Arbeit einfach ein bisschen Aufhübschen 
Donnerstag, 31. Oktober 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit, Management
Im gestrigen Beitrag zum Thema Burn-out ist es bereits angeklungen, wie die ganz grundsätzlichen Prinzipien der Arbeitswelt geradezu dazu beitragen, dass Menschen sich über die Maßen verausgaben und schließlich zusammenbrechen. Am anderen Ende der Skala (wenngleich womöglich mit ähnlichem Ergebnis) spielt sich der New-Work-Trend ab. Da ist dann viel die Rede von sinnhafter Arbeit und Strukturen, die etwas ermöglichen sollen. Und auch der Hype-Begriff Agilität schwingt hier immer wieder mit, denn immer mehr Unternehmen haben Angst davor, von der Konkurrenz abgehängt zu werden, wenn sie nicht "agil genug" sind. Welches unterschwellige Dilemma sich hier zusammenbraut (man könnte auch sagen, welche Schönfärberei gerne betrieben wird), kam mir in einem Interview entgegen, das die Wirtschaftswoche mit dem Interimsmanager Bodo Antonic führte, der den New-Work-Trend eher kritisch sieht. "Wie kann Arbeit produktiv und kapitalismustauglich bleiben und gleichzeitig doch Verbesserungen im Sinne der New-Work-Ideen beinhalten, ohne dass nur gelabert wird?", fragte die WiWo. Und was allein in dieser Frage steckt, ist beachtlich, denn all die üblichen Annahmen, auf denen Management heute basiert, werden durch die Frage dezent bestätigt, so dass New Work zum Sahnehäubchen wird. Im Kern soll alles so bleiben, wie es ist, nur vielleicht noch ein bisschen schneller und dabei auch ein bisschen besser werden, aufgehübscht eben. Antonic ist da sofort dabei und antwortet: "Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Arbeit Arbeit bleiben darf und sogar muss. Die ganze Diskussion, die Arbeit mit Sinn – man sagt ja jetzt purpose – aufladen will, unterstellt ja, dass Arbeit jetzt nicht wirklich gut sei. Das sehe ich aber nicht so. Dass ein Job mal mehr und mal weniger Spaß macht, finde ich nicht problematisch. Dass ein Unternehmen produktiv sein muss, finde ich auch nicht problematisch. Die Frage ist eigentlich nur, wie gestalten wir die acht Stunden, die wir im Betrieb sind, so, dass wir ein gutes Miteinander haben. Als Praktiker störe ich mich an der Formulierung, Arbeit müsse ganz neu gedacht werden." Und in diesem Stil geht das Interview weiter. Auf die Frage "Wo fängt die Utopie an, wo der Antikapitalismus?", legt Antonic nach: "Eine gängige Aussage von New-Work-Romantikern ist: Wir müssen Arbeit so organisieren, dass sie den Purpose des Mitarbeiters befriedigt. Damit wird Arbeit degeneriert zu einer Lustbefriedigung des Arbeitenden. Das geht vorbei am Sinn und Zweck von Unternehmen, die ihre Kunden bedienen wollen. Und dafür muss gearbeitet werden. Es geht nicht um eine Sinnbefriedigung der Mitarbeiter. Wenn so ein antimaterialistischer, antikapitalistischer Arbeitsansatz in unserer Gesellschaft auf den betriebswirtschaftlichen Rahmen prallt, der sich im Kapitalismus bewegt, dann klatschen da einfach zwei Welten aufeinander, das kann nicht gutgehen. ... Aus Sicht des Unternehmens ist es völlig egal, ob es Spaß macht oder nicht. Wichtig ist, dass die Arbeit gemacht wird." Es geht auch nicht. Die kapitalismuskonformen Implementierungen einer falsch verstandenen New Work werden nämlich leicht zur Burn-out-Maschinerie - nur dass das Klagen darüber immer schwerer fällt, wenn mit smartem, inspirierten Vokabular eine Schicht des schönen Scheins darüber gelegt wird, dass immer mehr Menschen an den Anforderungen im Business verzweifeln. Antikapitalismus wird leicht als Killerphrase genutzt, um all die, die immer noch daran glauben, dass Arbeit wirklich menschendienlich sein kann, mundtot zu machen. Wir haben hier ein massives kulturelles Problem. Darüber möchten aber die Wenigsten ernsthaft nachdenken oder gar reden.
„Bei Arbeit geht es nicht um eine Sinnbefriedigung der Mitarbeiter“, WiWo 20.10.19

