Gamification - die virtuelle Karotte 
Donnerstag, 30. Oktober 2014 - Arbeit
Die Welt geht in einem Beitrag der Frage nach, wie Gamification, das spielerische Lernen mittels Computerspielen, die für die Arbeitswelt entwickelt wurden, zu positiven Verhaltensänderungen führen kann. Mit Spielen Fähigkeiten zu entwickeln, die im Job helfen, funktioniert laut Artikel dann am besten, wenn das Spieldesign sowohl optimal auf das gewünschte Einsatzgebiet zugeschnitten ist als auch für regelmäßige Herausforderungen und Langzeitmotivation sorgt. Das Beispiel zur möglichen Wirkung des Systems SoInteractive Gamification Framework bringt mich dann aber doch zum Grübeln. Hier wird gezeigt, wie ein Mitarbeiter, der häufig zu spät zur Arbeit erschien und nicht sonderlich motiviert war, durch das Spiel sein Verhalten innerhalb weniger Wochen veränderte - er kam plötzlich pünktlich und zeigte deutlich mehr Engagement. Die Erklärung: Um im Spiel Punkte zu sammeln und weiterzukommen, musste der Mitarbeiter sich auch im Hinblick auf seine Pünktlichkeit und seinen Einsatz verbessern - und sein Spieltrieb scheint dabei größer gewesen zu sein als sein zuvor zum Ausdruck gebrachter innerer Widerstand. Klingt nach plumper Manipulation ... Im Artikel heißt es: "Wichtig ist es immer, Gamification in die bestehende Unternehmenskultur zu integrieren. Auf diese Weise kann daraus ein Wettbewerbsvorteil erwachsen. Denn wo Menschen die Möglichkeit geboten wird, direktes Feedback zu erhalten, können sie mit ihren Aufgaben wachsen." Ein zitierter Berater von Accenture weist explizit darauf hin, dass es dabei nicht darum gehe, "die virtuelle Peitsche zu schwingen". Nun, die ist ja dann auch nicht mehr nötig, denn die gewünschte Anpassungsleistung wird ja dann gewissermaßen wie von selbst erbracht - auch wenn es eigentlich ein Spiel ist.
Unternehmen machen Mitarbeitern zu Spielern, Die Welt 18.10.14

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Depression statt Befreiung 
Montag, 20. Oktober 2014 - Arbeit
Der Soziologe Heinz Bude hat in seinem neuen Buch das Phänomen "Gesellschaft der Angst" erkundet und erklärt in einem Interview mit Spiegel online, warum die Generation der heute 40-Jährigen immer mehr zu Sklaven einer Idee von Work-Life-Balance zu werden scheint. Der Soziologe beschreibt, dass alle Bemühungen darum kreisen, ein gelungenes Leben zu verwirklichen, doch da dies in der heutigen Wahrnehmung nicht mehr allein durch eine Karriere oder ein glückliches Familienleben möglich werde, sondern möglichst alles Vorstellbare im eigenen Leben auch zum Tragen kommen müsse, werde das eigene Leben immer öfter als Scheitern erlebt. "Wir haben es hier mit einer Generation Null Fehler zu tun, die sämtliche Bereiche des Lebens auszutarieren versucht. Wer das nicht hinkriegt, gehört zu den wirklichen Losern, von denen man sich besser fernhält. ... Eigentlich wird ja die perfekte Work-Life-Balance angestrebt. Man wird aber zum Sklaven dieser Work-Life-Balance. Was ursprünglich eine Befreiungsidee war, um sich vor den Tücken der Arbeitswelt zu schützen, wird nun zum Auslöser einer Depression. Das existenzielle Optimierungsprogramm ist schwer durchzuhalten. Früher sagte man: Ich bin, der ich bin. Heute denkt man: Ich bin, der ich sein könnte", erklärt Bude. Die Foucaultsche Idee der Selbsttechnologie, der Befreiung von Fremdsteuerung, werde unter den Vorzeichen der Zeit pervertiert in eine "Unterwerfung unter Eigensteuerung". Alles werde gegeneinander abgewogen und austariert, doch man gebe sich keiner Sache mehr ausschließlich hin, so der Soziologe. Das erstrecke sich bis zu den großen Lebensfragen: "Bei Fragen der letzten Bedeutung, so meine Erfahrung, herrscht auf einmal diese austernhafte Verschlossenheit. Man will sich durch Ernsthaftigkeit nicht aufs Kreuz legen lassen. Die letzten Dinge haben durchaus einen Widerhall, aber sie werden ausgespart."
"Sklaven der Work-Life-Balance", Spiegel online 6.10.14


