Reichtum verselbstständigt sich 
Dienstag, 21. Oktober 2014 - Studien
Reichtum ist relativ, und ab einer bestimmten Größenordnung verselbstständigt er sich - so könnte man zumindest die Erkenntnisse einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung deuten, die die Reichtumsentwicklung in Deutschland ins Visier nimmt. Legt man die wissenschaftliche Definition von Reichtum zugrunde, erscheint die Sache noch recht harmlos. Als reich gilt demnach, wer jährlich nach Abzug von Steuern und Abgaben und nach Anrechnung von privaten und staatlichen Transferleistungen als alleinstehende Person 36.000 Euro zur Verfügung hat, sehr reich ist man ab 54.000 Euro. Gemäß dieser Bezugsgrößen stieg der Anteil der Reichen und sehr Reichen an der Bevölkerung von 5,6 Prozent im Jahr 1991 auf 8,1 Prozent im Jahr 2011. Zählten vor 20 Jahren davon nur 0,9 Prozent zu den sehr Reichen, waren es 2011 bereits 2,2 Prozent. Im Schnitt stiegen die Einkommen der Reichen in diesem Zeitraum um 5 Prozent, die der sehr Reichen um ganze 20 Prozent. Das mag unter anderem daran liegen, dass letztere beinahe 30 Prozent ihres Einkommens aus Vermögen beziehen, während dieser Anteil bei den nur Reichen um die Hälfte niedriger liegt. Die Forscher sehen die "entscheidende" Entwicklung darin, dass sich die Gruppe der sehr Reichen geradezu "von der übrigen Bevölkerung absetze".
Die Reichen in Deutschland werden noch reicher, Die Welt 8.10.14

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Depression statt Befreiung 
Montag, 20. Oktober 2014 - Arbeit
Der Soziologe Heinz Bude hat in seinem neuen Buch das Phänomen "Gesellschaft der Angst" erkundet und erklärt in einem Interview mit Spiegel online, warum die Generation der heute 40-Jährigen immer mehr zu Sklaven einer Idee von Work-Life-Balance zu werden scheint. Der Soziologe beschreibt, dass alle Bemühungen darum kreisen, ein gelungenes Leben zu verwirklichen, doch da dies in der heutigen Wahrnehmung nicht mehr allein durch eine Karriere oder ein glückliches Familienleben möglich werde, sondern möglichst alles Vorstellbare im eigenen Leben auch zum Tragen kommen müsse, werde das eigene Leben immer öfter als Scheitern erlebt. "Wir haben es hier mit einer Generation Null Fehler zu tun, die sämtliche Bereiche des Lebens auszutarieren versucht. Wer das nicht hinkriegt, gehört zu den wirklichen Losern, von denen man sich besser fernhält. ... Eigentlich wird ja die perfekte Work-Life-Balance angestrebt. Man wird aber zum Sklaven dieser Work-Life-Balance. Was ursprünglich eine Befreiungsidee war, um sich vor den Tücken der Arbeitswelt zu schützen, wird nun zum Auslöser einer Depression. Das existenzielle Optimierungsprogramm ist schwer durchzuhalten. Früher sagte man: Ich bin, der ich bin. Heute denkt man: Ich bin, der ich sein könnte", erklärt Bude. Die Foucaultsche Idee der Selbsttechnologie, der Befreiung von Fremdsteuerung, werde unter den Vorzeichen der Zeit pervertiert in eine "Unterwerfung unter Eigensteuerung". Alles werde gegeneinander abgewogen und austariert, doch man gebe sich keiner Sache mehr ausschließlich hin, so der Soziologe. Das erstrecke sich bis zu den großen Lebensfragen: "Bei Fragen der letzten Bedeutung, so meine Erfahrung, herrscht auf einmal diese austernhafte Verschlossenheit. Man will sich durch Ernsthaftigkeit nicht aufs Kreuz legen lassen. Die letzten Dinge haben durchaus einen Widerhall, aber sie werden ausgespart."
"Sklaven der Work-Life-Balance", Spiegel online 6.10.14


