Die Unkontrolliertbarkeit des Lebendigen annehmen 
Dienstag, 15. September 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Mit Corona haben die verschiedensten Bedrohungs- und Angstszenarien in unseren Alltag Einzug gehalten. Dadurch mag das Angstlevel in Teilen der Bevölkerung gewachsen sein. Doch sollten wir auch bedenken, dass die Angst vor dem Kontrollverlust eigentlich zum Wesen unserer modernen Gesellschaften gehört, denn viele unserer heutigen Errungenschaften beruhen gerade darauf, dass wir versuchen, mit ihnen unser Leben zu verbessern und es so zu schützen. "Das Leben ist immer gefährlich. Man kann den Leuten nicht sagen, wenn sie das und das machen, dann kommt alles gut. Wir müssen die Unkontrollierbarkeit des Lebendigen annehmen. Erst wenn wir aufhören, alles kontrollieren und beherrschen zu wollen, sind wir frei", sagt der Neurowissenschaftler Gerald Hüther in einem Interview mit der Berner Zeitung. Ein Schritt auf diesem Weg sind für ihn mehr Bewusstheit und Gemeinsinn: "Es braucht eine emanzipierte, sich selbst bewusste Bevölkerung. Statt der Interessen Einzelner soll das Wohl aller im Vordergrund stehen." Im Ernstfall von etwas Größerem getragen zu sein, kann sicherlich so manchen Ängsten den Nährboden entziehen ...
«Angstmacherei ist eine Unart unserer ganzen Gesellschaft», Berner Zeitung 28.8.20

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Wenn das Home Office zur Isolationsfalle wird 
Montag, 14. September 2020 - Psychologie, Arbeit, Management
Viele Menschen schätzen die Arbeit im Home Office - weil ihnen längere Arbeitswege erspart bleiben, aber auch, weil sie das Gefühl haben, ohne ständige Störungen durch die lieben Kolleg*innen produktiver zu arbeiten. Andere vermissen letzteres, weil sie diese persönlichen Kontakte vermissen. In einem Interview mit dem Harvard Business Manager warnt die Psychologin Antje Flade davor, dass das Home Office leicht zu einem Ort der Isolation werden könne. "Eine länger dauernde Verlagerung vom Büro ins Homeoffice ist aus psychologischer Sicht problematisch: Man bekommt weniger Anregungen aus der realen Außenwelt, der soziale Austausch ist reduziert, die raumzeitliche Ordnung des Wohnalltags wird überstrapaziert, und die Wohnung verliert ihre erholende Wirkung. Der Mensch stößt im Außenraum auf Fragen, die ihm sonst nicht in den Sinn gekommen wären und die ihn motivieren, sich mit weniger Ich-bezogenen Themen zu befassen. Der Erfahrungshorizont wird erweitert, das Umweltwissen vermehrt. Das Homeoffice ist im Vergleich dazu ein reizarmer Ausschnitt der Lebenswelt." Für mich klingt das fast ein wenig nach Ego-Falle und selbstinduzierter Filterblase. Und da ist natürlich etwas dran, denn man mag das Arbeiten zu Hause zwar als einen Ausdruck von Selbstwirksamkeit empfinden, aber gleichzeitig ist da auch nicht mehr als das eigene Selbst anwesend. Und in einer Kultur, die ohnehin dazu neigt, die Gemeinschaftlichkeit mehr und mehr zu vernachlässigen, kann das natürlich langfristig auch im Hinblick auf unser soziales Zusammensein insgesamt Auswirkungen haben. Flade kritisiert denn auch: "Die Vorstellung, dass das Homeoffice und seine Unabhängigkeit von festen Arbeitszeiten als Gewinn an Freiheit und Selbstbestimmung zu bewerten ist, beruht allzu sehr auf dem Trend in Richtung einer Individualisierung der Gesellschaft, die den Menschen auf die Daseinsform eines örtlich und sozial ungebundenen Einzelwesens reduziert." Gleichzeitig sollten wir aber vielleicht auch mehr darüber nachdenken, dass wir heute vor die Arbeitssphäre als primären Raum sozialer Kontakte betrachten - weil wir dort die meiste Zeit verbringen. Wir könnten ja auch damit beginnen, das hier beschriebene Problem von dieser Seite aus zu lösen - weniger Arbeit, mehr Raum für soziale Beziehungen ...
Ein reizarmer Ausschnitt der Lebenswelt, HBM 17.8.20