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Die Vereinbarkeits-Lüge 
Freitag, 17. Oktober 2014 - Arbeit
Die nach wie vor schwer zu realisierende Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird gerne öffentlich diskutiert, aber noch lange nicht grundsätzlich genug, finden Susanne Garsoffky und Britta Sembach, deren Buch "Die Alles-ist-möglich-Lüge" gerade erschienen ist. In einem Gastbeitrag für Zeit online stellen beide die Maßstäbe, die bei solchen Diskussionen angelegt werden, in Frage und plädieren für eine viel grundsätzlichere Systemkritik. So kritisieren die beiden, dass häufig die Lebenswege von Powerfrauen in gut dotierten Positionen als Beleg für die Vereinbarkeit von Job und Familie herangezogen werden. "Diese Powerfrauen sind Frauen, die man nicht wirklich gut leiden kann, aber heimlich ein bisschen beneidet. Weil sie Kraftpakete zu sein scheinen, die so gut wie nie müde, hungrig oder überarbeitet sind. Und dabei immer ausgeschlafen wirken und top frisiert sind. ... Powerfrauen liefern den Sound zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hey – dröhnt es aus allen Richtungen –, ihr müsst euch alle nur genügend anstrengen, dann seid ihr auch multitaskingfähig, unkaputtbar und leistungsstark. Der Druck, der dadurch auf die vielen Mütter und Väter entsteht, die verzweifelt versuchen, allen Anforderungen auch nur halbwegs gerecht zu werden, ist enorm." Garsoffky und Sembach wünschen sich eine Abkehr von der vorherrschenden Ideologie, miteinander vereinbaren zu wollen und zu sollen, was anscheinend nicht vereinbar ist. Ihr Plädoyer: "Hören wir endlich auf, die 'Vereinbarkeit' als ein rein individuelles Problem zu sehen, an dem jeder und jede aus persönlicher Unzulänglichkeit verzweifelt. Schauen wir uns genau an, unter welchen Umständen Familien in Deutschland diesen Spagat leben müssen – und ändern wir diese, bevor wir Eltern weiter auffordern, sich selbst und ihre Kinder immer weiter zu optimieren. Erkennen wir an, dass Familienarbeit eine ernstzunehmende, aufwändige und gesellschaftlich existentielle Arbeit ist – und hören wir auf, diejenigen zu bestrafen, die sich dafür entscheiden. Hören wir auf damit, nur Erwerbsarbeit einen Wert beizumessen, weil diese Haltung alle anderen Arbeiten gnadenlos entwertet. Machen wir die Gesellschaft fit für die On-off-Biografie! Einen Lebenslauf also, in dem Phasen der Erwerbsarbeit immer wieder mit Phasen der Familienarbeit abwechseln können, von der Gesellschaft getragen und den Unternehmen gefördert. Denn nur so können wir dem Fachkräftemangel begegnen und gleichzeitig Menschen Mut zur Familie machen. Viel zu viele hat dieser Mut längst verlassen."
Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind, Zeit online 2.10.14


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Depression statt Befreiung 
Montag, 13. Oktober 2014 - Arbeit
Der Soziologe Heinz Bude hat in seinem neuen Buch das Phänomen "Gesellschaft der Angst" erkundet und erklärt in einem Interview mit Spiegel online, warum die Generation der heute 40-Jährigen immer mehr zu Sklaven einer Idee von Work-Life-Balance zu werden scheint. Der Soziologe beschreibt, dass alle Bemühungen darum kreisen, ein gelungenes Leben zu verwirklichen, doch da dies in der heutigen Wahrnehmung nicht mehr allein durch eine Karriere oder ein glückliches Familienleben möglich werde, sondern möglichst alles Vorstellbare im eigenen Leben auch zum Tragen kommen müsse, werde das eigene Leben immer öfter als Scheitern erlebt. "Wir haben es hier mit einer Generation Null Fehler zu tun, die sämtliche Bereiche des Lebens auszutarieren versucht. Wer das nicht hinkriegt, gehört zu den wirklichen Losern, von denen man sich besser fernhält. ... Eigentlich wird ja die perfekte Work-Life-Balance angestrebt. Man wird aber zum Sklaven dieser Work-Life-Balance. Was ursprünglich eine Befreiungsidee war, um sich vor den Tücken der Arbeitswelt zu schützen, wird nun zum Auslöser einer Depression. Das existenzielle Optimierungsprogramm ist schwer durchzuhalten. Früher sagte man: Ich bin, der ich bin. Heute denkt man: Ich bin, der ich sein könnte", erklärt Bude. Die Foucaultsche Idee der Selbsttechnologie, der Befreiung von Fremdsteuerung, werde unter den Vorzeichen der Zeit pervertiert in eine "Unterwerfung unter Eigensteuerung". Alles werde gegeneinander abgewogen und austariert, doch man gebe sich keiner Sache mehr ausschließlich hin, so der Soziologe. Das erstrecke sich bis zu den großen Lebensfragen: "Bei Fragen der letzten Bedeutung, so meine Erfahrung, herrscht auf einmal diese austernhafte Verschlossenheit. Man will sich durch Ernsthaftigkeit nicht aufs Kreuz legen lassen. Die letzten Dinge haben durchaus einen Widerhall, aber sie werden ausgespart."
"Sklaven der Work-Life-Balance", Spiegel online 6.10.14