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Burn-out als Dilemma der Leistungsgesellschaft 
Mittwoch, 30. Oktober 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit, Management
Kraftlos sein, nicht mehr können - das ist ein Gefühl, das immer mehr Menschen im Berufsleben mit sich herumschleppen. Seit es den Burn-out-Begriff hat dieses Phänomen einen Namen. Doch Erschöpfung den Status einer Krankheit zuweisen zu können, macht die Dinge nicht leichter. Denn das, was Menschen auslaugt, ist nicht nur ein vielleicht überhöhter Leistungsanspruch an sich selbst, sondern oft auch die grundsätzlichen Bedingungen in der Arbeitswelt. In einem Interview mit der Zeit geht der Psychologe Rainer Hellweg davon aus, dass etwa die Hälfte der Arbeitgeber nicht unbedingt optimal reagiert, wenn Beschäftigten der Job zu viel abverlangt. "Nach außen hin zeigen sie sich oft verständnisvoll. Letztlich sind viele Vorgesetzte aber daran interessiert, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hundert Prozent oder mehr leisten. Einigen geht das über die Gesundheit der Leute. Ausnahmen gibt es aber, in denen Führungskräfte sehr verständnisvoll waren und sind: zum Beispiel, wenn sie selbst bereits etwas Ähnliches erlebt haben wie der Betroffene. Oder wenn sie den Ausfall einer Arbeitskraft durch eine andere vergleichsweise gut kompensieren können", sagt er. Wie tiefgreifend dauerhafte Erschöpfung ist und Menschen zusetzt, wird deutlich an der Behandlung, die Hellweg empfiehlt. Bei Menschen, die noch nicht zu tief in der Erschöpfungsspirale festhängen, sei es oft mit 20 Therapiestunden getan, sagt er. Das ist nicht gerade wenig. Und letztlich lernen die Betroffenen in der Therapie, selbst besser mit den zu hohen Anforderungen, die vielen heute auferlegt werden, umzugehen. Eigentlich bräuchte unsere Kultur eine Therapie ...
"Meistens trifft es Menschen, die sich für unverzichtbar halten", zeit.de 16.10.19

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Gerechtigkeit ist Mangelware im Business 
Dienstag, 29. Oktober 2019 - Bewusstsein, Arbeit, Management
Studien zeigen, dass die Babyboomer-Generation immer öfter darüber nachdenkt, wie sie früher aus dem Erwerbsleben aussteigen kann. Nicht einmal jeder Zehnte dieser Altersgruppe beabsichtigt, bis zum offiziellen Renteneintrittsalter zu arbeiten. In den Augen des Soziologen Wolfgang Menz liegt das vor allem daran, dass sich in den letzten Jahren in vielen Unternehmen eine Kultur des sich permanent Behaupten-Müssens eingespielt hat. "Früher konnten Beschäftigte, die durch gute Leistungen aufgestiegen sind, ihren Status einfacher erhalten. Einmal erreicht, war die Position gesichert. Nun gibt es in Unternehmen schon seit längerem die Entwicklung, dass Leistung ständig getestet wird – Beschäftigte müssen sich immer wieder bewähren und zeigen, dass sie sich ihre Stellung zurecht erarbeitet haben. Sie haben den Eindruck, immer mehr Leistung bringen zu müssen, um ihre Stellung im Unternehmen und der Gesellschaft nicht zu gefährden. Eine Gegenreaktion ist aus diesem System auszusteigen, um sich dem Druck nicht weiter auszusetzen", sagt er in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Das Gefühl, immer mehr leisten zu müssen und sich nicht auf dem Erreichten ausruhen zu können, versetze viele in Stress. Menz deutet auch auf eine wahrgenommene Gerechtigkeitslücke unserer Systeme. "Alle fühlen sich ungerecht behandelt – die einen glauben zu viel abgeben zu müssen, andere sind der Ansicht zu wenig zu haben. Die Gesellschaft setzt sich gar nicht mit den komplexen Strukturen dahinter auseinander. In welchem Verhältnis stehen zum Beispiel Leistung und Märkte? In der Gesamtheit betrachtet werden nicht diejenigen honoriert, die sich am meisten angestrengt haben. Trotzdem berufen wir uns weiter auf das Leistungsprinzip, weil Verteilung allein nach Bedürftigkeit oder Egalitätsprinzipien weder funktioniert, noch geteilter Wunsch ist. Wir machen beständig die Erfahrung von Ungerechtigkeit, halten aber am Prinzip der Leistungsgerechtigkeit fest", erklärt er. Wahrscheinlich sind es Feinheiten wie diese, denen wir viel mehr Augenmerk schenken sollten, denn die damit verbundenen Unzufriedenheiten graben sich tief ein in unser gesellschaftliches Verständnis und schaffen Spaltungen.
„Individueller Leistungsaufwand garantiert Erfolg immer weniger“, WiWo 17.10.19

