Wie Kategorisierungen uns versteinern lassen 
Donnerstag, 28. November 2019 - Bewusstsein, Arbeit, Management
Unterscheidungsfähigkeit ist eine wesentliche menschliche Fähigkeit, die wir mühevoll in Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte entwickelt haben. Doch wenn sie zum Kategorisierungswahn wird, dann wird es für uns eng. Gerade im Business ist das Einordnen und Strukturieren eine gängige Methode, um die vorherrschende Komplexität handhabbar zu machen. Das hat Nebeneffekte, derer wir uns oft gar nicht bewusst sind. "Wir komprimieren die Elemente einer Kategorie und übertreiben ihre Ähnlichkeit. Gleichzeitig verstärken wir die Unterschiede zwischen den Elementen unterschiedlicher Kategorien. Wir diskriminieren, das heißt wir favorisieren bestimmte Kategorien. Und wir neigen zur Versteinerung, weil wir unsere Einteilungen für statisch halten", erklärt etwa der Verhaltensökonom Ernst Fehr. Kategorien suggerieren Eindeutigkeit und scheinen uns so etwas wie Verhaltenssicherheit zu geben. Aber sie stutzen die komplexe Realität auch zurecht. Fehr glaubt, dass wir Kategorien brauchen für ein "sinnvolles Verständnis der Welt". Und er empfiehlt Führungskräften, analytische Kompetenzen aufzubauen, Entscheidungskriterien immer wieder zu überprüfen und ihre Annahmen über Kategorien regelmäßig zu hinterfragen. Auf mich wirkt dieser Vorschlag wie der Versuch, ein bisschen Wachheit in grundsätzliche Enge zu bringen. Und das Beispiel zeigt, wie sehr wir doch in einem Denken verhaftet sind, das darauf angewiesen ist, alles auf eine Klarheit und Eindeutigkeit herunterzubrechen, die der Vielfalt des Lebens aber auch irgendwie grundsätzlich widerspricht.
Wie Sie Ihr Bauchgefühl überlisten, HBM 19.11.19

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Wir sollten wieder fragen: Was ist der Mensch? 
Mittwoch, 27. November 2019 - Bewusstsein, Wissenschaft
Seit Jahren schon haben die Geisteswissenschaften einen schweren Stand. In Zeiten und Kulturen, in denen so vieles auf Funktionalismus und (kapitalistische) Verwertbarkeit ausgelegt ist, scheinen Wissenschaften, die in die Tiefe hinein denken und versuchen, die Feinheiten unseres Menschseins und unserer Kulturen zu durchdringen, keinen "Nutzen" im Sinne dieser Rahmenbedingungen zu stiften. In einem Beitrag in der NZZ bewertet der Philosoph Andreas Reckwitz den wachsenden Trend, die Geisteswissenschaften zu untergraben, als gefährliche Ausprägung eines Systems, das sich mit aller Kraft selbst zu erhalten versucht und dabei seine eigentliche Basis, den Menschen, immer mehr aus dem Blick verliert: "Es ist kein Zufall, dass die Geisteswissenschaften zur Zielscheibe des realhistorischen Populismus geworden sind. Denn sie liefern die methodologischen Grundlagen zur Entzifferung und Kritik der gegenwärtigen Verhältnisse. Ohne Politikwissenschaft könnte man die Regierungsformate des Populismus nicht einmal angemessen beschreiben. Ohne philosophisch begründete Ethik lässt sich der heute grassierende Kulturrelativismus nicht kurieren." Mit Blick auf die Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz warnt Reckwitz davor, dass unsere "Reflexionskompetenz an die falsche Adresse delegiert wird". Es grenze an eine "Selbstverzwergung", wenn man den Geisteswissenschaften allenfalls noch die Rolle des Kulturkommentars zuweise. "Geisteswissenschafter erkennen unter reflexiven Theoriebedingungen, wie sich der Mensch selbst beschreibt und welche Formen des Menschseins möglich und wirklich sind", erklärt Reckwitz. Es geht um einen Horizont, der unbedingt offen bleiben muss.
Geisteswissenschaften sind unentbehrlich. Sie lehren uns das, was wir mehr und mehr brauchen: kritisches Denken, NZZ 18.11.19