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Einfach mal frei sein 
Dienstag, 23. September 2014 - Arbeit
Stress, Hyperaktivität und Konsumwahn - wenn es nach dem Postwachstums-Ökonomie-Vordenker Niko Paech geht, ist ein "weniger von allem" nicht nur absehbar eine wirtschaftlich-ökologische Notwendigkeit, sondern könnte uns auch zu einem viel zufriedeneren Lebensstil verhelfen. "Konsum macht keine Freude, sondern strengt an. Das knappste Gut ist unsere Lebenszeit – die wir damit verschwenden, Waren herzustellen und zu kaufen, die wir nicht benötigen", sagt Paech im Interview mit der taz. Ihm geht es um Befreiung, nicht darum , sich etwas zu versagen: "Verzicht ist das falsche Wort, weil es eine leidvolle Entsagung nahelegt. Dabei kann es den Genuss steigern, weniger zu konsumieren. Man hat mehr Zeit für die Tätigkeiten, die einem wirklich wichtig sind." Paech plädiert beispielsweise für einen "geordneten Rückbau" des Industriekapitalismus, verbunden mit neuen Vorstößen in Sachen Subsistenzwirtschaft: "Wenn jeder Mensch nur noch 20 Stunden pro Woche arbeitet, bleibt genug Zeit, um ergänzende Formen der Selbstversorgung zu praktizieren, etwa Nahrung selbst anzubauen, Güter gemeinschaftlich zu nutzen oder Dinge zu reparieren."
Konsum nervt, taz 1.9.14

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Muse kann man nicht erzwingen 
Montag, 8. September 2014 - Arbeit
In der vorherrschenden Selbstoptimierungskultur scheint jeder Kniff recht, um das eigene Potential weiter zu pushen. So erfreut sich die Zusammenstellung "Daily Rituals" des Schriftstellers Mason Currey, die in Deutschland unter dem Titel "Musenküsse" veröffentlicht wurde, gegenwärtig großer Beliebtheit. Currey hat zusammengestellt, wie die Größen aus Wissenschaft, Kunst und Politik über die Jahrhunderte bis zur Gegenwart ihre Tage gestalteten und mit welchen Mitteln sie ihre Kreativität förderten. Das Software-Unternehmen Citrix hat die im Buch dargestellten Lebensläufe und Tricks sogar grafisch aufbereitet, so dass sich wunderbar sehen lässt, wie lange ein Franz Kafka oder ein Picasso schlief, wie viel Zeit sie der Kreativität widmeten und wie viel dem schnöden Broterwerb. Doch wie hilfreich ist es, sich daran zu orientieren, dass Freud kokste und bis zu 20 Zigarren am Tag rauchte? Oder an Marcel Proust, der sein Werk in den Mittelpunkt seines Lebens stellte und darüber depressiv wurde? Wesentlich spannender als in all diesen Lebensdetails nach konkreten Anleitungen zu suchen, ist wahrscheinlich der Blick aufs Ganze. Zwar gab es unter den Größen der Zeitgeschichte sehr disziplinierte Geister, die wie Balzac oder Voltaire nur ein Minimum ihrer Zeit auf das Schlafen, Freizeit oder Musestunden aufwendeten und voll in ihrer produktiven Tätigkeit aufgingen, aber betrachtet man die von Citrix erstellte Statistik zur Zeitverteilung genauer, fällt eines auf: Die meisten der im Buch beschriebenen Persönlichkeiten leisteten sich den Luxus, jede Nacht sieben bis neun Stunden zu schlafen und widmeten nur ausgewählte Teile des Tages dem fokussierten kreativen Schaffen. Mindestens genau so viel Zeit reservierten sie indes auch fürs Nichtstun, fürs Schweifenlassen der Gedanken, das Träumen und Nachdenken. Vielleicht ist es ja gar nicht unbedingt das, was wir tun, was uns so kreativ macht, sondern bisweilen einfach die Freiheit, auch auf angemessene Weise nichts zu tun.
Selbstoptimierer küsst die Muse selten, SZ 26.8.14

