Corona macht uns sparsam 
Freitag, 6. November 2020 - Lebensart, Wissenschaft
Als ich letzte Woche bei meiner Friseurin war, wurde mir deutlich, wie stark die Corona-Krise auf unsere alltäglichen Gewohnheiten durchschlägt. Sie klagte über einen Umsatzeinbruch von rund 30 Prozent - weil die Leute weniger ausgehen, weniger Feste feiern und es irgendwie kaum noch Anlässe gibt, die dazu animieren, sich aufzuhübschen. Ich trage weiterhin treu zu ihrem Umsatz bei, weil ich es einfach nicht leiden kann, wenn meine praktische Kurzhaarfrisur beginnt, ein Eigenleben zu führen ... Aber grundsätzlich scheint es ein Trend zu sein, die eigenen Konsumaktivitäten zurückzufahren. Einer Untersuchung des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken zufolge ist die Sparquote gegenwärtig mit 15 Prozent so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr. 56 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sparsamer leben. Man kann natürlich denken, dass in der Krise und in Anbetracht einer ungewissen Zukunft viele Menschen reflexhaft dazu neigen, ihr Geld zusammenzuhalten. Vielleicht zeigt der Wegfall vieler Konsumaktivitäten uns aber auch, dass wir vieles, das wir gewohnt sind, schlicht nicht brauchen.
Repräsentative Umfrage: So viel Geld haben die Deutschen im letzten Jahr durchschnittlich angespart, Business Insider Deutschland 28.10.20

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Wenn die Welt sich uns entzieht 
Donnerstag, 5. November 2020 - Bewusstsein, Lebensart
In den Monaten der Pandemie hat sich unsere Weltwahrnehmung zum Teil dramatisch verändert. Das Leben, wie wir es kennen, scheint sich uns immer mehr zu entziehen, oder, wie Theresa Schouwink im Philosophie-Magazin schreibt: "Anstelle einer berührbaren und antwortenden Wirklichkeit ist etwas getreten, das wie ihr virtuelles Abbild anmutet und lediglich beobachtet werden kann. Die schweigenden, möglichst voneinander entfernt sitzenden Passagiere in den öffentlichen Verkehrsmitteln, deren Gesichter bis auf die Augen verdeckt sind, wirken geradezu wie Allegorien der Melancholie." Sie beschreibt, wie die Gegenwart sich in eine Art Leere auszudehnen scheint, weil das, was wir bisher als Zukunft kannten, uns kaum noch zugänglich zu sein scheint: "Die Gegenwart mit ihren Beschränkungen des öffentlichen Lebens dehnt sich ins Ungewisse aus. Genau diese Zeitstruktur – eine gedehnte Gegenwart ohne gestaltbare Zukunft – ist Kennzeichen eines depressiven Zustands." Und doch scheint dieses Gefühl der Lückenhaftigkeit, des Löchrigen auch eine positive Seite zu haben. Denn irgendwie macht es uns auch frei von all dem, was uns bisher bestimmt hat. Wir können uns in die Depression fallen lassen, wir können aber auch die Unzugänglichkeit des bisher Gewohnten und des künftig Erhofften als einen im positiven Sinne leeren Raum erfahren, in dem bisher Ungeahntes möglich werden könnte. Das geschieht natürlich nicht auf Knopfdruck. Und wir müssen uns einlassen auf etwas Unerwartetes. Denn eines ist zur Zeit sicher - unser gewohntes Leben wird noch eine ganze Weile außer Reichweite bleiben. Aber wir können gespannt darauf sein, was sich stattdessen einstellt.
Das Entgleiten der Welt, Philosophie-Magazin 26.10.20

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Wenn überraschende Lösungen im Schlaf kommen 
Mittwoch, 4. November 2020 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Schlaf ist wichtig, damit sich Körper und Geist regenerieren können. Doch die Wissenschaft zeigt auch, dass sich in unserem Gehirn im Schlaf zugleich überraschende Einsichten einstellen können. Das liegt daran, dass unser übliches Denken, während wir ruhen, aus seiner Routine gerissen wird. Im Non-REM-Schlaf, den ruhigeren Schlafphasen also, kann unser Gehirn Informationen in sinnvolle Kategorien einordnen. Im REM-Schlaf hingegen, der Traumphase, entstehen Perspektiven, die über diese Begrenzungen hinausreichen, so dass zwischen Informationen unerwartete Verbindungen entstehen können. Das liegt daran, dass in dieser Schlafphase Inhalte, die unser Gehirn gespeichert hat, oft spontan aufgerufen werden, also aus unseren üblichen Denkschubladen herausgeholt werden - und während wir träumen auf ungeahnte Weise zusammenfinden. Ich habe den Eindruck, dass solche Phänomene sich sogar schon zeigen können, wenn man gar nicht richtig schläft. Wenn ich mein Mittagsschläfchen mache, wobei ich allenfalls ein bisschen Döse, kommen mir immer wieder Assoziationen, die meinem Denken zuvor nicht zugänglich waren. Es lohnt sich also, gut zu schlafen.
Kann Schlaf Probleme lösen?, wissenschaft.de 21.10.20


