Achtsamkeit entspannt - wenn der Stress vorüber ist 
Donnerstag, 26. November 2020 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien weist darauf hin, dass Meditation eine entspannende Wirkung hat. Und für viele Menschen ist es ein guter Grund, Achtsamkeit zu praktizieren, um besser mit Stress zurechtzukommen. Eine neue amerikanische Studie zeigt nun, dass die hier erwartete Stresskompensation womöglich etwas anders funktioniert, als viele meinen. Die Wissenschaftler führten bei rund 1.000 Proband*innen kardiovaskuläre Tests durch, während diese stressige Testaufgaben zu bewältigen hatten. Dabei beobachteten sie bei den achtsamkeitserprobten Studienteilnehmenden nicht nur keine physiologischen Entspannungsreaktionen, sondern stellten im Gegenteil sogar Reaktionen fest, die mit größerer Sorgfalt und Anstrengung in Verbindung stehen. Im Anschluss an diesen Test gaben die Befragten allerdings an, dass sie sich zuversichtlich und leistungsfähiger fühlten und ein höheres Wohlbefinden wahrnahmen. Die Wissenschaftler deuten diese Befunde dahingehend, dass Meditation körperliche Stressreaktionen nicht in dem Maße runterfährt, wie andere Studien dies illustrieren. Vielleicht sind das ganze Setting und die Interpretation der Ergebnisse aber auch nur zu funktionalistisch gedacht. Man könnte ja auch umgekehrt untersuchen, welche physiologischen Auswirkungen es hat, wenn man sich nach dem eigentlichen Stresserleben eben nicht entspannt fühlt, sondern weiterhin der Leistungsmodus nachklingt. Ein weiterer Blickwinkel wäre zu schauen, welche längerfristigen Auswirkungen das in dieser Studie festgestellte emotionale Wohlbefinden hat. Ich glaube ja, dass es wenig aussagekräftig ist, in der Meditationsforschung immer nur Momentaufnahmen zu machen und zu glauben, dadurch erkläre sich die tiefere Wirkung von Achtsamkeit. Menschen leben nicht als Aneinanderreihung von isolierten Momenten, sondern in deren Zusammenspiel.
Neue Studie zeigt: Achtsamkeit funktioniert – aber anders als erwartet, Grenzwissenschaft aktuell 16.11.20

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Depressive von Pandemie-Situation besonders betroffen 
Mittwoch, 25. November 2020 - Psychologie, Studien
In den letzten Wochen sind bereits einige Studien erschienen, die zeigen, wie die Corona-Beschränkungen der Bevölkerung emotional zusetzen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat nun untersucht, welche Unterschiede es hier zwischen Menschen gibt, die bereits an einer Depression leiden, und jenen, die vor der Pandemie psychisch gesund waren. Dazu wurden die Daten von 5.000 Befragten (Erhebung im Juli) mit jenen einer Stichprobe depressiver Menschen verglichen. Dieses "Deutschland-Depressions-Barometer" zeigt: Für Depressive hat die aktuelle Situation wesentlich existenziellere Auswirkungen, doch fühlt sich auch die die übrige Bevölkerung schon sehr mitgenommen. Den Lockdown im Frühjahr erlebten 59 Prozent der Bevölkerung als bedrückend (Depressive: 74 Prozent). Eine fehlendes Tagesstruktur setzt 39 Prozent der Menschen zu (Depressive: 75 Prozent). Grübelei ist für 41 Prozent der Gesamtbevölkerung ein Problem (Depressive: 89 Prozent).
Wie der Lockdown psychisch Kranke belastet, FAZ 10.11.20


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Achtsamkeits-App hilft Berufstätigen 
Dienstag, 24. November 2020 - Lebensart, Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Von manchen wird das Meditieren unterstützt von Apps gelobt, weil es vielen Menschen erleichtert, eine Achtsamkeits-Praxis in ihren Alltag zu integrieren, andere sehen den Technik-Einsatz eher kritisch. Eine kleine Studie zur Wirkung der Meditations-App 7Mind (an deren Entwicklung ich selbst in der Anfangsphase mitgearbeitet habe) zeigt nun: Berufstätige profitieren von der Instant-Meditation für zwischendurch. 7Mind bietet Achtsamkeitskurse zu verschiedenen Themen, bei denen die Übenden jeweils 7 Meditationen à 7 Minuten pro Thema bekommen, die sie beispielsweise über eine Woche hinweg üben können. Im Test nutzten knapp 150 Berufstätige die App über zwei Wochen. Die Wirkung der Meditationen wurde mit den Daten einer Erhebung zur Befindlichkeit der Studienteilnehmer vor Beginn der Untersuchung und danach untersucht sowie mit den Daten einer Wartegruppe, die die App erst im Anschluss nutzten. Dabei zeigten sich bei den Meditierenden im Vergleich zur Wartegruppe mittlere Effektstärken im Hinblick auf Achtsamkeit und emotionale Erschöpfung und kleine Effektstärken bei Arbeitsengagement, Arbeitszufriedenheit, emotionaler Intelligenz, Selbstwirksamkeit sowie Innovation und Kreativität. Die Untersuchung zeigt: Selbst recht gering dosierte Bemühungen, die eigene Achtsamkeit zu trainieren, können schon zeitnah positive Wirkungen zeitigen. Die Studienautor*innen weisen allerdings auch darauf hin, dass diese Effekte auch in Langzeitstudien näher beleuchtet werden sollten.
Burnout-Prävention und mobile Achtsamkeit: Evaluation eines appbasierten Gesundheitstrainings bei Berufstätigen

