Was Essen mit Denken zu tun hat 
Donnerstag, 8. Oktober 2015 - sonstiges
In der FAZ unternimmt der Philosoph Richard David Precht im Interview einen kleinen Streifzug durch die historische Entwicklung unserer Esskultur. Für Precht hängt das heute so große Interesse am Thema Essen, das sich nicht zuletzt in einem wachsenden Trend zu Vegetarismus, Veganismus und anderen Diät-Formen ausdrückt, nicht zuletzt an unserer Selbstbezüglichkeit: "Wir leben in einer Gesellschaft, die uns erlaubt, viel Aufmerksamkeit auf uns selbst zu richten. Schon als Kinder erfahren wir mehr Aufmerksamkeit und Liebe als in früheren Zeiten. Das ist gut. Aber es geht eine eigentümliche Verbindung mit dem kapitalistisch-materialistischen Imperativ ein, sich selbst zu optimieren. Die Sorge um sich spielt eine riesige Rolle. Das schließt die Ernährung ein." Für den Philosophen ist augenscheinlich, dass die Entwicklung einer "allgemein gültigen Hierarchie des ethisch Vertretbaren" beim Thema Essen kaum greifbar ist, weshalb er dafür plädiert: "Jeder muss sich fragen: Was halte ich selbst für vertretbar?" Ein Blick in die Philosophiegeschichte könne dabei helfen. "Ernährung hat viel mit Religion zu tun. Die Diätetik des Abendlandes beginnt mit den Orphikern und Pythagoreern. Sie glaubten, dass man die Reinheit der Seele durch die Reinheit der Ernährung kultivieren müsse. Die Optimierung des Geistes stand im Vordergrund und wurde im Laufe der griechischen Philosophiegeschichte immer wichtiger. Heute ist es umgekehrt. Man optimiert den Körper und nimmt ein bisschen für den Geist mit", so Precht. Guten Appetit!
Ein Intellektueller muss ungesund essen, FAZ 1.10.15


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Leerlauf ist nicht mehr vorgesehen 
Mittwoch, 7. Oktober 2015 - Arbeit
Gestresst sein ist längst nicht mehr nur ein gesundheitliches Warnsignal. In der Hochleistungskultur der Gegenwart wird es auch zum Statussymbol oder Überlebensmechanismus, je nachdem, von welcher Seite man schaut. Die Werbeagentur Havas Worldwide befragte mehr als 10.000 Menschen in 28 Ländern. Dabei zeigte sich, dass immer mehr Leute sich gestresster geben, als sie eigentlich sind. Geschäftigkeit auszustrahlen scheint in Zeiten der Überwachbarkeit und ständigen Erreichbarkeit zur Notwendigkeit zu werden. "In unserer Gesellschaft sind wir extrem auf Leistung gepolt, da dürfen Angestellte natürlich niemals durchleuchten lassen, dass sie nicht 180 Prozent Gas geben. Wenn diese Menschen dann auch noch das Damokles-Schwert des drohenden Jobverlusts über sich spüren, dann geben sie schon aus reinem Selbstschutz vor, mehr zu tun, als sie wirklich leisten. Das hat mit Faulheit nichts zu tun, sondern damit, dass Menschen an ihre Grenzen getrieben werden und ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt", kommentiert Zeitmanagement-Coach Cordula Nussbaum in der SZ diesen perversen Trend. Wo früher Müßiggang gesellschaftlich als Musezeit akzeptiert war, wird er heute als überflüssig betrachtet. Laut Nussbaum eine besorgniserregende Entwicklung: "Wir brauchen Phasen, in denen wir Gedanken nachhängen können. Erholte Mitarbeiter sind um vieles produktiver als gestresste. Wenn Top-Führungskräfte behaupten, sie kämen mit vier Stunden Schlaf aus, dann verschweigen sie dabei, dass ihre Gehirnleistung der eines Menschen mit zwei Promille entspricht."
Angst vor der Überflüssigkeit, SZ 30.9.15