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Die lieben Banker und das Vertrauen 
Dienstag, 3. November 2020 - Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Die großen Finanzskandale der letzten Jahre haben nicht nur immer wieder Schlaglichter auf das Finanzwesen als Branche geworfen, sondern auch auf die Menschen, die hier tätig sind. Forscher der Universität Mainz sind der Frage nachgegangen, ob der Bankensektor vielleicht Menschen eines bestimmten Schlages besonders anzieht. Dazu befragten sie 2013 an der Universität Frankfurt 265 Wirtschaftsstudierende nach ihren Berufswünschen, sozialen Präferenzen und Persönlichkeitsmerkmalen. Außerdem testeten sie in einem Experiment die Vertrauenswürdigkeit der Studierenden. In den Jahren 2019 und 2020 führten die Wissenschaftler mit ihren Probanden, die nun größtenteils im Berufsleben standen durch, um zu erfahren, wo sie gelandet waren. Dabei zeigte sich: Jene, die einen Beruf in der Finanzbranche gewählt hatten, waren zugleich diejenigen, welche bei dem früheren Experiment eher weniger Vertrauenswürdigkeit bewiesen hatten. Aus dieser überschaubaren Untersuchung lassen sich zwar keine Rückschlüsse darauf ziehen, dass Banker generell nicht vertrauenswürdig sind. Die Wissenschaftler sehen aber für das Bankwesen durchaus die Frage, ob es sich nicht lohnen könnte, mehr zu reflektieren, warum diese Menschen besonders vom Sektor angezogen werden - und wie man hier vielleicht andere Voraussetzungen schaffen könnte.
Haben Banker zu Recht einen schlechten Ruf?, FAZ 21.10.20

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Corona zeigt uns, wer wir sind 
Montag, 2. November 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Unsere Reaktionen (oder auch Nicht-Reaktionen) auf die Zumutungen der Pandemie sind in ihrer ganz eigenen Weise auch ein Spiegel, wo das Menschsein in der modernen Welt gerade steht. Sie zeigen uns, was uns wichtig ist, was wir verteidigen, und auch, was uns gleichgültig ist. Der Psychoanalytiker Hans Jürgen Wirth erklärt gegenüber dem Spiegel die psychischen Kontext, in dem sich unser Ringen mit den gegenwärtigen Herausforderungen abspielt. Das Tragen der Masken beispielsweise wird in seiner Wahrnehmung vom autonomen Ich als Zumutung erfahren, weil es den individuellen Selbstausdruck einschränke und uns alle optisch gleich mache. Das, was gegenwärtig gerne als Pandemiemüdigkeit beschrieben werde, sei auch ein Zeichen für ein Zurückweichen vor der Komplexität und den Widersprüchlichkeiten der Krise. In mir hat der Spiegel-Beitrag noch einmal viel mehr die Wahrnehmung dafür sensibilisiert, wie hilflos wir werden, wenn unsere üblichen Identifikationsräume sich auflösen. Unsere Reaktionen analytisch zu deuten, ist eine Sache. Eine andere wäre es, mehr danach zu fragen, warum uns anscheinend kaum konstruktive neue Verhaltensmuster einfallen, warum wir anscheinend recht wenig innere Stärke entwickeln. Als die Pandemie begann, habe ich, wie manch anderer wohl auch, mal wieder Camus' Pest zur Hand genommen. Sein Psychogramm erscheint nun aktueller denn je. Camus beschreibt, wie lang die Phase von Verleugnung, innerem Widerstand und auch Rückzug anhalten kann, bevor wir bereit sind, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Und anscheinend sind wir nun, wo die "zweite Welle" begonnen hat, immer noch nicht ganz in der Realität angekommen. Einer Realität, die uns vor Augen hält, dass die Zeit der Beschränkung wohl noch sehr lange anhalten wird. Aber erst dieses Anerkennen ist es, das uns wirklich ankommen lässt bei dem, was ist. Und nur wenn uns dies gelingt, können wir vielleicht auch neue Handlungsmuster entwickeln, jenseits von Trotz oder übersteigerten Ängsten.
Warum wir so undiszipliniert sind, spiegel.de 20.10.20

