Systematisches Auspowern durch Leiharbeit 
Mittwoch, 2. September 2009 - Studien
Eine von der IG Metall in Auftrag gegebene Studie zeigt: Leiharbeit wird von vielen Unternehmen längst nicht mehr nur zum Ausgleich von Arbeitsspitzen verwendet, sondern zunehmend auch in strategischen Bereichen. Die Folge: Festangestellte und Leiharbeiter stehen so zunehmend in direkter Konkurrenz zueinander - und stacheln sich dabei wechselseitig zu Höchstleistungen an. Der Arbeitssoziologie Klaus Dörre, der die Studie begleitete, spricht hier sogar von systematischem Auspowern. "Die Festangestellten haben permanent das Gefühl, ihr Privileg eines relativ sicheren Jobs permanent gegen die Leiharbeiter verteidigen zu müssen. Die Leiharbeiter wiederum wollen natürlich so gut arbeiten, dass sie irgendwann ein Jobangebot erhalten. Ein reales Beispiel aus unserer Studie: In einem westdeutschen Betrieb wird Akkord und im Zweischichtbetrieb gearbeitet; eine Schicht besteht nur aus Leiharbeitern, die andere nur aus Stammbeschäftigten. Zuerst haben die Leiharbeiter zehn Prozent über Soll gearbeitet, dann zog die Stammbelegschaft nach. Dann legten wieder die Leiharbeiter vor und so weiter und so fort. Zum Untersuchungszeitraum lag der Betrieb bei 170 Prozent der Leistung", erzählt Dörre. Der Forscher kritisiert, dass die Lohneinbußen von Leiharbeitern verglichen mit Angestellten bei 20 bis 30 Prozent lägen, und das, obwohl aufgrund der häufigen Wechsel und der Energie, die für eine neue Einarbeitung seitens der Leiharbeiter aufgebracht werden müsse, ihr Stresspegel deutlich höher liege als bei Angestellten. "Ein Leiharbeiter ist im Durchschnitt drei Monate in einem Betrieb, manchmal sind es auch nur drei Wochen. Dann steht ein Wechsel an. Für diese Flexibilität müssen Leiharbeiter eine enorme Energie aufbringen. Deshalb sollte flexible Arbeit teurer sein, das würde der Leistung der Menschen viel mehr entsprechen. Dann würde Leiharbeit sogar attraktiv werden, vor allem für junge, gut ausgebildete Berufseinsteiger", so Dörre.
"Das System powert die Leute systematisch aus", SZ 19.8.2009

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Reichtum schützt vor Sorgen nicht 
Dienstag, 1. September 2009 - Studien
Genügend Geld ermöglicht ein sorgenfreies Leben - diesem Trugschluss hält das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine neue Studie entgegen, die belegt, dass die aus materieller Freiheit resultierende Sorglosigkeit eher ein Auslaufmodell. Nach Erkenntnissen der Forscher ist trotz des in den letzten Jahren gestiegenen materiellen Wohlstands nur ein Prozent aller Deutschen "sorgenfrei reich". Ein Grund dafür könnte sein, dass die herkömmliche Reichtumsdefinition (wer mehr verdient als das Doppelte des nationalen Durchschnittsnettoeinkommens gilt hierzulande als "reich") im Alltag vielleicht mehr Handlungsspielräume erkennen lässt, aber eben nicht unbegrenzte. In Deutschland können sich knapp drei Prozent glücklich schätzen, fünf Jahre in Folge zu den "Reichen" gezählt zu haben, was einem kleinen Anstieg um einen Prozentpunkt gegenüber 1999 entspricht. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Personengruppe nicht mehr gezwungen wäre, ihren Lebensunterhalt auch künftig durch Arbeit zu bestreiten - ein Faktor, der zeigt, dass es mit der Unabhängigkeit vieler Reicher nicht weit her ist. So fällt schließlich nur ein Prozent der Bevölkerung in die Kategorie (immer reich und sorglos". Die Zahl derer, die hingegen "nie ohne Sorgen" sind, ist seit den 90-er Jahren von gut 40 Prozent auf heute gut 50 Prozent gestiegen. Die Forscher stießen jedoch auch auf eine interessante Vergleichsgruppe, denn es gibt auch den Typus des Deutschen, der sehr entspannt "immer sorglos aber nie reich" ist - dies trifft auf immerhin rund vier Prozent der Bevölkerung zu.
DIW-Bericht