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Männern wittern Sabotage und sabotieren dann lieber selbst 
Donnerstag, 24. Oktober 2019 - Bewusstsein, Studien, Arbeit, Management
Sabotage ist ein heikles Thema in der Arbeitswelt. Immer wieder kommt es vor, dass Menschen Kollegen oder Vorgesetzte austricksen, um selbst besser dazustehen. Eine neue Studie aus Deutschland zeigt nun - Männer scheinen deutlich eher zu sabotierendem Verhalten zu neigen, und zwar, weil sie glauben, dass andere ihnen Böses wollen. In der Untersuchung hatten die männlichen und weiblichen Probanden die Gelegenheit, vermeintliche Konkurrenten zu sabotieren, um selbst Vorteile zu erlangen. Die Männer machten von dieser Gelegenheit deutlich häufiger Gebrauch als die Frauen. In einem zweiten Test wurden die Studienteilnehmenden befragt, wie sie die Sabotagewilligkeit der anderen Testpersonen einschätzten. Hierbei wurde deutlich: Männer glaubten deutlich häufiger, als dies tatsächlich der Fall war, dass andere sie sabotieren. Das eigene Sabotageverhalten war für sie also gewissermaßen eine Form von Selbstverteidigung. Die Wissenschaftler glauben, dass diese Form der Paranoia daran liegt, dass Männer ihr Arbeitsumfeld als deutlich kompetitiver erfahren als Frauen und dann entsprechend agieren. In den wissenschaftlichen Tests zeigte sich auch, dass das Sabotageverhalten, das hier wie im richtigen Leben einen zu zahlenden Preis hatte, den Männern keine wirklichen Vorteile verschaffte. Im Business verschwenden jene, die sich bedroht fühlen, oft viel Energie in die Selbstverteidigung - Energie, die ihnen dann für die Bewältigung ihrer eigentlichen Aufgaben fehlt.
Männer sabotieren ihre Kollegen öfter als Frauen — weil sie eine Sache falsch einschätzen, sagt eine Personal-Expertin, Business Insider 16.10.19

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Kritik von Frauen kommt gar nicht gut an 
Mittwoch, 23. Oktober 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Einen neuen Blick auf die subtile Diskriminierung von Frauen in Führungspositionen erlaubt eine amerikanische Studie, die untersuchte, wie die Kritik von männlichen und weiblichen Führungskräften auf Mitarbeiter wirkt. Für die Untersuchung wurden 2.700 Menschen über eine virtuelle Jobplattform rekrutiert, um diverse Aufgaben auszuführen. Manchen wurden Frauen als virtuelle Vorgesetzte zugeordnet, anderen Männern. Die Kommunikation zwischen den Arbeitenden und den Vorgesetzten erfolgte ausschließlich schriftlich, die Beschäftigten bekamen ihre Chefinnen und Chefs also gar nicht zu Gesicht. Dabei zeigte sich, dass negative Rückmeldungen von Frauen bei den Probanden deutlich schlechter ankamen als jene von vermeintlichen Männern. Wurden die Arbeitenden von einer Frau kritisiert, war ihre Zufriedenheit mit der ihnen gestellten Aufgabe um 70 Prozent niedriger, als wenn die Kritik von Männern kam. Zudem lag der Anteil jener, die dann an einer weiteren Zusammenarbeit mit dem Unternehmen nicht interessiert waren, doppelt so hoch. Die Wissenschaftler deuten diese so deutlichen Ergebnisse dahingehend, dass Menschen von Frauen immer noch eher Lob als Kritik erwarten. Und wenn Frauen dann kritisieren, werden sie als die Bösen wahrgenommen.
Kritik von weiblichen Chefs kommt nicht gut an, FAZ 15.10.19

