Ethik als Frage des Bewusstseins 
Freitag, 21. November 2014 - Wissenschaft
In einem Interview mit dem Online-Portal "Ethik heute" wirft der Bewusstseinsforscher Prof. Dr. Dr. Harald Walach einen neuen Blick auf die Frage, wie wir Werte entwickeln können, die als Basis für eine umfassende Ethik taugen. Walach richtet dabei das Augenmerk auf die menschliche Innerlichkeit und rät dazu, die inneren Erfahrungen, die es ermöglichen, "die Struktur der Welt von innen her zu erfahren", stärker zu berücksichtigen. "Wenn wir das Bewusstsein nach innen lenken, meditieren, uns von überflüssigen Gedanken frei machen und einfach in der Ruhe verweilen, dann kommen uns Einsichten, z.B. über Probleme oder Situationen. Daraus erwachsen Sinnerfahrungen, und diese wiederum ermöglichen Einsichten in Werte", erklärt der Meditationsforscher. Dies sei auch ein emanzipatorischer Akt: "Wir empfinden heute die Übernahme von äußeren Vorgaben als höchst fragwürdig. Also schauen sich die Leute auf dem Markt um, und es entsteht ein Mischmasch aus Werten, zum Teil auch Orientierungslosigkeit. Wir brauchen dringend die konsequente Wendung des Bewusstseins nach innen, eine neue Kultur des Bewusstseins." Für Walach ist es nur konsequent, dass die Wissenschaft, die über Jahrhunderte vor allem die äußere Welt untersuchte, nun ihr systematisches Vorgehen auch auf die menschlichen Innenwelten ausdehnen sollte, um neue Impulse in der Wertediskussion zu entfalten: "Wir könnten mit einer systematischen Wendung des Bewusstseins nach innen innere Strukturen der Welt entdecken. Ich bin mir bewusst, dass das eine sehr essenzialistische Sicht ist, die zurzeit überhaupt keine Konjunktur hat. Das ist mir völlig klar. Aber ich halte trotzdem daran fest, weil ich diese Denkrichtung für konsequent halte."
"Werte kommen aus innerer Erfahrung", Ethik heute November 2014

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Zeit statt Stress 
Donnerstag, 6. November 2014 - Wissenschaft
Alle reden über Stress, und verlieren dabei die Zeit aus den Augen. Der Kongress Meditation & Wissenschaft, der Ende Oktober in Berlin stattfand, ging indes einen umgekehrten Weg. Die Wissenschaftler zeigten eindrücklich, wie meditative Methoden die individuelle Zeitwahrnehmung verändern können, so dass das persönliche Verhältnis zur Zeit von einem subjektiven Mangel zur Fülle finden kann. Einige der Kongressbeiträge waren einen neuen Blick auf die uns scheinbar immer mehr verschlingende Komplexität - denn auch hier kann die meditative Wahrnehmung neue Wege eröffnen, weil sie die Grenzen zwischen innen und außen, zwischen Vielheit und Einheit durchlässig werden lässt. Mehrere Studien zur Wirkung von Meditation bei Gesunden im Allgemeinen und im Arbeitsleben im Besonderen zeigten darüber hinaus, dass sich bereits mit vergleichsweise kurzer Übungsdauer und simplen Übungen nicht nur Entspannung erlangen lässt, sondern auch die Kommunikation sich verbessert, Ängste und negative Emotionen zurückgehen und sich die Aufmerksamkeit merklich verbessert.
Meditation wirkt, Ethik heute Oktober 2014