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Die Vereinbarkeits-Lüge 
Freitag, 17. Oktober 2014 - Arbeit
Die nach wie vor schwer zu realisierende Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird gerne öffentlich diskutiert, aber noch lange nicht grundsätzlich genug, finden Susanne Garsoffky und Britta Sembach, deren Buch "Die Alles-ist-möglich-Lüge" gerade erschienen ist. In einem Gastbeitrag für Zeit online stellen beide die Maßstäbe, die bei solchen Diskussionen angelegt werden, in Frage und plädieren für eine viel grundsätzlichere Systemkritik. So kritisieren die beiden, dass häufig die Lebenswege von Powerfrauen in gut dotierten Positionen als Beleg für die Vereinbarkeit von Job und Familie herangezogen werden. "Diese Powerfrauen sind Frauen, die man nicht wirklich gut leiden kann, aber heimlich ein bisschen beneidet. Weil sie Kraftpakete zu sein scheinen, die so gut wie nie müde, hungrig oder überarbeitet sind. Und dabei immer ausgeschlafen wirken und top frisiert sind. ... Powerfrauen liefern den Sound zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hey – dröhnt es aus allen Richtungen –, ihr müsst euch alle nur genügend anstrengen, dann seid ihr auch multitaskingfähig, unkaputtbar und leistungsstark. Der Druck, der dadurch auf die vielen Mütter und Väter entsteht, die verzweifelt versuchen, allen Anforderungen auch nur halbwegs gerecht zu werden, ist enorm." Garsoffky und Sembach wünschen sich eine Abkehr von der vorherrschenden Ideologie, miteinander vereinbaren zu wollen und zu sollen, was anscheinend nicht vereinbar ist. Ihr Plädoyer: "Hören wir endlich auf, die 'Vereinbarkeit' als ein rein individuelles Problem zu sehen, an dem jeder und jede aus persönlicher Unzulänglichkeit verzweifelt. Schauen wir uns genau an, unter welchen Umständen Familien in Deutschland diesen Spagat leben müssen – und ändern wir diese, bevor wir Eltern weiter auffordern, sich selbst und ihre Kinder immer weiter zu optimieren. Erkennen wir an, dass Familienarbeit eine ernstzunehmende, aufwändige und gesellschaftlich existentielle Arbeit ist – und hören wir auf, diejenigen zu bestrafen, die sich dafür entscheiden. Hören wir auf damit, nur Erwerbsarbeit einen Wert beizumessen, weil diese Haltung alle anderen Arbeiten gnadenlos entwertet. Machen wir die Gesellschaft fit für die On-off-Biografie! Einen Lebenslauf also, in dem Phasen der Erwerbsarbeit immer wieder mit Phasen der Familienarbeit abwechseln können, von der Gesellschaft getragen und den Unternehmen gefördert. Denn nur so können wir dem Fachkräftemangel begegnen und gleichzeitig Menschen Mut zur Familie machen. Viel zu viele hat dieser Mut längst verlassen."
Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind, Zeit online 2.10.14


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Gehalts-Grand-Canyon zwischen Chefs und Mitarbeitern 
Donnerstag, 16. Oktober 2014 - Studien
Übermäßig hohe Managergehälter führen seit vielen Jahren immer wieder zu öffentlichen Gerechtigkeitsdebatten. Eine Studie der Harvard Business School und der Chulalongkorn University in Thailand hat nun in einer Umfrage in 40 Ländern eruiert, welche Gehaltsunterschiede zwischen Chefs und ihren Mitarbeitern von der Bevölkerung toleriert werden. In der Umfrage glaubten die Befragten, dass Konzernbosse rund zehn Mal mehr verdienen als ihre Mitarbeiter. Als ideales Verhältnis empfanden sie ein 4,6-faches Salär. In der Realität ist die bestehende Lücke indes so groß, dass man schon eher von einem Grand Canyon sprechen kann. In den USA beispielsweise verdient der Durchschnitts-CEO 354 Mal mehr als ein einfacher Arbeiter, nämlich 12,2 Millionen Dollar. Nimmt man diese Marke als gegeben, müsste ein amerikanischer Arbeiter, um den Gerechtigkeitsvorstellungen der Bevölkerung gerecht zu werden, mit 1,8 Millionen Dollar entlohnt werden. Deutsche CEOs verdienen 147 Mal so viel wie ihre Mitarbeiter, nämlich knapp 6 Millionen Dollar (4,7 Millionen Euro). Um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, müssten hierzulande Arbeitnehmer auf ein Jahresgehalt von 946.000 Dollar (750.000 Euro) kommen.
Was Manager verdienen sollten, HBM 2.10.14