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Trotzköpfe machen Karriere 
Dienstag, 15. Oktober 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Schreien, toben, wütend sein - für Kinder mit ihrem ungebremsten Elan ist das Verhalten, das ihre Eltern leicht in Sorge geraten lässt oder auch einfach nur nervt, nicht ungewöhnlich. Doch was wird aus solchen Trotzköpfen, wenn sie mal erwachsen sind? Die Bunte berichtete kürzlich über eine Studie, die Hoffnung macht. In einer Längsschnittuntersuchung wurde 59 Jahre später untersucht, was aus einer Probandengruppe trotziger Kinder geworden ist. Überraschende Erkenntnis: Je wütender als Kids, umso erfolgreicher waren die Personen als Erwachsene im Beruf. Die Psychologen deuten dies dahingehend, dass diese Charaktere später im Berufsleben mehr Engagement für die eigenen Interessen an den Tag legen. Ihre Eltern hätte sich also seinerzeit keine Sorgen machen brauchen. Aber vielleicht sollten wir uns Sorgen machen, dass ungezügeltes Verhalten anscheinend den beruflichen Aufstieg begünstigt. Das erklärt zumindest den ein oder anderen Wutausbruch in der Führungsetage. Gesund für Unternehmen muss das aber nicht sein.
Trotzige Kinder sind später erfolgreicher im Job, bunte.de 8.10.19

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Lesen? Besser auf Papier ... 
Montag, 14. Oktober 2019 - Lebensart, Studien, Arbeit
Mal schnell im Internet einen Zeitungsartikel lesen oder einen Fachaufsatz? Und eBooks auf dem Tablett sind ja so viel leichter in der Handhabung, als ständig schwere Bücher mit sich rumzuschleppen ... Wohl jede*r von uns ist in der einen oder anderen Form schon länger von digitalen Lesegewohnheiten infiziert. Und doch sollte man sich genau überlegen, welche Inhalte man am besten über welches Medium zu sich nimmt. Denn eine Auswertung von 54 Studien mit insgesamt 170.000 Probanden aus knapp 20 Jahren zeigt: Vor allem wenn es um die Aufnahme von Informationen geht, ist das Lesen am Bildschirm den auf Papier gedruckten Texten unterlegen. Die Wissenschaftler stellten in ihrer Übersichtsstudie nämlich fest, dass Informationen am Bildschirm wesentlich schlechter aufgenommen werden - wahrscheinlich, weil das Medium als solches eher zum Überfliegen von Texten animiert, aber auch, weil die digitalen Geräte selbst viele Ablenkungen produzieren, seien es eingehende Nachrichten, Werbebanner, Links, die man weiterverfolgt und dabei die ursprüngliche Aufgabe aus dem Blick verliert ... Entwarnung gilt nur für die Leser*innen von unterhaltenden Texten wie Romanen oder Erzählungen. Hier zeigen die Studien keine Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Medien.
Papier sticht online, Psychologie heute 11.9.19

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Arm und ärmer 
Dienstag, 8. Oktober 2019 - Studien, Arbeit
Die die ungleiche Einkommensverteilung wird in Deutschland immer wieder zum Thema. Schaut man auf die Statistik im Großen, dann ist zwar bemerkbar, dass die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen immer weiter auseinandergeht, doch wirken die Zahlen auf den ersten Blick nicht unbedingt dramatisch. Doch wirft man einen näheren Blick auf die Situation der Ärmsten, zeigt sich, wie prekär die Lage bereits ist. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat dies kürzlich getan und dabei festgestellt, dass vor allem die 40 Prozent Haushalte mit dem geringsten Einkommen sehr wahrnehmbar immer weiter zurückfallen. 2005 fehlten den armen Haushalten im Vergleich zu jenen, die knapp oberhalb der Armutsgrenze stehen (was schon mehr als herausfordernd ist), 239 Euro im Monat. 2016 waren es bereits 288 Euro - eine Vergrößerung der Lücke um gut 20 Prozent. Den untersten zehn Prozent der Haushalte stand 2016 weniger Einkommen zur Verfügugn als noch 2010, denn die Einkommen im Niedriglohnsektor steigen sehr langsam, Lebenshaltungskosten indes viel schneller. Die realen Beträge, um die es hier jeweils geht, mögen sich klein anhören. Fakt ist aber, dass alle, die mit so wenig Geld leben müssen, schmerzlich wissen, mit welch deutlichen Einschränkungen sie leben müssen. Statistiken suggerieren gerne Aufschwung und Verbesserung - und über die Geschichte trifft das auch immer wieder für große Bevölkerungsgruppen zu. Aber das entbindet uns nicht davon, immer wieder Sorge dafür zu tragen, dass es allen zumindest nicht schlecht(er) geht.
Die Ärmsten werden immer ärmer, zeit.de 7.10.19

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