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GenY geht gern auf Nummer sicher 
Freitag, 5. September 2014 - Arbeit
In einem Interview mit der Huffington Post erklärt der Ex-Personalvorstand der Telekom Thomas Sattelberger, warum das wachsende Sicherheitsbedürfnis der GenY für die deutsche Wirtschaft zum Problem werden könnte. Die Studierenden von heute scheinen entweder auf Sicherheit zu setzen und ein Arbeitsverhältnis im Staatsdienst anzustreben, oder sie wollen durch einen Job in Großkonzernen auf Nummer sicher gehen. "Ich erlebe eine zutiefst verunsicherte oder rückwärtsgewandte Generation. Ich beobachte, dass etwa 75 Prozent der jungen Menschen ihre Karriere auf den Prinzipien Sicherheit oder Prestige aufbauen", so Sattelberger. Die äußeren Entwicklungen in der Wirtschaft seien indes zu dieser Haltung geradezu diametral entgegengesetzt. "Die junge Generation sucht nach Kontinuität und Sicherheit - und sieht dabei nicht, dass dieser Weg der gefährlichste ist. ... Unsere Wirtschaft steht vor dramatischen Veränderungen – ganze Branchen stehen vor einem disruptiven Tsunami. ... Wir erleben gerade, dass eine ganze Generation die Lust am Risiko verliert. Damit verlieren die jungen Menschen aber die Fähigkeit, sich auf neue Bedingungen einzustellen. Die Angst vor dem Scheitern überschattet alles", so Sattelberger weiter. Als Lösung propagiert der Personalexperte zunächst einmal eher Plattitüden wie sich als Talent-Unternehmer und Ich-AG zu verstehen, die eigenen Fähigkeiten zu erkennen und sich damit zu einer Marke zu machen. Doch über dieses typische Business-Sprech hinaus, das vor allem auf eine Anpassung an die immer heftiger werdenden Rahmenbedingungen des Turbo-Kapitalismus hinausläuft, ermuntert Sattelberger auch dazu, einfach mal Mut für Experimente zu zeigen: "Verlassen Sie Ihren Weg, damit Sie wirklich herausfinden können, was Sie wollen. Das ist wichtiger denn je. Ich sehe zu viele junge Menschen, die ein Leben in einem falschen Film führen. Sie laufen einer Sache hinterher, hinter der sie nicht wirklich stehen." Wenn das Schule macht, wird es spannend ...
"Die jungen Menschen laufen den falschen Göttern nach", Huffington Post 11.8.14

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Downshifting statt Burn-out 
Donnerstag, 4. September 2014 - Arbeit
In Anbetracht der wachsenden Zahl von Überstunden, die in Deutschland geleistet werden, mögen sich Menschen mit überschaubaren 9-bis-5-Jobs glücklich schätzen. Doch immer mehr Arbeitnehmer finden, dass selbst eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden zu viel ist, um Zeit zu finden für all die anderen Dinge, die ihnen im Leben wichtig sind. Zeit online portraitiert in einem Beitrag wieder einmal drei "Aussteiger", die nicht einfach nach einer neuen Form der Work-Life-Balance suchen, sondern sich schlicht ganz grundsätzlich fragen: Was möchte ich alles tun im Leben? Und wie finde ich die dafür notwendige Zeit? Teil ihrer Antworten ist es, die Zeit, die sie für die Erwerbstätigkeit aufwenden, zu reduzieren. Bei dieser Art des Downshiftings geht es nicht darum, einfach mehr Zeit für die Familie oder die Betreuung von Kindern zu haben, oder darum, Burn-out-Prophylaxe zu betreiben. Nein, diese neuen Vorreiter betrachten das Leben wieder mehr als eine Ganzheit - und sie haben den Mut, nicht nur zu erkennen, dass ein Job zwar große Freude machen kann, aber eben nicht alles ist, sondern sie lassen auch entsprechende Taten folgen. Vielleicht entfaltet sich hier ja eine neue Kultur, die nicht mehr Systemreparatur betreibt, sondern damit beginnt, unsere Wesenhaftigkeit als Menschen neu zu bewerten. Die gelebten Beispiele der im Artikel Portraitierten sind auf jeden Fall sehr inspirierend für all diejenigen, die die vorherrschende Einseitigkeit unserer menschlichen Selbstpositionierung als Erwerbsfähige leid sind.
Raus aus der Zwangsjacke, Zeit online 6.8.14

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