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Wie die Kirche zum Individualismus der Moderne beitrug 
Dienstag, 26. November 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Mit Religion verbinden wir zumeist auch so etwas wie einen tieferen Zusammenhalt in etwas Größerem. Das Göttliche als Schoß der Menschheit, in dem alles gehalten ist. Eine neue Studie zur Bedeutung kirchlicher Regeln und Institutionen für unsere menschliche Entwicklung kommt hier jedoch zum einem eher überraschenden Schluss. Gerade die Dogmen der katholischen Kirche scheinen in besonderem Maße zur heute immer deutlicher wahrnehmbaren menschlichen Individuation und auch Isolation beigetragen zu haben. Das für moderne westliche Kulturen so zentrale Streben nach Unabhängigkeit könnte nicht zuletzt durch kirchliche Regularien wie das Verbot der Verwandtenehe befördert worden sein. Die Wissenschaftler verglichen in ihrer Forschung 440 Regionen in 36 europäischen Ländern. "Westeuropäer und ihre kulturellen Abkömmlinge in Nordamerika und Australien neigen dazu, individualistisch, unabhängig, analytisch denkend und gegenüber Fremden prosozial zu sein. Gleichzeitig zeigen sie eine geringere Konformität, Bereitschaft zur Unterordnung und Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe und auch weniger Vetternwirtschaft", zitiert wissenschaft.de Jonathan Schulz von der George Mason University in Fairfax und seine Kollegen. Es scheint, als habe die katholische Kirche wesentlich dazu beigetragen, verwandtschaftsbasierte Strukturen aufzulösen, so dass heute in Regionen, die schon lange christianisiert sind, vor allem eher loser Zusammenhalt die sozialen Strukturen prägt. Starker Individualismus, wenig Konformität und Gehorsam sowie ein Bedürfnis nach Unabhängigkeit sind die Ergebnisse, die bis heute wirken.
Wie die Kirche unsere Psyche prägte, wissenschaft.de 12.11.19

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Warum Tagträumen kreativ macht 
Montag, 25. November 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Studien
Mit Kreativität verbinden wohl die meisten Menschen einen Zustand höchster Aktivität. Doch unverhoffte Eingebungen und Ideen entstehen eigentlich gewissermaßen aus der Stille. Im Gehirn ist vor allem das so genannte "Default Mode Network" an kreativen Impulsen beteiligt. Es ist vor allem dann aktiv, wenn wir keine äußeren Impulse verarbeiten, beispielsweise beim Tagträumen oder auch, wenn wir eher monotonen Tätigkeiten nachgehen, die unseren Geist nicht fordern. Auch wenn der Müßiggang in unserer Leistungskultur oft eher verpönt ist - er scheint eine wesentliche Basis für schöpferische Kreativität zu sein. Eine Studie zeigte kürzlich wieder, dass das reizunabhängige Denken, das sich in diesem Grundzustand des Gehirns abspielt, die Grundlage für komplexe und anspruchsvolle Hirnleistungen legt. Hier erwächst die Möglichkeit, uns in andere Menschen hineinzuversetzen, Zusammenhänge neu zu verstehen und künftiges Geschehen zu bedenken. Man könnte fast sagen, in der Ruhe liegt die Kreativität.
Tagträumen ist keine Zeitverschwendung, sondern eine lebenswichtige Hirnfunktion, NZZ 9.11.19

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Wenig Schlaf, mehr Angst 
Donnerstag, 21. November 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Schlaf dient nicht nur der Erholung, er reguliert auch den menschlichen Umgang mit Ängsten. Eine amerikanische Studie zeigt nun: Bei Menschen, die zu wenig schlafen, kann sich das Angstniveau um rund 30 Prozent erhöhen. Grund dafür ist der Studie zufolge, dass in unausgeschlafenem Zustand beim Menschen Gehirnareale, die für die Angstregulation zuständig sind, weniger aktiviert werden. Besonders wichtig sei der Tiefschlaf, denn in diesen Phasen regenerieren sich die natürlichen Bremsmechanismen des Gehirns, die die emotionale und physiologische Reaktivität senken und damit das sich Hochschaukeln von Ängsten verhindern. Die Wissenschaftler bemängeln, dass insbesondere bei der Therapie von Angststörungen noch zu wenig Augenmerk auf eine Verbesserung der Schlafqualität gelegt werde. Aber auch für Gesunde sind die Studienerkenntnisse wesentlich, denn wer möchte schon überängstlich durchs Leben gehen?
Wie Schlafmangel ängstlich macht, wissenschaft.de 7.11.19