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Kommunikation als (Lebens-)Kunst 
Mittwoch, 15. Oktober 2014 - Veranstaltungen
Wir sind es so gewohnt, zu kommunizieren und durch unsere Worte die Welt zu gestalten, dass uns das Wunder des Gelingens, das sich auf diese Weise immer wieder schöpft, oft gar nicht mehr bewusst ist. Was Kommunikation bedeutet, wird uns oft erst dann gewahr, wenn sie nicht gelingt, wenn unsere Worte ungehört verhallen oder sogar Widerstand hervorrufen. In einem Beitrag für das anthroposophische Magazin info3 habe ich deshalb einmal den Versuch unternommen darzustellen, welche Facetten und Möglichkeiten unsere heutige Kommunikationsfähigkeit beinhaltet - von der Möglichkeit, der Welt Klarheit und Richtung zu geben, über unseren einzigartigen Prozess der menschlichen Individuation selbst, die eng verbunden ist mit den Worten, die wir für uns selbst und die Welt finden, bis hin zu den Errungenschaften der Postmoderne, die unsere Gefühlswelten im sprachlichen Ausdruck manifestiert. All diese Fähigkeiten nutzen wir heute meist unbewusst, weil sie schlicht zum Standardrepertoire unserer kulturellen Fähigkeiten gehören. Doch dann gibt es diese Momente des Ringens, Momente, in denen bestehende Worte das, was gesagt werden will, nicht mehr zu fassen vermögen. Oder in denen das Leben Antworten einer neuen Qualität von uns erwartet. Diese Ahnung des Möglichen hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass wir in der Reibung an den Herausforderungen der Zeit nach neuen Kommunikationsformen suchen, die unsere bisherigen Fähigkeiten in einen noch größeren Kontext stellen und diesen Kontext selbst zugleich erweitern. Methoden wie der Bohmsche Dialog oder der U-Prozess von Otto Scharmer zeugen davon. Der info3-Artikel beschreibt eine kurze Reise durch all diese Möglichkeiten von Kommunikation. Und er ist eine kleine Preview auf die Herbstakademie Frankfurt, die vom 14. bis 16. November 2014 in Oberursel stattfinden. Sie wird die Frage "Wie gelingt Kommunikation?" weiter vertiefen. Infos zur Akademie und zur Anmeldung finden sich am Ende des Artikels.
Aus der Zukunft sprechen, info3 Oktober 2014

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Zweifel an der Share Economy 
Dienstag, 14. Oktober 2014 - Medien
Teilen statt besitzen - unter dem Schlagwort "Share Economy" etablieren sich immer mehr Geschäftsmodelle, die bisherige Konsummodelle unterwandern. Was von den einen als Befreiung der Verbraucher gefeiert wird, ruft bei anderen zunehmend Skepsis hervor. "Schlimmstenfalls verwandelt die Sharing Economy uns in ewige Verkäufer und zementiert unsere Eingebundenheit in den Weltmarkt. Der Imperativ des Teilens diktiert uns, dass alles, was wir besitzen, von materiellen Vermögenswerten bis hin zu immateriellem wie Gedanken und Ideen, kategorisiert und mit irgendeiner Form der Identifizierbarkeit, etwa einem QR-Code, versehen werden kann", kritisiert etwa Evgeny Morozow im Freitag. Er verweist auf die politischen Implikationen, die diese neuen Vorstöße haben - und auf Verwerfungen, die durch sie nur weiter zementiert werden könnten: "Doch das eigentliche Probleme mit diesen utopischen Zukunftsvisionen besteht darin, dass sie die Pathologien des bestehenden politischen und ökonomischen Systems rationalisieren und sie als unsere bewussten Lifestyle-Entscheidungen darstellen. Es ist schön, sich in einer Position zu befinden, in der man wählen kann, ob man eine Sache mieten oder kaufen möchte. Doch viele haben eben nicht die Wahl. Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als zu mieten." Laut Morozow könnte das vielgepriesene Teilen zwar die Negativfolgen der Wirtschafts- und Finanzkrise für viele Menschen erträglicher machen, lasse aber zugleich deren Ursachen unangetastet. Er kritisiert, dass der Sharing-Hype eher dazu beitrage, Politisches zu ignorieren und eine Taubheit gegenüber Unrecht und Ungleichheit zu befördern.
Zugang on demand, Der Freitag 30.9.14