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Werden wir Deutschen auf einmal zu Optimisten? 
Freitag, 11. September 2020 - Studien
Die German Angst ist legendär, doch in der aktuellen Krise scheinen die Deutschen zu Optimisten zu werden. Vielleicht auch, weil die Einschläge hierzulande im Vergleich zu vielen anderen Ländern eben noch deutlich geringer ausfallen. Eine Studie des US-Meinungsforschungsinstituts PEW Research, für die weltweit fast 15.000 Menschen in 14 Staaten befragt wurden, zeigt jedenfalls: Wir sind optimistischer, als viele gedacht haben - und als die Menschen in vielen anderen Ländern, wenn es darum geht, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie zu betrachten. Im Schnitt betrachten zwei Drittel der Weltbevölkerung die wirtschaftliche Lage im eigenen Land als schlecht, in Italien sind es sogar 90 Prozent. Die Deutschen sehen das nur mit 47 Prozent so, eine Mehrheit findet, der hiesigen Wirtschaft gehe es gut. Interessant ist auch, dass die Einschätzung der Bevölkerung nicht unbedingt analog zur realen Krisenentwicklung im eigenen Land ist. In Südkorea etwa sank die Wirtschaftsleistung durch die Pandemie lediglich um 3,2 Prozent, aber 83 Prozent der Befragten beurteilen die Lage als schlecht. Vielleicht ist Corona ja hier so etwas wie ein Ventil, durch das sich aufgestauter Frust (zum Beispiel über die unzureichende eigene wirtschaftliche Lage) nun entlädt. 60 Prozent der Koreaner glauben übrigens auch, dass sich die wirtschaftliche Lage noch weiter verschlechtern werde, im Studiendurchschnitt sind es 47 Prozent der Befragten. Wir Deutschen hingegen blicken optimistischer in die Zukunft. Hier glauben nur 37 Prozent an eine weitere Verschlechterung, während 47 Prozent damit rechnen, dass es bald wieder bergauf gehe.
Das Ende des deutschen Pessimismus, welt.de 3.9.20

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Wenn der Bonus zum Schuss in den Ofen wird 
Donnerstag, 10. September 2020 - Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Mitarbeitern einen Bonus gewähren, wenn sie immer schön brav zur Arbeit erscheinen? Hört sich irgendwie schräg an - und kann zum Schuss in den Ofen werden. Das zeigt jedenfalls eine Studie, die untersuchte, was passiert, wenn man genau das versucht. Grundlage bildete ein reales Testszenario mit Auszubildenden im Einzelhandel. Diese konnten durch stete Anwesenheit bis zu 240 Euro oder vier zusätzliche Urlaubstage im Jahr erhalten. Um Verzerrungseffekte auszuschließen, wurde ein längerer Zeitraum betrachtet, der auch die Zeit vor dem Bonus-System und danach mit einschloss. Dabei zeigte sich: Der Motivationsanreiz kehrte sich in sein Gegenteil. Statt nun besonders auf ihre regelmäßige Anwesenheit zu achten, waren diejenigen, denen der Geldbonus angeboten wurde, nun im Schnitt alle zwei Monate einen zusätzlichen Tag abwesend. Die zusätzlichen Urlaubstage hingegen wirkten auf die Motivation zur Anwesenheit neutral. Die Forscher erklären das Ergebnis damit, dass es durch das in Aussicht gestellte Geld plötzlich keine unhinterfragte Selbstverständlichkeit mehr sei, wirklich zur Arbeit zu erscheinen. Ich habe zu dem Ergebnis noch eine andere Theorie. Fehltage durch Krankheit beispielsweise können den erwartbaren Geldsegen schon reduzieren. Hochgerechnet bedeutet die Statistik der Wissenschaftler, dass die Blaumacher im Schnitt an sechs Tagen im Jahr fehlten. Was sind schon 240 Euro mehr in der Tasche im Vergleich zu bis zu sechs Tagen mehr "Freizeit"? Ich könnte mir gut vorstellen, dass diejenigen, die mehr Urlaubstage bekamen, disziplinierter waren, weil die ihnen angebotene "Währung" eine andere war. Vielleicht sagt diese Studie nicht nur darüber etwas aus, wie sehr Geldanreize die Motivation untergraben, sondern viel mehr darüber, wie wertvoll Menschen zusätzliche freie Zeit ist?
Bonus reizt zum Blaumachen, spiegel.de 28.8.20

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Die Krise als Navigator nutzen 
Mittwoch, 9. September 2020 - Bewusstsein, Wissenschaft, Arbeit, Management
"Wir müssen die Wirtschaft von der Krise her neu denken", fordert der Wirtschaftswissenschaftler Lars Hochmann in einem Beitrag für Capital. Und er kritisiert, wie sich sein Fach über lange Jahre in der Bequemlichkeit alter Begrifflichkeiten eingerichtet hat. Sein Anliegen: Wirtschaft nicht mehr als ein System zu sehen, das eben so ist, wie es ist. Die Ursache der Krise "liegen weder in der Verantwortung einzelner Menschen noch lassen sie sich auflösen in einer gesellschaftlichen Totalität. Sie sind das Ergebnis einer sozialen Praxis, die sich weitestgehend unbesehen entlang von individuellen wie geteilten Gewohnheiten und Gepflogenheiten fortführt. Ökonomie gestaltet diese Kulturen, sie prägt, wie wir kommunizieren, uns kleiden, ernähren und miteinander umgehen. Der Glaube, Wirtschaft sei ein fremder Stern, auf dem es nur um den eigenen Vorteil und den rollenden Rubel geht, war immer schon ein Irrtum. Sie erscheint nur so, wenn sie aus diesem Blickwinkel betrachtet wird. Wir können ihn aber verändern, wir können andere Begriffe verwenden, andere Fragen stellen, andere Perspektiven einbeziehen, andere Ziele verfolgen – und kämen zu einem ganz anderen Bild", so Hochmann. Seine Forderung: Wir sollten im Hinblick auf die Gestaltung von Wirtschaft reflexiver werden, Begriffe und Gegebenheiten überdenken und so neu formulieren, dass sie konstruktive Entwicklungen ermöglichen. Die Werturteile und Standpunkte, die hinter diesen Gegebenheiten stehen, sollten transparenter gemacht werden. Weiter seien Teilhabe und Mitwirkung von auße essenziell für den Wandel, denn das Wissen der Vielen führe leichter zu neuen Lösungen.
Wir müssen Wirtschaft grundlegend neu denken, Capital 25.8.20