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Wunsch nach hohen Strafen wächst 
Dienstag, 4. November 2014 - Wissenschaft
Eine Studie des Erlanger Strafrechtsprofessors Franz Streng, in der im Zeitraum zwischen 1989 und 2012 insgesamt gut 3.000 Studenten befragt wurden, bringt erstaunliches zutage. Während im Untersuchungszeitraum die subjektive Kriminalitätswahrnehmung deutlich zurückging, stieg gleichzeitig der Wunsch nach höheren Strafen unter den Jura-Studenten deutlich an. Gefragt, welches Strafmaß bei Totschlag im Affekt bei einer Trennung angemessen sei, forderten die Studierenden 1989 noch im Schnitt sechs Jahre Haft, 2012 bereits 9,5 Jahre. Forderten in einer vorgelagerten Studie aus dem Jahr 1977 noch rund ein Drittel der Befragten die Abschaffung der lebenslänglichen Haftstrafe, war es 2012 nur noch jeder 50. Befragte. Jeder dritte sah hingegen "lebenslänglich" als zu milde an - 1977 waren es noch 6,7 Prozent. Der Gedanke der Resozialisierung verliert über die Jahre zunehmend an Anerkennung, während gleichzeitig die Sorge um die "Sicherung der Allgemeinheit" deutlich gestiegen ist.
Studie zur Angemessenheit von Strafen, Legal Tribune online 14.10.14

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Die unbewussten Chauvinismen in der Arbeitswelt 
Dienstag, 28. Oktober 2014 - Wissenschaft
Die Schlussfolgerungen, die wir aus wissenschaftlichen Studien ziehen, zeigen häufig mehr über unsere Kultur als den eigentlichen Untersuchungsgegenstand. So berichtet der Journalist Ferdinand Knauß in der Wirtschaftswoche über eine amerikanische Studie, die die Stressreaktionen von Frauen und Männern, die an ischämischen Herzkrankheiten litten, also beispielsweise einen Herzinfarkt hinter sich hatten, untersuchte. Dabei zeigte sich, dass die Männer unter Stress weniger emotionale Reaktionen zeigten als die Frauen und sich lediglich bei 41 Prozent der Blutzufluss zum Herzen verringerte (was gesundheitlich bedrohlich werden kann), während dies bei 57 Prozent der Frauen der Fall war. Stress setzt den Frauen also mehr zu als den Männern. Knauß' Deutung der Ergebnisse: "Und die politisch-gesellschaftlichen Implikationen? Nun, man könnte auf die naheliegende Idee kommen, dass die Überrepräsentanz von Männern in jenen gesellschaftlichen Bereichen, die besonders stark von Stress geprägt sind, möglicherweise nicht nur mit kulturellen, historisch überkommenen Prägungen, sondern mit biologischen Voraussetzungen zu tun hat. Dass mit anderen Worten das biologische Geschlecht (sex) und das gesellschaftlich konstruierte (Gender) eben doch nicht so klar zu trennen sind, wie das Kultur- und Sozialwissenschaftler behaupten." Ist das der Backlash zur immer noch gärenden Diskussion über Frauenquoten für Führungspositionen? Sollten Frauen also besser zurück an den Herd, um ihr Herz zu schonen? Oder sollten wir vielleicht lieber einmal darüber nachdenken, wie wir Gesundheitsgefährdungen in der Arbeitswelt insgesamt verringern können? Anstatt mit unterschwelligen Chauvinismen zu suggerieren, dass Frauen besser ihrer Biologie gerecht werden (wie auch immer), indem sie keine Führungsposition anstreben, um nicht vorzeitig an einem Herzinfarkt zu sterben.
Frauenherzen leiden stärker unter Stress, WiWo 15.10.14

