voraussicht nach deutlich weniger wandlungswillig sein als ein Mensch, der schon viele Veränderungssituationen mit Erfolg gemeistert hat. Diese menschliche Grunddisposition zeigt: Gerade in schwierigen Situationen mit besonders großen Herausforderungen, die viele Menschen als bedrohlich empfinden - wie der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise - sind die Hürden für den - dann akut notwendigen - Wandel am höchsten.
Wie viel Flexibilität ist möglich? WiWo 17.5.10

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