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Ende gut, heißt nicht immer alles gut 
Freitag, 30. Oktober 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Wir neigen dazu, Erfahrungen, die wir einmal gemacht haben, zur Entscheidungsgrundlage für neue Handlungen zu machen. Doch manchmal trügt uns unsere Erinnerung. Eine Studie aus Cambridge zeigt nun, dass viele Menschen dazu neigen, wenn eine Situation gut geendet hat, ihren eigentlichen Verlauf auszublenden und damit wesentliche Entwicklungen zu ignorieren. Im Experiment wurden Probanden zwei Töpfe mit Münzen gezeigt, wobei sie jeweils mehrere Ausschnitte aus dem Topfinhalt zu sehen bekamen - mal standen die großen, wertvolleren Münzen im Vordergrund, mal eher kleinere mit geringerem Wert. Am Ende der Sequenzen sollten sich die Teilnehmenden entscheiden, in welchem Topf mehr Geld ist. Dabei zeigte sich: Bekamen die Probanden gegen Ende einer Sequenz mehr große Münzen zu sehen, entschieden sie sich öfter für diesen Topf, obwohl in ihm weniger Geld war. Sie gewichteten also das Ende ihrer Wahrnehmungserfahrung stärker als den Gesamteindruck. Die Wissenschaftler untersuchten während der Entscheidungsfindung im Hirnscanner, wie die Probanden die Informationen verarbeiteten. Dabei wurde deutlich, dass die Gesamtsituation vor allem in der Amygdala verarbeitet wird, die für emotionale Bewertungen zuständig ist. Das Ende einer Situation hingegen wird von der vorderen Insula verarbeitet, die für Sinneswahrnehmungen relevant ist. Probanden, bei denen die Prozesse in der Amygdala stärker ausgeprägt waren, entschieden sich häufiger für den wertvolleren Topf, weil sie die Gesamtsituation in der Wahrnehmung behielten. Die Erkenntnisse über die beteiligten Hirnregionen widersprechen anderen Studien, die davon ausgehen, dass Prozesse der Amygdala rationalen Entscheidungen eher im Wege stehen, weil es sich um einen primitiveren Teil des Gehirns handelt. Vielleicht ist es aber auch so, dass unsere Emotionen durchaus zuverlässig sind bei der Urteilsbildung - wenn wir eben alle Emotionen berücksichtigen, also nicht nur die, die wir haben, wenn etwas zu einem guten Ende kommt. Auf jeden Fall laden die Erkenntnisse dieser Studie dazu ein, im Alltag wacher zu sein und Situationen im Detail zu betrachten und nicht nur die Ausschnitte, die unsere positiven Erwartungen erfüllen.
Warum ein Happy End täuschen kann, wissenschaft.de 20.10.20

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Mehr rauchen und trinken aus Langeweile 
Donnerstag, 29. Oktober 2020 - Psychologie, Studien
Die Pandemie hat die Gewohnheiten vieler Menschen verändert. Und gerade weniger hilfreiche Verhaltensweisen auch verstärkt. Eine eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse etwa zeigt: Seit der Virus unser Leben im Griff hat, ist der Alkohol- und Drogenkonsum in der Bevölkerung gestiegen. Von den Menschen, die bereits zuvor mehrmals in der Woche Alkohol tranken, äußerte ein Viertel, seit Beginn der Pandemie mehr zu trinken. Bei den Rauchenden hat jede neunte Person ihren Zigaretten-Konsum erhöht. Die Untersuchung der Krankenkasse geht davon aus, dass für viele Menschen Rauschmittel einen Bewältigungsmechanismus darstellen. Doch gerade bei längerem erhöhten Konsum bestehe auch die Gefahr, langfristig abträgliche Gewohnheiten zu entwickeln. In den letzten zehn Jahren etwa sei die Zahl derer, die wegen einer Abhängigkeit oder Entzugserscheinungen ärztlich behandelt werden mussten, bei exzessivem Rauschtrinken um 37 Prozent gestiegen.
Konsum von Alkohol und Tabak steigt in Coronakrise deutlich, spiegel.de 20.10.20

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Home Office - verbarrikadieren in der kleinen Privatwelt? 
Mittwoch, 28. Oktober 2020 - Lebensart, Arbeit, Management
Die Corona-bedingten Zeiten im Home Office haben bei manchen Arbeitenden Begehrlichkeiten geweckt. Für sie hat das Arbeiten von zu Hause einige Entlastung gebracht. Keine zeitraubenden Wege ins Büro mehr, keine ständigen Unterbrechungen, keine nervigen Kollegen. Arbeiten daheim ist einfach wunderbar bequem. Doch es gibt auch andere Perspektiven. FAS-Autor Rainer Hank beispielsweise hält in einer Kolumne gar nichts von "Remote im Reihenhaus". Nicht, weil Chefs dann keine Kontrolle mehr haben, sondern weil er Eintönigkeit befürchtet. Für Hank ist das Sich-Verbarrikadieren in den eigenen vier Wänden ein Rückfall hinter historische Errungenschaften, denn das Arbeiten außer Haus hat ein Privatleben, wie wir es heute kennen, überhaupt erst möglich gemacht. Home Office wäre damit ein Rückfall in eine vormoderne Welt. Ich finde seine Einwände aus einem anderen Grund bedenkenswert. Zuhause mag es gemütlicher sein als im Office. Und ruhiger vielleicht auch. Doch macht das Arbeiten daheim auch die Welt als solche kleiner. Denn das "richtige" Leben ist immer auch eines mit anderen Menschen. Vielleicht sollten wir eher überlegen, statt in Büros zu sitzen, wechselnde Orte aufzusuchen. Und damit meine ich nicht hippe Coworking-Spaces oder Starbucks. Sondern Orte, an denen uns das Leben der anderen - für die wir ja nicht zuletzt arbeiten - wieder gegenwärtiger wird.
Für immer Homeoffice?, FAZ 19.10.20

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