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Ehrfurcht und Staunen bringen positive Gefühle mit sich 
Montag, 23. November 2020 - Lebensart, Psychologie, Studien
Spazierengehen ist gut fürs Gemüt, insbesondere wenn man ein paar Kleinigkeiten beachtet. Eine amerikanische Studie untersuchte 60 Personen zwischen 60 und 90 Jahren, die über acht Wochen lang jede Woche mindestens einmal für 15 Minuten einen Spaziergang machen sollten. Die Hälfte der Gruppe bekam dabei zusätzlich die Aufgabe, gezielt Orte aufzusuchen oder sich in Situationen zu begeben, die in ihnen Ehrfurcht oder Staunen hervorriefen - also beispielsweise weitläufige Umgebungen, in denen man sich als Mensch eher klein fühlt. In der Betrachtung der Gefühlslage der Studienteilnehmenden zeigte sich: Ihre Gefühle von Angst oder Depression wurden durch die Spaziergänge nicht verändert. Doch die Gruppe, die sich bewusst in Situationen des Staunens und der Ehrfurcht begeben hatte, berichtete deutlich häufiger über einen Anstieg ihrer positiven Gefühle. Kontext der Studie war vor allem zu zeigen, ob und inwieweit Senior*innen, in deren Alter sich die Erfahrung positiver Gefühle reduziert und gleichzeitig Angst oder Depression stärker ausgeprägt sind, vom Spazierengehen profitieren können. Ich fände es spannend, den hier beobachteten Effekt auch einmal bei jüngeren Menschen zu testen. Gerade in der gegenwärtigen Pandemie-Situation nimmt ja die emotionale Herausforderung auch in diesen Altersgruppen deutlich zu. Und ein mögliches Linderungsmittel könnte hier sehr naheliegend und einfach zugänglich sein.
Wie Spaziergänge besonders glücklich machen, spektrum.de 5.11.20

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Emotionale Belastung durch Corona erhöht 
Freitag, 20. November 2020 - Psychologie, Studien
Nun hat auch die Bundesregierung damit begonnen, die psychischen Folgen der Pandemie stärker in den Blick zu nehmen. Eine in ihrem Auftrag durchgeführte Repräsentativ-Umfrage, die im September und Oktober vor den derzeit geltenden Beschränkungen erhoben wurde, zeigt: Beinahe 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung fühlen sich inzwischen emotional belastet aus Sorge um die Gesundheit ihrer Angehörigen. 55 Prozent empfinden Leidensdruck aufgrund der Unsicherheit, wie sich das Leben in den kommenden Monaten entwickeln wird. Für 15 Prozent gehören auch finanzielle Schwierigkeiten zu den Bürden der Corona-Situation. Und jeder Zehnte beklagt die fehlende Trennung zwischen Arbeit und Privatleben, die durch Home-Office-Situationen entsteht. Auch in den Statistiken der Krankenkasse findet diese Entwicklung steigender psychischer Belastungen inzwischen ihren Niederschlag. Der Anteil der psychischen Erkrankungen an allen Krankheitstagen insgesamt stieg in den ersten neun Monaten diesen Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,6 Prozentpunkte auf 16,4 Prozent. Wobei diese Zahl natürlich nur die ärztlich diagnostizierten Erkrankungen widerspiegelt, nicht aber das subjektive Empfinden vieler Menschen, die sich einfach weiter durchwursteln.
Corona-Krise führt immer häufiger zu psychischen Problemen, welt.de 8.11.20