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Das Missverständnis mit der Ethik 
Montag, 31. August 2009 - Management
Ulf Posé, Präsident des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft e.V., legt in einem Beitrag für das Magazin ManagerSeminare den Finger in eine Wunde ethischer Missverständnisse. Es wird gegenwärtig viel diskutiert über Aufrichtigkeit und Ethik, über Angemessenheit und Werte. Doch warum scheinen sich viele dieser Diskussionen und ethisch wohlgemeinten Anregungen eher im Kreise zu drehen als einen Wandel in der Wirtschaft zu beflügeln? Für Posé liegt der Grund in einem grundlegenden Missverständnis. Für Aristoteles verlaufe die Grenze zwischen Redlichkeit und Unredlichkeit entlang einer vorurteilsfreien Betrachtung. "Redlich ist für ihn derjenige, der weiß, worüber er spricht. Der redliche Mensch spricht von den Dingen selbst, nicht von den Gefühlen, die er hat, wenn er an sie denkt", so Posé. Und genau hier beginnt der Irrweg, denn häufig werde eine Art Gefühlsethik propagiert, die sich nicht an den Tatsachen messe. Ein Missverständnis: "Ethisch gut ist, wenn Menschen sich bei dem, was sie tun, gut fühlen. Nur wenige fragen sich, ob es auch wirklich gut ist. Dieser emotionale Brei führt zu Unredlichkeit im Sprechen und Handeln", meint Posé. Gutes Gewissen, gepaart mit Inkompetenz könne jedoch kaum eine Ethik beflügeln. Der Präsident des Ethikverbandes fordert deshalb eine neue "semantische Redlichkeit", die sich den Dingen, wie sie sind, wieder zuwendet, anstatt auf der Gefühlsebene zu verharren. Dann erscheint vieles in einem neuen Licht. Beispiel: Das Leistungsprinzip, das viele Führungskräfte verfechten und das vorsieht, Mitarbeiter nach der erbrachten Leistung zu honorieren. Dem hält Posé entgegen: "Das kapitalistische Entlohnungsprinzip ist jedoch das von Marktwert und Nutzwert. Der vom Unternehmer erwartete Nutzen entscheidet über den Wert der Arbeit, nicht die Leistung. Somit ist die emotionale Forderung nach dem Leistungsprinzip semantisch völlig unsinnig." Vielleicht führt der Weg zum Sinn ja über das rechte Denken zum rechten Handeln ...
Ethisches Missverständnis: Redlich ist, wer sagt, was er meint, ManagerSeminare September 2009

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Es ist Krise und nur wenige spüren die Auswirkungen 
Freitag, 28. August 2009 - Studien
Nur 26 Prozent der deutschen Bevölkerung sehen den kommenden Monaten mit Befürchtungen entgegen - so das Ergebnis einer Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach. Genau so viele Deutsche gehen davon aus, dass die Wirtschaft das Schlimmste bereits überstanden hat. Allerdings erwartet knapp die Hälfte der Befragten, dass uns das Schlimmste noch bevorstehe, beispielsweise in steigenden Arbeitslosenzahlen. Gut jeder vierte Arbeitnehmer bangt inzwischen um seinen Arbeitsplatz - in den unteren Einkommensschichten sind es sogar 41 Prozent der Beschäftigten. Der verhaltene Optimismus der Bürgerinnen und Bürger liegt auch daran, dass sich erst sechs Prozent aller Deutschen bisher stark von der Krise betroffen sehen und 29 Prozent begrenzt. Ein Viertel kann keine Auswirkungen auf die persönliche Lage feststellen, befürchtet jedoch, dass sich dies in den kommenden Monaten ändern könnte. 38 Prozent der Befragten glauben hingegen nicht, dass die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise sie betreffen werden und fühlen sich auch aktuell auf der sicheren Seite. Dies trifft vor allem für die Altersgruppe unter 30 Jahre und über 60 Jahren zu und auf Bevölkerungskreise mit überdurchschnittlichem Einkommen. Unter dem Strich sind die ersten Krisenverlierer also die prekär Beschäftigten.
Fatalistische Gelassenheit, FAZ 19.8.2009

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Allzeit bereit und immer verfügbar 
Donnerstag, 27. August 2009 - Studien
Jeder dritte Arbeitnehmer ist rund um die Uhr für berufliche Belange erreichbar, so das Ergebnis einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom unter 1.000 Personen ab 14 Jahren in Privathaushalten. Satte 36 Prozent gaben an, nach Büroschluss jederzeit ansprechbar zu sein. Ein Drittel der Befragten ist unter der Woche am Abend erreichbar, vier Prozent sind es auch am Wochenende. Der Grad der Erreichbarkeit variiert nach Alter und Geschlecht. So sind 77 Prozent der Männer außerhalb der normalen Arbeitszeiten per Handy oder E-Mail erreichbar, bei den Frauen 68 Prozent. Die Erreichbarkeit steigt mit dem Alter der Befragten - wohl auch, weil dann die Aufgaben wachsen. So sind von den Arbeitnehmern bis 29 Jahre "nur" 53 Prozent in der Freizeit erreichbar, bei den 30- bis 49-Jährigen hingegen 83 Prozent. Feierabend war gestern ...
Pressemitteilung Bitkom