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Depression statt Befreiung 
Montag, 13. Oktober 2014 - Arbeit
Der Soziologe Heinz Bude hat in seinem neuen Buch das Phänomen "Gesellschaft der Angst" erkundet und erklärt in einem Interview mit Spiegel online, warum die Generation der heute 40-Jährigen immer mehr zu Sklaven einer Idee von Work-Life-Balance zu werden scheint. Der Soziologe beschreibt, dass alle Bemühungen darum kreisen, ein gelungenes Leben zu verwirklichen, doch da dies in der heutigen Wahrnehmung nicht mehr allein durch eine Karriere oder ein glückliches Familienleben möglich werde, sondern möglichst alles Vorstellbare im eigenen Leben auch zum Tragen kommen müsse, werde das eigene Leben immer öfter als Scheitern erlebt. "Wir haben es hier mit einer Generation Null Fehler zu tun, die sämtliche Bereiche des Lebens auszutarieren versucht. Wer das nicht hinkriegt, gehört zu den wirklichen Losern, von denen man sich besser fernhält. ... Eigentlich wird ja die perfekte Work-Life-Balance angestrebt. Man wird aber zum Sklaven dieser Work-Life-Balance. Was ursprünglich eine Befreiungsidee war, um sich vor den Tücken der Arbeitswelt zu schützen, wird nun zum Auslöser einer Depression. Das existenzielle Optimierungsprogramm ist schwer durchzuhalten. Früher sagte man: Ich bin, der ich bin. Heute denkt man: Ich bin, der ich sein könnte", erklärt Bude. Die Foucaultsche Idee der Selbsttechnologie, der Befreiung von Fremdsteuerung, werde unter den Vorzeichen der Zeit pervertiert in eine "Unterwerfung unter Eigensteuerung". Alles werde gegeneinander abgewogen und austariert, doch man gebe sich keiner Sache mehr ausschließlich hin, so der Soziologe. Das erstrecke sich bis zu den großen Lebensfragen: "Bei Fragen der letzten Bedeutung, so meine Erfahrung, herrscht auf einmal diese austernhafte Verschlossenheit. Man will sich durch Ernsthaftigkeit nicht aufs Kreuz legen lassen. Die letzten Dinge haben durchaus einen Widerhall, aber sie werden ausgespart."
"Sklaven der Work-Life-Balance", Spiegel online 6.10.14


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Hat das Feindbild Chef ausgedient? 
Montag, 13. Oktober 2014 - Studien
Der Boss als der Böse - diese Art von Feindbild hat für die große Mehrheit der Beschäftigten anscheinend ausgedient. In einer Repräsentativbefragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung gaben 78 Prozent der Beschäftigten an, mit ihrem Chef zufrieden zu sein. Freiräume und eigenverantwortliches Arbeiten tragen bei der Hälfte der Befragten zu diesem Wohlbefinden bei. Wer als kompetent anerkannt wird und beim Vorgesetzten Gehör findet, hat auch Vertrauen zum Chef. Bestrafung, Druck und Drohungen hingegen verhindern eine positive Beziehung zum Chef. Doch nur rund ein Fünftel der Befragten gibt an, solch schlechte Erfahrungen mit direkten Vorgesetzten zu machen.
Deutsche Arbeitnehmer zufrieden mit ihren Chefs, Die Welt 30.9.14

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