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Wie das Ich seinen inneren Kompass verliert 
Dienstag, 7. Oktober 2014 - Wissenschaft
In einem Interview mit der Wirtschaftswoche spricht der Soziologe Heinz Bude über ein subtiles Angstphänomen, das immer mehr unser menschliches Selbstbild zu prägen scheint. In der Multioptionsgesellschaft gerät seiner Ansicht nach das liberale Ich in die Krise, weil es immer weniger eine Antwort auf die Frage, was will ich eigentlich, zu finden scheint. "Ich glaube, dass die Ära des selbstbestimmten, innengeleiteten Menschen sich dem Ende zuneigt. Dieser Mensch hatte noch einen sehr individuellen Lebensplan. Er fragte sich etwa: Soll ich einen guten Bildungsroman lesen, mich mit Gottesfragen beschäftigen oder die Relativitätstheorie zu verstehen suchen? Ein solcher Typ suchte und fand Anerkennung - nicht zuletzt bei sich selbst", so Bude. Da in der Arbeitswelt immer mehr die Anpassung zähle, entwickeln in den Augen des Soziologen immer mehr Menschen eine Art "Geschmeidigkeit", die sie ihren inneren Kompass verlieren lässt. Die Folge: "Der außengeleitete Mensch muss ständig auf den Anderen schauen, sich vergleichen. Daraus erwächst eine permanente Angst des Ungenügens. Keine spezifische, leicht adressierbare Angst, sondern eine allgemeine, diffuse Angst im Hinblick auf andere", erklärt der Soziologe. Das Fatale daran: "Diese Angst ist eine Stimmung. Im Unterschied zum Affekt, der plötzlich aufblitzt, bildet sie den atmosphärischen Rahmen für die Art und Weise, in der wir die Welt wahrnehmen. Vielleicht kann man am besten mit einem Bild beschreiben: Die Stimmungsangst hat etwas Rieselndes, sie dringt unmerklich in die Poren der Gesellschaft ein."
Die rieselnde Angst vor dem eigenen Ungeschick, WiWo 28.9.14

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Wie ist der Reichtum in Deutschland wirklich verteilt? 
Donnerstag, 24. Juli 2014 - Wissenschaft
Spätestens seit der französische Ökonom Thomas Piketty mit seinem Buch über das Kapital im 21. Jahrhundert die Diskussion um die Vermögensverteilung und damit verbunden die wachsende Ungleichheit wieder angefeuert hat, fragen sich viele, wie reich "die Reichen" denn wirklich sind. Eine Frage, auf die es kaum eine Antwort zu geben scheint. Wie die taz jüngst berichtete, existieren nämlich nicht wirklich belastbare Daten dazu, wie viel die Superreichen tatsächlich besitzen. Die EZB führte zwar im vergangenen Jahr in den Euroländern eine Haushaltsbefragung durch - die Teilnahme war jedoch freiwillig, und die Reichen machten wohl nicht mit. Denn die Ergebnisse der Untersuchung führen den reichsten Haushalt Deutschlands mit einem Vermögen von 76 Millionen Euro - allein die Aldi-Brüder kommen laut taz indes gemeinsam auf 40 Milliarden Euro. Die EZB glich ihren lückenhaften Datenbestand schließlich mit der Forbes-Liste der Milliardäre ab. Das führt zu dem Schluss, dass es in Deutschland 52 Milliardäre gibt, die insgesamt 183,3 Milliarden Euro besitzen. Die Millionäre - in Deutschland besitzen laut Schätzung der EZB rund eine Million der Haushalte mehr als eine Million Euro - wurden indes nicht mitgezählt. Hochgerechnet auf Basis einer Pareto-Verteilung kommt die EZB zu dem Schluss, dass 32-33 Prozent des Volksvermögens in den Händen des reichsten Prozents der deutschen Bevölkerung findet. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung kam vor einigen Jahren zu ähnlichen Erkenntnissen - seinerzeit wurden die Daten des Sozioökonomischen Panels mit der Reichenstudie des Manager Magazins kombiniert, und auch hier ergab sich, dass das reichste Hundertstel der Bevölkerung wohl ein Drittel des Volksvermögens besitze. Die taz führt an, dass die Einführung einer Vermögensteuer mehr Klarheit in die Besitzverhältnisse bringen könnte, denn dan gebe es eine Vollerhebung der Besitztümer.
Billionen Euro gesucht, taz 18.7.14