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Fairer Handel als Erfolgsmodell 
Mittwoch, 26. August 2009 - Studien
Der faire Handel trotzt der Wirtschaftskrise. Laut einer Verbraucherstudie des bundesweiten Netzwerks Forum Fairer Handel ist der Absatz von fair gehandelten Waren in Deutschland in vergangenen Jahr um 40 Prozent gestiegen. Ob Kaffee, Bananen oder Kleidung - immer mehr Bundesbürger greifen zu Produkten, die unter gesellschaftsverträglichen Bedingungen hergestellt wurden. Die Verbraucher schätzen diesen Konsum-Aktivismus anscheinend mehr als eine paternalistische Spenden-Mentalität. "Auf die Frage, wie man sich in Deutschland am besten gegen Armut in Entwicklungsländern engagieren könne, landete der Kauf von fair gehandelten Produkten mit 39 Prozent auf dem ersten Platz, vor Spenden oder Formen des freiwilligen Engagements von Unternehmen", schreibt die taz.
Fair Gehandeltes hoch im Kurs, taz 11.8.2009

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Autopilot im Hirn blockiert Innovationen 
Dienstag, 25. August 2009 - Management
Unser Gehirn ist unser größter Feind auf dem Weg zur Realisierung von Innovationen. Pro Tag müssen wir rund 20.000 Entscheidungen treffen - von banalen bis hin zu gravierenden. Um mit dieser Flut von Denkprozessen zu Rande zu kommen, schaltet das Gehirn in vielen Fällen auf Autopilot. So werden 95 Prozent dieser Entscheidungen vom Gehirn gewissermaßen autark gefällt und erreichen nicht einmal die Bewusstseinsschwelle - wir reagieren aufgrund früherer Erfahrungen und aus Gewohnheit. Eine Studie zeigt: Wer sich auf Routinen verlässt und typischen Büroritualen huldigt (beispielsweise der täglichen Benutzung der privaten Kaffeetasse oder der Wahl der Lieblingskrawatte für wichtige Meetings) leistet mehr, arbeitet effektiver und ist weniger anfällig für Stress. Die Kehrseite der Medaille: Aufgrund dieser Automatismen sind wir nicht nur sehr veränderungsresistent, sondern blockieren auch Innovationen. Studien zeigen, dass rund 60 Prozent aller Change-Projekte scheitern, wobei zu zwei Dritteln eine Veränderung der Einstellungen und Denkweisen die Hürde darstellt. Die Moral von der Geschichte: Wandel ist harte Arbeit am Bewusstsein. Schon kleinste Veränderungen - etwa eine veränderte Haltung der Hände beim Beten - brauchen etwa zwei Wochen, bis das Gehirn nicht mehr dagegen revoltiert.
Gewohnheiten verhindern Innovationen, WiWo 10.8.2009

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Mitarbeiter-Dressur für mehr Effizienz 
Montag, 24. August 2009 - Management
Mehr Effizienz und höhere Produktivität sind gerade in Krisenzeiten für viele Unternehmen unverzichtbar. Ein Beitrag in der Financial Times Deutschland zeigt jedoch auch die Kehrseite übertriebener Optimierungsszenarien. Am Beispiel von Starbucks, das die Arbeitsabläufe in seinen Filialen verbessern will, illustriert der Artikel, dass viele Mitarbeiter solche Dressurprogramme, die alle notwendigen Handgriffe bis in die kleinsten Details straffen sollen, nur wenig goutieren, weil sie sich zu Maschinen degradiert fühlen. Man mag einwenden, dass Tätigkeiten mit ohnehin einfachen Arbeitsabläufen den Mitarbeitern ohnehin wenig Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Doch gerät dabei nur allzu leicht außer Acht, dass Schnelligkeit allein nicht der einzige Erfolgsfaktor im Wettbewerb ist. Die Drive-Through-Kundschaft bei Starbucks muss nun statt 25 Sekunden nur noch 23 Sekunden auf ihren Kaffee warten. Ob das freundliche Lächeln und ein Gruß des Personals da noch einkalkuliert sind?
Starbucks coffee too slow, FTD 10.8.2009

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