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Solidarität wieder tiefer verankern 
Mittwoch, 20. November 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
In christlichen Kontexten gilt der Heilige Sankt Martin als Inbegriff von Nächstenliebe. Doch wie steht es um diese Solidarität in unserer Gegenwartskultur? In einer Zeit, in der immer mehr Menschen das Gefühl haben, jeder kümmere sich vor allem um seine Angelegenheiten. Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche (EKD), findet: "Was es braucht, sind institutionelle Ordnungen. Das sind in Deutschland insbesondere die Institutionen des Sozialstaates, die dafür sorgen, dass Solidarität über gesetzliche Regelungen vernünftig verankert wird." Gleichzeitig betont er aber auch, wie viel Solidarität sich bereits durch zivilgesellschaftliche Initiativen entfalte, beispielsweise die Tafeln, die Hospizbewegung oder das Engagement in der Flüchtlingshilfe von vielen Privatpersonen. Für Wegner ist hier auch ein Wandel insofern zu erkennen, dass es heute nicht mehr um einzelne Helden, wie Sankt Martin einer war, gehe, sondern darum, wirklich gemeinsam etwas zu machen.
Solidarität braucht eine gesetzliche Verankerung, Deutschlandfunk 11.1.19

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Aufmerksamkeit ist ein Politikum 
Montag, 18. November 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Der Achtsamkeits-Hype lässt immer mehr Menschen darüber nachdenken, wie sie im Alltag ein bisschen mehr entspannen und ihre Resilienz fördern können. Womöglich gehen individuelle Initiativen aber an den eigentlichen Herausforderungen vorbei. Die Autorin Lisa Herzog jedenfalls findet, dass Aufmerksamkeit eigentlich ein Politikum ist. In der Zeit schreibt sie: "Die Verantwortung wird dem einzelnen Individuum zugeschoben. Wer heute sein Humankapital optimal vermarkten will, hat eben auch die eigene Aufmerksamkeit und Erholung selbst zu managen! Aufmerksamkeit – und damit auch ihre digitalen Feinde – sind aber keine rein individuelle Angelegenheit, sondern eine gesellschaftliche, und, in gewissem Rahmen, auch eine politische." Einerseits deutet sie darauf, dass immer mehr vor allem digitale Geschäftsmodelle unsere menschliche Aufmerksamkeit kommerzialisieren. Das mache es schwer, noch wirklich persönliche Lebensentwürfe zu entwickeln. Darüber hinaus würden die Aufmerksamkeitsräume zunehmend privat, beispielsweise wenn ich meditiere oder ich dafür sorge, dass ich nicht durch mein Handy gestört werden. Herzog findet, es fehlen heute zunehmend Räume einer geteilten Aufmerksamkeit, solche, in denen beispielsweise auch "spontane Begegnungen mit anderen Menschen stattfinden können". Sie fragt: "Wer weiß, wie viele andere Veränderungen möglich würden, wenn durch ein bisschen weniger digitalen Aufmerksamkeitsklau neue Freiräume für das Weiterdenken spontaner Ideen oder für neue Begegnungen mit Mitmenschen entstünden!" Es geht ihr um mehr als nur ein bisschen mehr Miteinander, denn mit der Frage, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und mit wem wir sie teilen, ist sehr Grundsätzliches verbunden. "Was dabei auf dem Spiel steht, ist die Art und Weise, wie wir arbeiten, aber auch, wie wir leben, in einem sehr existenziellen Sinn", so Herzog.
Für Ihre Erholung müssen Sie schon selbst sorgen!, zeit.de 31.10.19

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Verbote sorgen für seelische Entlastung 
Mittwoch, 13. November 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
In der Klimadiskussion geraten die Befürworter von Verboten und die Verfechter der Freiheit immer wieder aneinander. Der Kölner Psychologe Stephan Grünewald findet: Verbote machen uns das Leben leichter. "Überall, wo die Gesellschaft für Verhaltensänderungen auf Freiwilligkeit und Gebote mit bloßem Empfehlungscharakter setzt, führt das dazu, dass sich die Menschen dauernd selber in den Hintern treten müssen. Dann doch lieber eine klare Ansage, an die sich alle halten müssen. Psychologisch tragen Verbote somit dem Wunsch nach Entlastung Rechnung", sagt er. Hinzu komme, dass insbesondere in Fragen des Klimawandels immer mehr Bürger*innen das Gefühl hätten, dass die Industrie Narrenfreiheit genieße, während sie selbst - siehe die Diskussionen über Fleischkonsum oder Dieselautos - sich beschränken sollen. Mehr Verbote, die die Lage grundsätzlich justieren, könnten hier auch ein Ausdruck von Gerechtigkeit sein, so Grünewald. Der Markt- und Sozialforscher möchte damit allerdings nicht einem alles regulierenden Staat das Wort reden, sieht jedoch durchaus auf der psychologischen Ebene auch ein Bedürfnis vieler Menschen, einer "entfesselten Beliebigkeit" zu entkommen.
Die neue Lust am Verbot

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