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Pillen-Power bringt nichts 
Freitag, 11. Juli 2014 - Wissenschaft
Ritalin und Modafinil heißen die besten Freunde derer, die glauben, durch Amphetamine ihre Power bei der Arbeit zu erhöhen. Laut DAK greifen bereits zwei Millionen Deutsche zu Aufputschmitteln und Psychopharmaka, um im Job mehr Leistung zu bringen. Das Magazin health@work zitiert in einem Beitrag verschiedene Mediziner, die vor den Langzeitfolgen des Medikamentenmissbrauchs warnen. „Ritalin und Modafinil führen in Einzelfällen kurzfristig zwar zu mehr Leistung, aber langfristig in die Abhängigkeit. Dazu kommt, dass sich die Persönlichkeit verändert und die Menschen angespannt und aggressiv werden. Außerdem machen sie auch mehr Fehler“, sagt etwa Prof. Dr. med. Götz Mundle, medizinischer Geschäftsführer der Oberberg Kliniken. Der Gesundheitswissenschaftler und Führungskräfteberater Gisbert Stein ergänzt mit Blick auf den neuen Trend, sogar zu gefährlichen Drogen wie Chrystal Meth zu greifen: „Wenn die Wirkung nachlässt, folgt eine depressive, sehr unangenehme Phase, die verbunden ist mit dem Wunsch, den vorherigen Zustand wiederherzustellen.“ Insgesamt sind sich die Mediziner einig, dass kurzfristiges Hirndoping nicht nur körperliche Folgeschäden nach sich zieht, sondern auch anhaltende negative Veränderungen im Gehirn, was zu Depressionen bis hin zum totalen Zusammenbruch führen könne.
Schluck ihn weg!, health@work 3.2014

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Werte und die Kultivierung innerer Erfahrung 
Dienstag, 1. Juli 2014 - Wissenschaft
Harald Walach, klinischer Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker, wirft in einem Beitrag zum Thema Wertentwicklung einen Blick darauf, welche Bedeutung unsere innere Erfahrungswelt für das, was wir als sinnvoll und werthaft erachten, hat. Walach betrachtet Werte als eine "innere Struktur der Welt", die sich aus systematischen inneren Erfahrungen ergibt. "Um zu Werten und guten Wertentscheidungen zu gelangen, als Individuen und als Gesellschaft, als Einzelne und als Kultur, benötigen wir eine Kultivierung des Geistes, also eine Systematisierung dieses Innenzugangs zur Welt. Dies ist das Programm einer Geistes- oder Bewusstseinskultur", erklärt Walach. In seinen Augen ist Meditation "ein Programm der Kultivierung einer Innerlichkeit im Dienste von Erkenntnis". Seine Folgerung: "Wenn wir als Einzelne diese Übung der Kultivierung unseres Geistes in unser Leben einbauen, werden wir leichter Zugang zur tieferen Sinnstruktur unseres je eigenen Lebens erhalten und zur allgemeinen Wertestruktur, die unser Handeln sinnvoll und lebenswert macht." Vergleicht man diese Betrachtungsweise mit gängigen Wertediskursen, wird es interessant, denn der Zugang zu Werten über eine Praxis, die die Perspektive eines von der Welt getrennten Ichs transzendiert, stellt Werte im Prinzip auf eine völlig neue Stufe. Werte, die sich als Folge innerer Erfahrungsprozesse etablieren, die nicht von einem Ego gemacht werden, sondern aus einem Raum aufsteigen, in dem sich das Ich als vitaler Teil der Welt wahrnehmen kann, dürften deutlich umfassender und allparteilicher sein als solche, die explizit aus einer eher individualistischen Wahrnehmung der Welt erwachsen. Und: Wenn Werte die Folge bewusst verarbeiteter innerer Erfahrungen sind, müssen wir sie uns nicht wie etwas Äußerliches aneignen, sondern sie steigen quasi aus unserem Inneren auf.
Wir kommen wir zu Werten und Wertentscheidungen, 14.6.14

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