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Forcierter Wettbewerb lässt Menschen kontraproduktiv handeln 
Dienstag, 8. September 2020 - Psychologie, Studien, Arbeit, Management
In vielen Firmenkulturen ist es inzwischen üblich, innerhalb der Mitarbeiterschaft durch entsprechende Feedbacksysteme einen Wettbewerb aufzubauen, indem sie Menschen relativ zu anderen bewerten. Das spornt jedoch, wie eine neue Studie zeigt, nicht unbedingt auch zu konstruktiverer Leistung an. In der Untersuchung mussten die Proband*innen in verschiedenen Konkurrenzszenarien handeln. Dabei zeigte sich: Priorität hatte für die Teilnehmenden, wenn sie ein solches Ranking erwartete, vor allem, in dieser Rangliste gut dazustehen. Und damit dies möglich wurde, waren sie sogar bereit, Entscheidungen zu treffen, die der gesamten Gruppe und auch ihnen selbst schadeten. Mitarbeiter durch Rankings pushen zu wollen, kann also richtig nach hinten losgehen.
So ruiniert Wettbewerb die Leistung, WiWo 24.8.20

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Die Illusion von Kontrolle trifft uns frontal 
Montag, 7. September 2020 - Bewusstsein, Psychologie
Psychologen stellen seit vielen Wochen fest, wie stark die Pandemie auf unser Angstsystem zu wirken scheint. Der kollektiv erfahrene Kontrollverlust offenbart dabei ein Paradox, denn es sind nicht unbedingt die realen Gefahren, die uns in Sorge versetzen, sondern eher die Erkenntnis, dass wir einer Illusion aufgesessen haben, unser Leben kontrollieren zu können. "Wie leben in einer der am besten abgesicherten Gesellschaften weltweit. Aber unsere Ängste sind oft überdimensional groß. Unsere Fähigkeit, auf einen Kontrollverlust zu reagieren, nimmt ab. Weil es für uns so selbstverständlich ist, dass es immer Strom gibt, dass Wind und Wetter kein Problem mehr sind, all das. Je weniger Angst wir ausgesetzt sind, desto mehr wächst die Illusion, es gäbe ein System ganz ohne sie", erklärt der Coach Bernd Sprenger in einem Interview mit der Zeit. Für ihn lädt die Unsicherheit der gegenwärtigen Situation geradezu dazu ein, sich mehr darauf zu besinnen, was wir nicht kontrollieren können, und entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen: "Wir können nicht alles selbst planen. Deshalb sollten wir es gar nicht erst versuchen. Es geht eher darum: Vertrauen zu entwickeln in Bereichen, die man gar nicht kontrollieren muss. Natürlich sollten wir aktiv handeln. Aber da, wo wir es können, wo wir etwas verändern können. Und nicht da, wo wir ohnehin keine Macht haben."
"Vertrauen Sie darauf, dass Sie irgendwie durch die Krise kommen", Zeit.de 21.8.20

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Hitze kostet uns Produktivität 
Freitag, 4. September 2020 - Studien, Arbeit, Management
Wir alle haben wohl in den letzten heißen Sommerwochen gespürt, dass wir, wenn das Thermometer in die Höhe schnellt, selbst deutlich langsamer werden bei allem, was wir tun. Bisher ging die wissenschaftliche Forschung davon aus, dass ein Grad Erwärmung eine Volkswirtschaft pro Jahr ein Prozent ihrer Produktivität kostet. Eine neue Studie vom Berliner Mercator-Institut MCC und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zeigt nun, dass die Einbußen sogar höher ausfallen könnten. Die Wissenschaftler haben errechnet, dass bei einem Grad Erderwärmung die Produktivität sogar um drei Prozent sinken könnte. Für das Szenario einer Erderwärmung um vier Grad bis 2100 würde dies für Staaten Verluste von etwa zehn Prozent ihrer Wirtschaftskraft bedeuten, in den wärmeren und ärmeren Regionen könnten es sogar 20 Prozent sein. Szenarien wie diese zeigen, wie sehr der Klimawandel tatsächlich auch die Wirtschaft treffen wird, die sich bis heute in großen Teilen gegen Investments wehrt, die diese Effekte zumindest noch mindern könnten.
Die Hitze macht uns ärmer, taz 24.8.20

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