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"Ein Leadership-Versagen epischer Dimension" 
Dienstag, 6. Oktober 2015 - Management
In einem Beitrag der Huffington Post nennt der Systemexperte Otto Scharmer das VW-Disaster ein "Leadership-Versagen epischer Dimension" - und bezeichnet es als interessantes Phänomen, dass die Größe eines Systems sich umgekehrt proportional zu seiner gelebten Intellligenz verhalte. Für Scharmer liegt die Ursache von Vorfällen wie dem bei VW in einer Mischung aus Verleugnung, Abkopplung, Hybris, Betrug und Zerstörung - Effekten, die dem "Ego-System Mindset" des gegenwärtigen Wirtschaftssystem entspringen. Die Leadership-Herausforderung heute sei es, den Shift zu einem "Eco-System Mindset" zu bewerkstelligen. Darunter versteht Scharmer die Entwicklung von Fähigkeiten wie wirklich hinzusehen, zu spüren, was in einem System vor sich geht, sich mit den tieferen Quellen unserer Humanität zu verbinden und ko-kreativ eine bessere Zukunft zu schaffen. Wem das zu gutmenschig klingt, der möge in den Wirtschaftsberichten der letzten Tage nachlesen, welche Folgen der VW-Skandal noch haben könnte - nicht nur für das Unternehmen selbst, sondern die Wirtschaft und damit die Gesellschaft im Ganzen.
The Fish Rots From The Head Down, Huffington Post 28.9.15

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Reich, reicher, am reichsten 
Montag, 5. Oktober 2015 - Studien
Die zehn Prozent der reichsten Menschen der Welt vereinen auf sich 80 Prozent des weltweiten Privatvermögens, so der Allianz Global Wealth Report 2015. Insgesamt belaufen sich die weltweiten Privatvermögen auf 136 Billionen Euro - ein Anstieg um 7 Prozent im vergangenen Jahr. Diese Summe würde laut Zeit online ausreichen, um die weltweiten Staatsschulden ungefähr drei Mal zu tilgen. Erfasst wurden für die Erhebung die Daten von 5 Milliarden Menschen, 3,5 Milliarden unter ihnen haben jeweils private Mittel von weniger als 6.100 Euro. 422 Millionen besitzen mehr als 36.700 Euro.In Deutschland liegt das private Geldvermögen bei 5,2 Billionen Euro - damit liegt Deutschland innerhalb Europas auf Platz 2 hinter Großbritannien.
Und wie viel Erspartes besitzen Sie? Zeit online 29.9.15

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Führungskräfte stehen unter Dampf 
Freitag, 2. Oktober 2015 - Studien
Eine Befragung unter 282 Führungskräften verschiedener Branchen durch die SRH Hochschule Heidelberg zeigt, dass in den Führungsetagen der Selbstverschleiß in der Luft liegt liegt. "Auffällig in unserer Stichprobe war die überdurchschnittliche Häufung langfristiger, schwerwiegender Gesundheitsfolgen. Das sind vor allem depressive Symptome und emotionale Erschöpfung", so Prof. Dr. Andreas Zimber. Zwar sind viele Chefs hochmotiviert, was es ihnen auch erleichtert, den teils extremen Anforderungen standzuhalten. Doch zeigt die Studie auch, dass die Belastungsfaktoren diese Motivatoren übersteigen. Und das kann längerfristig zu Problemen führen. Ein weiterer wunder Punkt: Betriebliches Gesundheitsmanagement richte sich häufig an die breite Mitarbeiterschaft, nicht aber an die Führungskräfte. Diese seien oft auf sich selbst gestellt. Und litten zudem darunter, dass ihr überdurchschnittliches Engagement wenig Anerkennung finde.
Chef sein kann krank machen, Pressemitteilung Hochschule Heidelberg 23.9.15