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Torpediert ein hoher Selbstwert unser Einfühlungsvermögen? 
Donnerstag, 19. November 2020 - Lebensart, Psychologie, Studien
Irgendwie erscheint es uns auf den Blick logisch, dass man sich gerne mit Menschen umgibt, die das eigene Selbstwertgefühl steigern. Studien zeigen jedoch, dass gerade Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl gerade nicht so ticken. Sie springen eher auf Mitmenschen an, die ihr ohnehin schon negatives Selbstgefühl bestätigen. In der Psychologie ist dieses Phänomen seit 40 Jahren als Selbstbestätigungstheorie bekannt. Und kürzlich belegte eine amerikanische Studie den Effekt erneut, allerdings im Hinblick auf Einfühlungsvermögen. Die Probanden wurden mit Fallgeschichten konfrontiert, in denen Menschen mit hohem und niedrigem Selbstwert sich für einen Chef oder Mitbewohner entscheiden sollten, der diese entweder positiv oder negativ beurteilt. Dabei zeigte sich: Menschen, die selbst ein hohes Selbstwertgefühl hatten, konnten sich kaum vorstellen, dass jemand sich freiwillig einen negativen Bewertungskontext aussucht. Diejenigen unter den Probanden, die ein eher negatives Selbstwertgefühl hatten, zeigten hier indes mehr Einfühlungsvermögen und konnten sich eine solche Wahl eher vorstellen. Diese Tendenz zeigte sich in der Studie selbst dann, wenn die Probanden zuvor Informationen über den Selbstbestätigungseffekt erhalten hatten. In meinen Augen zeigt diese Studie nicht nur, wie stark unsere Selbstbilder wirken, sondern auch, dass Menschen, die sich stärker mit negativen Lebenserfahrungen identifizieren, vielleicht auch einfach verletzlicher sind - und damit offener für die Verletzlichkeiten anderer.
Selbstwertgefühl setzt der Empathie Grenzen, spektrum.de 5.11.20

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Wie wir uns Räume des Vertrauens schaffen 
Mittwoch, 18. November 2020 - Lebensart, Psychologie, Studien
Menschen vertrauen zu können, erscheint unerlässlich im Leben. Und psychologische Studien zeigen, dass Menschen, deren Vertrauen enttäuscht wurde, sich dann einfach umorientieren, wem sie künftig vertrauen. In vier verschiedenen Studien wurden Szenarien betrachtet, in denen das Vertrauen von Menschen entweder durch ihre eher privaten Kontakte oder durch Institutionen wie den Arbeitgeber oder die Politik enttäuscht wurde. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass das Vertrauen dieser Menschen nicht grundsätzlich erschüttert wurde, sondern sie die Bezugsgruppe, der sie künftig vertrauten, veränderten. Wurde jemand beispielsweise im Privaten von Nahestehenden enttäuscht, vertraute er künftig stärker Menschen aus dem beruflichen Umfeld oder ähnlichen, eher öffentlichen Kontext. Umgekehrt suchten Menschen, die beispielsweise politisch das Vertrauen verloren, von da an Vertrauenspersonen eher im Familiären und privaten Umfeld. Dieser Effekt war zwar nicht groß, aber signifikant. Die Wissenschaftler erklären den Vertrauensumschwung damit, dass wir zutiefst auf Menschen angewiesen sind, denen wir vertrauen können. Und werden wir enttäuscht, suchen wir diesen tieferen Halt dann intuitiv bei anderen Menschen.
Wir müssen vertrauen, Psychologie heute 9.10.20

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Brauchen Kinder Meditation? 
Dienstag, 17. November 2020 - Lebensart, Psychologie
Der Achtsamkeits-Trend hat längst auch die jüngere Generation erreicht. In Zeiten, in denen selbst das gewöhnliche Schulpensum bei immer mehr jungen Menschen zu Druck, Stress und Versagensängsten führt, erscheint dies wie ein logischer nächster Schritt. Viele Schulen beschäftigen sich bereits damit, wie sie ihre Schüler*innen durch Meditation unterstützen können, Resilienz zu kultivieren und den bestehenden Anforderungen besser zu begegnen. Der Start-up Aumio tritt nun, um mit einer App verschiedene Achtsamkeits-Programme für die Altersgruppe der 6- bis 12-Jährigen zugänglich zu machen. Die App verbindet bewährte Achtsamkeitsmethoden mit Übungen aus der kognitiven Verhaltensforschung sowie kindgerechten Geschichten. Eltern können in der App nach Themen wie Wutausbrüche, Schüchternheit oder Schlafprobleme suchen und ihren Kids dann die entsprechenden Programme zum Üben geben. Auf den ersten Blick scheint das natürlich sehr hilfreich. Aber irgendwie erscheint es mir auch bedenklich, dass anscheinend heute selbst Kinder schon von dieser Welt in nicht zu unterschätzendem Maße überfordert zu werden scheinen. Wäre es nicht mindestens genau so wichtig, viel mehr zu betrachten, warum und wodurch Kinder heute schon so gestresst sind, dass sie eine Achtsamkeits-App brauchen? Unsere moderne Kultur pocht ja oft auf Effizienz und Effektivität. Beides wäre sicher leichter erreicht, wenn wir Lebensumstände schaffen, die nicht schon beim Nachwuchs in jungen Jahren Verschleißerscheinungen hervorrufen.
Mit dieser App sollen Kinder zur Gelassenheit finden, welt.de 6.11.20

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