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Es geht auch einfach - wider den Komplexitätswahn 
Donnerstag, 1. Oktober 2015 - Management
Das Handelsblatt bricht eine Lanze für die Rückkehr zur Einfachheit. In einem Beitrag stellt die Zeitung die "Simple Rules" vor, die von Kathleen Eisenhardt (Stanford Universität) und Donald Soll (MIT) entwickelt wurden, um es Unternehmen zu erleichtern, mit der überbordenden Komplexität fertig zu werden. Die beiden Professoren wollen mit dem Mythos aufräumen, dass komplexe Probleme auch komplexe Lösungen brauchen. Sie raten zu einer kreativen Selbstbeschränkung, die sich auf das, was gut läuft, konzentriert, und Prozesse in einfache Regeln kleidet. Das Erstellen solcher Regeln erfordere zwar starke Prioritätensetzungen, doch sind solche Entscheidungen einmal getroffen, hat man im Alltag, wenn's ernst wird, den Kopf frei. Die "Simple Rules" lassen sich auch auf das Privatleben anwenden. Hier kann man sich fragen, was man beispielsweise wirklich am Dringlichsten verbessern möchte - und es erst einmal bei drei Dingen belassen. Auch Aktivitäten, bei denen man sich glücklich fühlt, sind ein guter Wegweiser zu einem besseren Leben. Die Professoren raten dazu, den eigenen Ängsten ins Auge zu sehen - und nach Wegen zu suchen, diese zu mildern. (Eine Praxis, die in vielen Unternehmen sicherlich auch einiges bewirken könnte ...).
Je einfacher die Regeln, umso größer der Erfolg, HB 22.9.15

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Gefallen an sich selbst finden 
Mittwoch, 30. September 2015 - Arbeit
Im Interview mit Spiegel Online sensibilisiert die Philosophin Ina Schmidt für den Unterschied zwischen Entspannung und wirklicher Gelassenheit. "Wir haben einen sehr hohen Anspruch daran, was einen gelungenen Alltag ausmacht. Bilder davon, wie die Dinge idealerweise sein sollten, bestimmen unser Denken und Handeln; wir rackern uns damit ab, diese Vorstellungen zu erfüllen. Dabei passen sie oft gar nicht zu uns. Viel zu selten fragen wir uns: Was wäre für unseren Alltag eigentlich angemessen, damit wir gelassen sein können?", gibt Schmidt zu bedenken. Die Philosophin rät mit Seneca dazu, zu einer neuen Form der Selbstakzeptanz zu finden: "Es geht um Selbstakzeptanz innerhalb der eigenen Grenzen. Also keinesfalls ein egoistischer Narzissmus, den ja manche heute als "Selbstoptimierung" sogar als Ideal ansehen. Sondern dass wir uns aller Ecken, Kanten und Unwägbarkeiten so bewusst werden, dass wir trotzdem einen liebevollen Blick entwickeln auf das, was uns ausmacht." Für Schmidt steht dieses Bemühen immer im Kontext der Gemeinschaft. Es geht also nicht um einen nur noch durchdachteren Ego-Trip, denn: "Wir sollen uns nicht um uns selbst bemühen um unseres persönlichen Glücks willen, sondern um damit am besten zur Gemeinschaft beizutragen."
"Häufig verwechseln wir Gelassenheit mit Entspannung", Spiegel online 19.9.15

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Demonstrativer Reichtum verstärkt Ungleichheit 
Dienstag, 29. September 2015 - Studien
In einem Spielexperiment mit knapp 1.800 Teilnehmern untersuchte die Yale Universität, wie sich zur Schau gestellter Reichtum auf Gesellschaften auswirken kann. Es wurden Gruppen mit 17 Personen gebildet, von denen jede zu Beginn Teil eines sozialen Netzwerks mit ungefähr fünf Freunden war. Die Teilnehmer konnten in jedem Durchgang entscheiden, ob sie freiwillig auf etwas Geld verzichten, um dafür allen Gruppenmitgliedern einen Bonus zu sichern. Alternativ durften sie aussetzen und ihr Guthaben blieb konstant. Nach jeder Runde wurden alle Einzelentscheidungen bekannt gemacht und die Teilnehmer konnten Netzwerkverbindungen lösen oder neue eingehen. Durchgespielt wurden mehrere Szenarien - gleiches oder ungleiches Startkapital der Teilnehmer, sichtbares Vermögen oder unsichtbares Vermögen. Interessant dabei: Nicht etwa die Ungleichheit selbst löste Effekte im Verhalten der Teilnehmer aus, wohl aber deren Sichtbarkeit. In diesem Szenario kappten die Reichen häufig die Verbindungen, um ihr Kapital zu sichern. Und die Ärmeren kooperierten stärker untereinander. Die Forscher gehen davon aus, dass je deutlicher Ungleichheit in einer Gesellschaft sichtbar sei, umso stärker diese Segregation zunehme.
Zur Schau gestellter Reichtum fördert Ungleichheit, wissenschaft.de 9.9.15

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